Das 4. Stück war ja nicht so der Bringer. Das 5. Stück fährt leider gleich so weiter.
Der zweite Artikel, Karl Ludwig von Woltmanns
Beitrag zu einer Geschichte des französischen Nationalcharakters scheint aber nicht ganz uninteressant zu sein. Woltmann, zum Zeitpunkt der Abfassung des Artikels 25 Jahre alt, war Historiker in Jena. Man findet wenig über ihn. Der Einfachheit halber zitiere ich das vielleicht für uns Relevante:
In Jena kam es zu einer „Art geselliger Rivalität“ mit Goethe. „Woltmann war nämlich ein sehr hübscher, sehr artiger, sehr feiner Mann, ein Held der Damen, ein sehr beliebter Redner, dessen saubrer, norddeutscher Accent – er kam aus Hannover – im Sachsenlande mit sehr viel Vorliebe aufgenommen wurde. Es mag seyn, daß sich zu alle dem etwas Ziererei in sein Wesen gedrängt hatte, kurz Göthe fühlte sich gar oft veranlaßt, ihn aufzuziehn, ihn anzustoßen. Woltmann kollidirte in seinen geschichtlichen Vorlesungen mit Schiller, wurde nicht besonders gefördert, und verließ Jena“ (Wiki, Zitat aus : Heinrich August Pierer, Julius Löbe (Hrsg.): Universal-Lexikon der Gegenwart und Vergangenheit, 1865.)
Woltmann scheint sehr von Schiller beeinflusst, jedenfalls was seine Begrifflichkeit angeht:.
Ästhetische Erziehung sei vonnöten, sagt er, wenn die Franzosen ihre revolutionären Errungenschaften bewahren und nicht in Chaos und Anarchie versinken wollten. Eine Ära der Dichtung und Schönheit müsse anbrechen. Zu welchem Zweck und wie das vonstatten gehen soll, bleibt unklar. Unklar wie mir das ganze Schillersche Konzept der
Ästhetischen Erziehung, ehrlich gesagt, noch ist.. . Veredelung des (einzelnen) Menschen durch Produzieren und Rezipieren von Kunst, na schön. Aber Allheilmittel gegen die Zumutungen des Lebens und vor allem politisches und soziales Gestaltungsmittel??
Woltmann durchforstet die französische Geschichte und Kulturgeschichte nach Anhaltspunkten für den franz. Nationalcharakter, was ihn geprägt hat, wo er sich besonders zeigt etc. Seine Erkenntnisse sind zum großen Teil (und waren es wohl auch schon damals) Klischees, aber einiges ist auch originell. So z. B. wenn er die besondere Vorliebe und Begabung der Franzosen für Satire und Komödie in (proportionalen) Zusammenhang bringt zur Bedeutung, die gesellschaftliche Regeln und Konventionen in Frankreich haben u. hatten.
Hochinteressant finde ich seinen Vergleich des französichen mit dem deutschen Charakter. Grundverschieden seien die durch die Tatsache, dass sich in Frankreich schon früh ein Nationalstaat herausgebildet habe, während die Deutschen in politischer Zersplitterung lebten und leben. Dadurch sei der franz. Charakter homogener, spezieller, einheitlicher ausgeprägt, der deutsche dagegen unpräziser, allgemeiner, universeller. Man ahnt es schon, das nationale Handicap wird umgedeutet zur Stärke:
Demnach bleibt es unverkennbar, dass selbst ihr( der Deutschen) so formloser Charakter vielleicht einen größern weltbürgerlichen Werth hat, als der starkgezeichnete französische.Und weiter - ganz berauscht von seinem Gedanken - :
Deutschland ist gleichsam das Magazin des erhabenen Genius, welches die Menschengeschichte leitet, in das er die aus allen Gegenden zusammengeholten Schätze niederlegt.(...)
Mit je größerer Selbstverleugnung wir (…) Nationaleitelkeit von uns entfernen, desto pflichtgemäßer handeln wir als Weltbürger.Stellt nicht später auch Mme de Stael in
De l’Allemagne diesen Zusammenhang her zwischen politischer Unbedeutendheit und Kullturleistungen? Und lässt Napoleon das Buch nicht auch deshalb einstampfen?
Am Ende sieht Woltmann sogar eine „
neue fränkische Universalmonarchie aus beiden Staaten“ am Horizont!
Ist es, eingedenk dessen, was dann folgt, nicht berührend mitzubekommen, wovon ein junger Deutscher im Jahre 1795 noch träumen kann?