Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255814 times)

Offline Gontscharow

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Tatsache ist: Goethe & Co. haben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Alphabetisierungs- und Literarisierungsschub bewirkt - und das in einem Ausmaß, das Goethe mehr als 30 Jahre später gegenüber Eckermann stöhnen ließ über das Unheil, dass die poetische Kultur sich in Deutschland so sehr verbreitet hat, dass niemand mehr einen schlechten Vers macht (29. Januar 1826).

Literarisierungsschub - o.k., schön gesagt übrigens ;). Aber Alphabetisierungs- Schub? Bewirkt durch Goethe &Co? Wirklich? Hast Du Anhaltspunkte? Kannst du Näheres darüber berichten? Interessiert mich.

Offline Sir Thomas

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Tatsache ist: Goethe & Co. haben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Alphabetisierungs- und Literarisierungsschub bewirkt - und das in einem Ausmaß, das Goethe mehr als 30 Jahre später gegenüber Eckermann stöhnen ließ über das Unheil, dass die poetische Kultur sich in Deutschland so sehr verbreitet hat, dass niemand mehr einen schlechten Vers macht (29. Januar 1826).

Literarisierungsschub - o.k., schön gesagt übrigens ;). Aber Alphabetisierungs- Schub? Bewirkt durch Goethe &Co? Wirklich? Hast Du Anhaltspunkte? Kannst du Näheres darüber berichten? Interessiert mich.

Die treibenden Kräfte der Alphabetisierung in Kürze:

--> Der Buchdruck und die Evolution der Flugblatt-Publizistik (seit ca. 1500), später der Zeitungs- und Zeitschriften-Publizistik (seit ca. 1600);
--> Die Entstehung eines wohlhabenden Bürgertums, das Literatur und Theater als Konsumgut entdeckt; damit verbunden: die "Einführung" des bis ca. 1700 kaum bekannten individuellen Lesens im "stillen Kämmerlein";
--> Das Geschäftsmodell des Dichtergenies (prototypisch vorgeformt in Klopstock), aus dem sich der professionelle Star- und Bestsellerautor entwickeln konnte;
--> Die technologische Entwicklung des Zeitungsdrucks (Schnellpresse, ab ca. 1800).

All das übte (überwiegend ökonomisch motivierten) Druck auf das Bildungssystem aus - mit dem Effekt, dass Lesen und Schreiben allmählich zur Grundbildung gezählt wurden.

Mehr fällt mir auf die Schnelle nicht ein.

Offline Sir Thomas

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Mehr fällt mir auf die Schnelle nicht ein.

Vielleicht noch dies: http://www.amazon.de/gp/product/3518580051/ref=olp_product_details?ie=UTF8&me=&seller=

Das habe ich in guter Erinnerung.

Offline Gontscharow

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Quote from:  Sir Thomas« am: Heute um 13:18
Die treibenden Kräfte der Alphabetisierung in Kürze:
--> Der Buchdruck und die Evolution der Flugblatt-Publizistik (seit ca. 1500), später der Zeitungs- und Zeitschriften-Publizistik (seit ca. 1600);
--> Die Entstehung eines wohlhabenden Bürgertums….

Ja, das ist bestimmt alles richtig, danke Sir Thomas,... war aber nicht meine Frage, sondern:

Tatsache ist: Goethe & Co. haben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Alphabetisierungs- und Literarisierungsschub bewirkt...

... Alphabetisierungs- Schub? Bewirkt durch Goethe &Co?...

Offline Sir Thomas

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Ja, das ist bestimmt alles richtig, danke Sir Thomas,... war aber nicht meine Frage, sondern:
... Alphabetisierungs- Schub? Bewirkt durch Goethe &Co?...


Die Antwort steckt in

--> Das Geschäftsmodell des Dichtergenies (prototypisch vorgeformt in Klopstock), aus dem sich der professionelle Star- und Bestsellerautor entwickeln konnte ...

Die Literaturstars Wieland, Goethe und Schiller haben quasi ihren Markt selbst "produziert" - und das bewirkte einen weiteren Schub in der Alphabetisierung breiter Schichten. Das ist mWn. unumstritten.

Offline sandhofer

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Es handelt sich um einen Aufsatz ("Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen") von Daniel Jenisch..... Ausleihe ist bei dem Alter der Zeitschrift offenbar nicht mehr möglich.

Ich denke, wir können damit leben ...  ;D

Ich versuche, an Fotokopien oder PDFs zu kommen. Könnte aber dauern.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Hallo!

Ich werde euch wohl nicht so bald einholen und will keine Beiträge posten, die sich auf Texte beziehen, die vor Monaten bereits behandelt wurden. Deshalb werde ich - wenn überhaupt, denn derzeit gelüstet es mich (noch weniger als sonst) nach idealistisch-ästhetischem Gedankengut - bestenfalls im Blog Beiträge erstellen.

Frohes Diskutieren

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Blog ist immer gut!  8)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

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Ich versuche, an Fotokopien oder PDFs zu kommen. Könnte aber dauern.

Dauerte gar nicht lange, im Gegenteil.

Hier der integrale Text Jenischs.  :hi:
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Offline Gontscharow

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Wieland, Goethe und Schiller haben quasi ihren Markt selbst "produziert" - und das bewirkte einen weiteren Schub in der Alphabetisierung breiter Schichten.

Geht’s noch etwas unpräziser? ;D
Im Ernst: Hat nicht Herzogin Anna Amalia  von Sachsen-Weimar den Alphabetisierungsprozeß angeschoben und so etwas wie die allgemeine Schulpflicht in ihrem Ländle zumindest  angestrebt? Und hat Herder als Generalsuperintendent von Weimar und langjähriger Gymnasialdirektor  nicht auch dazu beigetragen? Und Goethe als Minister..? Wie gesagt, hätt gern mehr darüber erfahren.

In den Horen wird sich Dalberg im übernächsten Beitrag über Bildungsfragen auslassen…

« Last Edit: 27. Mai 2013, 16.52 Uhr by Gontscharow »

Offline Gontscharow

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Hier der integrale Text Jenischs.  :hi:

Super!(applaudierendes Smilye) Danke, sandhofer, für diese philologische Großtat, die Dir sicher auch andere literarisch interessierte Netzbenutzer danken werden und die bestimmt nicht geschmälert wird, wenn ich jetzt sage, dass der Text  in IV,2 der Münchner Goethe-Ausgabe nachgedruckt sein soll. Immerhin. Muss ich aber noch verifizieren.
« Last Edit: 27. Mai 2013, 16.52 Uhr by Gontscharow »

Offline sandhofer

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dass der Text  in IV,2 der Münchner Goethe-Ausgabe nachgedruckt sein soll.

Nachgedruckt wird er wohl an verschiedenen Orten noch sein. Aber im Internet war er bis anhin nicht frei zugänglich, wenn ich mich nicht irre. Jedenfalls habe ich ihn nicht gefunden.
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Offline sandhofer

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Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius. Eine Erzählung.

Von Humboldt. Dem Alexander. Eine nette kleine Parabel darüber, dass die Lebenskraft - was oder wer auch immer das sein kann - quasi die Elemente domestiziert und zusammenhält, was leben soll. Alexander von Humboldt hat in seinen naturwissenschaftlichen Schriften einen bedeutend langweiligere Schreibweise.

Ueber Charakterdarstellung in der Musik.

Körner d.Ä. - Er will Bewegung als Mittel der Charakterdarstellung in jeder Form von Kunst, auch in der Musik. Leider spekuliert er lieber über die Musik der alten Griechen als über die zeitgenössische. Letztere würden wir kennen und könnten so vielleicht nachvollziehen, was er meint. Da sich das musikologische Gen allerdings von meinem Vater auf meinen Sohn übertragen und mich ausgelassen hat, kann ich nicht viel zu diesem Aufsatz sagen.
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Offline Gontscharow

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Quote from:  sandhofer« am: Heute um 15:27
Aber im Internet war er bis anhin nicht frei zugänglich.

Schon klar. Deshalb find ich ja die Tatsache, dass du ihn in den blog gestellt hast, - Klasse!

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Quote from:  sandhofer« am: Heute um 15:33
Von Humboldt. Dem Alexander. Eine nette kleine Parabel darüber, dass die Lebenskraft - was oder wer auch immer das sein kann - quasi die Elemente domestiziert und zusammenhält, was leben soll

Dem lässt sich nichts hinzufügen, außer dass auch die Allegorie des Todes auftritt, der erlaubt, dass das, was "domestiziert und an seine Gestalt gebunden war, sich (endlich) vermischen und im Ganzen auflösen kann.

Offline sandhofer

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Voß' Gedichte. Trinklieder. Voß ist ein gewiefter Verseschmied. Nicht mehr und nicht weniger.  :angel:
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