Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255785 times)

Offline sandhofer

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Die Frage versteh ich nu gar nicht. Wo zwei versammelt sind... Meine letzten Beiträge zu den Horen sind vom 30.6. und 1.7., nicht bemerkt?

Doch, doch. Aber ich habe bei mir selber bemerkt, dass ich nur noch kurz vor Monatsende eine weitere Nummer lese, und ein paar Bemerkungen im Forum deponiere. Da war ich mir nicht sicher, ob überhaupt noch jemand gerne weiterliest.


Bitte mit der "Verbloggung" von 1796/7 noch etwas zu warten. Welche "administrativen Gründe"  sind das denn?

Abwesenheit aus beruflichen Gründen.  :hi:
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Offline Sir Thomas

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Gibt es diese Leserunde überhaupt noch?

Was mich betrifft: Ich bin dann mal raus. Schon die ersten Hefte des Jahrgangs 1796 waren so unergiebig wie ein Telefonbuch. Aber ich verfolge Eure Kommentare brav weiter.   

Offline sandhofer

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Im Telefonbuch ist mehr "Action"...  >:D
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Offline Gontscharow

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1796, VII. Stück

Der Verfasser der Ekloge, Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten, ist uns aus der vorangegangenen Nummer als Versifex bereits bekannt. Ekloge, eigentlich Auswahl aus einem größeren Werk bedeutend, ist hier wohl eher im späteren Sinne als bukolische Dichtung  zu verstehen. Der legendäre "Uferprediger" Kosegarten beschreibt darin sein beschauliches Leben auf seinem Landgut in der äußersten Thule, am Nordrand Rügens, im Kreise seiner Familie und als einsamer Denker und Dichter. Das ganze verbrämt mit griechischer Mythologie und natürlich in Hexametern. Für mich nur als Parodie seiner selbst genießbar, diese grauenhaft positiv dargestellte Welt, in der auch der lustigwedelnde Dachshund nicht fehlen darf, es aber auch larmoyant zugehen kann:

Quote from:  Kosegarten
Ich gedenke, der Zeit, der nahen vielleicht! wo ich selber
Lieg’ und schlafe den eisernen Schlaf, wo die liebende Gattin
Schluchzend des Schläfers Hügel besucht, wo meine Allwina
Jammernd dem Vater ruft, dem nieerwachenden Vater!

Vorher setzt er aber sein endloses Gedicht noch fort. Es ist übrigens die zweite von im ganzen fünf Eklogen, die noch heute, wie ich gesehen habe, unter dem Titel Jucunde: Eine ländliche Dichtung in fünf Eklogen gehandelt werden.
« Last Edit: 22. Juli 2014, 13.05 Uhr by Gontscharow »

Offline Gontscharow

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Auch  Karl Ludwig von Woltmann der Autor von Theoderich, König der Ostgothen ist kein Unbekannter für uns. Es handelt sich um  jenen smarten jungen Geschichtsprofessor aus Jena, der sich durch wenig überzeugende poetische Erzeugnisse ( Der Dorfkirchhof, Lethe) und in 1795/V durch den durchaus interessanten Beitrag zu einer Geschichte des französischen Nationalcharakters hervorgetan hat.
Hier und in der Fortsetzung im Augustheft nun gibt er einen Abriss von Theoderichs Leben und  seiner Königsherrschaft in Ravenna. Die Aussage über Theoderichs Maxime(..), daß nehmlich alle wissenschaftliche Kultur, so nützlich sie dem Staat seyn mächte, der Tapferkeit nachtheilig und daher eines Gothen unwürdig sei, hielt ich zunächst für Ironie. Im Laufe des Artikels und seiner Fortsetzung im Augustheft wird aber klar, dass W. das durchaus positiv sieht und darin sogar das Geheimnis von Theoderichs Erfolg zu erkennen glaubt. Die unvermischte Koexistenz  des zivilisierten gebildeten Wirtsvolks der Italiäner mit den naturbelassenen, naiven und kriegerischen Gothen sei der Schlüssel zu Frieden und Prosperität in Italien unter der Herrschaft Theoderichs gewesen. Ein wenig fühlt man sich an die „sich ergänzende Unterschiedlichkeit“ von Deutschen und Franzosen im Beitrag zur Geschichte des französischen Nationalcharakters erinnert. 
Wie dem auch sei, dass Theoderich durch Zwangsmaßnahmen durchgesetzt hat, dass die bei Ausschreitungen durch die Italiäner zerstörten Synagogen der Juden wieder aufgebaut werden und dass das einer der Gründe für den Niedergang der gotischen Herrschaft gewesen sein soll, war mir neu.


Woltmanns Theoderich hat mir Lust gemacht, Jorge Luis Borges Geschichte vom Krieger und der Gefangenen noch einmal zu lesen, die den clash of cultures im Ravenna des 6.Jahrhunderts am Beispiel des Germanen Droctulft anrührend, wie nur Borges es kann, beschreibt.
 
Terribilis visu facies, sed mente benignus,
 Longaque robusto pectore barba fuit.


Offline sandhofer

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Die Abgrenzung vom Französischen / Welschen war auch zeittypisch. Abgesehen davon, dass schon Tacitus gern als Zeuge herbeigezogen wird: Madame de Staël versucht ein Gleiches, mit ähnlichen Stereotypen. (Nur, dass sie den Deutschen für den tiefen Denker, den Franzosen für den weltgewandten Causeur hält.)
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Offline Gontscharow

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Die Abgrenzung vom Französischen / Welschen war auch zeittypisch.....Madame de Staël versucht ein Gleiches, mit ähnlichen Stereotypen. (Nur, dass sie den Deutschen für den tiefen Denker, den Franzosen für den weltgewandten Causeur hält.)

Jawohl. Daher schloss ich seinerzeit meine Besprechung von Karl Ludwig von Woltmanns Beitrag zu einer Geschichte des französischen Nationalcharakters mit einem Hinweis auf von Staëls De l'Allemagne:

Quote from:  Gontscharow, am 06.Mai 2013, 01.12 Uhr
Deutschland ist gleichsam das Magazin des erhabenen Genius, ...
Mit je größerer Selbstverleugnung wir (…) Nationaleitelkeit von uns entfernen, ....

Stellt nicht später auch Mme de Staël in De l’Allemagne diesen Zusammenhang her zwischen politischer Unbedeutendheit und Kullturleistungen? Und lässt Napoleon das Buch nicht auch deshalb einstampfen?...

Offline sandhofer

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Genau. Noch im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 glaubten ja die Franzosen, ein leichtes Spiel zu haben, weil Madame de Staël nur den französischen Soldaten echten Kampfesmut zusprach, den deutschen nicht. War dann plötzlich umgekehrt ...  >:D
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Offline sandhofer

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[...] Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten [...]. Für mich nur als Parodie seiner selbst genießbar[...]

Traun, fürwahr.

Nicht nur, dass die Töchter am Webstuhl die alternden Eltern erleichtern (nein, ich will mir das gar nicht erst vorstellen!), wir sehen auf dem Hof auch die ehrbarwandelnde Kuh mit strozzendem Euter. Ich dachte im ersten Moment, er wird frech und meint die Magd, aber er meint wirklich eine Kuh. Dafür habe ich das Wort "Leim" wieder gefunden, das ich in einem andern Zusammenhang mal gesucht hatte. Und das Ganze hat natürlich eine moralische Ordnung und zeigt die weise Güte des Weltplans. Die Physikotheologie war auch 1796 noch nicht tot.
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Offline sandhofer

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Woltmann kann immerhin schreiben. Seine Geschichte Theoderichs versucht sich auch in einer kritischen Auseinandersetzung mit seinen geschichtsschreibenden Vorgängern, allen voran Gibbon. Dass sein Aufsatz halt dann doch von Gemeinplätzen und Vorurteilen wimmelt, ist - von heute aus gesehen - sein Pech. Die üppige Musse eines Volks zu beklagen, wirkt aus der Feder eines Geschichtsprofessors des 18. Jahrhunderts irgendwie komisch ...
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Wie schon angekündigt: Aus technischen Gründen für einmal noch im alten Monat (dafür wird wohl der August dann nichts zu den Horen enthalten): http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5677
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Offline Gontscharow

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Genau. Noch im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 glaubten ja die Franzosen, ein leichtes Spiel zu haben, weil Madame de Staël nur den französischen Soldaten echten Kampfesmut zusprach, den deutschen nicht. War dann plötzlich umgekehrt ...  >:D

Und der Aufstieg Deutschlands zur imperialen Großmacht begleitet,„erkauft“ durch kulturellen Niedergang. Es scheint schon was dran zu sein an der Idee der Madame de Staël. :angel:

Offline Gontscharow

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[...] Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten [...]. Für mich nur als Parodie seiner selbst genießbar[...]

 Und das Ganze hat natürlich eine moralische Ordnung und zeigt die weise Güte des Weltplans. Die Physikotheologie war auch 1796 noch nicht tot.

Das befürchte ich auch… Dass die Natur als Erweis der Existenz Gottes, bzw. der weisen Güte des Weltplans angesehen wird, mag ja noch angehen , aber dass uns auch das menschengemachte Kosegartensche Patriachat und die ostelbische Gutsherrenseligkeit als gottgegeben untergejubelt werden… :wut:. Ich fürchte, auch Schillerschen Erzeugnissen wie dem Spaziergang und dem Lied von der Glocke liegt ähnliches zugrunde.

Offline sandhofer

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Wie dem auch sei, dass Theoderich durch Zwangsmaßnahmen durchgesetzt hat, dass die bei Ausschreitungen durch die Italiäner zerstörten Synagogen der Juden wieder aufgebaut werden und dass das einer der Gründe für den Niedergang der gotischen Herrschaft gewesen sein soll, war mir neu.

Ich vermute, dass mit der Abneigung gegen das Welsche eine gegen den Katholizismus einher geht.

Und der gute Boethius ist auch ein wenig arg martyrerhaft geschildert...
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Offline sandhofer

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Hat jemand eine Ahnung, wer dieser "J. Scott" sein könnte, dessen Elegien Bürde hier übersetzt hat?
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