Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255844 times)

Offline Gontscharow

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Man könnte zu vielen Texten noch vieles schreiben ... *seufz*
Ja.
Quote from:  sandhofer im blog
ist dieses Heft in punkto Qualität keineswegs eines der schlechteren.
Auch hier -  ganz Deiner Meinung.

Quote from: sandhofer im blog
Meines Wissens die einzige Frau, die in den Horen publizieren durfte.

Optimist! Uns steht noch ein ganzer Roman der Caroline von Wolzogen(Schillers Schwägerin)  sowie literarische Erzeugnisse von  zwei, drei oder vier weiteren Beiträgerinnen bevor.

Offline sandhofer

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Quote from: sandhofer im blog
Meines Wissens die einzige Frau, die in den Horen publizieren durfte.

Optimist! Uns steht noch ein ganzer Roman der Caroline von Wolzogen(Schillers Schwägerin)  sowie literarische Erzeugnisse von  zwei, drei oder vier weiteren Beiträgerinnen bevor.

Wo Du Recht hast, hast Du Recht. Irgendwie habe ich die Wolzogen verdrängt...  >:D
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

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Man könnte zu vielen Texten noch vieles schreiben ... *seufz*

Ein Gedanke noch zu einem Text aus IX/95, der mir wichtig erscheint und den ich als Frage an die Horen-Miitleser weitergebe:
Ist die Parabel Das Verschleierte Bild zu Sais mit ihrer Moral des Wolle nicht (alles)wissen! nicht eigentlich ein Statement gegen die Aufklärung insofern als die Moral der Schillerschen Parabel dem Sapere aude der Aufklärung diametral entgegengesetzt ist?

Offline Sir Thomas

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Ist die Parabel Das Verschleierte Bild zu Sais mit ihrer Moral des Wolle nicht (alles)wissen! nicht eigentlich ein Statement gegen die Aufklärung insofern als die Moral der Schillerschen Parabel dem Sapere aude der Aufklärung diametral entgegengesetzt ist?

Bekannt ist, dass Schiller die "Vernünftelei" der Enzyklopädisten, dieses sinnlose, weil kontextfreie Sammeln von Wissen nicht geschätzt hat - genau wie Herder. Damit steht er nicht der gesamten Aufklärung, wohl aber der dürren Sammelwut Diderots und Co. auf der einen Seite und dem krittelnden Mittelmaß der Berliner Aufklärung um Nicolai auf der anderen Seite entgegen. Die "Entzauberung" der Welt durch den Materialismus hat er, wenn ich das recht in Erinnerung habe, stets bedauert. Aus diesem Impuls heraus entstand wohl auch das Gedicht "Reich der Schatten", über das wir uns weiter oben bereits ausgetauscht haben. Und eben "Das verschleierte Bild ...".

Ob unsere Weimarer Götter zu den Aufklärern gehörten, kann man heute wohl nur mit einem "Nein, aber ..." beantworten. Schiller war zu sehr idealistisch gestimmt, Herder zu sehr vernarrt in seine völkischen Gedanken, Goethe zu sehr mit fast schon obskur anmutenden wissenschaftlichen Themen beschäftigt, um als Aufklärer gelten zu können (auch der gesamte Faust ist mMn. gegen Aufklärung und Klassizismus gerichtet). Bleiben Wieland und W. v. Humboldt, die für mich am deutlichsten in der aufklärerisch-humanistischen Tradition Lessings stehen.

Offline sandhofer

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Ich meine, dass es irgendwo ein Statement von Lessing gibt. Sinngemäss: Wenn du, lieber Gott, mir in der einen Hand die volle und endgültige Wahrheit offeriertest und in der andern das ständige Streben nach Wahrheit, in der Gewissheit, immer wieder zu irren: Ich fiele dir in die linke Hand, Gott, und sagte: "Gib! - Denn die volle Wahrheit ist denn doch nur für dich."

Ich kann mich aber nicht erinnern, wo bei Lessing das zu finden ist.
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Offline Gontscharow

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Schön!
Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich  ...( Gotthold Ephraim Lessing: Über die Wahrheit, 1777)

Offline sandhofer

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Danke!

Worauf ich hinweisen wollte: Auch der Parade-Aufklärer Lessing kannte diese Haltung, die Schiller im Bildnis zu Sais vertritt. Die Grenzen Aufklärung - Idealismus - Romantik etc. sind ja erst nachträglich gezogen. Im aktuellen Leben ist wohl jeder mehr oder weniger Eklektiker und nimmt aus verschiedenen Haltungen, was ihm (vielleicht auch nur gerade heute und morgen schon nicht mehr) passt.

Grüss

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Quote from: Autor: sandhofer
« am: Gestern um 07:40 »
Auch der Parade-Aufklärer Lessing kannte diese Haltung, die Schiller im Bildnis zu Sais vertritt.

Ja ;), und auch mit dem Motiv der Enthüllung der Isis von Sais liegt Schiller im Trend : Schließlich wurde Isis-Natura* um 1800 zum Idol der neuen Zeit…. Die Enthüllung der vergöttlichten Natur symbolisierte wie kaum ein anderer Akt die Begehrlichkeit der Naturforschung und war um 1800 – Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ war durchaus zeittypisch – recht verbreitet ( Heinz Schrott )
 Und siehe da: Das Frontispice des großen 1803 posthum erschienenen naturkundlichen Lehrgedichts von Erasmus Darwin (Großvater von Charles) “The Temple of Nature or the Origin of Society”, gestaltet vom britisch-schweizerischen Maler Johann Heinrich Füssli (gest.1782), zeigt die  gar nicht mehr frevelhafte, sondern eher feierlich triumphale Enthüllung der  Isis/Artemis -Statue.
 La Nature se dévoilant devant la Science (Die Natur enthüllt sich vor der Wissenschaft) ist  schließlich der Titel einer  Statue von Ernest Barrias, die(als Kopie)noch heute die  Medizinische Fakultät von Bordeaux schmückt.
 
Was ich damit sagen will: Etwas rückwärtsgewandt war die Schillersche Ballade um den Enthüllungsfrevel schon. >:D
______________________________
*Dass es sich bei dem Bildnis um  Isis handelt, hatte ich zunächst überlesen. Dabei heißt es  explizit: So fanden ihn am andern Tag die Priester/Am Fußgestell der Isis ausgestreckt. In seiner - übrigens sehr aufschlussreichen -  religionsphilosophischen  Vorlesung von 1793(?) Die Sendung Moses zitiert Schiller die Worte, die auf der Bildsäule von Sais stehen: Ich bin alles, was ist, was war, und was seyn wird…. Isis also als Verkörperung der Magna Mater, der allumfassenden Natur...
« Last Edit: 13. Oktober 2013, 22.35 Uhr by Gontscharow »

Offline Sir Thomas

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In seiner - übrigens sehr aufschlussreichen -  religionsphilosophischen  Vorlesung von 1793(?) Die Sendung Moses zitiert Schiller die Worte, die auf der Bildsäule von Sais stehen: Ich bin alles, was ist, was war, und was seyn wird…. Isis also als Verkörperung der Magna Mater, der allumfassenden Natur...

Interessanter Zusammenhang! Die Vorlesung stammt aus dem Jahr 1789 oder 1790, gedruckt wurde der Moses-Aufsatz in Schillers Thalia (1790). Die Kernthese ist wohl die Herleitung der monotheistischen Religionen aus ägyptischen Isis-Geheimkulten. Die Isis-Priester waren laut Schiller insgeheim Anhänger eines einzigen Gottes. Moses soll diese Geheimlehre kennen gelernt und für seine Zwecke genutzt haben.

Hier der Link zur "Thalia": http://de.wikisource.org/wiki/Die_Sendung_Moses 

Offline Sir Thomas

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Die Grenzen Aufklärung - Idealismus - Romantik etc. sind ja erst nachträglich gezogen.

...und - wie Du schon einmal angemerkt hast - auch nur im deutschen Sprachraum existent. Für einen Franzosen ist das alles "Romantisme", mit Ausnahme der eigenen "Lumières"-Periode.

Was ich damit sagen will: Etwas rückwärtsgewandt war die Schillersche Ballade um den Enthüllungsfrevel schon. >:D

Etwas nur?  ;D

Offline Gontscharow

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Die Kernthese ist wohl die Herleitung der monotheistischen Religionen aus ägyptischen Isis-Geheimkulten. .
Das Erstaunliche ist ja, dass es eine monotheistische Episode in Ägypten wirklich gegeben hat, unter Echnaton (und Nofretete), diese Epoche aber erst im 19. und 20. erforscht wurde, Schiller also unbekannt war!

Was ich damit sagen will: Etwas rückwärtsgewandt war die Schillersche Ballade um den Enthüllungsfrevel schon. >:D

Etwas nur?  ;D

Nachdem das Gedicht nicht anti-aufklärerisch sein durfte, bin ich vorsichtig geworden. :angel:

Offline sandhofer

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Das Problem mit "vorwärts" und "rückwärts" ist, dass das eine lineare Progression in immer ein und dieselbe Richtung suggeriert. Was aber, wenn das menschliche Denken sich im Kreis dreht? Oder mäandert oder eher mit einer Spirale oder auch mit einer Wendel zu vergleichen ist? Hamann gilt als der Renegat der Aufklärung, der nach seinem Erweckungserlebnis in London die Aufklärung zugunsten des alten Christentums verworfen hat. Man kann ihn aber auch so interpretieren, dass er die Aufklärung über sich selber hinaus weiter gedacht hat - und wieder beim Glauben gelandet ist. Kierkegaard wäre ein ähnlicher Fall. Und auch der Deutsche Idealismus ist m.M.n. in vieler Hinsicht die Vollendung oder Weiterführung der Aufklärung - wenn auch auf eine Art und Weise, die den Hard-Core-Aufklärern in Berlin unheimlich war. (Womit wir wieder dort wären, dass man das Bild der Isis nicht aufdecken dürfte... :) )
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Offline Sir Thomas

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... der Deutsche Idealismus ist m.M.n. in vieler Hinsicht die Vollendung oder Weiterführung der Aufklärung ...

Weiterführung ja, aber Vollendung? An welchem "idealistischen" Philosophen machst Du das fest? Am ehesten wohl noch an Schiller und Fichte, oder? Denn mit Schelling und Hegel wird die Sache doch endgültig nebulös. Und antiaufklärerisch.

Offline Gontscharow

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Quote from:  sandhofer« am: Heute um 19:20
Das Problem mit "vorwärts" und "rückwärts" ist, dass das eine lineare Progression in immer ein und dieselbe Richtung suggeriert. Was aber, wenn…

Vollkommen deiner Meinung! Gute Beispiele!
Die Problematik des Begriffs rückwärtsgewandt war mir wohl bewusst. Mir fiel kein besserer ein. Gut, ich könnte auch sagen, das Gedicht fordert dazu auf, blind zu glauben bzw. in selbstverschuldeter Unmündigkeit zu verharren. :angel: Und jetzt sag bitte nicht, Unmündigkeit sei im Grunde (über sich selbst hinaus gedachte) Freiheit. ;D Das wäre Neusprech.

Quote from: Sir Thomas« am: Heute um 21:06
...Vollendung? An welchem "idealistischen" Philosophen machst Du das fest? Am ehesten wohl noch an Schiller und Fichte, oder?

Kant.


Offline sandhofer

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Weiterführung ja, aber Vollendung?

"Vollendung" im Sinne einer intrinsisch (oder meinethalben auch nur psychologisch) notwendigen Konsequenz.

Quote from: Sir Thomas« am: Heute um 21:06
...Vollendung? An welchem "idealistischen" Philosophen machst Du das fest? Am ehesten wohl noch an Schiller und Fichte, oder?

Kant.

Yep. Schiller und nun gar Fichte drehten die Schraube schon wieder einen Tick weiter.
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