Ein paar Nachträge: Zum Philosophen-König-Problem hat Popper mit Recht darauf hingewiesen, dass die Frage,
wer in einem Staate regieren soll, eine falsch gestellte Frage ist. Vielmehr geht es darum eine Regierung (bzw. eine Regierungsform) zu finden, die ohne Gewaltanwendung wieder abgesetzt werden kann. Insofern ist die Demokratie eine ganz passable Lösung (wenn man auch in Ö mit Staunen zur Kenntnis nehmen muss, wer denn vom Wahlvolk da gewählt wird. Naja, in Italien wohl auch - wird Anna mit Recht einwerfen ...).
Das Höhlengleichnis, literarisch - wie Russel erwähnt - ein tatsächlich sehr schön gestalteter Abschnitt, ist eigentlich nichts anderes, als eine Kritik am Empirismus, an einer induktiven, wissenschaftlichen Erkenntnistheorie. Sie ist im Grunde berechtigt (wie denn auch Hume das logisch Konsistente am Pyrrhonismus eingestehen musste), seine Schlussfolgerungen sind aber ebenso metaphysisch wie etwa die Berkeleys (während sich der eine der Ideen bedient, nimmt der andere Gott zuhilfe). Der verquere Wunsch nach absolut gesicherter Erkenntnis (der implizit eine Welt postuliert, die der
menschlichen Erkenntnis zugängig ist, was aber m. E. doch nur eines der vielen anthropozentrischen Überbleibsel ist: Denn weshalb sollte eine irgendwo zufällig entstandene Lebensform mit der Fähigkeit ausgestattet sein, diese Welt (und was sie im Innersten zusammenhält) zu verstehen, wenngleich ich es für eines der größten Wunder halte,
wieviel wir tatsächlich wissen) gebiert immer wieder Scheinsicherheiten oder führt zur Metaphysik, Gott, einem "offenbarten, geschauten" Weltwillen (wobei es irgendwo zwischen Unverfrorenheit und Dummheit angesiedelt ist, diesen Entitäten, so es sie denn gäbe, derartig spezifisch menschliche Ziele, Eigenheiten zuzugestehen). Die Tatsache, dass unsere Sinne (die nun sich nicht zu epistemologischen Zwecken sich entwickelt haben), kein absolut zuverlässiges Bild der Außenwelt liefern, berechtigen in nichts zur Annahme idealer Ideen, göttlichen Plänen etc., sondern sind eben nur ein Hinweis darauf, dass es offenbar für das Überleben der Art nicht notwendig war, ein solches Bild zu bekommen, sondern ein eingeschränkt funktionales, pragmatisches Bild. Auch hier diese ungeheure Anmaßung, dass die Welt so geschaffen sein muss, dass wir sie erkennen können.
Platos Liebe zur Vernunft stellt die Dinge auf den Kopf: So werden die einzelnen Erscheinungen unwirklich, die Sammelnamen, die ohne diese Erscheinungen nie Verwendung finden würden, zur einzig wirklichen Realität. Wie im letzten Beitrag erwähnt: Wie steht es mit Neuentwicklungen (da Plato durchaus von Menschen geschaffene Dinge - Tisch - zu den Ideen zählt), gibt es eine präfigurierte Computerheit bzw. wie schaut diese aus, wenn erst
ein einziger (der erste) Computer erschaffen wurde? (Müsste der dann nicht ideal sein, da die vorläufige Computerheit nur diesen einen umfasst?)
Wie steht es im übrigen um das Ding, das da "ich" sagt? Da ich keine Idee bin, nicht ideal, muss ich also unwirklich sein. Wie steht es dann aber mit der absoluten Erkenntnis dieses unwirklichen Dings (orzifar, sokrates, sandhofer, mombour und plato?), wie ist es überhaupt möglich, dass wir uns als wirklich empfinden (obwohl wir es nicht sind), theoretisch das Absolute schauen können (wenngleich der Welt der Erscheinungen angehörig) - oder aber ist jede Seele ideal? Und warum gibt es uns überhaupt, was bewegt einen Demiurgen dazu, Unwirkliches, die Welt, Erscheinungen zu erschaffen (die es ja eigentlich gar nicht gibt), warum hat sich dieser Schöpfer nicht mit den Ideen begnügt? Russel weist aber zurecht darauf hin, dass solchen Fragen ein christlicher Schöpfergott zugrunde liegt, den man Plato nicht unterstellen sollte. Trotzdem bleibt er uns Erklärungen für die Existenz dieser Erscheinungen schuldig.
Bei den Abstrakta wie Schönheit bleibt man ohnehin im Vagen (weil eine solche allgemeingültig zu definieren ein ebenso unsinniges Unterfangen ist wie die Definition von Weisheit). Zusätzlich entstehen Probleme mit Ausdrücken wie Ähnlichkeit: Was ist denn eine "ideale" Ähnlichkeit? Eine völlige Übereinstimmung? Wovon? Von Ideen? Müssten diese dann nicht ident sein und das Gleiche repräsentieren, obwohl es von allen Ideen nur eine einzige gibt? Von Erscheinungen: Bräuchte dann in Umkehrung der Platos Doktrin nicht diese Welt der Erscheinungen für diese Idee der Ähnlichkeit? Russel bemerkt später dazu, dass Plato Relationen nicht begreift

. Ähnliche Paradoxien könnte man wohl noch zahlreiche finden. Eines der Hauptprobleme liegt darin, dass Plato die menschliche Sprache (die immer unklar, verwaschen ist, auf - sich häufig ändernde - Konventionen beruft) bzw. Begriffe dieser Sprache idealisiert, er sich also für seine "Ideen" eines Instrumentariums bedient, dass dieses nie leisten kann. (Also ob man durch fortgesetztes Waschen mit Schmutzwasser besondere Reinheit erzeugen wollte.)
Wichtig auch Russels Hinweis, dass Plato von philosophischer Syntax nicht viel Ahnung hat. Mensch (bzw. im Beispiel "menschlich") sind Prädikate (in diesem Fall ein Begriff bzw. bei menschlich eine Eigenschaft), seine "Ideen" sind, wie Russel sagt, bloß ästhetisch und ethisch sehr anspruchsvolle Prädikate. Sie konstituieren aber nur
unter anderem die entsprechend einzusetzenden Eigennamen.
Schön finde ich übrigens Russels Schlussbemerkung zu den modernen Platonikern, die zumeist von Mathematik nicht die geringste Ahnung hätten (obgleich es kaum etwas gab, dem Plato eine größere Bedeutung beigemessen hat), sondern dass man vor allem des Altgriechischen kundig sein müsse. Eine in vieler Hinsicht bedenkenswerte Bemerkung ...
Vielleicht morgen (des nächtens) noch mehr
lg
orzifar