Author Topic: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes  (Read 101465 times)

Offline orzifar

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #60 on: 01. Mai 2011, 17.06 Uhr »
... und ich meine, er hat seine Begrifflichkeit so geführt, dass die Menge "Katze" - die ihrerseits keine Katze ist - jedenfalls nicht ausgeschlossen wäre von einem selben Vorgang.

Den Satz versteh ich nicht. Vielleicht liegt's an den schnell einschlafenden Füßen des Verfassers ;). Ich hab mir aus der Reihe Orbis Academicus ein Buch (von O. Becker) ausgeborgt, in dem der Zusammenhang zwischen platonischer Philosophie und Mathematik ausführlicher erörtert wird. Dazu auch ein in die selbe Richtung gehendes von John D. Barrow, von dem das Motto wert ist, hier wiedergegeben zu werden:


Von dem Augebnblick an, in dem ich das Buch
in die Hand nahm, bis ich es wieder
hinlegte, habe ich mich vor Lachen nicht
halten können. Eines Tages möchte ich es
lesen.

Groucho Marx

In diesem Sinne

lg - orzifar
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #61 on: 01. Mai 2011, 18.07 Uhr »
... und ich meine, er hat seine Begrifflichkeit so geführt, dass die Menge "Katze" - die ihrerseits keine Katze ist - jedenfalls nicht ausgeschlossen wäre von einem selben Vorgang.

Den Satz versteh ich nicht. Vielleicht liegt's an den schnell einschlafenden Füßen des Verfassers ;).

Muss wohl. Was ich sagen wollte: Russell argumentierte zwar vor allem in mathematischer Hinsicht und versuchte, den Begriff einer Zahl zu definieren. Aber mir will scheinen, dass dieselbe Argumentation auch für den Begriff der Katze geführt werden könnte. Und dass - ausser, dass Russells Menge der Mengen keinen göttlichen Ursprung hat - diese Menge der Mengen sehr gut Platons Idee entsprechen könnte.

Grüsse

sandhofer
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #62 on: 08. Mai 2011, 08.25 Uhr »
Hallo

Aristoteles' Metaphysik und Ethik

Abgesehen davon, dass auch in diesen beiden Kapiteln die im Untertitel des Buchs versprochene Darstellung eines Zusammenhnags der jeweiligen philosophischen Position mit den politischen und sozialen Gegebenheiten der jeweiligen Doktrin nur vage ausfällt (so im Stil von: "Wir wissen ja, dass die alten Griechen das Wort 'Demokratie' anders verstanden als wir heute, dass es für sie selbstverständlich war, Herr und Sklave, Vater und Sohn, Gatte und Gattin auf sehr unterschiedlichem Fuss verkehren zu sehen."), und ich gerade bei Aristoteles ein stärkeres Eingehen auf die Zeit vermisse, weil zu Aristoteles' Zeit - und zwar durch seinen berühmten Schüler Alexander! - soeben die alte Stadtstaatenherrlichkeit Griechenlands mit ihren hochgebildeten aber auch hochmütigen Aristokratien ein für alle Mal ruiniert wurde, und ich vieles, gerade in Aristoteles' Ethik, aber auch in der Metaphysik für Nostalgie halte und für einen krampfhaften Versuch, am guten Alten festzuhalten, für ein krampfhaftes Sich-Einreden, dass, was da nun Neues kommt, ja per se auch Besseres sein muss - abgesehen davon also:

Aristoteles' Metaphysik scheint Russell bedeutend besser zu behagen, ihm jedenfalls besser einzuleuchten, als die Ethik. Das mag daran liegen, dass in der Metaphysik über die Araber, die Scholastik und Leibniz sich wohl ein Band bis zum Denken Russells selber hinzieht, während die Ethik in einem Verständnis der Condition humana und des eigenen Selbst gründet, die uns heute fremd sind. So ist Russells Kapitel über Aristoteles' Ethik zugleich ein kurzer Abriss über die Geschichte der Ethik, unter besonderer Berücksichtigung des Christentums.

(Ich gebe allerdings Russell hierin Recht, dass die "Nikomachische Ethik" einen sehr merkwürdigen Menschen als Ideal predigt: lau, aber auf seine Lauheit ungeheuer eingebildet.)

Zum Schluss des Kapitels über Aristoteles' Ethik dann eine äusserst oberlehrhafte Einschätzung von Seiten Russell, ob denn nun diese Ethik
a) in sich selber konsistent sei (ja)
b) mit dem Rest von Aristoteles' Denken konsistent sei (ja)
c) mit unserm eigenen moralischen Empfinden übereinstimme (eben nicht - wobei Russell einen andern oder sich selber in einem andern Zusammenhang recht geohrfeigt hätte für den schwammig-gummiartigen Begriff "moralisches Empfinden" ...).

Grüsse

sandhofer

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #63 on: 09. Mai 2011, 01.04 Uhr »
Kaum ein Wort zu Plato - und nun ist er mit der Aristoteles durch   :o. Da  werd ich mich wohl noch ausführlicher ergehen müssen. Und mit Russels Philosophie der Mathematik beginnt er auch ungefragt  :-\. Nun nimmt mein Nachttischstapel langsam bedrohliche Formen an (gezählte 12 Bücher - und die dicksten nicht immer zuunterst. Wenn er von mir nichts mehr hört, war mir das Schicksal des serbischen Gelehrten beschieden, der da unter seinen Wälzern das Leben ausgehaucht hat).

lg - orzifar
« Last Edit: 09. Mai 2011, 01.49 Uhr by orzifar »
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #64 on: 09. Mai 2011, 09.25 Uhr »
Hallo

Schuldig in beiden Fällen.  :)

Ich meine, zu Aristoteles kommt noch was bei Russell. Ich bin erst mit dem Kapitel zur Ethik fertig. Was Platon betrifft: Da bin ich ohne Rückgriffsmöglichkeit auf meine Primärliteratur wirklich ein bisschen verloren. Ebenso fehlt mir leider auch meist die Musse, mich in die vertrackte Thematik der Ideenlehre wirklich hineinzuknieen.

Betr. die Einführung in die mathematische Philosophie: Da wollte ich eigentlich nur rasch was nachlesen - und bin dann erst hängengeblieben und dann durchgerutscht.

Grüsse

sandhofer
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #65 on: 09. Mai 2011, 22.25 Uhr »
Hallo!

Aristoteles und die Metaphysik: Vieles von dem verquasten Gerede, mit dem man sich auch heute noch herumplagen muss, hat Aristoteles erstmals eingeführt. Wenn da von einem sich selbst denkenden Denken die Rede ist, vom unbewegten Beweger, von der Subsistenz der Existenz, der ewigen Aktualität, von der größenlosen Größe, die unteilbar ist und was es dergleichen Quark mehr gibt. Hierin ist Aristoteles der erste akademische Philosoph, der erste, der kategorisiert und katalogisiert, der seinen Weltentwürfen und Welterklärungsmodellen ein pseudo-logisches Mäntelchen umhängt, um allerhand auf der Grundlage des Nicht zu Beweisenden zu beweisen.

Aristoteles hat in der Logik Großes geleistet, sein metaphysisches System ist aber keineswegs eine Verbesserung der platonischen Ansichten, auch wenn seine Einwände gegenüber der Ideenlehre einleuchtend sind. Bei Plato sind logische Fehler zu entdecken, bei Aristoteles nicht weniger (eher mehr), allerdings verborgen unter einem Schwall von Begriffen, die schwammig und unklar dem aristotelischen Entwurf als Huren dienen müssen. Er war es, der von Substanz, Stoff und Form, von fließenden Übergängen zwischen denselben zu schwafeln begann, er war es auch, der der Teleologie Bedeutung verliehen hat. (Aristoteles war der Initiator, er wurde vor allem durch das Christentum instrumentalisiert, was ihm selbstverständlich nicht angelastet werden kann.) Er wurde zum Wegbereiter obskurer metaphysischer Systeme, der zwar den Begriff der Kausalität mitgeprägt hat, der aber dem teleologischen Prinzip der "causa finalis" die Hauptbedeutung zuerkannte. Plato war der bessere Schriftsteller, derjenige, der eine sehr viel klarere Sprache pflegte und dessen Fehler keineswegs "größer" waren wie die des Aristoteles (etwas, was Russel zu behaupten scheint).

Seine Metaphysik ist für mich jedenfalls ein ganz gräuliches Sammelsurium mit einer derart schwammigen Terminologie (etwa seine Unterscheidung von Seele und Geist, der sukzessive Übergang vom Stoff zu Form, wobei etwas dann wieder mehr oder weniger Form besitzen kann), dass seine "Beweise" absolute Beliebigkeit aufweisen. Als ob man zeigte, dass Rotkäppchen oder Dornröschen die wahre Welterklärung wäre. (Und während ich das niederschreibe fällt mir auf, dass genau das in Nachfolge von Aristoteles passierte: Die Gottesstreitigkeiten drehen sich im Grunde um nichts anderes als die "richtige" Auslegung von Märchen, bei denen jeder Exeget etwas als wahr setzt und von diesem Punkt an zu deduzieren beginnt. Diese erste "Setzung" bleibt unantastbar, ist meist mit Offenbarung verbunden, der Rest ist - zwangsläufig - sophistisches Kasperletheater.)

lg

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #66 on: 10. Mai 2011, 09.29 Uhr »
Hallo

Ja: Man liest Aristoteles und man hört die ganze Scholastik mitbeten ...  >:D

Grüsse

sandhofer
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #67 on: 11. Mai 2011, 16.21 Uhr »
Hallo!

Zur Ethik des Aristoteles gibt es nicht viel zu ergänzen: Er ist ein Vertreter des goldenen Mittelwegs - oder auch der Lauheit. Das ist die Moral des reiferen Menschen, der die ersten, meist ins Extreme tendierenden Anfechtungen seiner Jugend bereits hinter sich hat. Allerdings ist dieses Verfechten einer Mitte - wie Russel richtig bemerkt - nur in Teilen möglich: Wie dies bei Begriffen wie Wahrheit möglich wäre, bleibt das Geheimnis unseres Denkers.

Aristoteles kritisiert auch die rein vernunftbezogene Ethik eines Sokrates (Plato), die da im Wissen das non plus ultra eines um das Gute sich bemühenden Daseins sieht. Allerdings versteht er Sokrates in dieser Hinsicht nicht so ganz, da es diesem um ein Wissen geht, das mit Bewusstsein, mit einem Wissen um das Wissen (oder Nichtwissen) zu tun hat. Andererseits macht auch er eine Kehrtwendung, nennt die praktische Tugend eine Tugend von nachrangigem Wert und hält das Denken für das Erstrebenswerte, weil man nur dadurch am Göttlichen (am sich selbst denkenden Denken) teilhaben würde.

Ich kann auch hier keinerlei Fortschritte gegenüber dem platonischen Denken erkennen, alte Fehler werden durch neue ersetzt - oder besser: Ein Dogma durch ein anderes. Der für uns so wichtige Begriff der Gleichheit ist beiden fremd, die Sensibilität für den Wert des Lebens an sich bzw. die Fragwürdigkeit der Sklaverei sollte sich erst sehr langsam entwickeln.

lg

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #68 on: 11. Mai 2011, 21.26 Uhr »
Hallo!

Auch politisch wenig Neues: Wird man bei Plato noch mit einem in sich weitgehend konsistenten Entwurf konfrontiert (auch wenn man diesem nicht zuzustimmen geneigt ist), so bleibt der aristotelische Staat vage und ungenau. Im Grunde tauchen auch hier platonische Gedanken in neuem Gewand auf: So ist die Vorstellung einer Aristokratie (Herrschaft der Vornehmsten, Besten, die von Oligarchen, welchen ihre Macht v. a. durch Reichtum zukommt, unterschieden werden) nichts anderes als Platos Philosophenherrschaft in neuem Gewande. Einzig die kommunistischen Grundgedanken Platos lehnt Aristoteles ab: Sowohl in Bezug auf die Familie (im platonischen Staat gibt es eine solche Familienstruktur nicht, Väter sollen ihre Nachkommen, die Nachkommen ihre Väter nicht kennen, woraus dann großer Respekt gegenüber der gesamten Bevölkerung entstehen soll, weil jeder mit jedem verwandt sein könnte), eine Familie, deren Grundstruktur Aristoteles aufrecht erhalten möchte als auch bezüglich des Eigentums, das - in Maßen - ermöglicht werden soll. Eine freiwillige Freigebigkeit (erzielt durch entsprechende Erziehung) soll das Gemeinwohl fördern. Allen diesen Entwürfen ist eine veritable Realitätsfremde zueigen.

Die Staaten selbst sollen lt. Aristoteles kleine, nach Möglichkeit autarke Gebilde darstellen, Export und Import sollte möglich sein (was nun nicht im Widerspruch zur Autarkie steht, wie Russel glaubte feststellen zu müssen). Da einige Strukturen der athenischen Demokratie offenbar aufrecht erhalten werden sollen (allgemeine Gerichtsbarkeit, Zuerkennen von Ämtern durch Los) ist die Kleinheit dieser Gebilde unabdingbar: Denn um Recht sprechen zu können muss nach Aristoteles jeder jeden kennen. (Wenn es keine Kodifizierung des Rechts gibt mag das von Vorteil sein.) Der Staat aber ist noch viel mehr: Er ist jene größere Einheit, die dem Individuum erst die Möglichkeit gibt, sich seinem wahren Zweck zu widmen. Ohne Staat, ohne Gesetz sei der Mensch ein wildes Tier (diese Stelle dürfte Hobbes gekannt haben). Der Mensch als zoon politikon, ohne Staat ist er nichts bzw. er müsste ein Gott sein. In verschiedenen Argumentationen nimmt hier der Staat (wie auch bei späteren Staatstheoretikern wie Hegel oder Marx) jenen Platz ein, der in der Religion für Gott reserviert ist. Das manifestiert sich in zahlreichen Bestimmungen: So wird der Selbstmord von Kirche als ein Verstoß gegen Gott und dessen Ordnung, von den Staatsanbetern als einer gegen die Gesellschaft angesehen. Beiden Haltungen liegt die Überzeugung zugrunde, dass wir nicht individuell entscheiden sollen, sondern es Verpflichtungen gibt, die diese individuelle Verantwortlichkeit zugunsten einer höheren Macht delegiert.

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #69 on: 12. Mai 2011, 07.52 Uhr »
Hallo!

Auch politisch wenig Neues:

Siehst Du: So weit bin ich noch nicht. Von daher die neugierige Frage:

Da einige Strukturen der athenischen Demokratie offenbar aufrecht erhalten werden sollen (allgemeine Gerichtsbarkeit, Zuerkennen von Ämtern durch Los) ist die Kleinheit dieser Gebilde unabdingbar:

Wird Russell hier dem Untertitel seiner Philosophiegeschichte gerecht? Ich meine: Selbst für mein geringes Verständnis von der Materie müsste hier doch eine Goldmine für diverseste Erörterungen sein. Da bricht die griechische Kleinstaaterei gerade zusammen, Philipp und Alexander von Makedonien (also halbe Barbaren nach griechischen Begriffen) hauen die griechischen Träume zu Mus, die nicht schon im Zug der Zehntausend zermantscht worden waren - und Aristoteles träumt nach wie vor von kleinstaatlichen Verhältnissen?

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #70 on: 12. Mai 2011, 13.10 Uhr »
Hallo,

ich musste doch aufholen ;) - außerdem freu ich mich auf die aristolelische Logik. Zu deiner Frage: Ja, er erwähnt das, weist darauf hin, dass Aristoteles die Zeichen der Zeit scheinbar überhaupt nicht verstanden hat, indem er von Kleinkleinstaaten schwärmt, während sein Schüler die Welt erobert. Was allerdings sein explizit ausgesprochenes Vorhaben betrifft, Politik, Gesellschaft und Philosophie miteinander zu verbinden: Das geschieht bei Russel nicht mehr oder weniger wie bei jedem anderen Philosophiehistoriker.

lg

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #71 on: 12. Mai 2011, 14.16 Uhr »
Hallo!

Was allerdings sein explizit ausgesprochenes Vorhaben betrifft, Politik, Gesellschaft und Philosophie miteinander zu verbinden: Das geschieht bei Russel nicht mehr oder weniger wie bei jedem anderen Philosophiehistoriker.

Eigentlich schade. Ausser ein paar witzigen Bemerkungen - so, wenn er die Sophisten mit den US-amerikanischen Anwälten vergleicht -, Bemerkungen, die ihren Witz daraus ziehen, dass er Analogien sieht zwischen alten Begebenheiten und neuesten Phänomenen, ausser solchen kleinen Spitzlichtern und der Tatsache, dass Russell seinen Neigungen pro und contra freien Lauf lässt, bleibt er doch sehr in den alten Bahnen gefangen.

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #72 on: 14. Mai 2011, 19.44 Uhr »
Hallo!

So, die Politik habe ich nun auch hinter mir. Russell mochte schon Platons Staat nicht - und wenn er nun sagt, dass Aristoteles' Staat Sehnsucht nach dem Platons hervorrufe ...  :o

Aristoteles geht den Weg, den nach ihm noch so mancher Staatstheoretiker gegengen ist: Vom Individuum zur Familie zum städtischen Kleinstaat - und übernimmt die Familienstruktur als Ideal auch für den Staat. Dass Aristoteles' Staatsmodell erst wieder bei den spätmittelalterlichen italienischen Stadtstaaten zum Tragen kommen könne, kann ich nicht ganz nachvollziehen: Die spätantike und mittelalterliche Feudalstruktur beruht ja doch - in meinem geringen historischen Verständnis - übers römische Klientelwesen auch auf einer (erweiterten) Idee der Familie.

Im Grossen und Ganzen gelingt es Russell aber doch, wie ich finde, recht anschaulich zu machen, dass Aristoteles' Staatstheorie - bedeutend mehr als die vom Zeitwesen stärker abstrahierende Platons - stark in Aristoteles' eigener Zeit, v.a. wohl in dessen Jugend und Kindheit verankert ist. Die Idee, dass früher alles besser war steht offenbar unbewusst Pate bei Aristoteles. Dass wir von heute zu diesem "Früher" keine Brücke mehr schlagen können, zeigt uns Russell.

(Vielleicht sogar, ohne es zu wollen. Wieweit Russell von seinem Denken und Wesen her überhaupt als Historiker taugt, bleibt für mich noch eine offene Frage)

Grüsse

sandhofer
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #73 on: 15. Mai 2011, 19.21 Uhr »
Hallo!

außerdem freu ich mich auf die aristolelische Logik.

Ein Kapitel, das mich, ehrlich gesagt, wieder mal enttäuscht hat. Russell gibt zwar zu, dass Aristoteles die Logik komplett erneuert habe und einen grossen Fortschritt gegenüber dem Vorhergehenden darstelle - aber inwiefern erfährt der neugierige Leser nicht. Dann gibt Russell zu, dass Aristoteles' Logik im Vergleich zu den neuesten Begebenheiten in der formalen Logik sehr mangelhaft sei - aber auch hier wird der neugierige Leser mit zu wenig Information abgespiesen. Russell kann mit Aristoteles' Kategorien nichts anfangen und gibt das auch offen zu. Sehr lobenswert - aber wer Information zu Aristoteles sucht, sucht vielleicht Information zu ebendiesen Problemen, die Russell selber nicht erklären kann. Wenn das Buch hiesse: "Die abendländische Philosophie - gesehen durch die Brille eines angelsächsischen Philosophen und Formallogikers des beginnenden 20. Jahrhunderts" - ich könnte Russells Einschränkungen akzeptieren. Aber er verspricht mehr, als er halten kann.

Grüsse

sandhofer
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #74 on: 16. Mai 2011, 13.03 Uhr »
Hallo!

Noch ein Nachschlag zu Aristoteles' Ethik, weil's irgendwie auch dazu gehört:

Zur Ethik des Aristoteles gibt es nicht viel zu ergänzen: Er ist ein Vertreter des goldenen Mittelwegs - oder auch der Lauheit. Das ist die Moral des reiferen Menschen, der die ersten, meist ins Extreme tendierenden Anfechtungen seiner Jugend bereits hinter sich hat.

In den USA (vor allem, wird wohl auch noch nach Europa überschwappen) ist eine neue Krankheit / Sucht entdeckt worden: die Sexsucht. Wie wird die nun definiert? Über den Mittelweg, bzw. den Durchschnitt. Kinsey hat vor Jahrzehnten mal herausgefunden, dass der US-Amerikaner (männlich oder weiblich) im Schnitt 3, jüngere Semester 6 Mal pro Woche "kommen". Ohne sich darum zu kümmern, was eigentlich einen Durchschnitt ausmacht (oder den Mittelweg) wird nun davon ausgegangen, dass wer mehr als 6 Mal "kommt", sexsüchtig sei. (Es bedarf wohl keines Hinweises, dass dieses merkwürdige Verständnis von Statistik dem äussersten rechten Flügel der Evangelikalen eigen ist.) Platon hat wenigstens gleich alles verboten, was die Bürger seines Idealstaates zu sehr aufregen könnte. Aristoteles marginalisiert die Extreme "nur", aber von da ist es nur ein kleiner Schritt zur Stigmatisierung.

Grüsse

sandhofer
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