Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255832 times)

Offline sandhofer

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Allerdings, das Ganze spielt (wieder) im fernen Morgenland und von einer aufgeklärten kritischen Infragestellung des Herrschaftssystem ist natürlich nicht die Rede, im Gegenteil…

Da gebe ich Dir Recht.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

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Als ich den Titel des V. Beitrags: Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden von dem verstorbenen Lenz las, war ich einigermaßen überrascht. Eine Sturm-und Drang- Erzählung in den Horen? Noch dazu von Jakob Michael Reinhold Lenz?
Seine Beziehung zu Goethe, sein Zerwürfnis mit ihm und der Welt, seine Lebens- und Krankengeschichte und nicht zuletzt seine Dichtung - ich kenne und schätze besonders den Hofmeister- machen ihn zu einer überaus interessanten Erscheinung der Literaturgeschichte. Nicht ohne Grund avanciert er später zur literarischen Figur,  bei Georg Büchner etwa oder Peter Schneider.
Am 17. Januar 1797 schreibt Schiller an Goethe:
Fällt Ihnen etwas von der Lenzischen Verlassenschaft in die Hände, so erinnern Sie sich meiner. Wir müssen alles was wir finden, für die Horen zusammenraffen…
Und am 2. Februar 1797, nachdem ihm Goethe einige der „wunderlichen Hefte“ zugesandt hat:
Die Lenziana, so weit ich bis jetzt hineingesehen, enthalten sehr tolles Zeug, aber die Wiedererscheinung dieser Empfindungsweise zu jetzigen Zeiten wird sicherlich nicht ohne Interesse sein, besonders da der Tod und das unglückliche Leben des Verfassers allen Neid ausgelöscht hat, und diese Fragmente immer einen biographischen und pathologischen Werth haben müssen.
Also weniger oder gar nicht wegen seiner literarischen Qualität oder Originalität  wird der Waldbruder veröffentlicht, sondern  weil man ihn als Lückenfüller gebrauchen kann und die unglückliche Lebensgeschichte des Verfassers der Sensationslust des Lesepublikums entgegenkommt.
Und noch ein weiterer unlauterer Grund, warum Schiller scharf auf die Lenziana ist, klingt an: dem Verstorbenen muss kein Honorar gezahlt werden.
Schiller an Goethe am 5. Mai 1797:
Was die Karte zum Moses betrifft, so wollen wir, wenn es Ihnen recht ist, den Lenzischen Aufsatz, den ich in das fünfte Horenstück einrücken lasse, dazu bestimmen, daß die Ausgabe für jene Karte davon bestritten wird. Ich habe Cotta versprochen, daß ihn kein Bogen mehr als vier9) Louisdors kosten solle; sonst hätte er die Horen nicht gut fortsetzen können. Auf diese Art aber macht er sich sehr gut.
Das hat Lenz nicht verdient….Der ominöse Moses erschien mWs nicht.
Was mich interessieren würde: Wie kam ausgerechnet Goethe, der Lenz aus Weimar hatte ausweisen lassen, zur Verfügungsgewalt  über die Lenziana?

Allem anderen von dir Gesagten ist von meiner Seite nichts hinzuzufügen.  8)
« Last Edit: 30. April 2015, 23.50 Uhr by Gontscharow »

Offline sandhofer

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Eine Sturm-und Drang- Erzählung in den Horen?

Wenn wir dann noch hinzunehmen, dass der Maler Müller in seinem Beitrag eine Sturm-und-Drang-Ästhetik propagiert, könnte man diese Nummer nachgerade eine des Rücksturzes in den Sturm und Drang nennen.

Die literarische Qualität des Waldbruders würde ich im Übrigen doch etwas höher einstufen als Goethe und Schiller. Für die Horen ist sie gar unverschämt hoch...
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Offline Gontscharow

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Eine Sturm-und Drang- Erzählung in den Horen?

Wenn wir dann noch hinzunehmen, dass der Maler Müller in seinem Beitrag eine Sturm-und-Drang-Ästhetik propagiert, könnte man diese Nummer nachgerade eine des Rücksturzes in den Sturm und Drang nennen.


Allerdings mit dem Unterschied, dass es sich bei Lenz’ Text um einen originalen Sturm- und- Drang-Text handelt, während Maler Müllers Elaborat zwanzig Jahre zu spät kommt.
Ich halte Müllers Schreiben ehrlich gesagt für rhetorisch aufgeblähten Stuss. Zum Glück tragen ja  auch im Endeffekt sowohl der Kritiker Fernow als auch Maler Carstens ( in der Wertschätzung Goethes) den Sieg über Maler Müller davon.  ;)

Offline sandhofer

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während Maler Müllers Elaborat zwanzig Jahre zu spät kommt.

Ja. Das war in gewissem Sinn die Tragik dieses Mannes...
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Offline sandhofer

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Unterdessen ist auch diese Nummer im Blog zu finden: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6279
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Offline sandhofer

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N° 5.

Lenz' Waldbruder lässt nach. Die Geschichte mäandert, und Lenz muss 3 Pseudo-Briefe einfügen, um dem Leser den Gang der Ereignisse erzählen zu können, die er ihm nicht durch einen auktoriellen Erzähler mitteilen kann/will. Dann hört die Geschichte abrupt auf - wohl ein Fragment, das Lenz hinterlassen hat.

Voß übersetzt diesmal Ovid. Das Episch-Spannende liegt ihm mehr, und so ist die Übersetzung durchaus geniessbar.

Pfeffels Volksrath ist nach 5 Zeilen vorhersehbar und war wohl eher als Füllsel gedacht...
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Offline Gontscharow

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Die offenen Fragen zum Waldbruder ließen mir keine Ruhe und ich habe ein wenig recherchiert :

Der (Unter-)Titel „Pendant zu Goethes Werther“ ist keine Erfindung von Goethe/Schiller, sondern scheint von Lenz zu stammen. Das Prosafragment wird von ihm selbst zuerst in einem Brief an den Verleger Boie so genannt.

Lenz schrieb den Waldbruder 1776 in Berka, wohin er vor dem Weimarer Hofleben geflohen war. Allenthalben wird angenommen, dass Herz Lenz und Rothe Goethe  darstellen soll...Kurz darauf kam es zu dem denkwürdigen Zerwürfnis mit Goethe. Ursachen und Beweggründe sind unbekannt. Eindeutig ist nur: Goethe hat Druck gemacht und erreicht, dass Lenz "reisen" musste. Es gab Widerspruch  und Stimmen, die für Lenz Partei ergriffen (Wieland, Frau von Stein u.a.) Goethe beseitigte alle Spuren seiner Freundschaft mit Lenz (Briefe u.ä.) Er setzte durch, dass er nicht daran erinnert , der Freund nicht erwähnt wurde. Und ausgerechnet Goethe war das Manuskript des Waldbruders und anderer „Lenziana“ anvertraut! Eigentlich unglaublich. Er scheint sich in der Folgezeit geweigert zu haben, etwas davon zu veröffentlichen. Wie war das möglich, es war doch Lenz’ Eigentum bzw das seiner Erben. Umso erstaunlicher, dass er zwanzig Jahre nach der Entstehung des Fragments und fünf Jahre nach Lenzens Tod Schiller das Manuskript zur Veröffentlichung in den Horen überlässt. Wie muss das auf die Leser gewirkt haben?! Lenz war doch seit 20 Jahren in Weimar tabu. Das Ganze wirft ein seltsames Licht auf den doch recht willkürlichen Umgang unserer Dichterfürsten mit zeitgenössischen Dichterkollegen. Interessant: Noch Tieck verzichtet in seiner Lenz-Ausgabe von 1828 (der ersten) aus Rücksicht auf Goethe auf den „Waldbruder“.

Zu Voss:
Ja, ich finde seine Übersetzung auch lesbar. Schiller hatte ja einige Zeit zuvor Hölderlin gebeten, den Phaiton zu übersetzen. Wohl aus pädagogisch-therapeutischen Gründen. Leider scheiterten beide. Hölderlins Phaiton hätte ich noch lieber gelesen.

Offline sandhofer

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Danke für Deine Recherche. Ja Schiller und (vor allem!) Goethe und ihre Zeitgenossen. Könnte man ein Buch drüber schreiben - das aber sicher schon geschrieben ist. Nein, vor allem Goethe muss ein zuweilen recht unangenehmer Zeitgenosse gewesen sein. Um so weniger verstehe ich, wie die Romantiker sich vor allem auf Schiller einschiessen konnten. Goethe wäre ein viel lohnenderes Ziel gewesen...
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Offline Karamzin

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Was Lenz betrifft, so ist  durch die überaus gründliche zweibändige Ausgabe seiner "Moskauer Schriften und Briefe" durch Heribert Tommek (2007), der sich mit Russlandkundlern beriet, eine neue Ausgangssituation für die Forschung entstanden. In seinen letzten Lebensjahren sprudelte Lenz über, es finden sich mannigfache Ideen, Projekte, Übersetzungen und Werke auf verschiedenen Wissensgebieten, mit und ohne ästhetischem Anspruch, über Wasserbau, Kanalisation, Außenhandel, Schulgründungen, Bibelübersetzung, Sprache und Symbole - und das ist in den meisten Fällen gar nicht "verrückt", sondern hat immer einen Bezug zum realen Leben in Russland und zu den Vorhaben der Zeitgenossen.
Lenz siechte nicht im Wahnsinn dahin und endete nicht, wie es die Legende will, als namenloses Opfer auf einer Moskauer Strasse.
Karamzin lebte mit Lenz jahrelang in einer Art "Wohngemeinschaft" und ließ sich von ihm für seine Europareise 1789/90 beraten, er wurde von Lenz vorbereitet auf Treffen mit Kant, Goethe, Herder, Wieland und Lavater. Als Karamzin in Weimar weilte, hielt er unter dem 22. Juli 1789 fest:
"Ich habe hier manche Anekdoten von unserem Lenz gehört" und berichtet u.a. von dessen unpassendem Auftritt als "Domino" auf einem Ball, als er die Standesunterschiede ignorierte:

"... aber die betitelten Herren und Damen, die den Weimarischen Hof ausmachten, meinten, daß dem naseweisen Lenz dafür wenigstens der Kopf vor die Füße gelegt werden müsse."
Nikolai Karamsin: Briefe eines russischen Reisenden. Berlin 1977, S. 166.

Klinger, der auch herausgeworfen wurde und etwa gleichzeitig wie Lenz nach Russland ging, hat dort auch über Weimar berichtet, aber das ist weniger faßbar. 

Auf der Grundlage der Lenz-Ausgabe von 2007 erweckte unlängst ein gewisser Oleg Jur'ev zuerst Hoffnungen und lieferte dann letztlich eine Mystifikation ab:
"Neizvestnye pis'ma. Ja. M. R. Lenc - N. M. Karamzinu" (Unbekannte Briefe. Ja. M. R. Lenz an N. M. Karamzin). St.Petersburg 2014.
Das wäre etwas gewesen, ein neu entdeckter Brief Lenzens, es waren bisher überhaupt keine Briefe an Karamzin bekannt (weil sie eben nebeneinander wohnten)!
Stattdessen wird ein Brief in russischer Sprache, die Lenz gut beherrschte, vom 23. Mai 1792, am Vorabend seines Todes,  geboten, angeblich aus dem Moskauer Staatsarchiv (Polizeiakten über die Verfolgung der Moskauer Freimaurer 1792), gespickt mit Einzelheiten (die aus der Ausgabe der Moskauer Werke und Briefe von 2007 hervorgehen und die in Russland vielleicht nur zwei oder drei Leute kennen dürften) und durchweg angenehmen Erinnerungen Lenzens an den Freund Goethe.
Ich habe mich natürlich geärgert, dass ich dem Schmarrn beinahe auf den Leim gegangen wäre und Geld für das Büchlein ausgegeben habe. :(
Dass der Brief nicht echt ist, sieht man schon daran, dass angeblich Lenz darin von "Aufklärung (prosveshchenie) und Zivilisation (civilizacija)" schreibt, die in Russland eingeführt werden müssten; man benutzte aber 1792  im Zarenreich noch nicht das Wort "Zivilisation" (und auch nicht "Kultur"). 


Wir kommen nicht weiter, ehe wir nicht wissen, worin 1776 "Lenzens Eseley" bestand, die den Anlaß für seine Ausweisung lieferte. Die Quellenlage wird sich nicht wesentlich ändern.

Die Klassikstiftung und die Anhänger Ghibellinos stehen sich unversöhnlich gegenüber, anstatt miteinander ins Gespräch zu kommen, was durch das eigenwillige Auftreten des italienischen Juristen nicht einfacher wird.
Wilhelm Solms: Das Geheimnis in Goethes Liebesgedichten. 2014, lieferte im vorigen Jahr durchaus Nachdenkenswertes.

Seit vergangenem Herbst bin ich leider nicht mehr dazu gekommen, mich gründlicher mit den "Horen" zu befassen und hier etwas Zusammenhängendes zu schreiben. Das sog. "reale Leben" hielt Turbulenzen genug bereit.
Dass ich die "Agnes von Lilien" offenbar mit mehr Gewinn gelesen habe (Nachbar-Thread), hängt vielleicht damit zusammen, dass ich erschütternd wenig Leseerfahrungen in großen Bereichen der Literatur des 19./20./21. Jahrhunderts habe und daher eventuell anders lese; ich hatte etwa Rousseaus "La Nouvelle Heloise" (1761) oder Sophie La Roches "Fräulein von Sternheim" vor Augen (dann aber auch noch nicht Zeit/Muße/Nerven etwa für Richardsons "Pamela") - da schien mir im Vergleich zu diesen älteren Werken Caroline von Wolzogens Roman mehr Überraschungen zu bieten.
« Last Edit: 02. Juni 2015, 09.34 Uhr by Karamzin »

Offline sandhofer

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Wir kommen nicht weiter, ehe wir nicht wissen, worin 1776 "Lenzens Eseley" bestand,

Ich vermute ja, dass er der Herzogin-Mutter in den Ausschnitt gelangt hat ...
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Offline sandhofer

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Im Übrigen ist N° 5 jetzt im Blog abgelegt.
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Offline Gontscharow

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Eigentlich wollte ich  noch vor meiner Abfahrt etwas über die Juni-Nummer schreiben, aber ich schaff's nicht mehr. Dabei ist sie einigermaßen interessant. Endlich ein Beitrag von Hölderlin und parallel zur letzten Folge Cellini beginnt Villeneuveals Ersatz- und Nachfolge, nicht übersetzt von Goethe, wie Schiller es sich gewünscht hatte, sondern von Schillers Schwager....
Ich muss los, meine Fähre (nicht Fere ;)) geht ...
In zwei Wochen hört Ihr wieder von mir, auch etwas über Lenz , mit dem ich mich beschäftigt habe. Ich glaube, ich habe Goethe, und vor allem Schiller unrecht getan... :hi:


Offline sandhofer

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In zwei Wochen hört Ihr wieder von mir, [...]

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Offline sandhofer

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Dem Cellini trauere ich nicht nach. A. W. Schlegels Aufsatz über Shakespeares Romeo und Julia ist hingegen sehr interessant und zeigt die beginnende Neueinschätzung des Engländers. Schlegel wird zwar zwischendurch recht kitschig in seiner Analyse, aber was er gegen Johnson und gegen Garricks Änderungen vorbringt, ist konstistent und hat Hand und Fuss. Dass er zuletzt als Beispiel, wie die Deutschen Shakespeare besser verstanden, Lessing beibringt, ist ein frühes Zeugnis des aufkommenden Gedankens, dass die Deutschen aufgrund der Sprache (?) eine besondere Affinität zu Shakespeare haben.
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