Author Topic: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes  (Read 101471 times)

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #30 on: 02. März 2011, 15.14 Uhr »
Hallo!

Vorlesungsnotizen sind das eine, Bücher das andere. Irgendwo in diesem Thread habe ich mich über Hegels Philosophiegeschichte und dessen kursorischen Umgang mit manchen Philosophen beschwert - hier ist es denn doch nicht viel anders. Das Empedokleskapitel wirkt wie eine Hausaufgabe, der man sich zu entledigen sucht; außerdem wird Russel hier seinem angekündigten Programm gegenüber nicht gerecht, das da den Zusammenhang zwischen sozio-politischen Gegebenheiten und der Philosophie zu erhellen sich vornahm. Davon lese ich hier nichts oder nicht mehr, als in vielen anderen Büchern über die Vorsokratiker.

Also: Dürftig, äußerst dürftig; wobei ich den Eindruck habe, dass Russel sich einfach verpflichtet fühlt, Leuten wie Heraklit, Parmenides oder Empedokles ganze Kapitel zu widmen, obwohl weder sein Interesse noch die Quellenlage solches hergibt und er im Geiste schon an den nächsten Teilen über Platon und Aristoteles arbeitet. So stelle ich bei mir bislang eine gewissen Enttäuschung fest; die Einleitung inklusive des Kapitels über den "Aufschwung der griechischen Kultur" haben mehr versprochen. (Interessanterweise - dies ist ja eine Zweitlektüre, auch wenn die erste lange zurückliegt und ich mir nicht sicher bin, alle Teile gelesen zu haben - kann ich mich an eine solche Enttäuschung beim ersten Lesen nicht erinnern. Vielleicht ist dafür der Charakter von Einführungsvorlesungen verantwortlich, wodurch dann demjenigen, der zum wiederholten Male sich mit diesen Philosophen beschäftigt, eine gewissen Enttäuschung zuteil wird.)

lg

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #31 on: 05. März 2011, 01.40 Uhr »
Hallo!

Das Kapitel über Anaxagoras reiht sich in die Folge liebloser Pflichtübungen ein. Man hätte diese Abschnitte ersatzlos streichen können und einzig dort, wo ein Bezug auf den entsprechenden Philosophen genommen wird, ein paar Absätze einfügen können.

Bei den Atomisten (Leukipp und Demokrit) ist sofort spürbar, dass Russel wieder mit mehr Hingabe sich seiner Aufgabe widmet. Die beiden, kaum unterscheidbar, gelten als Väter der modernen Naturwissenschaft - und das teilweise zu Unrecht, wie Russel richtigerweise bemerkt. Denn die Theorie der Atome, die in unserer Zeit wieder aufgegriffen wurde, wurde von den beiden unter eigentlich "falschen" Voraussetzungen entworfen, da sie ja von Chemie, Atomaufbau etc. keine Ahnung hatten und dadurch unverdientermaßen zu Ehren kamen. Dennoch ist hier erstmals der naturwissenschaftliche Reduktionismus am Werk, man ist auf der Suche nach der kleinstmöglichen Einheit, die einzig durch Kombination, Variation die Mannigfaltigkeit der Welt erzeugt. Und stellt sich die Frage, wie es denn mit der Teilbarkeit ad infinitum steht, etwas, das uns in unzähligen Varianten über die Monaden bis zu den Quanten hin beschäftigt.

Wichtig auch der Hinweis auf das Teleologieproblem: Erstmals wurde das Primat auf  reine Ursache-Wirkung-Phänomene reduziert, hat man bewusst die Frage nach dem "Sinn", Zweck unseres Daseins außen vorgelassen. Später, und dies gehört eigentlich in diesen Zusammenhang, führt Russel aus, dass nach den Atomisten die Rolle des Menschen völlig überschätzt wurde und dieser in den Mittelpunkt der Welterklärung geriet. Hier ist schon ein erstes Wetterleuchten der metaphysisch-theologischen Systeme spürbar, Systeme, die fast immer auch eine teleologische Komponente haben. Es gehört - neben vielem anderen - für mich zum Erstaunlichsten solcher Systeme, mit welcher Hybris man die eigene Gattung gottgleich setzt (oder auch meint, dass diese Gattung den Sinn des Ganzen in irgendeiner Form repräsentieren würde). Eine Lebensform (unter Myriarden) auf einem Planeten (in zahllosen Sonnensystemen, Galaxien) - und dieses Stäubchen glaubt tatsächlich, dass alles sich um dieses drehen würde. Eine größere Arroganz scheint nicht denkbar.

Auch das Kapitel über Protagoras und die Sophisten ist wesentlich angenehmer zu lesen als die bereits erwähnten lieblosen Abschnitte. Zum ersten Mal greift ein radikaler Skeptizismus um sich (und wohl nicht zufällig in einer Zeit wirtschaftlicher Prosperität), eine Skepsis, die alles relativiert, Freude an Paradoxien hat. Dennoch sind solche Gedankenspiele, wenn sie nicht nur um ihrer selbst willen hervorgebracht werden, äußerst fruchtbar, zeigen sie doch die Grenzen der Erkenntnis auf, mahnen dadurch zu Bescheidenheit bzw. fordern äußerste Genauigkeit auf allen Gebieten. Sehr schön auch, was Russel über die moralischen Bedenken, die die griechische Gesellschaft den Sophisten gegenüber vorbrachte, sagt, dass nämlich bei der aufrichtigen Suche nach Wahrheit und Objektivität solche Bedenken a priori nichts verloren haben, da sie ansonsten das vorwegnehmen, wonach sie zu suchen vorgeben. Sophisten und Atomisten hätten eigentlich einer wissenschaftlichen Forschung vorgearbeitet, tatsächlich wurden aber idealistische, mit - oft seltsamer - Moral verbrämte Systeme entworfen.

Dennoch freue ich mich auf die nächsten Abschnitte - und wenn ich mir den Umfang derselben anschaue, so steht zu erwarten, dass man über Sokrates, Platon und Aristoteles eingehender wird informiert werden denn über die bisherigen Philosophen. Was natürlich auch mit der Quellenlage zu tun hat.

lg

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #32 on: 07. März 2011, 10.00 Uhr »
Hallo!

Ich lese brav weiter - ein Kapitelchen pro Wochenende. Allerdings kann ich im Moment nichts Gescheites zur Diskussion beitragen, orzifar hat schon alles gesagt, was ich bei den Vorsokratikern auch empfunden habe. Ich muss aber gestehen, dass die Vorsokratiker auch meine persönliche Liebe nicht sind ... Zu wenig Konkretes überliefert, zu viele (hoffentlich) aus dem Zusammenhang gerissene Sentenzen.

Grüsse

sandhofer
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #33 on: 18. März 2011, 14.34 Uhr »
Allgemeines Kapitel über das Griechenland bzw. Athen des Perikles. Gute Information. Nichts Aufregendes, aber dass soll ja auch nicht in einer Geschichte der Philosophie ...  :)
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Offline orzifar

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #34 on: 18. März 2011, 17.32 Uhr »
Dieses Kapitel war mir keine Erwähnung wert - wie du schriebst: Allgemeine Informationen, wie sie auch jedes Geschichtsbuch bietet.

Ich bin mittlerweile mit dem Sokrates durch, heute nacht vielleicht mehr dazu.

lg

orzifar
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #35 on: 19. März 2011, 00.44 Uhr »
Hallo!

Das Kapitel über Sokrates ist nun auch nichts, worüber man in Begeisterungsstürme ausbrechen müsste. Meine Zweit- und Nebenlektüre (Böhme: Der Typ Sokrates) bietet im übrigen genau das, was Russel zu Beginn als sein Programm ausgibt: Eine Analyse der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse des 5. Jahrhunderts, aufgrund derer Sokrates bzw. sein Wirken erst verständlich werden. Russel macht nichts weiter, als die ohnehin bekannten Werke zu zitieren und auszuschlachten, ohne aber eine tiefergehende Analyse zu versuchen. Während Böhme die Wichtigkeit der demokratischen Strukturen für sophistische (sokratische) Bestrebungen zeigt, staatsbürgerlich notwendig in einem System, in dem durch Los Ämter verteilt werden, man sich aber auch beim Volk aufgrund rhetorischer Fertigkeiten beliebt machen musste, um Einfluss zu gewinnen oder aber sich vor Gericht selbst zu verteidigen gezwungen war. Sokrates hat sich von anderen Sophisten einzig dadurch unterschieden, dass er für seine Tätigkeit kein Geld verlangt hat (vielleicht solches einfach nicht nötig hatte).

Was ich bei Russel schätze, sind seine launigen, ironischen Analysen (etwa in Bezug auf die Geistesgaben des Xenophon), der Witz, mit dem er sich diesen ansonsten nur mit großem Respekt behandelten Philosophen nähert. Neues hingegen, revolutionäre Ein- und Ansichten erwartet man vergebens.

Wichtig der Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Tugend und Wissen (Weisheit), der im sokratischen Denken große Wichtigkeit besitzt (bzw. auf die enge Verbindung zwischen Schönem, Gutem und Wahrem, wobei das eine das andere bedingt). Nur ein Moralphilosoph kann derlei feststellen, zumindest fällt einem solchen diese Gedankenassoziation wesentlich leichter als einem Wissenschaftstheoretiker. In einem der platonischen Dialoge wird gerade diese Identität zwischen schön und gut herausgestellt, wobei der Begriff "schön" auch für nicht Äußerliches Verwendung findet. Darüber werden wir sicher bei Platon noch mehr erfahren.

lg

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #36 on: 23. März 2011, 13.07 Uhr »
Hallo!

Anaxagoras

Das Kapitel über Anaxagoras reiht sich in die Folge liebloser Pflichtübungen ein. Man hätte diese Abschnitte ersatzlos streichen können und einzig dort, wo ein Bezug auf den entsprechenden Philosophen genommen wird, ein paar Absätze einfügen können.

Seufz. Ja ...

Grüsse

sandhofer
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #37 on: 27. März 2011, 17.09 Uhr »
Hallo!

Bei den Atomisten (Leukipp und Demokrit) ist sofort spürbar, dass Russel wieder mit mehr Hingabe sich seiner Aufgabe widmet.

Ja, hier schreibt er so richtig con amore. Leukipp und Demokrit sind für Russell Anlass für einen Exkurs über das Weltbild der folgenden Jahrhunderte. Erst Leibniz, so hält er fest, hat wieder ein Weltbild geliefert, das der modernen Naturwissenschaft noch näher gekommen ist. Da ich aktuell gleichzeitig Herders Metakritik zu Kants Kritiken lese, wo er ebenfalls Leibniz als den besseren und genaueren Mann (im Vergleich zu Kant) beschreibt, werde ich wohl in der nächsten Zeit (d.i., in den nächsten Monaten  ;) ) mal etwas von diesem Mann zuführen müssen, den ich bisher sträflich vernachlässigt habe.

Grüsse

sandhofer
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #38 on: 27. März 2011, 19.58 Uhr »
Derlei meine ich bereits vorgeschlagen zu haben ;) - ich habe die "Vernunftprinzipien der Natur und der Gnade" und die "Monadologie" in einer zweisprachigen Ausgabe des Felix Meiner Verlages (den ich bezüglich philosophischer Schriften hoch schätze). Mit mir könntest du rechnen. Trotz des geringen Umfangs eine wahrscheinlich nicht ganz einfache Lektüre, die von Sekundärliteratur flankiert werden sollte.

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #39 on: 28. März 2011, 17.33 Uhr »
ich habe die "Vernunftprinzipien der Natur und der Gnade" und die "Monadologie"

Letztere meine ich auch in Besitz zu haben. Aber nachschauen kann ich frühestens in 2-3 Monaten ...  :(

in einer zweisprachigen Ausgabe des Felix Meiner Verlages (den ich bezüglich philosophischer Schriften hoch schätze).

Ja, Meiner setzt da schon Standards. Meine Ausgabe sollte auch Meiner sein; ich glaube mich zu erinnern, dass es aber nur die Übersetzung ist.

iMit mir könntest du rechnen. Trotz des geringen Umfangs eine wahrscheinlich nicht ganz einfache Lektüre, die von Sekundärliteratur flankiert werden sollte.

Mit ein Grund, weshalb ich so schnell nicht beginnen kann. Dazu muss ich erst wieder zur Ruhe kommen und einen neuen Rhythmus finden. Daneben suche ich ganz unfällig nach den bei Meiner erschienenen Werkausgaben.

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #40 on: 11. April 2011, 08.43 Uhr »
Hallo!

Sokrates

Ein seltsames Kapitel. Zugegeben: Sokrates ist nicht wirklich fassbar. Hier lässt Russell seine Methode bzw. sein Ziel im Stich. Sokrates kann nicht in und aus seiner Zeit erklärt werden. Das hängt zum einen mit der präkeren Überlieferung zusammen. Es gibt keine Selbstzeugnisse. Im Grunde genommen stützt sich unser Wissen auf Platon und Xenophon, sowie die Komödie von Aristophanes, die Sokrates erwähnen. Russell lässt Aristophanes ganz beiseite. (Warum eigentlich? Den Komödiendichter trägt offenbar zumindest einen Teil der Verantwortung dafür, dass Sokrates einem Justizmord zum Opfer fiel.) Xenophon wird von Russell als beschränkter Militärkopf hingestellt, dessen Sokrates viel zu brav gewesen sei, als dass man ihn zum Tode hätte verurteilen müssen. (War Xenophon so beschränkt? Sein "Zug der 10'000" beweist m.M.n. zumindest so etwas wie eine ausgeprägte praktische Intelligenz: Entweder er vermochte diesen Zug aus der Situation einer grauen Eminenz im Hintergrund zu lenken, was eine gewisse Bauernschläue voraussetzt, oder er vermochte es, späteren Generationen diesen Eindruck zu erwecken. Was dasselbe voraussetzt.) Platon schliesslich ... Ich nehme an, man geht heute immer noch davon aus, dass der junge Platon, der "frühe Sokrates", in etwa der Realität entspricht, während der ältere "Sokrates" als Sprachrohr eigener, platonischer Gedanken dient. Ob das so stimmt? Die frühen Dialoge Platons sind künstlerisch ausserordentlich subtil geordnet. Darauf weist ja Russell auch hin. Aber warum soll ausgerechnet die Apologie des Sokrates platonisch-autobiografisch sein? Es war zu jener Zeit durchaus üblich, dass die Historiker, ein Thukydides, ein Herodot, ihren Generälen Ansprachen ans Heer in den Mund legten, die diese so nie gehalten hatten. Und das galt keineswegs als Geschichtsfälschung, sondern eher als Hinweis darauf, dass sie diese Reden so hätten halten müssen. So bleibt also einerseits sehr wenig, das wir wirklich von Sokrates wissen. Andererseits ist dies wenige auch irritierend, und kann aus keiner historischen Konstellation erklärt werden. Sokrates' Daimon - die Zeitgenossen vermuteten, Sokrates inszeniere hier eine neue Gottheit, spätere, christliche Ausleger hielten es für die Stimme des Gewissens. Jedenfalls historisch ohne Vorbild oder Nachbildung. Was bewegte Sokrates dazu, auf der Strasse herumzulungern und reiche junge Männer anzuquatschen? Er wurde selber nie in ein höheres Staatsamt gewählt oder ausgelost, gab aber - gratis und franko - Ratschläge, wie eine Regierungstätigkeit zu bewerkstelligen sein sollte? Die Sophisten liessen sich für derartiges wenigstens bezahlen. Sokrates' Philosophieren lässt sich historisch keineswegs einordnen. Sokrates war ein Ärgernis - aber was trieb ihn dazu, eines zu sein? Was trieb ihn dazu, ein Todesurteil zu provozieren? Russell drängt Sokrates fast ein bisschen in eine religiöse Ecke - interessanterweise erschien ja die "Philosophie des Abendlandes" knappe 3 Jahre nachdem Romano Guardini ("Der Tod des Sokrates") dasselbe versucht hat. (Persönlich würde ich ja eher behaupten, Sokrates war der erste Blogger der Geschichte. :))

Jedenfalls scheinen mir Russell und seine Methode hier an eine Grenze gelangt zu sein.

Grüsse

sandhofer

Edith hat die Xeni berichtigt ;)
« Last Edit: 15. April 2011, 14.30 Uhr by orzifar »
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #41 on: 13. April 2011, 15.57 Uhr »
Hallo!

Es ist vielleicht nicht die Methode Russels, die hier versagt, sondern das Scheitern liegt im Gesamtprogramm begründet. Eine Analyse der griechischen (athenischen) Gesellschaft des 5. Jahrhunderts kann er nicht liefern, diese reduziert sich bei ihm auf eine in jedem Geschichtsbuch auffindbare Darstellung der wichtigsten Ereignisse, ihr mangelt es aber Tiefe (weil der Umfang des Buches sich dann vervielfachen würde). Böhme bietet solche Erklärungen, sieht gerade die Demokratie als eine entscheidende Ursache für das Aufkommen von Sophisten (von denen sich Sokrates ja einzig dadurch unterscheidet, dass er kein Geld nimmt. Allerdings ist Sokrates auch der einzige Athener und hatte es möglicherweise aus diesem Grund nicht notwendig, seinen Lebensunterhalt dadurch zu bestreiten.)

Bezüglich Aristophanes bin ich ganz bei dir: Selbstverständlich muss diese Quelle ernstgenommen werden. Dass die Forschung dies lange Zeit nicht tat, liegt daran, dass der platonische Sokrates verneint, jemals sich mit naturwissenschaftlichen Studien auseinandergesetzt zu haben (bzw. nur kurz, bis er die Unsinnigkeit solcher Bemühungen eingesehen hat). Platon aber war der Gefährte der letzten 12 Lebensjahre, konnte also nur bedingt Bescheid wissen über die Beschäftigungen früherer Jahre. Außerdem wäre Sokrates nicht der einzige, der im Alter zur Selbststilisierung neigen würde, häufig wird der Eindruck von Philosophen erweckt, dass sie ihre Position nicht mühsam errungen, sondern sie bestimmte "Fehler" (im vorliegenden Fall also die Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Theorien) nie gemacht hätten. Außer diesem platonischen Zeugnis haben wir keinen Grund, an den Ausführungen des Aristophanes zu zweifeln; möglicherweise war die Darstellung satirisch überspitzt, sie muss aber einen deutlich erkennbaren Bezug zum tatsächlichen Sokrates gehabt haben, da es nur unter einer solchen Bedingung einen Wiedererkennungswert des Bühnensokrates für die Athener gegeben hätte. Karikaturen übertreiben, wenn sie aber völlig verfälschen, geht ihr Sinn verloren.

Xenophons (lass die Vorsokratiker nicht den Sokrates beurteilen ;)) Beschreibung des Sokrates dürfte wohl wirklich zu bieder, einfach ausgefallen sein. Ob dies an den mangelnden intellektuellen Fähigkeiten liegt oder aber weil er den Sokrates einfach für seine Zwecke einspannen wollte, wird man tatsächlich nicht mehr entscheiden können. Gegen die Wahrheit von Xenophons Darstellung spricht meines Erachtens, dass ein solch banal-konservativer-langweiliger Sokrates wohl kaum jenes Aufsehen hätte erregen können (nebst Verurteilung zum Tode), das der wirkliche Sokrates ausgelöst hat.

Bei Platon vice versa: Böhme etwa schreibt, dass der platonische Sokrates ein zuwenig an Kontingenz enthalte, um als reale Person durchzugehen. Er wird zu einem spezifischen Typus des Philosophen erhöht, ist offenbar ein Kunstprodukt. Die zweite Schwierigkeit besteht sicher darin, in den gesamten Dialogen die platonischen und sokratischen Meinungen zu scheiden: Ein Unterfangen, das für alle Seiten befriedigend wohl kaum durchgeführt werden kann.

Warum nun fühlte sich Sokrates zu seinem Tun (ein Stachel im Fleisch der Athener zu sein und zu mahnen) berufen? Zum einen war eben die Zeit solchem Tun günstig: Wer die Kunst des Disputierens beherrschte, konnte in der demokratischen Gesellschaft die Wähler beeinflussen und vielleicht Karriere machen. Sokrates war eben einer von diesen Lehrern - und er hatte nicht wenige Schüler, die einflussreiche Positionen erreichten. Dass er selbst solche nicht anstrebte, hat er in mehreren Dialogen mit einer Art "inneren Stimme" begründet: Immer wenn er sich zu etwas Derartigem entschlossen hätte, wäre diese Stimme auf den Plan getreten und hätte ihn daran verhindert. Das ist natürlich eine etwas billige Argumentation, war er zu faul, fühlte er sich wohl in der Position des Strippenziehers im Hintergrund? Es mögen wohl diese sehr viel profaneren Gründe als die semi-göttliche Eingebung eine Rolle gespielt haben.

Was den quasi-religiösen Aspekt des sokratischen Denkens anbelangt, muss die von mir schon im vorherigen Beitrag erwähnte Definition des Guten, Schönen (der Lust - Unlust) betrachtet werden: Dadurch, das für die "richtige" Erkenntnis dieser Dinge nach Sokrates Wissen notwendig ist, befindet er sich im Gegensatz zu den christlichen Moralvorstellungen (die da von der Einfalt des Herzens schwärmen) und sehr viel näher bei Kant und dessen Pflichtdenken. Allerdings ist bei Sokrates dieses Wissen gleichzeitig eine Art der Erkenntnis, die "richtiges" Handeln automatisiert, es gibt nichts mehr zu überwinden, das richtige, moralische Tun genügt sich selbst, ist schon "Lust" (nicht in dem von uns verstandenen sexuell konnotiertem Sinn, eher Lebensfreude) - und weil niemand eine Handlung vorzieht, die weniger Lustgewinn verspricht, braucht es also nur dieses richtige Wissen, um moralisch handeln zu können. (Protagoras; so nebenher der Vorschlag: Wollen wir uns nicht ein wenig Platon zu Gemüte führen?)

Am Ende des Sokrates-Kapitels scheint Russel übrigens den guten Mann zu missinterpretieren: "Lernen heiße immer nur sich dessen zu erinnern, was wir bereits (in einem früheren Leben?) gewusst haben". Dass dies - wie Russel meint - bedeuten würde, dass es zu keinen neuen Erkenntnissen kommen könne, ist Unsinn: Hier ist im sokratischen Sinne von seiner "Hebammenkunst" die Rede, davon, dass eben jeder Mensch dieses (verborgene) Wissen um das richtige Tun schon besitze bzw. die Fähigkeit habe, ein solches Wissen zu erlangen. Nach meinem Dafürhalten konterkariert das keineswegs die Tatsache, dass im Verlaufe der Menschheitsgeschichte immer wieder neue wissenschaftliche Erkenntnisse (mit neuen Methoden) gewonnen werden - bzw. es hat mit einem solchen Wissenszuwachs überhaupt nichts zu tun, da Sokrates hier - wie auch überall sonst - als Moralphilosoph agiert.

lg

orzifar

Mir fällt (das ist ja ein Wiederlesen) auf, wie sehr sich gerade die Rezeption von philosophischen Werken im Laufe eines Lebens ändert. Diese vielen schludrigen, ein wenig unausgegorenen Kapitel habe ich so nicht in Erinnerung bzw.: Ich habe sie vor einigen Jahrzehnten sehr viel kritikloser gelesen.
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #42 on: 13. April 2011, 19.49 Uhr »
(Protagoras; so nebenher der Vorschlag: Wollen wir uns nicht ein wenig Platon zu Gemüte führen?)

Parallel zu Leibniz?  :D - Ja, wie schon bei den ersten Ideen zu dieser Leserunde angetönt: Wir müssten unbedingt den einen oder andern Originaltext noch lesen. Allerdings liegt auch mein Platon in einer Umzugskiste bis ca. Ende Mai ...
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Offline orzifar

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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #43 on: 13. April 2011, 19.55 Uhr »
Parallel zu Leibniz?  :D - Ja, wie schon bei den ersten Ideen zu dieser Leserunde angetönt: Wir müssten unbedingt den einen oder andern Originaltext noch lesen. Allerdings liegt auch mein Platon in einer Umzugskiste bis ca. Ende Mai ...

 die Apologie (halte ich für das künstlerisch beste Werk) wäre natürlich auch sehr lesbar. Oder der Phaidon. Ja, alles parallel - bissi Nikomachsche Ethik noch dazu  ;D

lg

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« Last Edit: 13. April 2011, 21.36 Uhr by orzifar »
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Re:Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #44 on: 14. April 2011, 07.51 Uhr »
die Apologie (halte ich für das künstlerisch beste Werk) wäre natürlich auch sehr lesbar. Oder der Phaidon. Ja, alles parallel - bissi Nikomachsche Ethik noch dazu  ;D

Ich müsste nachschauen können - eines der Frühwerke würde ich gern mal wiederlesen, kann aber so keinen Titel angeben. Die Nikomachische Ethik ... Hm .... Hat mir vor so rund 30 Jahren mal gut gefallen. Ein Versuch vor 5 Jahren, sie wiederzulesen ist einer gähnenden Langeweile zum Opfer gefallen. (Ein Phänomen, das ich übrigens auch von Ciceros Gespräcghen in Tusculum kenne, die ich als Student gerne gelesen habe und an deren Atmosphäre ich mich gern erinnere. Aber wenn ich versuche, sie wieder zu lesen .... )
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