Author Topic: Charles Bukowski: 439 Gedichte  (Read 49980 times)

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #45 on: 28. März 2010, 06.40 Uhr »
Schön, das wird ja eine richtig grosse Runde. Ich habe das Buch nicht dabei, kann also im Moment nicht sagen, wo ich stecke. Jedenfalls habe ich, was ihr, mombour und Gontscharow, kommentiert habt, schon gelesen.  :hi:
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Offline mombour

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #46 on: 28. März 2010, 07.39 Uhr »


Nana ist der Name einer Prostituierten und femme fatale aus dem gleichnamigen Roman von Zola.

Nach einer Weile höre ich
die Klosettspülung.
Ihr Name ist Nana, und sie
bewohnt die Erde schon seit
5000 Jahren.


Eine Verteterin des ältesten Gewerbes der Welt, Abteilung männermordend.


ah, diese Nana, dann ist es ja klar, wenn sie das Interesse an Männern verliert, wenn diese etwas für sie empfinden. Männermordernd auch im Roman? Im Roman soll sie alles verderben, was sie berührt und erniedrigt die Männer. Im Gedicht bringen sich einige Herren um oder werden wahnsinnig. Eine hinterlistige Person, wohl. Es wird Zeit, dass ich den Roman lese.

Freut mich, dass du mitliest, Gontscharow. Ich werde noch mal die ersten hundert Seiten unseres Buches durchforsten. Vielleicht entdecke ich noch was schönes, was sich zu besprechen lohnt.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #47 on: 28. März 2010, 09.11 Uhr »
"Nana" ist übrigens ein schönes Beispiel für Bukowskis Montagen: Er nimmt Personen aus den niedersten und ordinärsten Schichten inkl. deren Sprache und montiert einen schon fast mythologischen Hintergrund ("bewohnt die Erde schon seit 5'000 Jahren"), den er zusätzlich mit einem klassisch-bildungsbürgerlichen, literarischen Namen verziert. Oder er benutzt auch einfach nur den Namen, ohne einen weiteren Hintergrund anzudeuten. So schillert unser Autor zwischen Unterhosen und Goethe ...
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Offline Gontscharow

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #48 on: 28. März 2010, 11.13 Uhr »
Er nimmt Personen aus den niedersten und ordinärsten Schichten inkl. deren Sprache und montiert einen schon fast mythologischen Hintergrund ("bewohnt die Erde schon seit 5'000 Jahren"), den er zusätzlich mit einem klassisch-bildungsbürgerlichen, literarischen Namen verziert.

Zolas Nana kommt allerdings auch aus der untersten Unterschicht. Sie ist Abkömmling der heruntergekommenen Familie Rougon-Macquart. Anders als Zola, der seine Nana von außen wie eine Laborratte unter den Bedingungen von race, milieu, moment beobachtet, ist Bukowski/Chinaski selbst involviert, ist oder wird ihr Opfer. Sie hat sich bei ihm bereits häuslich niedergelassen.(Daher die mitzitierte Klosettspülung)
Nana ist ein erotischer Archetypus, der Männer zum Verhängnis werdenden Art, präsent in Literatur, Folklore, Mythos. Buk hätte sie auch Carmen (Si tu ne m'aimes pas, je t'aime ...) , Esmeralda oder anders nennen können.
Heute wäre Nana wohl in Therapie - wegen Borderline.
« Last Edit: 28. März 2010, 11.36 Uhr by Gontscharow »

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #49 on: 28. März 2010, 14.54 Uhr »
Zolas Nana kommt allerdings auch aus der untersten Unterschicht. Sie ist Abkömmling der heruntergekommenen Familie Rougon-Macquart.

Sicher, ja. Bukowski montiert ja nicht einfach Namen in die Gedichte. Er verfügt über dasselbe bildungsbürgerliche Wissen wie wir. Und schlägt es uns um die Ohren, indem er Gefängnisinsassen in Dichter umdenkt und reale Huren in literarische Figuren. Das Ganze ist allerdings wieder "nur" Literatur und die "reale Hure" Nana ist ebenfalls nur eine literarische Gestalt. (So, wie das "Ich" der Gedichte nicht Bukowski sondern Chinaski ist.)
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BigBen

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #50 on: 29. März 2010, 08.01 Uhr »
Endlich mal ein Gedicht, das mir richtig gut gefallen hat - "Revolte beim Fußvolk" (S. 134). Eine sehr humorvolle und selbstreferentielle Form der Schreibhemmungsbeschreibung. Diese Form hätte ich Bukowski nach dem bisher Gelesenem gar nicht zugetraut.
Der Rest ist nach wie vor gepflegte Langeweile. Das ist einfach eine Welt, zu der ich keinen Zugang habe.

Offline Gontscharow

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #51 on: 29. März 2010, 12.15 Uhr »
Endlich mal ein Gedicht, das mir richtig gut gefallen hat - "Revolte beim Fußvolk" (S. 134). Der Rest ist nach wie vor gepflegte Langeweile.

Ich ging rüber zu einer
Mülltonne, legte es darauf
ließ mir seinen Namen sagen
signierte es, gab es
zurück.


Das ist aus dem Gedicht Ein Landsmann (S.203). Den mit der Wahl der Unterlage verbundenen Hinweis auf den Inhalt des signierten Werkes fand ich irgendwie sinnig! Also wenn schon, dann bitte ungepflegte Langeweile! ;)

Mir geht es umgekehrt mit den Gedichten: Ich finde sie meist äußerst unterhaltsam und muss mich stoppen beim Lesen. Sie beleuchten schlaglichtartig Szenen und Stationen aus Chinaskis/Bukowskis Leben und sind irgendwie auch ein kleines Welttheater. Meist ohne zu romantisieren oder platt zu sein, sind sie treffend realistisch und sozialkritisch, voller Ironie und Doppelbödigkeit.
Das Gedicht Revolte beim Fußvolk finde ich nun wiederum eher nichtssagend.

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #52 on: 30. März 2010, 08.45 Uhr »
Eine sehr humorvolle und selbstreferentielle Form der Schreibhemmungsbeschreibung.

Eine Schreibhemmung, die er offenbar dadurch überwindet, dass er über sie schreibt ...  >:D

Das ist aus dem Gedicht Ein Landsmann (S.203).

Da bin ich noch nicht. Ich habe bis und mit S. 153 gelesen, werde heute Abend dann noch 5 weitere Gedichte zu mir nehmen.

Gepflegte oder ungepflegte Langeweile? Hm ... insofern als dass Bukowski seinen Stil, seine Sprache, seine Themen sehr deutlich pflegt, eher ersteres.  8)
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Offline Sir Thomas

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #53 on: 30. März 2010, 19.42 Uhr »
Mir geht es umgekehrt mit den Gedichten: Ich finde sie meist äußerst unterhaltsam und muss mich stoppen beim Lesen.

Stimmt! Meine relativ kleine Auswahl (schlappe 30 - 40 Gedichte) habe ich in Rekordgeschwindigkeit inhaliert, was ich bei Lyrik normalerweise nicht hinbekomme.

Sie beleuchten schlaglichtartig Szenen und Stationen aus Chinaskis/Bukowskis Leben und sind irgendwie auch ein kleines Welttheater. Meist ohne zu romantisieren oder platt zu sein, sind sie treffend realistisch und sozialkritisch, voller Ironie und Doppelbödigkeit.


Vollste Zustimmung. Treffend formuliert.

Viele Grüße

Tom

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #54 on: 30. März 2010, 20.45 Uhr »
"Niemand zuhause" (S. 154): eine wunderschön-melancholische Liebesgeschichte. Ohne Happy Ending ...
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Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #55 on: 31. März 2010, 20.56 Uhr »
Die nächsten 5 dann wieder unterdurchschnittlich ...  :-\
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Offline Gontscharow

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #56 on: 31. März 2010, 23.53 Uhr »

"Niemand zuhause" (S. 154): eine wunderschön-melancholische Liebesgeschichte. Ohne Happy Ending ...

Ein Mann beschreibt seine Wohnung, die er seit einiger Zeit kaum noch bewohnt, er holt nur ab und zu die Post und verschwindet dann wieder. Dann - ziemlich unvermittelt -  die Feststellung:

...Tja. Eine heiße
Frau kann einen Mann glatt aus
seiner Schale pflücken. Aus seiner Haut, wenn sie will.


Das ist wohl der Grund, warum seine Wohnung verwaist ist, sein Leben scheint sich bei der Frau abzuspielen. Die Wohnung, die verlassene Schale aus der sie ihn, den ehemaligen Eremiten, Einsiedler gepflückt hat, wird bis zu den Rissen in der Decke und der kaputten Fliegengittertür weiter beschrieben, nicht aber die Beziehung.
Gerade in der Aussparung der Liebesgeschichte liegt für mich der künstlerische Witz des Gedichts, die Intensität der Liaison ist am Grad der Verlassenheit der Wohnung zu ermessen.

Die nächsten 5 dann wieder unterdurchschnittlich ...  :-\

Ja, aber die Flucht vor der Frau im Supermarkt fand ich doch einigermaßen amüsant.
Was ist mit der Hymne aus dem Zentrum des Orkans? Erinnert im Stil an irgend etwas, einen Song?
Einige Sprüche daraus hab ich mir aber unterstrichen:

Die größte Leuchtkraft hat der erste Drink des Abends.

Neun Zehntel der Menschheit machen in Selbstmitleid
und die restlichen zehn Prozent lassen sie schlecht
aussehen.

Nur Langweiler können sich langweilen.

Nur die falschen Fahnen flattern.

Gott ist eine Erfindung von Luschen.


Jeder nimmt sein Hölle mit, wohin er geht.

BigBen

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #57 on: 01. April 2010, 07.53 Uhr »
Ja, aber die Flucht vor der Frau im Supermarkt fand ich doch einigermaßen amüsant.
Was ist mit der Hymne aus dem Zentrum des Orkans?

Ja, die beiden sind mir auch positiv aufgefallen. Die wirken nicht wie die xte Wiederholung seiner Lieblingsthemen.

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #58 on: 01. April 2010, 20.59 Uhr »
Die nächsten 5: dito ...  ;)
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Offline Gontscharow

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #59 on: 01. April 2010, 21.32 Uhr »

Die nächsten 5: dito ...  ;)

positiv aufgefallen. Die wirken nicht wie die xte Wiederholung seiner Lieblingsthemen.

oder

Die nächsten 5 dann wieder unterdurchschnittlich ...  :-\

?