Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255799 times)

Offline sandhofer

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Wenn ich bei google Weißhuhn eingebe, kommt u.a eine lange Latte von blog-Themen von litteratur.ch , egal ob Doderer oder Kenny, immer mit dem stereotypen Satz: Friedrich August Weißhuhn ist mir ansonsten nicht bekannt.  ???

Ich kriege einmal meinen Satz hier aus dem Forum und einmal einen Blog-Artikel (zum ersten Teil der Horen). Warum letzterer? wird wohl ein Geheimnis von Google bleiben ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

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Meinst Du wirklich, dass Thomas Mann die "Horen" gelesen hat? Ich habe bislang keine Hinweise dazu gefunden. Oder habe ich Dich einfach missverstanden?

Ich würde eine Lektüre tatsächlich nicht ausschliessen, wahrscheinlich allerdings nur eine teilweise. Dass er aber diesen Teil, vielleicht wegen Goethes "Sansculottismus", mal in Händen hielt, halte ich nicht für unmöglich. Im Thomas-Mann-Archiv finde ich auf die Schnelle nichts; was aber nur heissen würde, dass es bei seinem Tod nicht (mehr?) in seinem Besitz war. Allerdings bin ich alles andere als ein Thomas-Mann-Spezialist.
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Offline sandhofer

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Ich kriege einmal meinen Satz hier aus dem Forum und einmal einen Blog-Artikel (zum ersten Teil der Horen). Warum letzterer? wird wohl ein Geheimnis von Google bleiben ...

Ach so, nee. Ich bin so was von doof: Wir haben im Blog auch (unten rechts) die jeweils letzten Einträge im Forum kurz angerissen. Und da steht (jedenfalls im Moment) der Name Weißhuhns auch drin. Und dieser Rahmen bleibt natürlich bei jedem Blog-Eintrag erhalten, deshalb findet Google aktuell so viel.  ;)
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Offline Gontscharow

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Nochmal zu Weißhuhn: Das Spiel…Ich möchte ihm nicht unrecht tun. Ein bisschen was abgewinnen kann ich seiner Untersuchung schon, besonders dem Schluss. Wenn er nur nicht seine Erkenntnisse partout unter dem Begriff Spiel subsumieren zu müssen geglaubt hätte! Ja, er knüpft natürlich an die Ästhetische Erziehung an:

"Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" (Horen,1795, 2.Stück)

Aber hat Schiller auch so  einen verschrobenen Begriff vom Spiel wie Weißhuhn?
 
Was letzterer als Spiel in strengster Bedeutung verstanden wissen will, ist so etwas wie der Prozess der Geschmacksurteilsfindung(uff) bei der Rezeption von Kunst. Wie er diese ästhetische Perzeption seziert und ihren fast unwillkürlichen Ablauf beschreibt, der gerade bei „erhabener“ Kunst mit „erhabenen“ Inhalten dazu angetan sei, das Bewusstsein mühelos in immer höhere, quasi parareligiöse Sphären zu heben, hat schon was… Vor allem passt das natürlich hervorragend in die Horen, dieses Zentralorgan der klassizistischen Schönheitsapostel.   :angel:

Offline Sir Thomas

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... es ist die Nachwelt, die entscheidet, ob  ein Schriftsteller sich als Klassiker bewährt. Insofern entlarvt Goethe auch die paradoxe Forderung, man solle nun mal klassische Werke schreiben, als Humbug …

Nicht unbedingt. Ich zitiere Dich:
Einmal ist "Klassik" ein  Epochen- und Stilbegriff und beinhaltet: Orientierung an der Antike, Geschlossenheit und Ebenmaß der Form, erhabene Inhalte etc ...

Klassische Werke als Werke, die, ähnlich dem französischen Regeldrama, an ein festgelegtes Set an Möglichkeiten und Restriktionen gebunden sind, können jederzeit entstehen. Ihre Bewertung ist nicht der Nachwelt vorbehalten. Noch 1912/13 wurde Thomas Mann bescheinigt, mit dem "Tod in Venedig" ein klassisches Werk im Sinne Deines Zitats verfasst zu haben. Insofern ist die damalige Forderung, klassische Werke zu produzieren, dem (langsam in die Jahre kommenden) Geschmack der Zeit geschuldet.

Offline Gontscharow

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Hallo Sir Thomas!

Das erste Zitat bezog sich natürlich auf „klassisch“ im 2. Sinne - vorbildlich, vortrefflich, überepochal!
Um weiteren Spekulationen zu entgehen, was die Verfasser wohl gemeint haben und worauf Goethe repliziert, sollten wir den Text aus dem Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks ausfindig machen... ;)

Offline Sir Thomas

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Das erste Zitat bezog sich natürlich auf „klassisch“ im 2. Sinne - vorbildlich, vortrefflich, überepochal!

Das ist mir nicht entgangen.  ;) Aber Klassik im 1. Sinne (Orientierung an der Antike etc.) ist nicht auf die Nachwelt angewiesen. Mehr wollte ich nicht sagen.

Um weiteren Spekulationen zu entgehen, was die Verfasser wohl gemeint haben und worauf Goethe repliziert, sollten wir den Text aus dem Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks ausfindig machen... ;)


Gute Idee!

Offline Sir Thomas

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Im Thomas-Mann-Archiv finde ich auf die Schnelle nichts ...

Kann man in diesem Archiv online recherchieren? Die Website http://www.tma.ethz.ch bietet diese Möglichkeit nicht (oder ich bin mal wieder zu blöd ...).

Offline sandhofer

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Im Thomas-Mann-Archiv finde ich auf die Schnelle nichts ...

Kann man in diesem Archiv online recherchieren?

Jein. Via KVK kannst Du in den Schweizer Bibliotheken suchen. Das Thomas-Mann-Archiv würdest Du an seiner Sigle erkennen, aber in der Schweiz sind offenbar nur Nachdrucke der Horen gelistet. Alle nach Manns Tod erschienen.
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Offline Sir Thomas

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Noch eine Bemerkung zum "Litterarischen Sanscülottismus": Man braucht nicht weit zu suchen, um einen artigen Roman, eine glückliche Erzählung, einen reinen Aufsatz über diesen oder jenen Gegenstand zu finden. Unsre critischen Blätter, Journale und Compendien, welchen Beweis geben sie nicht oft eines übereinstimmenden guten Styls! die Sachkenntniß erweitert sich beym Deutschen mehr und  mehr und die Übersicht wird klärer. Man lese und staune!

Tatsache ist: Goethe & Co. haben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Alphabetisierungs- und Literarisierungsschub bewirkt - und das in einem Ausmaß, das Goethe mehr als 30 Jahre später gegenüber Eckermann stöhnen ließ über das Unheil, dass die poetische Kultur sich in Deutschland so sehr verbreitet hat, dass niemand mehr einen schlechten Vers macht (29. Januar 1826). Mich erinnert das an all die heutigen Schreiberlinge, die es sehr sehr eilig haben, ihre "Produkte" im Selbstverlag an den Mann oder die Frau zu bringen ... 

Offline sandhofer

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Das ist nicht "Selbst-Verlag", das ist Self-Publishing, und der moderne Robin Hood tut das so ...  :angel:
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Offline sandhofer

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Um weiteren Spekulationen zu entgehen, was die Verfasser wohl gemeint haben und worauf Goethe repliziert, sollten wir den Text aus dem Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks ausfindig machen... ;)

Es handelt sich um einen Aufsatz ("Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen") von Daniel Jenisch. Leider, merkwürdigerweise, ist nirgends eine elektronische Kopie des Jahrgangs 1795 aufzutreiben. GoogleBooks sagt zwar, es sei 1795, liefert aber 1797. Kobo sagt gar nichts und liefert auch nur, was Google hat. Bibliotheken scheinen keine PDFs oder ähnliches zu besitzen. Und Ausleihe ist bei dem Alter der Zeitschrift offenbar nicht mehr möglich.  :(
« Last Edit: 23. Mai 2013, 10.22 Uhr by sandhofer »
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Offline Sir Thomas

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Friedrich August Weißhuhn: Das Spiel in strengster Bedeutung

... Die eigentliche Form von "Spiel" ist demnach das - Schauspiel. Bzw. die analytischen Vorgänge bei der Rezeption von Kunst im Zuschauer. Ob das weniger "Anstrengung" bedeutet als ein Federball-Spiel unter Freunden? Der Autor ist dieser Meinung.

Entscheidend scheint mir zu sein, dass der "Spieler" frei ist von fremden Zwecken außerhalb seines Spiels, dass er nicht gewinnen will, also in keinen ermüdenden Wettstreit eintritt. Das Spiel im Sinne Weißhuhns ist eine freie Entfaltung menschlicher Kräfte, eine "Selbstthätigkeit" frei von jeglicher Anspannung und Richtung. Leidenschaft und Ehrgeiz sind jedenfalls nach Weißhuhn abzulehnen.

Er bringt dann den Begriff der "ästhetischen Größe" ins Spiel: Die ästhetische Größe wird ... sich bald der Anschauung, bald der Empfindung nähern. So wird die Selbstthätigkeit damit spielen können. Indem sie den Sinn einen Augenblick dem Genusse überlässt, und im nächsten Augenblick ohne Anstrengung davon zurückzieht, wird sie sich der Freyheit ihrer thätigen Kraft lebhaft bewußt werden. Die ästhetische Größe wird Empfindung seyn, die nicht fesselt; sie wird Anschauung seyn, die bey dem allen noch etwas Reizendes hat.

Das klingt etwas verschwurbelt, aber nachvollziehbar.

... Ein bisschen was abgewinnen kann ich seiner Untersuchung schon, besonders dem Schluss.... Ja, er knüpft natürlich an die Ästhetische Erziehung an … Vor allem passt das natürlich hervorragend in die Horen, dieses Zentralorgan der klassizistischen Schönheitsapostel.

Unbedingt!

Offline Gontscharow

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Quote from:  sandhofer« am: Gestern um 10:05
Leider, merkwürdigerweise, ist nirgends eine elektronische Kopie (…)aufzutreiben (…) Und Ausleihe ist (…) offenbar nicht mehr möglich.

Schade, und wirklich merkwürdig, ist doch sonst jeder Furz Fitzel von, über und irgendwie im Zusammenhang mit Goethe konserviert und zugänglich. Und besonders merkwürdig im Falle von Jenischs Aufsatz, den Auslöser der doch recht interessanten, für sein Poetik- und Politik- Verständnis bezeichenden Auslassungen Goethes über den Zustand der zeitgenössischen deutschen Literatur!
 
Aber wir kennen jetzt Titel und Verfasser. Danke dafür.

Offline Sir Thomas

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Um weiteren Spekulationen zu entgehen, was die Verfasser wohl gemeint haben und worauf Goethe repliziert, sollten wir den Text aus dem Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks ausfindig machen... ;)

Es handelt sich um einen Aufsatz ("Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen") von Daniel Jenisch..... Ausleihe ist bei dem Alter der Zeitschrift offenbar nicht mehr möglich.

Ich denke, wir können damit leben ...  ;D