Ich hoffe auf den Musikkenner Sir Thomas!
Du übertreibst. Und hoffst vergebens. Denn Herr Körner liefert nicht einen einzigen klugen Gedanken zum Thema Musik, wohl aber viel ästhetizistisches und musikfernes Geschwafel. Ärgerlich, das Ganze, sehr ärgerlich!
Was soll man bspw. mit solchen Einlassungen anfangen:
Es war eine Zeit, da man bei Tanz, Musik und Poesie noch gar nicht an Darstellung eines bestimmten Gegenstandes dachte. Was in dem Menschen zuerst diese Kunsttalente entwickelte, war unstreitig der Trieb, sein Daseyn zu verkündigen ... Was hätten Bach, Mozart oder Beethoven wohl dazu gesagt? Nichts, vermute ich. Sie hätten den Kopf geschüttelt, Beethoven hätte sich evtl. zu etwas Ähnlichem durchgerungen wie "Was kümmert mich Sein ärmliches Talent, wenn ich mit dem heiligen Geist ringe?"
Deutschland war natürlich um 1795 alles andere als auf der Höhe der Zeit in musikalischen Fragen. Bach war vergessen, die Bach-Söhne waren von Haydn und (dem mittlerweile verstorbenen) Mozart beerbt worden. Beethoven schickte sich gerade erst an, die Welt mit seiner Musik zu beglücken - argwöhnisch beäugt von weniger bekannten Zeitgenossen wie Hummel oder Clementi. Letzterer wirkte übrigens in London - einer Stadt, die seit Händel mehr für die Entwicklung und Durchsetzung des sog. klassischen Stils leistete, als gemeinhin bekannt ist. Was schließlich die klassische Kompositionsweise selbst anbelangt - und hier hätte Körner mit ein wenig Sachverstand ansetzen können - so ist es interessant, deren Wurzeln freizulegen. Sie liegen lt. Ch. Rosen in dem opernorientierten Musikgeschmack des 18. Jahrhunderts.
Das Publikum verlangte von der Musik vor allem einen dramatischen Ausdruck, dem man sich genüsslich durch wechselnde Empfindungen hingeben konnte. Musik galt als Nachahmung und Darstellung der reinsten und natürlichsten Gefühle (das hat Körner wohl noch verstanden und kurz thematisiert). Das Bedürfnis nach emotionaler, dramatischer Handlung galt auch außerhalb der Opernbühne. Die Forderung nach dramatischer Gliederung der Musik zerstörte damit endgültig die barocke Ästhetik. Der galante Rokokostil Johann Christian Bachs bildete die eine Seite der vorklassischen Musik, der auf dramatischen Effekten und Ausdruck beruhende empfindsame Stil Carl Philipp Emanuel Bachs die andere. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts stellte deshalb eine weitere Stufe der mit Monteverdi einsetzenden Zerstörung komplexer Strukturen der Musik dar.
Der klassische Stil ist eine Synthese verschiedener Ausdrucksmittel. Im Mittelpunkt eines tonalen Werks (nicht nur eines „klassischen“) steht kein Ton, sondern ein Dreiklang (Akkord). Die Musik verläuft nicht allein horizontal, sondern sie verfügt über einen vertikalen Aspekt, der sie als Abfolge von Akkorden strukturiert.
Diese akkordliche Begleitung verwischt zunehmend die Selbständigkeit der theoretisch vorhandenen kontrapunktischen Stimmen zugunsten einer homophonen Harmonik. Der klassische Stil griff die Selbständigkeit der Stimmen an, gleichzeitig aber auch die Harmonien, indem er die musikalische Phrase isolierte und deutlich periodisch gliederte. Das Gefühl für Linearität erreicht eine höhere Ebene durch die Zusammenfassung des periodischen Systems der musikalischen Bewegung in das geschlossene Gefäß der Sonate, die ähnlich der Fuge ein Kompositionsprinzip mit einem bestimmten Sinn für Proportionen, nicht ein irgendwie geartetes Formschema ist.
Motivische Beziehungen gehören seit dem 15. Jahrhundert zu den einheitstiftenden Mitteln der abendländischen Musik. In der Klassik erwirbt die motivische Arbeit eine größere Bedeutung, indem das Motiv nicht nur die Melodie, sondern auch deren Färbung und Fortgang erzeugt. Beziehungen zwischen den Motiven/Themen sind in der Klassik von entscheidender Bedeutung.
Eine ganz wichtige Übergangsgestalt des 18. Jahrhundert war Gluck. Er brach mit Händels und Bachs kontrapunktischem Stil und schuf etwas Neues. Er vereinfachte Handlung, Form und Satztechnik der Oper, weil er zurück zu einer größeren Natürlichkeit des Dramas (Kunst als Nachahmung der Natur) wollte. Er trug damit auch dem wachsenden Interesse an der griechischen Kunst (Winckelmann!), einer wichtigen Säule des entstehenden Klassizismus, Rechnung. Seine Nüchternheit ist nicht nur eine Form des Stoizismus, der Genussverweigerung, sondern selbst eine Quelle des Genusses.
Soweit die Ansätze einer klassizistischen Musiktheorie oder meinetwegen auch -ästhetik. Bedauerlicherweise waren weder Schiller noch Goethe musikalisch interessiert, was letztlich wohl zu der Veröffentlichung des miserablen Körner-Aufsatzes beigetragen hat. So konnte man behaupten, sich wenigstens ansatzweise auch mit dieser Kunst beschäftigt zu haben.