Hallo!
Aristoteles und die Physik. Russel nimmt seine Vorbehalte aus dem Logikkapitel mit und stellt fest, dass kaum ein Satz im Lichte der modernen Wissenschaft bestehen könne. Dem ist natürlich so, aber hierin unterscheidet sich Aristoteles nicht im mindesten von fast allen anderen bis dahin behandelten Philosophen, ihm wird diese mangelnde Aktualität aber angekreidet. Das mutet umso seltsamer an, als er im Anschluss eine sehr gute und plausible Erklärung für das System des Aristoteles gibt, indem er auf das so grundlegenden teleologische Denkmuster verweist, auf das, was Aristoteles und physis verstand, dieses den Dingen innewohnende Bewegungsprinzip, das nach Verwirklichung trachtet.
Natürlich hat, weil man im christlichen Mittelalter Aristoteles kanonisierte, sein ganzer Weltentwurf über einen sehr langen Zeitraum eine vernünftige physikalische Theorie verhindert. Aber auch daran ist (wie in der Logik) derjenige unschuldig, der dieses Konzept entworfen hat, die "Schuld" lag vielmehr bei seinen Interpreten.
Was ich selbst, unabhängig von Aristoteles, schwer verstehe, ist, dass Philosophen häufig meinen, Dinge erklären zu müssen, bei denen die Erklärungsmodelle absolut beliebig sind (und die eben - noch nicht - zu erklären sind). Diese oft märchenhaften Spekulationen mögen ja manchmal ganz amüsant sein, sie haben natürlich auch ihre Lebensberechtigung, werden aber dann oft zum Boomerang für die gesamte Philosophie, wenn sie mit einem arrogant anmutenden Wahrheitsanspruch auftreten. Das ist metaphysischen Systemen dann inhärent, wenn sie einen Gott bemühen (der Schuss kann aber auch ohne Gott sehr gut nach hinten losgehen, Schopenhauer hat auch dubiose naturwissenschaftliche Erkenntnisse als Beleg für die Richtigkeit seiner Philosophie einzuspannen versucht), obwohl sich der Betreffende auch dann fragen müsste, ob er denn tatsächlich das von diesem Gott erwählte Gefäß der zu verkündenden Wahrheit sei und was ausgerechnet ihn zum Auserwählten mache. Der Denker, per se als klug gedacht, begibt sich dadurch seiner Klugheit - und die eigentliche Frage ist (wenn ich denn nicht inspiriert und erleuchtet zu sein vorgebe), warum man sich nicht ein wenig bescheiden und auf solche allumfassenden Interpretationen verzichten kann. Es geht dem Philosophen (bzw. dem Anhänger desselben) dann zwangsläufig wie dem Theologen, der sein ursprüngliches Weltmodell ständig im Lichte neuer Erkenntnisse zu revidieren gezwungen ist (schon im 19. Jahrhundert sprach man von der zunehmenden Platznot Gottes).
lg orzifar