Was Lenz betrifft, so ist durch die überaus gründliche zweibändige Ausgabe seiner "Moskauer Schriften und Briefe" durch Heribert Tommek (2007), der sich mit Russlandkundlern beriet, eine neue Ausgangssituation für die Forschung entstanden. In seinen letzten Lebensjahren sprudelte Lenz über, es finden sich mannigfache Ideen, Projekte, Übersetzungen und Werke auf verschiedenen Wissensgebieten, mit und ohne ästhetischem Anspruch, über Wasserbau, Kanalisation, Außenhandel, Schulgründungen, Bibelübersetzung, Sprache und Symbole - und das ist in den meisten Fällen gar nicht "verrückt", sondern hat immer einen Bezug zum realen Leben in Russland und zu den Vorhaben der Zeitgenossen.
Lenz siechte nicht im Wahnsinn dahin und endete nicht, wie es die Legende will, als namenloses Opfer auf einer Moskauer Strasse.
Karamzin lebte mit Lenz jahrelang in einer Art "Wohngemeinschaft" und ließ sich von ihm für seine Europareise 1789/90 beraten, er wurde von Lenz vorbereitet auf Treffen mit Kant, Goethe, Herder, Wieland und Lavater. Als Karamzin in Weimar weilte, hielt er unter dem 22. Juli 1789 fest:
"Ich habe hier manche Anekdoten von unserem Lenz gehört" und berichtet u.a. von dessen unpassendem Auftritt als "Domino" auf einem Ball, als er die Standesunterschiede ignorierte:
"... aber die betitelten Herren und Damen, die den Weimarischen Hof ausmachten, meinten, daß dem naseweisen Lenz dafür wenigstens der Kopf vor die Füße gelegt werden müsse."
Nikolai Karamsin: Briefe eines russischen Reisenden. Berlin 1977, S. 166.
Klinger, der auch herausgeworfen wurde und etwa gleichzeitig wie Lenz nach Russland ging, hat dort auch über Weimar berichtet, aber das ist weniger faßbar.
Auf der Grundlage der Lenz-Ausgabe von 2007 erweckte unlängst ein gewisser Oleg Jur'ev zuerst Hoffnungen und lieferte dann letztlich eine Mystifikation ab:
"Neizvestnye pis'ma. Ja. M. R. Lenc - N. M. Karamzinu" (Unbekannte Briefe. Ja. M. R. Lenz an N. M. Karamzin). St.Petersburg 2014.
Das wäre etwas gewesen, ein neu entdeckter Brief Lenzens, es waren bisher überhaupt keine Briefe an Karamzin bekannt (weil sie eben nebeneinander wohnten)!
Stattdessen wird ein Brief in russischer Sprache, die Lenz gut beherrschte, vom 23. Mai 1792, am Vorabend seines Todes, geboten, angeblich aus dem Moskauer Staatsarchiv (Polizeiakten über die Verfolgung der Moskauer Freimaurer 1792), gespickt mit Einzelheiten (die aus der Ausgabe der Moskauer Werke und Briefe von 2007 hervorgehen und die in Russland vielleicht nur zwei oder drei Leute kennen dürften) und durchweg angenehmen Erinnerungen Lenzens an den Freund Goethe.
Ich habe mich natürlich geärgert, dass ich dem Schmarrn beinahe auf den Leim gegangen wäre und Geld für das Büchlein ausgegeben habe.
Dass der Brief nicht echt ist, sieht man schon daran, dass angeblich Lenz darin von "Aufklärung (prosveshchenie) und Zivilisation (civilizacija)" schreibt, die in Russland eingeführt werden müssten; man benutzte aber 1792 im Zarenreich noch nicht das Wort "Zivilisation" (und auch nicht "Kultur").
Wir kommen nicht weiter, ehe wir nicht wissen, worin 1776 "Lenzens Eseley" bestand, die den Anlaß für seine Ausweisung lieferte. Die Quellenlage wird sich nicht wesentlich ändern.
Die Klassikstiftung und die Anhänger Ghibellinos stehen sich unversöhnlich gegenüber, anstatt miteinander ins Gespräch zu kommen, was durch das eigenwillige Auftreten des italienischen Juristen nicht einfacher wird.
Wilhelm Solms: Das Geheimnis in Goethes Liebesgedichten. 2014, lieferte im vorigen Jahr durchaus Nachdenkenswertes.
Seit vergangenem Herbst bin ich leider nicht mehr dazu gekommen, mich gründlicher mit den "Horen" zu befassen und hier etwas Zusammenhängendes zu schreiben. Das sog. "reale Leben" hielt Turbulenzen genug bereit.
Dass ich die "Agnes von Lilien" offenbar mit mehr Gewinn gelesen habe (Nachbar-Thread), hängt vielleicht damit zusammen, dass ich erschütternd wenig Leseerfahrungen in großen Bereichen der Literatur des 19./20./21. Jahrhunderts habe und daher eventuell anders lese; ich hatte etwa Rousseaus "La Nouvelle Heloise" (1761) oder Sophie La Roches "Fräulein von Sternheim" vor Augen (dann aber auch noch nicht Zeit/Muße/Nerven etwa für Richardsons "Pamela") - da schien mir im Vergleich zu diesen älteren Werken Caroline von Wolzogens Roman mehr Überraschungen zu bieten.