Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255825 times)

Offline sandhofer

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Friedrich August Weißhuhn: Das Spiel in strengster Bedeutung

Friedrich August Weißhuhn ist mir ansonsten nicht bekannt. In diesem Aufsatz spricht wohl ein Kantianer. Zuerst wird das Spiel im alltäglichen Sinn des Wortes genommen und analysiert - bis sich herausstellt, dass in diesen Formenn von Spiel immer "Anstrengung" vorhanden ist, es sich also nicht um "Spiel" handeln kann. Die eigentliche Form von "Spiel" ist demnach das - Schauspiel. Bzw. die analytischen Vorgänge bei der Rezeption von Kunst im Zuschauer. Ob das weniger "Anstrengung" bedeutet als ein Federball-Spiel unter Freunden? Der Autor ist dieser Meinung.

Im Übrigen ein gutes Beispiel dafür, wie schon zu Beginn einer vorgeblich analytischen Untersuchung das Ziel feststeht, und was als Deduktion daherkommt, sich post festum als Induktion entpuppt.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

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Litterarischer Sanscülottismus

Goethe zieht vom Leder. Es ist eine Antwort auf einen Beitrag im Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, den ich im übrigen nicht kenne. Der Verfasser hat dort offenbar die Armseligkeit der Deutschen an vortrefflich classisch prosaischen Werken moniert. Das gibt Goethe Anlass, sich zur Situation zu erklären. Er legt dabei Wert darauf, die Situation der deutschen Autoren in Betracht zu ziehen: Ohne literarisches Zentrum müssen sie mühsam einzelne Bildungsbrocken zusammensuchen. Da sei es kein Wunder, dass die deutsche Literatur nur langsam "classische" Werke hervorbringen könne.

Interessant aber, dass Goethe den Begriff "klassisch" undefiniert belässt.
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Offline Gontscharow

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Quote from:  sandhofer« am: Gestern um 10:13
Interessant aber, dass Goethe den Begriff "klassisch" undefiniert belässt

Hm. Aber er nennt zumindest  Grundlagen und Bedingungen (wie sie in Deutschland eben nicht existierten), unter denen sich classische Llitteratur entwickeln könnte. Und da nennt er - Politisierungsverbot der Horen hin oder her -  vor allem die staatlich politische Einheit, Kontinuität  und Tradition. Goethe gibt hier ganz den kultursoziologischen Realisten:

Jeder, auch das größte Genie, leidet von seinem Jahrhundert in einigen Stücken, wie er von anderen Vortheil zieht, und einen vortrefflichen Nationalschriftsteller kann man nur von einer Nation fordern. Aber auch der deutschen Nation darf es nicht zum Vorwurf gereichen, dass ihre geographische Lage sie eng zusammenhält, indem ihre politische sie zerstückelt.
 
Und köstlich der goethisch-sybellinische Kern- und Zielsatz der Polemik:
 
Wir wollen die Umwälzungen nicht wünschen, die in Deutschland classische Werke vorbereiten könnten.
 
Woltmann deutete die deutsche "Misere" in einen (kulturellen) Vorteil um. Das tut der Realist Goethe nicht. Aber wie jener scheint  er es nicht eilig zu haben mit der deutschen Einheit. Fast als ahnten sie, was dräut…
Wegen solcher Originalstellen lohnt sich die Lektüre der .Horen, das kann einem kein Safranski vermitteln. Allein so ein (in der Folgezeit ausgestorbenes) Wort wie Nationaleitelkeit (Woltmann), das ich vorher nie gehört habe…

Offline sandhofer

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Ja, ich habe mich gefragt, ob und wie ein 'Nationalschriftsteller' ein 'Classischer Schriftsteller' sein oder werden könne. (Wobei dann der Begriff der 'Nation' - gerade, wenn's um die deutsche Nation geht, ja auch wieder unscharf ist. Goethe erlebte noch den letzten „Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“. Meinte er diese Nation? Kaum.)
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Offline Gontscharow

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Quote from: sandhofer« am: 13. Mai 2013, 14.04 Uhr
Ja, ich habe mich gefragt, ob und wie ein 'Nationalschriftsteller' ein 'Classischer Schriftsteller' sein oder werden könne.

Das beschreibt Goethe auf S. 51 im vierten Abschnitt:

Wann und wo entsteht ein classischer Nationalautor? Wenn er in der Geschichte seiner Nation….

Denkt er hier an Vergil, den Staatsdichter des Augusteischen Zeitalters, und seinen Gründungsmythos?
Den Text aus dem Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, auf den er hier antwortet, kennen wir ja nun leider nicht. Es sind wohl auch Ironie und Polemik mit im Spiel.
Auf jeden Fall ist es Ironie der Literaturgeschichte, dass unser klassischer Autor par excellence hier den  Beweis führt, dass es so etwas wie ihn gar nicht geben könne… Dabei hat er ja das identitätstiftende Werk, geschöpft aus deutschem Mythenfundus, das seinen Ruhm als klassischer deutscher Dichter begründet, ja schon geschrieben und der zweite deutsche Klassiker wird in Kürze sogar  die europäischen Nachbarn  Britannien, Frankreich und die Schweiz mit dramatisierten Nationalmythen überziehen… ;D

Goethe ist Realist genug um festzustellen:

 Wir sind überzeugt, dass kein deutscher Autor sich selbst für classisch hält…    

Denn - das sagt er zwar nicht, ist aber sousentendu - es ist die Nachwelt, die entscheidet, ob  ein Schriftsteller sich als Klassiker bewährt. Insofern entlarvt Goethe auch die paradoxe Forderung, man solle nun mal klassische Werke schreiben, als Humbug …

Offline sandhofer

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Auf jeden Fall ist es Ironie der Literaturgeschichte, dass unser klassischer Autor par excellence hier den  Beweis führt, dass es so etwas wie ihn gar nicht geben könne…

Ja. Understatement oder war sich Goethe nicht dessen bewusst, was Schiller (u.a. mit den Horen) anstrebte?
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Offline Sir Thomas

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Liest noch jemand mit?

Ich bin noch dabei, muss mich nach einem längeren Urlaub aber erst einmal wieder "sortieren".

Offline Gontscharow

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Auf jeden Fall ist es Ironie der Literaturgeschichte, dass unser klassischer Autor par excellence hier den  Beweis führt, dass es so etwas wie ihn gar nicht geben könne…

Ja. Understatement oder war sich Goethe nicht dessen bewusst, was Schiller (u.a. mit den Horen) anstrebte?

Hier muss, glaube ich, unterschieden werden zwischen den beiden Bedeutungen von" Klassik"/" klassisch". Einmal ist "Klassik" ein  Epochen- und Stilbegriff und beinhaltet: Orientierung an der Antike, Geschlossenheit und Ebenmaß der Form, erhabene Inhalte etc, man spricht bei diesem (europäischen) Stil um 1800 auch von "Klassizismus". "Klassisch" im zweiten Sinne werden Werke genannt, die epochenunabhängig, vorbildlich und zeitlos sind, wertgeschätzt und verehrt werden. Insofern kann es auch Klassiker der Moderne geben und selbst ein Romantiker ein Klassiker sein. Auf  Klassik in des Wortes zweiter Bedeutung hebt Goethe in seinem Artikel ab, erstere strebt Schiller in den Horen an.

Offline sandhofer

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Da bin ich eben im Zweifel: Ich vermute, dass Goethe in diesem Artikel "classisch" im Sinne der griechischen Epoche verwendet; "National-" für den 'modernen Klassiker'. Daher meine Frage:

Ja, ich habe mich gefragt, ob und wie ein 'Nationalschriftsteller' ein 'Classischer Schriftsteller' sein oder werden könne.

Ich war wohl mal wieder ein wenig kurz ...  :angel:

(Dass Goethe dann später mit der Erfindung der "Weltliteratur" seine Begrifflichkeit noch zusätzlich komplizierte, sei mal aussen vor gelassen. Wenn ich mich recht erinnere, war "Weltliteratur" ein Begriff des alten Goethe, den er zur Zeit der Horen noch gar nicht verwendete.)
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Offline Sir Thomas

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Einmal ist "Klassik" ein  Epochen- und Stilbegriff und beinhaltet: Orientierung an der Antike, Geschlossenheit und Ebenmaß der Form, erhabene Inhalte etc ... "Klassisch" im zweiten Sinne werden Werke genannt, die epochenunabhängig, vorbildlich und zeitlos sind, wertgeschätzt und verehrt werden

Diese Unterscheidung ist nachvollziehbar und imho richtig.

Einen interessanten Beitrag über den klassischen Schönheitsbegriff findet man derzeit hier:
http://www.dw.de/sch%C3%B6nheit-einst-und-jetzt/a-16657319?maca=de-tagesschau-film-1526-rdf-mp

Dass Goethe dann später mit der Erfindung der "Weltliteratur" seine Begrifflichkeit noch zusätzlich komplizierte, sei mal aussen vor gelassen. Wenn ich mich recht erinnere, war "Weltliteratur" ein Begriff des alten Goethe, den er zur Zeit der Horen noch gar nicht verwendete.

"Weltliteratur" stammt definitiv vom späten Goethe (es müsste in den Eckermann-Büchern enthalten sein). Trotzdem legt er sich diesen Begriff in dem Horen-Aufsatz mEn. zumindest gedanklich schon einmal zurecht.

Offline Gontscharow

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Da bin ich eben im Zweifel: Ich vermute, dass Goethe in diesem Artikel "classisch" im Sinne der griechischen Epoche verwendet; "National-" für den 'modernen Klassiker'.

Das gibt meiner mMn der Text nicht her. Was würde G. dann mit dem Begriff classischer Nationalautor  (S.51)  sagen wollen? Und was in diesem Zusammenhang mit dem Satz: Wir wollen die Umwälzungen nicht wünschen, die in deutschland classische Werke vorbereiten könnten.…?(S.53) Goethes Aufsatz ist eine Replik. Er greift die Begrifflichkeit seiner Vorredner auf. Wenn er die Schreiber des  litterarischen sanscüllotismus zeiht, weil sie sich an die Stelle anerkannter Literaten (Wielands z.B.) setzen wollten, wenn er sagt, dass man in Deutschland an allen Ecken gute Literatur finden könne und  davon spricht, dass die deutschen Literaten eine allgemeine Nationalcultur leider (S.54) bislang nicht vorfanden, so ist anzunehmen,  dass der Vorwurf, auf den er hier antwortet, etwa wie folgt lautet: Warum gibt es in Deutschland keine vorbildlichen, erstklassigen, spezifisch deutschen Werke, respective keine  klassische Nationalliteratur ?

Wie ich jetzt beim zweiten Lesen feststellte, spricht Goethe von einer Art unsichtbarer Schule(S.54), die in letzter Zeit entstanden sei und er kündigt an:
Vielleicht wagen wir in der Folge, die Geschichte unserer vorzüglichsten Schriftsteller, wie sie sich in ihren Werken zeigt, dem Publikum vorzulegen.(S.54)
Schade, soweit ich sehe, ist das nicht umgesetzt worden.

Alles in allem ein sympathischer Artikel, der schon mal Belege liefert für das spätere goethische Bonmot: Patriotismus verdirbt die Geschichte o.ä. .

Offline Sir Thomas

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Demnach bleibt es unverkennbar, dass selbst ihr( der Deutschen) so formloser Charakter vielleicht einen größern weltbürgerlichen Werth hat, als der starkgezeichnete französische.

Deutschland ist gleichsam das Magazin des erhabenen Genius, welches die Menschengeschichte leitet, in das er die aus allen Gegenden zusammengeholten Schätze niederlegt.(...)

Mit je größerer Selbstverleugnung wir (…) Nationaleitelkeit von uns entfernen, desto pflichtgemäßer handeln wir als Weltbürger.

Interessante Zitate! Hier werden einige Gedanken des berühmt-berüchtigten Thomas Mann-Essays "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918) vorweggenommen. 1945 hat er sich in "Deutschland und die Deutschen" noch einmal in ähnlicher Weise zum deutschen "Nationalcharakter" geäußert. Ich nehme allerdings nicht an, dass TM den Woltmann-Aufsatz kannte. 

Offline sandhofer

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Ich nehme allerdings nicht an, dass TM den Woltmann-Aufsatz kannte. 

Darauf würde ich allerdings keine Wetten abschliessen. ;)
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Offline Gontscharow

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Friedrich August Weißhuhn war Privatdozent für Philosophie in Jena. Er starb im April 1795. Das Spiel in strengster Bedeutung ist also posthum erschienen. Im Goethe-Schiller- Briefwechsel vom Februar 1795  wird  erwähnt, dass er eine Beleidigungsaffaire mit dem Rektor der Jenaer Universität am  Hals hatte... Zur Todesursache habe ich nichts gefunden. Er wurde nur 37 Jahre alt. Weißhuhn war ein Jugendfreund Fichtes aus der gemeinsamen Zeit in Schulpforta, was ihn nicht daran hinderte, kritische Rezensionen zu dessen Werken zu verfassen. Goethe und Schiller schätzten ihn, besonders seine Schrift Die Synonymen (die von beiden gelesen wurde) sowie  Sätze und Gegensätze zur Grundlegung des neuen Systems der Philosophie. Goethe schreibt dazu:

Der Weißhuhn’sche Aufsatz im 6ten Hefte des Niethammerschen Journals hat mir sehr wohl gefallen. Diese Art zu philosophieren liegt mir viel näher als die Fichtische; wir wollen den Aufsatz doch einmal miteinander lesen, ich wünschte, über einiges Ihre Gedanken zu hören.

Nun also Das Spiel in strengster Bedeutung… Weißhuhns Suche nach der  schwere- und mühlosesten Form des Spiels, seiner Meinung nach das Spiel κατ' ἐξοχήν, gestaltet sich sehr mühevoll, umständlich und gar nicht spielerisch. ;D Selten größere Diskrepanz zwischen Gegenstand und Darstellung erlebt. 
Und das Ergebnis kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen! Mein Begriff von Spiel und gar in strengster Bedeutung ist ein anderer.

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Wenn ich bei google Weißhuhn eingebe, kommt u.a eine lange Latte von blog-Themen von litteratur.ch , egal ob Doderer oder Kenny, immer mit dem stereotypen Satz: Friedrich August Weißhuhn ist mir ansonsten nicht bekannt.  ???

Offline Sir Thomas

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Ich nehme allerdings nicht an, dass TM den Woltmann-Aufsatz kannte. 

Darauf würde ich allerdings keine Wetten abschliessen. ;)

Meinst Du wirklich, dass Thomas Mann die "Horen" gelesen hat? Ich habe bislang keine Hinweise dazu gefunden. Oder habe ich Dich einfach missverstanden?