Hallo!
Es ist vielleicht nicht die Methode Russels, die hier versagt, sondern das Scheitern liegt im Gesamtprogramm begründet. Eine Analyse der griechischen (athenischen) Gesellschaft des 5. Jahrhunderts kann er nicht liefern, diese reduziert sich bei ihm auf eine in jedem Geschichtsbuch auffindbare Darstellung der wichtigsten Ereignisse, ihr mangelt es aber Tiefe (weil der Umfang des Buches sich dann vervielfachen würde). Böhme bietet solche Erklärungen, sieht gerade die Demokratie als eine entscheidende Ursache für das Aufkommen von Sophisten (von denen sich Sokrates ja einzig dadurch unterscheidet, dass er kein Geld nimmt. Allerdings ist Sokrates auch der einzige Athener und hatte es möglicherweise aus diesem Grund nicht notwendig, seinen Lebensunterhalt dadurch zu bestreiten.)
Bezüglich Aristophanes bin ich ganz bei dir: Selbstverständlich muss diese Quelle ernstgenommen werden. Dass die Forschung dies lange Zeit nicht tat, liegt daran, dass der platonische Sokrates verneint, jemals sich mit naturwissenschaftlichen Studien auseinandergesetzt zu haben (bzw. nur kurz, bis er die Unsinnigkeit solcher Bemühungen eingesehen hat). Platon aber war der Gefährte der letzten 12 Lebensjahre, konnte also nur bedingt Bescheid wissen über die Beschäftigungen früherer Jahre. Außerdem wäre Sokrates nicht der einzige, der im Alter zur Selbststilisierung neigen würde, häufig wird der Eindruck von Philosophen erweckt, dass sie ihre Position nicht mühsam errungen, sondern sie bestimmte "Fehler" (im vorliegenden Fall also die Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Theorien) nie gemacht hätten. Außer diesem platonischen Zeugnis haben wir keinen Grund, an den Ausführungen des Aristophanes zu zweifeln; möglicherweise war die Darstellung satirisch überspitzt, sie muss aber einen deutlich erkennbaren Bezug zum tatsächlichen Sokrates gehabt haben, da es nur unter einer solchen Bedingung einen Wiedererkennungswert des Bühnensokrates für die Athener gegeben hätte. Karikaturen übertreiben, wenn sie aber völlig verfälschen, geht ihr Sinn verloren.
Xenophons (lass die Vorsokratiker nicht den Sokrates beurteilen

) Beschreibung des Sokrates dürfte wohl wirklich zu bieder, einfach ausgefallen sein. Ob dies an den mangelnden intellektuellen Fähigkeiten liegt oder aber weil er den Sokrates einfach für seine Zwecke einspannen wollte, wird man tatsächlich nicht mehr entscheiden können. Gegen die Wahrheit von Xenophons Darstellung spricht meines Erachtens, dass ein solch banal-konservativer-langweiliger Sokrates wohl kaum jenes Aufsehen hätte erregen können (nebst Verurteilung zum Tode), das der wirkliche Sokrates ausgelöst hat.
Bei Platon vice versa: Böhme etwa schreibt, dass der platonische Sokrates ein zuwenig an Kontingenz enthalte, um als reale Person durchzugehen. Er wird zu einem spezifischen Typus des Philosophen erhöht, ist offenbar ein Kunstprodukt. Die zweite Schwierigkeit besteht sicher darin, in den gesamten Dialogen die platonischen und sokratischen Meinungen zu scheiden: Ein Unterfangen, das für alle Seiten befriedigend wohl kaum durchgeführt werden kann.
Warum nun fühlte sich Sokrates zu seinem Tun (ein Stachel im Fleisch der Athener zu sein und zu mahnen) berufen? Zum einen war eben die Zeit solchem Tun günstig: Wer die Kunst des Disputierens beherrschte, konnte in der demokratischen Gesellschaft die Wähler beeinflussen und vielleicht Karriere machen. Sokrates war eben einer von diesen Lehrern - und er hatte nicht wenige Schüler, die einflussreiche Positionen erreichten. Dass er selbst solche nicht anstrebte, hat er in mehreren Dialogen mit einer Art "inneren Stimme" begründet: Immer wenn er sich zu etwas Derartigem entschlossen hätte, wäre diese Stimme auf den Plan getreten und hätte ihn daran verhindert. Das ist natürlich eine etwas billige Argumentation, war er zu faul, fühlte er sich wohl in der Position des Strippenziehers im Hintergrund? Es mögen wohl diese sehr viel profaneren Gründe als die semi-göttliche Eingebung eine Rolle gespielt haben.
Was den quasi-religiösen Aspekt des sokratischen Denkens anbelangt, muss die von mir schon im vorherigen Beitrag erwähnte Definition des Guten, Schönen (der Lust - Unlust) betrachtet werden: Dadurch, das für die "richtige" Erkenntnis dieser Dinge nach Sokrates
Wissen notwendig ist, befindet er sich im Gegensatz zu den christlichen Moralvorstellungen (die da von der Einfalt des Herzens schwärmen) und sehr viel näher bei Kant und dessen Pflichtdenken. Allerdings ist bei Sokrates dieses Wissen gleichzeitig eine Art der Erkenntnis, die "richtiges" Handeln automatisiert, es gibt nichts mehr zu überwinden, das richtige, moralische Tun genügt sich selbst, ist schon "Lust" (nicht in dem von uns verstandenen sexuell konnotiertem Sinn, eher Lebensfreude) - und weil niemand eine Handlung vorzieht, die weniger Lustgewinn verspricht, braucht es also nur dieses richtige Wissen, um moralisch handeln zu können. (Protagoras; so nebenher der Vorschlag: Wollen wir uns nicht ein wenig Platon zu Gemüte führen?)
Am Ende des Sokrates-Kapitels scheint Russel übrigens den guten Mann zu missinterpretieren: "Lernen heiße immer nur sich dessen zu erinnern, was wir bereits (in einem früheren Leben?) gewusst haben". Dass dies - wie Russel meint - bedeuten würde, dass es zu keinen neuen Erkenntnissen kommen könne, ist Unsinn: Hier ist im sokratischen Sinne von seiner "Hebammenkunst" die Rede, davon, dass eben jeder Mensch dieses (verborgene) Wissen um das richtige Tun schon besitze bzw. die Fähigkeit habe, ein solches Wissen zu erlangen. Nach meinem Dafürhalten konterkariert das keineswegs die Tatsache, dass im Verlaufe der Menschheitsgeschichte immer wieder neue wissenschaftliche Erkenntnisse (mit neuen Methoden) gewonnen werden - bzw. es hat mit einem solchen Wissenszuwachs überhaupt nichts zu tun, da Sokrates hier - wie auch überall sonst - als Moralphilosoph agiert.
lg
orzifar
Mir fällt (das ist ja ein Wiederlesen) auf, wie sehr sich gerade die Rezeption von philosophischen Werken im Laufe eines Lebens ändert. Diese vielen schludrigen, ein wenig unausgegorenen Kapitel habe ich so nicht in Erinnerung bzw.: Ich habe sie vor einigen Jahrzehnten sehr viel kritikloser gelesen.