Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255801 times)

Offline sandhofer

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Ich habe mit Herr Lorenz Stark begonnen. Aber irgendwie habe ich in Erinnerung, dass wir hier schon wieder so eine moralinsaure Erzählung vor uns haben, wie wir sie gerade mit den Unterhaltungen hinter uns hatten. Ich werde sie wohl überschlagen. Dafür freue ich mich aufs einzig interessante Stück der Unterhaltungen, das Mährchen.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

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Ich habeI /X vor zwei Wochen schon gelesen. :angel:  Es handelt sich um die ersten vierzehn Kapitel des als „Charaktergemälde“ angelegten Familienromans „Herr Lorenz Stark“ von Johann Jacob Engel. Ja, von jenem Engel, dessen hagiographische Erzählung  Die Entzückung des Las Casas wir uns bereits zu Gemüte führen durften. Wie ich damals anmerkte, hat Engel ( er ist der bislang älteste  Horen-Beiträger) ein recht interessantes Leben geführt, war Schauspieler, Philosoph und Literat, Prinzenerzieher und Lehrer der Humboldtbrüder, Theaterleiter usw - eine originelle Persönlichkeit. Insofern war ich  gespannt auf den Roman. Engel soll auch Grundlegendes in bezug auf Erzähltheorien und -technik entwickelt haben. Es gibt sogar eine Zürcher Dissertation aus den 9oern, die sich mit Engels „innovativer Narration“ o.ä. beschäftigt.

Nun ja, der Anfang des Romans ist nicht so vielversprechend und kommt, wie sandhofer anmerkt, etwas moralinsäuerlich daher. Aber es wird dann besser, der auktoriale Erzähler nimmt sich teilweise zurück und macht der personalen Erzählweise Platz, durch die der anfangs als geradlinig und moralisch einwandfrei geschilderte alte Herr nun eher als starrsinniger Pedant erscheint, dann wieder als listiger, psychologisch gewiefter Taktiker . Hier ist durchaus erzählerische Ironie im Spiel.
Übrigens fehlt am Ende der Sequenz das sonst übliche Fortsetzung folgt. Stattdessen ist noch schnell der nächste Beitrag (Der rauschende Strom) auf die Seite gequetscht. Seltsame redaktionelle Entscheidung. Ich habe nachgeschaut: Im 76er Jahrgang geht’s dann weiter mit dem Roman.

Offline Sir Thomas

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Quote from: Sir Thomas« am: Heute um 21:06
...Vollendung? An welchem "idealistischen" Philosophen machst Du das fest? Am ehesten wohl noch an Schiller und Fichte, oder?

Kant.

Der wird mWn. nicht zu den Idealisten gezählt, obwohl man sich darüber wohl lang und ausführlich streiten kann (wozu ich eher nicht tendiere).

Offline Gontscharow

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Quote from: Sir Thomas« am: Heute um 21:06
...Vollendung? An welchem "idealistischen" Philosophen machst Du das fest? Am ehesten wohl noch an Schiller und Fichte, oder?

Kant.

Der wird mWn. nicht zu den Idealisten gezählt...

Die Freie Enzyklopädie wikipedia u.a. tut’s aber:

Der Deutsche Idealismus war um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert in Deutschland die vorherrschende philosophische Strömung, die sich zur Aufgabe gesetzt hatte, in einem die verschiedenen philosophischen Sparten (Erkenntnistheorie, Logik, Naturphilosophie, Ethik, Staatslehre und Metaphysik) umfassenden Gesamtentwurf („System“) das Ganze der Welt auf „wissenschaftliche“ Weise erschöpfend zu erkennen und darzustellen. Der Deutsche Idealismus war ein epochales Geschehen und übt seinen Einfluss in der Geschichte der neueren Philosophie bis heute aus.
Beginn und Ausgangspunkt des Deutschen Idealismus stellt die Philosophie Immanuel Kants dar…
:opa:

Offline Sir Thomas

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Beginn und Ausgangspunkt des Deutschen Idealismus stellt die Philosophie Immanuel Kants dar… [/i]:opa:

Diese Sicht kann man vertreten, muss man aber nicht. Zitierfähig ist wikipedia ohnehin nicht, was verständlich ist angesichts der immer noch vorhandenen Manipulationsmöglichkeiten.

Offline sandhofer

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Kenney fasst "Hume bis Hegel" zusammen.  ;)
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Offline Sir Thomas

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Kenney fasst "Hume bis Hegel" zusammen.  ;)

Dieser Mensch muss Engländer sein. Die haben einen derartigen Humor ...  :cherie:

Offline orzifar

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Beginn und Ausgangspunkt des Deutschen Idealismus stellt die Philosophie Immanuel Kants dar… [/i]:opa:
Diese Sicht kann man vertreten, muss man aber nicht. Zitierfähig ist wikipedia ohnehin nicht, was verständlich ist angesichts der immer noch vorhandenen Manipulationsmöglichkeiten.

Also m. E. geht man kein allzu großes Risiko damit ein, Kant als Idealisten zu bezeichnen.  Und die wikipedia befindet sich mit dieser ihrer Einschätzung in durchaus guter Gesellschaft. Auch der Ritter (hist. Wörterbuch der Philosophie) oder der Metzler sind dieser Meinung. Und mir fiele auch kein plausibler Grund ein, dieser Zuordnung zu widersprechen. (So schlecht ist die wiki im übrigen nicht - bei allen Vorbehalten: Auch andere Lexika sind vor Fehlern nicht gefeit.)

lg

orzifar

Ritter, dt. Idealismus:

1. jene Epoche deutscher Philosophie, die durch Kant ihren thematischen Bestand, auch ihren methodischen Ansatz erhält und mindestens in Deutschland Philosophie überhaupt synonym werden läßt mit den Systemen zwischen Kant und Hegel. Kennzeichnend für die früheren, zum Teil noch zeitgenössischen Darstellungen dieser Epoche ist die ziemlich feste Begrenzung und nur namentliche Bezeichnung derselben durch Kant und Hegel.
[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Idealismus, Deutscher. HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 11378
(vgl. HWPh Bd. 4, S. 35)]

2. thematischer Sammelbegriff für die Philosophie jener Denker, die in Anknüpfung an und in Auseinandersetzung mit Kant, aber auch untereinander eine «Philosophie des Geistes» entwickelt haben, die in Hegels System ihren Abschluß fand. Die Stellung Kants in diesem Zusammenhang wird verschieden gesehen. Wer Hegel für maßgeblich erklärt, wird Kant als den Anfang begreifen, dessen Ende Hegel ist.
[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Idealismus, Deutscher. HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 11379
(vgl. HWPh Bd. 4, S. 35)]

« Last Edit: 24. Oktober 2013, 03.07 Uhr by orzifar »
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Gontscharow

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Liebe Horen-Mitleser!

Kann mir einer von euch verraten, aus welchem Grund der Zweizeiler Der Strom(X, II), außer dass er aus Herders Feder stammt, was der arme zeitgenössische Leser ja zunächst mal nicht wissen konnte, es in die Horen geschafft hat? Kann jemand dem mMn sprachlich holprigen und in der Aussage nebulös bis belanglosen Text irgend etwas abgewinnen?

Für ernst gemeinte Zuschriften wäre dankbar

Gontscharow

Offline sandhofer

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Kenney fasst "Hume bis Hegel" zusammen.  ;)

Dieser Mensch muss Engländer sein. Die haben einen derartigen Humor ...  :cherie:

Insofern, als dass jeder von denen der jeweiligen Meinung war, seine Vorgänger zu vervollkommnen, weiterzuentwickeln und/oder zu ergänzen, lässt sich das m.M.n. sogar vertreten. Erst die "logische Revolte" eines Moore, eines Russell und eines Whitehead war dann gegen die (englischen) Hegelianer gerichtet, also bewusste Abgrenzung. (Wittgenstein, der Österrreicher, wird von den Engländern auch dieser Revolte zugerechnet, aber Wittgenstein kommt aus einer andern Tradition...)

Kann mir einer von euch verraten, aus welchem Grund der Zweizeiler Der Strom(X, II), außer dass er aus Herders Feder stammt, was der arme zeitgenössische Leser ja zunächst mal nicht wissen konnte, es in die Horen geschafft hat? Kann jemand dem mMn sprachlich holprigen und in der Aussage nebulös bis belanglosen Text irgend etwas abgewinnen?

So ans Ende vom Engel gepropft, wirkt er wie eine indirekte Kritik am Elaborat des vorhergehenden Autors. Oder eines am Proklos, den ja, wenn ich mich nicht täusche, Herder übersetzt hat?
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Offline Gontscharow

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Kann mir einer von euch verraten, aus welchem Grund der Zweizeiler Der  Strom(X, II), außer dass er aus Herders Feder stammt, was der arme zeitgenössische Leser ja zunächst mal nicht wissen konnte, es in die Horen geschafft hat? Kann jemand dem mMn sprachlich holprigen und in der Aussage nebulös bis belanglosen Text irgend etwas abgewinnen?

So ans Ende vom Engel gepropft, wirkt er wie eine indirekte Kritik am Elaborat des vorhergehenden Autors. Oder eines am Proklos, den ja, wenn ich mich nicht täusche, Herder übersetzt hat?

 O.k.als Kritik am eigenen Gebrabbel mag Der rauschende Strom gerade noch durchgehen.;D

Offline sandhofer

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O.k.als Kritik am eigenen Gebrabbel mag Der rauschende Strom gerade noch durchgehen.;D

Ob's allerdings von Herder so gemeint war?  >:D
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Offline Gontscharow

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Wie Die Geburt des Apollo (IX,III ) von Goethe ist die Pallas-Athene(X,III) von Herder die Übertragung eines antiken Hymnus ins antikisierende Hexameter-Deutsch der deutschen Klassik . Da ich  wie bei Goethes Text mir nicht  die Mühe gemacht habe, den bearbeiteten griechischen Text im Original zu lesen, ist Eigenleistung und Grad der Veränderung bzw. Anverwandlung durch den deutschen Horenbeiträger schwer oder nicht einzuschätzen. Wie mir bei der Veröffentlichung dieser Nachdichtungs-Texte in den Horen ohnehin nicht ganz klar ist, ob philologisch historisches Interesse im Vordergrund steht oder sie literarische Adaptationen, „Einverleibungen“  der griechischen Antike in die deutsche Literatur darstellen sollen. Während aber der Untertitel der Goethischen Übertragung sehr vage gefasst ist, so dass man das Gedicht für ein originäres goethisches Erzeugnis halten könnte, gibt Herder den Autor der Vorlage, den Neuplatoniker Proklos, an und versieht den Hymnus mit einer ausführlichen Fußnote über den Originaltext. Am Ende warnt er den Leser:

Da der Gesang von Proklus, mithin aus späten Zeiten: so wird man in ihm die fröhliche Einfalt der Homerischen Hymnen nicht erwarten. Er ist gelehrt, orpheisch, theurgisch.

Da ist es wieder das Diktum von der „heiteren Antike“, dabei war ja, wie wir feststellten, der von Goethe übertragene homerische Apollon-Hymnus alles andere als fröhlich einfältig: ein kreißendes Meer, das Inseln gebirt* als Hintergrund für die schwere tagelang andauernde Geburt Apollons. „Archaisch“, Dein Ausdruck dafür, sandhofer, in der Zusammenfassung  im blog, fand ich sehr passend.
______________________________
*Das gibt’s übrigens nicht nur im Mythos. Am Tag als ich die Geburt des Apollo las, kam in den Nachrichten die Meldung, dass im Indischen Ozean eine neue Insel wie aus dem Nichts aufgetaucht sei.
« Last Edit: 31. Oktober 2013, 22.14 Uhr by Gontscharow »

Offline sandhofer

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Wie mir bei der Veröffentlichung dieser Nachdichtungs-Texte in den Horen ohnehin nicht ganz klar ist, ob philologisch historisches Interesse im Vordergrund steht oder sie literarische Adptationen, „Einverleibungen“  der griechischen Antike in die deutsche Literatur darstellen sollen.

Bei Schiller und Goethe wohl eher letzteres, bei Herder ersteres.

Auch Herder zu Ossian ist philologisch-historisch motiviert. Man spürt bei Herders Aufsatz so richtig, dass er zwar gern an Ossian glauben würde - es aber nicht so ganz kann. Rezeptionsgeschichtlich nur schon deshalb merk-würdig. Auch, weil es Herders feines Gespür für die Echtheit von Volksgut beweist.
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Offline sandhofer

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Und der Höhepunkt dieser Ausgabe: Das Märchen.

Was zum Kuckuck hat Goethe hier geritten? Kein umständliches Juristen- und Verwaltungsbeamtendeutsch. Eine Erzählung - einfach so. Ohne moralinsaures Gedöns. M.a.W.: Das Mährchen. Besser hätte es auch Freund Wieland nicht hingebracht.
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