Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255857 times)

Offline Gontscharow

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Ueber Charakterdarstellung in der Musik.

... kann ich nicht viel zu diesem Aufsatz sagen.

Mir geht es aus ähnlichen Gründen ähnlich. Ich hoffe auf den Musikkenner Sir Thomas!
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Voß' Gedichte. Trinklieder. Voß ist ein gewiefter Verseschmied. Nicht mehr und nicht weniger.  :angel:

Gewieft?? Ich finde das so altfränkisch, bieder, spießig … Man belehre mich eines Besseren!

Offline Sir Thomas

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Ich hoffe auf den Musikkenner Sir Thomas!

Du übertreibst. Und hoffst vergebens. Denn Herr Körner liefert nicht einen einzigen klugen Gedanken zum Thema Musik, wohl aber viel ästhetizistisches und musikfernes Geschwafel. Ärgerlich, das Ganze, sehr ärgerlich!

Was soll man bspw. mit solchen Einlassungen anfangen: Es war eine Zeit, da man bei Tanz, Musik und Poesie noch gar nicht an Darstellung eines bestimmten Gegenstandes dachte. Was in dem Menschen zuerst diese Kunsttalente entwickelte, war unstreitig der Trieb, sein Daseyn zu verkündigen ... Was hätten Bach, Mozart oder Beethoven wohl dazu gesagt? Nichts, vermute ich. Sie hätten den Kopf geschüttelt, Beethoven hätte sich evtl. zu etwas Ähnlichem durchgerungen wie "Was kümmert mich Sein ärmliches Talent, wenn ich mit dem heiligen Geist ringe?"   

Deutschland war natürlich um 1795 alles andere als auf der Höhe der Zeit in musikalischen Fragen. Bach war vergessen, die Bach-Söhne waren von Haydn und (dem mittlerweile verstorbenen) Mozart beerbt worden. Beethoven schickte sich gerade erst an, die Welt mit seiner Musik zu beglücken - argwöhnisch beäugt von weniger bekannten Zeitgenossen wie Hummel oder Clementi. Letzterer wirkte übrigens in London - einer Stadt, die seit Händel mehr für die Entwicklung und Durchsetzung des sog. klassischen Stils leistete, als gemeinhin bekannt ist. Was schließlich die klassische Kompositionsweise selbst anbelangt - und hier hätte Körner mit ein wenig Sachverstand ansetzen können - so ist es interessant, deren Wurzeln freizulegen. Sie liegen lt. Ch. Rosen in dem opernorientierten Musikgeschmack des 18. Jahrhunderts.

Das Publikum verlangte von der Musik vor allem einen dramatischen Ausdruck, dem man sich genüsslich durch wechselnde Empfindungen hingeben konnte. Musik galt als Nachahmung und Darstellung der reinsten und natürlichsten Gefühle (das hat Körner wohl noch verstanden und kurz thematisiert). Das Bedürfnis nach emotionaler, dramatischer Handlung galt auch außerhalb der Opernbühne. Die Forderung nach dramatischer Gliederung der Musik zerstörte damit endgültig die barocke Ästhetik. Der galante Rokokostil Johann Christian Bachs bildete die eine Seite der vorklassischen Musik, der auf dramatischen Effekten und Ausdruck beruhende empfindsame Stil Carl Philipp Emanuel Bachs die andere. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts stellte deshalb eine weitere Stufe der mit Monteverdi einsetzenden Zerstörung komplexer Strukturen der Musik dar.

Der klassische Stil ist eine Synthese verschiedener Ausdrucksmittel. Im Mittelpunkt eines tonalen Werks (nicht nur eines „klassischen“) steht kein Ton, sondern ein Dreiklang (Akkord). Die Musik verläuft nicht allein horizontal, sondern  sie verfügt über einen vertikalen Aspekt, der sie als Abfolge von Akkorden strukturiert.

Diese akkordliche Begleitung verwischt zunehmend die Selbständigkeit der theoretisch vorhandenen kontrapunktischen Stimmen zugunsten einer homophonen Harmonik. Der klassische Stil griff die Selbständigkeit der Stimmen an, gleichzeitig aber auch die Harmonien, indem er die musikalische Phrase isolierte und deutlich periodisch gliederte. Das Gefühl für Linearität erreicht eine höhere Ebene durch die Zusammenfassung des periodischen Systems der musikalischen Bewegung in das geschlossene Gefäß der Sonate, die ähnlich der Fuge ein Kompositionsprinzip mit einem bestimmten Sinn für Proportionen, nicht ein irgendwie geartetes Formschema ist.   

Motivische Beziehungen gehören seit dem 15. Jahrhundert zu den einheitstiftenden Mitteln der abendländischen Musik. In der Klassik erwirbt die motivische Arbeit eine größere Bedeutung, indem das Motiv nicht nur die Melodie, sondern auch deren Färbung und Fortgang erzeugt. Beziehungen zwischen den Motiven/Themen sind in der Klassik von entscheidender Bedeutung.
 
Eine ganz wichtige Übergangsgestalt des 18. Jahrhundert war Gluck. Er brach mit Händels und Bachs kontrapunktischem Stil und schuf etwas Neues. Er vereinfachte Handlung, Form und Satztechnik der Oper, weil er zurück zu einer größeren Natürlichkeit des Dramas (Kunst als Nachahmung der Natur) wollte. Er trug damit auch dem wachsenden Interesse an der griechischen Kunst (Winckelmann!), einer wichtigen Säule des entstehenden Klassizismus, Rechnung. Seine Nüchternheit ist nicht nur eine Form des Stoizismus, der Genussverweigerung, sondern selbst eine Quelle des Genusses.

Soweit die Ansätze einer klassizistischen Musiktheorie oder meinetwegen auch -ästhetik. Bedauerlicherweise waren weder Schiller noch Goethe musikalisch interessiert, was letztlich wohl zu der Veröffentlichung des miserablen Körner-Aufsatzes beigetragen hat. So konnte man behaupten, sich wenigstens ansatzweise auch mit dieser Kunst beschäftigt zu haben.
« Last Edit: 28. Mai 2013, 12.57 Uhr by Sir Thomas »

Offline Gontscharow

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Quote from:  Sir Thomas« am: Heute um 12:32
Du übertreibst. Und hoffst vergebens.

Super, Sir Thomas, danke! Ich habe gar nicht übertrieben. ;) Und auch nicht vergebens gehofft. Denn meine Hoffnung bezog sich weniger auf Deine Zustimmung zum Körner-Artikel als vielmehr darauf, von Kennerseite zu hören, dass man ihn vernachlässigen dürfe.

Offline Sir Thomas

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... meine Hoffnung bezog sich weniger auf Deine Zustimmung zum Körner-Artikel als vielmehr darauf, von Kennerseite zu hören, dass man ihn vernachlässigen dürfe.

Das Ärgerliche an dem Aufsatz ist die Ignoranz der Weimarer Truppe. All die aufgezählten Merkmale des (allerdings erst später so bezeichneten und auf die Zeit zwischen 1770 - 1805 eingegrenzten) klassischen Musikstils lagen offen vor den Augen derjenigen, die sehen wollten. Der Bruch mit der Barockmusik Bachs und Händels war fundamental - und selbst das Vokabular (Periodizität, Akkordik, Homophonie, Motivik ...) ist keine Erfindung des 19. oder gar des 20. Jahrhunderts! Man darf sich also getrost die Haare raufen - und aus Schillers vollkommen amusischer Krone eine ganz gewaltige Zacke herausbrechen, ohne ihm Unrecht zu tun.   

Offline sandhofer

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Bedauerlicherweise waren weder Schiller noch Goethe musikalisch interessiert, was letztlich wohl zu der Veröffentlichung des miserablen Körner-Aufsatzes beigetragen hat.

Nicht zu vergessen die Tatsache, dass Körner der Jugendfreund Schillers war, dem er praktisch alles anvertraute.  ;)

Das Ärgerliche an dem Aufsatz ist die Ignoranz der Weimarer Truppe.

Diese Ignoranz hinderte die "Weimarer Kunstfreunde" ja auch nicht daran, einen Preis für Gemälde auszuschreiben ...  >:D

Nebenbei: Danke, Sir Thomas für Deine fundierte Analyse. Sie hat, was bei mir nur Gefühl war, mit Argumenten versehen.  :hi:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

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Voß' Gedichte. Trinklieder. Voß ist ein gewiefter Verseschmied. Nicht mehr und nicht weniger.  :angel:

Gewieft?? Ich finde das so altfränkisch, bieder, spießig … Man belehre mich eines Besseren!

Gewieft heisst ja nicht "gut".  ;D
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Offline Gontscharow

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Quote from: sandhofer: Gestern um 19:38
Gewieft heisst ja nicht "gut" ;D


...sondern?

Offline sandhofer

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Einer, dem Verse leicht aus der Feder fliessen. Was nicht heisst, dass das gute Literatur ist. Selbst unter Büttenrednern gibt es gewiefte Verseschmiede. Will sagen: Das reimt sich und hat einen Rhythmus. Nicht mehr und nicht weniger.
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Offline Sir Thomas

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Wieland, Goethe und Schiller haben quasi ihren Markt selbst "produziert" - und das bewirkte einen weiteren Schub in der Alphabetisierung breiter Schichten.

Geht’s noch etwas unpräziser? ;D
Im Ernst: Hat nicht Herzogin Anna Amalia  von Sachsen-Weimar den Alphabetisierungsprozeß angeschoben und so etwas wie die allgemeine Schulpflicht in ihrem Ländle zumindest  angestrebt? Und hat Herder als Generalsuperintendent von Weimar und langjähriger Gymnasialdirektor  nicht auch dazu beigetragen? Und Goethe als Minister..? Wie gesagt, hätt gern mehr darüber erfahren.

Ich habe noch etwas zum Thema „Alphabetisierung im 18. Jahrhundert“ gefunden:

Bürgerliche Menschen zu erzeugen, erwies sich als historisch neue Qualität des Sozialisationsauftrags; … Der bürgerliche Mensch ist ein psychosoziales Phänomen von hoher Unwahrscheinlichkeit, aber zugleich der historisch massenhaft erforderliche gesellschaftliche Typus. Die bürgerliche Form des Wirtschaftssystems fördert einen hohen Grad allgemeiner Fähigkeitsentfaltung; die soziale und ideologische Lage des Bürgertums stürzt das Individuum in … existenzielle … Widersprüche. … Darum muss diese Klasse besonders in ihrer Aufstiegsphase das Problem der Persönlichkeitsentwicklung so dringend empfinden und vielfältig bearbeiten.

(P. Sloterdijk, Literatur und Organisation von Lebenserfahrung, 1978; zit. in S.J. Schmidt, Die Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert, Frankf./Main 1989, 1. Aufl.)

Bleibt zu ergänzen: Die Literatur des beginnenden bürgerlichen Zeitalters stellte für den o.g. Prozess der individuellen Entfaltung (zu dem auch eine gesteigerte Lesefähigkeit gehört)  verschiedene Bearbeitungsmodelle zur Verfügung: zunächst in Form von Abenteuerromanen (die zeigen, wie man sich behauptet), pietistischen Traktaten (die zeigen, wie man moralisch sauber bleibt) oder empfindsamen Briefromanen (die zeigen, wie man zu fühlen hat); dann zunehmend auch in Form von Hochliteratur, die im Bildungsroman die Entfremdung des Individuums thematisiert, um sie im ästhetischen Spiel aufzulösen, oder im Gesellschaftsroman die Korrumpierbarkeit des Einzelnen vorführt.

Auf diesen Zusammenhang wollte ich hinweisen, als ich in etwas verkürzter Form von einem Alphabetisierungsschub durch Goethe & Co. hinwies.

Offline Gontscharow

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... Selbst unter Büttenrednern gibt es gewiefte Verseschmiede. Will sagen: Das reimt sich und hat einen Rhythmus. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Duden sagt zu gewieft: sehr erfahren, schlau, gewitzt. Hm, Voß reimt auf Baum - Gaum(Gaumen), auf heißt - geußt (gießt) u. ä., eher nicht die Arbeit eines Feinschmieds, aber Versmaß und Rhythmus sitzen, das stimmt.
Ist das Einfältige, Betuliche des Inhalts (Als weise Trinker, nicht als Zecher/ genießt ihr menschlich mit Gesang u.ä.) nun ernst gemeint oder eine Rolle, die er einnimmt?

Offline sandhofer

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Voß reimt auf Baum - Gaum(Gaumen), auf heißt - geußt (gießt) u. ä., eher nicht die Arbeit eines Feinschmieds, aber Versmaß und Rhythmus sitzen, das stimmt.

Nun ja - unreine Reime sind ja erlaubt ...  :angel:

Ist das Einfältige, Betuliche des Inhalts (Als weise Trinker, nicht als Zecher/ genießt ihr menschlich mit Gesang u.ä.) nun ernst gemeint oder eine Rolle, die er einnimmt?

Ich denke schon, dass es dem Empfindsamen, dem Göttinger Hainbündler, ernst war mit so was.
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Offline sandhofer

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Dalbergs Kunstschulen

Ist mir ein bisschen arg priesterlich geraten. Interessant aber, dass der Herausgeber Schiller hier das Anonymat lüftet, wenn er gleichzeitig mitteilt, dass Dalberg nicht mehr weiter an den "Horen" mitwirken könne.
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Offline Gontscharow

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Dalbergs Kunstschulen
Ist mir ein bisschen arg priesterlich geraten...

Sein Begriff von Kunst ist mir zu glatt, korrekt und sittlich wertvoll. :angel: So mahlte Titian…   sagt er an einer Stelle. Das glaub ich eher nicht! Natürlich steht hinter seiner Kunsttheorie die klassizistisch idealistische Vorstellung vom Guten, Wahren und Schönen, aber in einer besonders vereinfachenden, eindimensionalen Variante, gepaart mit dem etwas naiven Glauben, Kunst entstehe, wenn man  bestimmte Prinzipien und Regeln befolgt ...

Offline Sir Thomas

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Sein Begriff von Kunst ist mir zu glatt, korrekt und sittlich wertvoll (...) gepaart mit dem etwas naiven Glauben, Kunst entstehe, wenn man  bestimmte Prinzipien und Regeln befolgt ...

Stimmt genau. Wie weit entfernt dieses Verständnis von einem freien, kreativen Spiel ist, hätte auch Schiller auffallen können (bzw. müssen). Anscheinend reichten ihm aber die Schlüsselbegriffe vom
Guten, Wahren und Schönen
um diesen Aufsatz zu drucken.   

Um welchen Dalberg handelt es sich übrigens? Um Wolfgang Heribert, den Mannheimer Theatermann (mMn. eher nicht)? Oder Karl Theodor, den Kirchenmann?

Offline Gontscharow

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Unter dem Beitrag findet sich der Ausriss aus einem Schreiben des Beiträgers, des Herrn Coadjutor von Dalberg.
Es handelt sich um Karl Theodor, Freyherr von Dalberg, zur Zeit der Abfassung Koadjutor des Erzstifts Maynz und der Hochstifter Worms und Konstanz . Seltsame Karriere, die er dann noch macht…siehe wiki