Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255756 times)

Offline Gontscharow

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Tatsache: Freuds Theorien sind weder veri- noch falsizfizierbar. Also keine Wissenschaft im Sinne der "harten Faktoren".

Ja, ich hatte schon verstanden. Was ich mit Exorzismusformel sagen wollte: Du hältst Freud diese unleugbare Tatsache wie ein Vaderetro entgegen, als könntest du ihn dir dadurch vom Leibe halten, bzw. für die Allgemeinheit bedeutungslos werden lassen.
Denn Tatsache ist (auch): das Forschungsobjekt Freuds, die Psyche, lässt sich nun mal nicht unter Laborbedingungen bearbeiten, entzieht sich den  harten Bandagen der Naturwissenschaft und ist daher in ihrem Sinne nicht quanti-, falsi- und verifizierbar.
Obwohl neuere Erkenntnisse der Neurobiologie…

Aber das alles wurde ja bereits in den 3 oder 4 Freud-threads dieses Forums diskutiert!
« Last Edit: 20. April 2013, 09.33 Uhr by Gontscharow »

Offline sandhofer

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Merkwürdige Belagerung von Antwerpen in den Jahren 1584 und 1585

Eine uninspirierte Nacherzählung alter Chroniken. Wie konnte Schiller hoffen, mit so etwas ein Publikum anzuziehen?
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Sir Thomas

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Ich hänge total durch! Die Texte des dritten und vierten Stücks habe ich nur angelesen und schleunigst abgebrochen (Ausnahme: Herder). Interessant wird es wohl erst wieder im fünften Stück - mit Goethes Litterarischem Sanscülottismus.

Offline sandhofer

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Ich hänge total durch!

Jetzt schon?!?  :o Au weia ...
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Offline Gontscharow

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Auch ich kann der Merkwürdigen Belagerung... wenig abgewinnen. Vergeblich habe ich beim Lesen (aber vielleicht kommt das ja noch?) auf etwas Merk-würdiges, ein spannendes oder mitreißendes Moment oder auch nur etwas Horentypisches/-relevantes gewartet. Dabei hatte ich bei diesem Stück besonders hohe Erwartungen, denn Safranski, dessen Urteil ich sehr schätze, singt ein Loblied auf Schiller als Historiographen und speziell auf sein Werk über Niederländische Geschichte:

Es ist nicht übertrieben, wenn man den „Abfall der Niederlande“ als eines der großen Prosa-Ereignisse in deutscher Sprache bezeichnet.(Safranski: Schiller oder...)

Warum ist das hier so fad? Ich glaube, ein Grund liegt darin, dass Schiller das Stück schon als Lückenfüller konzipiert hat. Am 29. November 1794 schreibt er an Goethe:

Wenn es auf keine andere Art zu machen ist, so will ich zu diesem siebenten Bogen Rath schaffen, und ein Morceau aus der Niederländischen Geschichte, das für sich interessiren kann, die Belagerung von Antwerpen unter Philipp II. die viel merkwürdiges hat, kurz beschreiben. Diese Arbeit macht mir weniger Mühe, und es würde der kleine Nebenzweck dabei erreicht, daß schon im ersten Stück das historische Feld besetzt wäre….

Schiller meinte wohl an den  großen Erfolg des Vorgängerwerkes anknüpfen zu können. Er fügte dieses Stück übrigens der Neuauflage von 1801 seiner niemals fortgesetzten Geschichte vom Abfall der Niederlande( ursprünglich waren sechs Bände geplant!) als Beilage an.

Ein zweiter schwerwiegenderer Grund ist wohl der, dass seit Anfang der Neunziger Jahre, seit seiner Enttäuschung über die Französische Revolution und deren Auswirkungen, sich Schillers Geschichtsbewußtsein verändert und der Schwerpunkt seiner Geschichtsschreibung sich verlagert: Er erzählt nicht mehr (begeistert und begeisternd) vom“Triumph der Freiheit in der Vergangenheit. Nicht mehr Vernunft und Freiheit, sondern das konkrete Schicksal "bemerkenswerter" Menschen und "merkwürdige" Wechselfälle des Lebens rückt er in den Mittelpunkt. So wie hier in diesem seinem übrigens letzten größeren historiographischen Text: Es geht um die Abenteuer des Feldherrn Alexander von Parma. Für mich hat das Ganze etwas Resignatives und ist eigentlich nur langweilig.
Im Abfall der Niederlande... - geschrieben zwei Jahre vor der Französischen Revolution - findet sich der Satz:
 
Die Kraft, mit der das niederländische Volk handelte, ist unter uns nicht verschwunden, der glückliche Erfolg, der sein Wagestück krönte, ist auch uns nicht versagt, wenn die Zeitläufte wiederkehren und ähnliche Anlässe uns zu ähnlichen Taten rufen.(zitiert nach Safranski)

In der Neuauflage von 1801 streicht Schiller diesen Satz!

Offline sandhofer

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Es ist nicht übertrieben, wenn man den „Abfall der Niederlande“ als eines der großen Prosa-Ereignisse in deutscher Sprache bezeichnet.(Safranski: Schiller oder...)

Ich habe von Schiller mal den (oder die?) "Geisterseher" zu lesen versucht - und nach 10 Seiten den Versuch abgebrochen. Vielleicht sollte ich bei Gelegenheit mal in den "Abfall" linsen; ich halte nämlich gar nichts von Schiller als Prosa-Stilist. Noch weniger als vom mittleren oder späten Goethe.
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Offline sandhofer

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etwas Horentypisches/-relevantes

Relevant vielleicht nicht. Aber typisch? Wohl leider schon, das die Horen in the long run betrifft ...
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Offline sandhofer

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Eine - zugegebenermassen recht uninspirierte - Zusammenfassung des vierten Stücks nun auch hier:

http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=3837
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Offline sandhofer

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Das 4. Stück war ja nicht so der Bringer. Das 5. Stück fährt leider gleich so weiter. 2. Teil der Belagerung von Antwerpen. Inhaltlich bringt der Historiker Schiller nichts Neues, und als großen Prosa-Statistiker empfinde ich ihn trotz Safranski auch nicht.
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Offline orzifar

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Im Grunde ja, aber nach wie vor will der physische Teil meiner selbst nicht so, wie der psychische sich das vorstellt.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Gontscharow

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Quote from: Autor: sandhofer« am: Gestern um 15:03
Das 4. Stück war ja nicht so der Bringer. Das 5. Stück fährt leider gleich so weiter.

Der zweite Artikel, Karl Ludwig von Woltmanns Beitrag zu einer Geschichte des französischen Nationalcharakters scheint aber nicht ganz uninteressant zu sein. Woltmann, zum Zeitpunkt der Abfassung des Artikels 25 Jahre alt, war Historiker in Jena. Man findet wenig über ihn. Der Einfachheit halber zitiere ich das vielleicht für uns Relevante:
 
In Jena kam es zu einer „Art geselliger Rivalität“ mit Goethe. „Woltmann war nämlich ein sehr hübscher, sehr artiger, sehr feiner Mann, ein Held der Damen, ein sehr beliebter Redner, dessen saubrer, norddeutscher Accent – er kam aus Hannover – im Sachsenlande mit sehr viel Vorliebe aufgenommen wurde. Es mag seyn, daß sich zu alle dem etwas Ziererei in sein Wesen gedrängt hatte, kurz Göthe fühlte sich gar oft veranlaßt, ihn aufzuziehn, ihn anzustoßen. Woltmann kollidirte in seinen geschichtlichen Vorlesungen mit Schiller, wurde nicht besonders gefördert, und verließ Jena“ (Wiki, Zitat aus : Heinrich August Pierer, Julius Löbe (Hrsg.): Universal-Lexikon der Gegenwart und Vergangenheit, 1865.)

Woltmann scheint sehr von Schiller beeinflusst, jedenfalls was seine Begrifflichkeit angeht:. Ästhetische Erziehung sei vonnöten, sagt er, wenn die Franzosen ihre revolutionären Errungenschaften bewahren und nicht in Chaos und Anarchie versinken wollten. Eine Ära der Dichtung und Schönheit müsse anbrechen. Zu welchem Zweck und wie das vonstatten gehen soll, bleibt unklar. Unklar wie mir das ganze Schillersche Konzept der Ästhetischen Erziehung, ehrlich gesagt, noch ist.. . Veredelung des (einzelnen) Menschen durch Produzieren und Rezipieren von Kunst, na schön. Aber Allheilmittel gegen die Zumutungen des Lebens und vor allem politisches und soziales Gestaltungsmittel??
 
Woltmann durchforstet die französische Geschichte und Kulturgeschichte  nach Anhaltspunkten für den franz. Nationalcharakter, was ihn geprägt hat, wo er sich  besonders zeigt etc. Seine Erkenntnisse sind zum großen Teil  (und waren es wohl auch schon damals) Klischees, aber einiges ist auch originell. So z. B. wenn er die besondere Vorliebe und Begabung der Franzosen für Satire und Komödie in (proportionalen) Zusammenhang bringt zur Bedeutung, die gesellschaftliche Regeln und Konventionen in Frankreich haben u. hatten.
 
Hochinteressant finde ich seinen Vergleich des französichen mit dem deutschen Charakter. Grundverschieden seien die durch die Tatsache, dass sich in Frankreich schon früh ein Nationalstaat herausgebildet habe, während die Deutschen in politischer Zersplitterung lebten und leben. Dadurch sei der franz. Charakter homogener, spezieller, einheitlicher ausgeprägt, der deutsche dagegen unpräziser, allgemeiner, universeller. Man ahnt es schon, das nationale Handicap wird umgedeutet zur Stärke:

Demnach bleibt es unverkennbar, dass selbst ihr( der Deutschen) so formloser Charakter vielleicht einen größern weltbürgerlichen Werth hat, als der starkgezeichnete französische.

Und weiter - ganz berauscht von seinem Gedanken - :

Deutschland ist gleichsam das Magazin des erhabenen Genius, welches die Menschengeschichte leitet, in das er die aus allen Gegenden zusammengeholten Schätze niederlegt.(...)

Mit je größerer Selbstverleugnung wir (…) Nationaleitelkeit von uns entfernen, desto pflichtgemäßer handeln wir als Weltbürger.

Stellt nicht später auch Mme de Stael in De l’Allemagne diesen Zusammenhang her zwischen politischer Unbedeutendheit und Kullturleistungen? Und lässt Napoleon das Buch nicht auch deshalb einstampfen?
Am Ende sieht Woltmann sogar eine „neue fränkische Universalmonarchie aus beiden Staaten“ am Horizont!

Ist es, eingedenk dessen, was dann folgt, nicht berührend mitzubekommen, wovon ein junger Deutscher im Jahre 1795 noch träumen kann?

Offline sandhofer

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Der zweite Artikel, Karl Ludwig von Woltmanns Beitrag zu einer Geschichte des französischen Nationalcharakters scheint aber nicht ganz uninteressant zu sein.

So weit bin ich noch nicht.  ;)
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Offline Gontscharow

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2. Teil der Belagerung von Antwerpen. Inhaltlich bringt der Historiker Schiller nichts Neues, und als großen Prosa-Statistiker empfinde ich ihn trotz Safranski auch nicht.

Safranskis Diktum von "einem der großen Prosa-Ereignisse in deutscher Sprache" bezog sich ausdrücklich (nur) auf den Abfall der Niederlande, geschrieben zwei Jahre vor Beginn der Revolution! Den Horenbeitrag von 1795 erwähnt er, glaube ich, nicht mal. Ihmr fehlt eben die Verve und Inspiration, die Die Geschichte des Abfalls noch auszeichnete und erfolgreich  machte.

Offline sandhofer

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Das sollte übrigens "Prosa-Stilistiker" heissen. Die Autokorrektur meines Tablets habe ich noch nicht ganz im Griff...  :(
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Offline sandhofer

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Woltmann: Viel kann man Gontscharows Analyse eigentlich nicht hinzufügen. Woltmann ist jedenfalls angenehmer zu lesen als Schiller. Allerdings bricht hier der Herausgeber bereits mit den zu Beginn des Unternehmens festgelegten Richtlinien, auch wenn der junge Woltmann die Französische Revolution recht zurückhaltend und objektiv zu analysieren sucht. Natürlich ist uns heute der Begriff "Volkscharakter" suspekt (wohl nicht zufälligerweise will die Autovervollständigung meines Tablet daraus "völkisch" machen). Aber der in die Zukunft gerichtete Traum Woltmanns (aus dem mein Tablet einen "Wortmann" machen will, und aus sich selber eine "Tablette") hat seinen naiven Charme.
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