Wilhelm von Humboldts „
Über den Geschlechtsunterschied“ habe ich schon vor einigen Tagen gelesen. Das Problem bei solchen abstrakten Texten ist, dass man ganz schnell vergißt was drinstand . Das ist hier zum Glück nicht der Fall, denn H.s Thema sind die „
Operationen der Natur, die ewig wiederkehrend, doch so oft in veränderter Gestalt erscheinen“. Entsprechend wird viel, wenn auch in verschiedenem Gewand, wiederholt und der zugrundliegende Grundgedanke dem Leser eingehämmert:
Die Einheit der gesamten Natur ist von zwei Kräften bestimmt: einer weiblichen und einer männlichen. Indem sie in dialektischer Weise aufeinander einwirken, ermöglichen sie den unendlichen Fortschritt der Natur… Geschlechtsunterschied makes the world go round.
Eine eigenartige Mischung von Naturwissenschaft auf Geisteswissenschaft angewendet.
Ja, dieses Prinzip sieht H. über die“
beschränkte Sphäre“ der körperlichen Natur hinaus auch auf dem „
unermesslichen Feld“ des Geistes wirksam.
Spätestens hier schließen H.s Überlegungen zum Bildungsprogramm der
Horen auf:
Vorzüglich aber bedarf der Mensch zur Ergründung und Veredlung auch seiner moralischen Natur einer anhaltenden und ernsten Betrachtung der physischen um ihn her…!
Aha, nach der Veredlung durch das
Ästhetische (Schiller) und der Veredlung durch das
reine Interesse an Wahrheit (Fichte), das sogar zur
Glückseligkeit führen soll, nun also die Veredlung durch Naturbetrachtung!
Auch wenn ich H. nicht in allem folgen kann, vor allem nicht im universellen Deutungs- und Erklärungsanspruch seiner Theorie, so find ich seine Gedankengänge doch ansprechend.
Bei den dem Männlichen und dem Weiblichen zugeordneten Begriffspaaren:
Wirkung - Rückwirkung, Form - Stoff, Rastlosigkeit - Dasein, Vernunft- Phantasie etc und besonders auch bei der Erkenntnis, dass im männlichen Prinzip auch etwas vom weiblichen und umgekehrt vorhanden sein müsse, drängte sich mir das Bild des
Yin und Yang auf. Ja, Humboldts
Geschlechtsunterschied scheint eine perfekte Beschreibung des ostasiatischen Symbols.
Auf welche Gottheit spielt H. am Schluss seiner Ausführungen an? Auf Apoll? Iin der Tat hatte ich bei H.s Begriffsantinomien die Assoziation des Apollinischen und Dionysischen...
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