Mit
Goethes
Märchen ging es mir so: Vor langer Zeit gelesen, weil man’s gelesen haben musste, also eher der Pflicht gehorchend als dem inneren Triebe, konnte ich mit dem Text nicht viel anfangen und war ziemlich ratlos, was dieser undurchdringliche Wirrwarr von offenkundig symbolischen und bedeutungsvollen Anspielungen mir sagen wollte.
Bei erneuter Lektüre vor einiger Zeit ohne Anspruch, irgend etwas verstehen oder deuten zu sollen oder zu müssen, breitete sich eine unglaubliche Ruhe in mir aus. Das Märchen wirkte wie eine Meditation, ein großes Oohm, ein Alles- wird- gut auf mich. Vielleicht war es das Versprechen des Rahmenerzählers, das Märchen werde den Zuhörer
an alles und nichts erinnern. Wie in Träumen Absurdes und Widersinniges einem ganz selbstverständlich und stimmig erscheint, hat man auch bei dieser rätselhaften Geschichte - nicht nur die Personen sind ein Rätsel, sie bewegen sich in einer rätselhaften Landschaft, handeln rätselhaft und gehen mit rätselhaften Dingen um - das Gefühl alles passt und fügt sich. Wie Goethe das hinkriegt, ist mir ein Rätsel. Er schreibt im Nachhinein -1796 - denn auch an Wilhelm von Humboldt:
Es war freilich eine schwere Aufgabe, zugleich bedeutend und deutungslos zu sein.
Natürlich ist es ein Spiel mit bekannten Motiven aus Märchen, Mythos und Sage: Der Fährmann, der einen nur hinübersetzen kann, aber nicht zurück, die weise gute Schlange, der Goldregen, der Gründungsmythos u.v.m. Eigentlich alles kommt einem bei aller Rätselhaftigkeit doch wieder irgendwie bekannt vor. Der Märchenerzähler hat schon recht, man fühlt sich
an alles und nichts erinnert. Übrigens gibt es auch Reminiszenzen an Goethe und Umfeld: Mops und Kanarienvogel z.B.
Was mir besonders gefällt, ist das Jonglieren mit paradoxen Aussagen und Sprüchen:
„Warum kommst du [mit einer Lampe], da wir Licht haben?“ fragte der goldene König. – „Ihr wißt, daß ich das Dunkle nicht erleuchten darf.“ Oder:
Indessen sagte der goldne König zum Manne: „Wieviel Geheimnisse weißt du?“ – „Drei,“ versetzte der Alte. „Welches ist das wichtigste?“ fragte der silberne König. „Das offenbare,“ versetzte der Alte. „Willst du es auch uns eröffnen?“ fragte der eherne. Dialoge wie aus Alice in Wonderland und manchmal eine Atmosphäre wie im Sommernachtstraum und dann wieder wie bei einem vom Hofmann Goethe inszenierten ländlichen Gartenfest…
Im September 1795 schreibt Goethe an Schiller :
Selig sind die da Märchen schreiben, denn Märchen sind a l'ordre du jour.“
Er hält es für das Gebot der Stunde, im Märchen die Phantasie über die Widrigkeiten der Realität und besonders der Politik triumphieren zu lassen - genau wie der alte Geistliche in den
Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, der mit seinen Erzählungen nun am Ende ist.