Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255855 times)

Offline sandhofer

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Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:28 »
Allerdings musste Wieland, der in seinem Merkur die französischen Ereignisse recht objektiv zu schildern versuchte, sich nach diversen Ermahnungen zurücknehmen, wenn er nicht sein Zensurprivilieg verlieren wollte.

Interessant! Zensurprivileg. Was ist das? Ich finde dazu nichts im Netz.

Eine kurze Zusammenfassung z.B. hier: http://www.unet.univie.ac.at/~a0404311/geschichte.htm

Und war der Merkur 1789 (Beginn d. Revolution) nicht schon eingestellt?

Jein. Er wurde 1789 eingestellt - nur um 1790 als "Neuer teutscher Merkur" wieder aufzuerstehen.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

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Merci vielmals für die nützlichen Informationen!

Im Hintergrund der Unterhaltungen dräuen im übrigen eigentlich weniger die bösen Franzosen als eine deutsche revolutionäre Entwicklung....
Ja. Spielt aber für das Setting eine untergeordnete Rolle, wie ich finde.

Finde ich nicht. Denn im Gegensatz zur Rahmenhandlung des Decamerone lauert die Gefahr in den Unterhaltungen nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Erzähl- und Zuhörerschaft, denn zumindest Karl,(bezeichnenderweise) der Hofmeister und die Kammermädchen( die freilich keine Stimme haben) sind auf Seiten der Jakobiner. Es ist so, als hätten einige aus der Decamerone-Gesellschaft bereits die Pest.

Offline sandhofer

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sind auf Seiten der Jakobiner. Es ist so, als hätten einige aus der Decamerone-Gesellschaft bereits die Pest.

Einverstanden, soweit. Was ich meinte ist: Es spielt keine Rolle, ob diese Jakobinerheere nun französisch oder mainzerisch sind.
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Offline sandhofer

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Die Unterhaltungen werden im zweiten Stück dann besser. Nun werden Geschichten erzählt. Die Geschichten hauen einen zwar nicht vom Hocker und auch die Erzählsitutation ist lockerer als im Decamerone. Aber Goethe liefert doch bedeutend mehr als der Auftakt erwarten liess.  8)
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Offline Gontscharow

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Die Geschichten hauen einen zwar nicht vom Hocker und auch die Erzählsitutation ist lockerer als im Decamerone. Aber ...

Inwiefern lockerer? Und warum ist das für dich eher negativ..?

Offline sandhofer

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Inwiefern lockerer? Und warum ist das für dich eher negativ..?

Na ja: Im Decamerone wird für jeden Tag ein Thema definiert, an das sich die 10 Gesprächsteilnehmer halten müssen. Auch muss jeder der 10 pro Tag eine Erzählung abliefern. In den Unterhaltungen wird einfach drauflos schwadroniert. So erhalten die Erzählungen keinen Hintergrund sondern bleiben irgendwie in der Beliebigkeit stecken. Die Geistererscheinungen - oder was immer diese Geräusche etc. sein sollen - bleiben ohne Zusammenhang mit irgendetwas - nicht einmal mit dem Erzähler.
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Offline Gontscharow

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Inwiefern lockerer? Und warum ist das für dich eher negativ..?

Na ja: Im Decamerone wird für jeden Tag ein Thema definiert, an das sich die 10 Gesprächsteilnehmer halten müssen. Auch muss jeder der 10 pro Tag eine Erzählung abliefern. In den Unterhaltungen wird einfach drauflos schwadroniert. So erhalten die Erzählungen keinen Hintergrund sondern bleiben irgendwie in der Beliebigkeit stecken. Die Geistererscheinungen - oder was immer diese Geräusche etc. sein sollen - bleiben ohne Zusammenhang mit irgendetwas - nicht einmal mit dem Erzähler.

Ach so, das meinst du. Ich dachte, du spielst vielleicht darauf an, dass einerseits das Erzählgeschehen seine Entsprechungen in der Rahmenhandlung hat (der Schreibtisch, der just in dem Moment knackt, als man über die in den Geschichten vorkommenden unerklärlichen Geräusche spricht, der Talisman, der ähnlich wie in der Geschichte mit dem Schleier auch in der Familie Friedrichs und Luises existieren soll), und dass andrerseits Geschehnisse aus dem bedrohlichen Hintergrund in die Rahmenhandlung hereinreichen, wie der Brand, von dem der Bedienstete berichtet, und die dann auch wieder Dinge ergänzen und erklären, die gerade thematisiert wurden. Diese Art der Auflockerung finde ich eigentlich recht kunstvoll und spannend!

Quote from:  sandhofer ebenda
In den Unterhaltungen wird einfach drauflos schwadroniert

Das kann man eigentlich nicht sagen. Von mehr oder weniger widersprüchlichen Tagesnachrichten verwirrt, fragen sich die Ausgewanderten, was sie glauben sollen und was nicht. Der Geistliche gibt ganz im Sinne der Gastgeberin, die schon im Bett liegt, die Empfehlung, das Angenehme und im Rahmen der Wahrscheinlichkeit Günstigste zu glauben. Von da kommen sie auf „ die entschiedene Neigung unserer Natur, das Wunderbare zu glauben. Man redete vom Romanhaften, vom Geisterhaften und als der Alte einige gute Geschichten dieser Art künftig zu erzählen versprach, versetzte Fräulein Luise…"

Also so beliebig und zusammenhanglos ist das eigentlich nicht, was dann erzählt wird.
Ich muss noch hinzusetzen: In den „Unterhaltungen“ wird im Grunde mehr Zusammenhang zwischen Rahmenerzählung und Geschichten hergestellt als im Decamerone, wo das jeweilige Thema des Tages gar nicht aus dem Erlebniszusammenhang der Rahmens kommt, sondern ziemlich katalogartig festgelegt wird, ohne Bezug zur momentanen Lebenswirklichkeit.
« Last Edit: 09. Februar 2013, 23.40 Uhr by Gontscharow »

Offline sandhofer

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Es handelt sich hier zugegeben um eine Weiterentwicklung Boccaccios. Für mich ist diese Verquickung von Rahmen- und Binnenerzählung schon etwas typisch Romantisches, auch wenn ich zugebe, dass Goethe diesen Trick bedeutend besser beherrscht als die meisten Romantiker. Ich mag diese Art der Verschachtelung sogar; aber ich glaube, dass der explizite Bezug zu Boccaccio das Ganze etwas hinken macht. Gerade weil das Katalogartige, von der aktuellen Situation Abgezogene fehlt, wird der Rahmen brüchig. Das mag allerdings Goethes Absicht gewesen sein - die Brüchigkeit und Unsicherheit der aktuellen politischen Situation Deutschlands spiegelnd.
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Offline Gontscharow

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Die Geschichten hauen einen zwar nicht vom Hocker

Die erste Erählung finde ich erstaunlich. Weil Goethe ausgerechnet einen Geistlichen, den wir zudem mit Luise eher als kleinlichen Moralapostel  einzuschätzen gelernt haben, von einer recht freizügigen Sängerin aus dem mondänen Neapel erzählen lässt, deren Freund  oder zumindest guter Bekannter er gewesen ist. Mit anerkennendem Verständnis zeichnet er eine  gesellige, autarke, vernünftige und menschliche Frau, die( teilweise besser als Frau das heute  hinbekommt) ihre „Männergeschichten“ geregelt hat,  z. B. ohne in die Ausschließlichkeits- und Aufopferungsfalle oder ähnliches zu tappen -  ganz anders als übrigens die Amalien, Luisen und Leonoren (aus Schillers Dramen), von denen ich gerade lese und die sämtlich durch den sie angeblich liebenden Mann gemeuchelt werden. Hier stirbt der verlassene Mann, der der Frau einen letzten Liebesbeweis nicht abringen kann und dann beginnen  die seltsamen Geräusche sie zu verfolgen. Dass die Frau durch diese mysteriösen Erscheinungen für ihren Lebenswandel und ihre Insubordination bestraft wird o. ä., wird vom Erzähler mit keinem Wort suggeriert und der Spuk verläuft auch dann irgendwann im Sande.. Die Gespenstergeschichte passt irgendwie nicht zu der (aufgeklärten) Vorgeschichte.
Überhaupt verstehe ich die Vorliebe unserer Klassiker (es beginnt ja nicht erst mit der Romantik ) für die Geisterseherei nicht! Gespenstergeschichten sagen mir gar nichts. Ich kann ihnen höchstens literatursoziologisch etwas abgewinnen: als höchste Form des Escapismus:Mit erfundenem Horror wird vom Grauen der Realität abgelenkt, mit Gespenstern werden die Gespenster der Realität ausgetrieben o.ä. Daher vielleicht die Vorliebe für Magieund Spoekenkiekerei gerade in Krisen- und Umbruchzeiten? Hanussen z.B.?

Offline sandhofer

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Die erste Erählung finde ich erstaunlich.

Wenn ich Dich recht verstehe: Von einem quasi feministischen Standpunkt aus erstaunlich, inhaltlich mit ihrer Geisterseherei dann eher weniger. Damit kann ich mich einverstanden erklären.

Mittlerweile in nächsten Teil der Briefe:

Da meint Schiller zunächst, dass die Geschichte zeige, dass die Entwicklung der Kunst immer ein Zeichen der Degeneration des betreffenden Staatswesens sei, nur um praktisch im nächsten Satz diesen empirischen Satz ganz einfach beiseite zu wischen und zum grossen Salto Mortale in die Theorie anzusetzen. Nun wird ein Sachtrieb und ein Formtrieb postuliert. Im Grunde genommen fusst Schiller hier auf Descartes' "Ich denke, also bin ich", und sitzt wie jener der Grammatik, der Sprache auf, indem er ein unveränderliches Ich und ein stets formbares Anderes annimmt - das Subjekt und sein Verb. Von hier zu Fichtes Wissenschaftslehre (die Schiller auch zitiert), ist es ja dann nicht mehr weit. Und wenn Schiller zunächst die Einzigartigkeit und absolute Gegensätzlichkeit der beiden Triebe (Sach und Form) postuliert, führt er dann einen oder zwei Briefe später doch einen vermittelnden Trieb ein: den Spieltrieb. Und schon haben wir - durch reines Jonglieren  mit Wörtern - die Ästhetik als Mittel der Erziehung vorbereitet, die wir gerade noch geleugnet hatten.

Und wer jetzt sagt: Ja, aber da ist doch zwischendurch noch ein Aufsatz vom "Kunscht"-Meyer? Ist, ja. Aber was soll man dazu sagen? Soweit ich es überblicke, haben wir eine Zusammenfassung Winckelmanns vor uns. Ohne Zeichnungen, Kupfer, Fotografien bleibt Meyer un-fassbar. Es mag ja sogar sein, dass diese Art von Aufsatz dem durchschnittlichen Publikum der Horen besser konvenierte als Schillers doch ziemlich abstrakte Ausführungen.
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Offline Sir Thomas

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Und wer jetzt sagt: Ja, aber da ist doch zwischendurch noch ein Aufsatz vom "Kunscht"-Meyer? Ist, ja. Aber was soll man dazu sagen? Soweit ich es überblicke, haben wir eine Zusammenfassung Winckelmanns vor uns.

Ich übergehe im zweiten Heft die Fortsetzung der "Unterhaltungen ...", den Meyer-Aufsatz und Schillers zweiten Teil der "Briefe ...", um mich der zweiten Epistel Goethes zuzuwenden. Aber was soll das bitte sein? Ein Lob der Hausfrauen und deren segensreichen Tätigkeiten? Wohl eher eine ironische Kritik der Meinung, Frauen mögen sich bitte von Büchern fernhalten ... 

...denke dir nur die Töchter im Hause,
Die mir der kuppelnde Dichter mit allem Bösen bekannt macht.


Das ist beim besten Willen nur als Ironie verständlich.

Es folgt ein (Wilhelm) Humboldt-Aufsatz über den "Geschlechtsunterschied". Muss man sich das antun? Ich habe WvH. als gaaanz großen Langweiler in Erinnerung, der allenfalls etwas für Linguisten ist.

By the way: Liest überhaupt noch jemand mit? 

BigBen

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By the way: Liest überhaupt noch jemand mit?

Ja, ich. Die Kommentare hier.  ;D

Offline Sir Thomas

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By the way: Liest überhaupt noch jemand mit?

Ja, ich. Die Kommentare hier.  ;D

Ach, Du mein Held, Du Tapferer!

Offline sandhofer

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By the way: Liest überhaupt noch jemand mit? 

Natürlich. Auch wenn ich wohl erst am Wochenende zu Goethe komme ...  :hi:
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Offline Gontscharow

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Quote from: Sir Thomas« am: Heute um 11:37 »
Ich übergehe im zweiten Heft die Fortsetzung der "Unterhaltungen ...", den Meyer-Aufsatz und Schillers zweiten Teil der "Briefe…
Liest überhaupt noch jemand mit?
;D
Das fragst Du?

Quote from:  Goethe 2. Epistel
Würdiger Freund…. dir scheinen die Scherze/ Nicht am rechten Orte zu sein; die Frage war ernsthaft,/……/...ich fahre bedächtiger fort..

Goethe beginnt seine zweite Epistel mit der Ankündigung (im Gegensatz zur ersten) nun Scherze beiseite zu lassen und sich ernsthaft mit Fragen des Lesens und Schreibens auseinanderzusetzen. Wie du, Sir Thomas, hab ich meine Zweifel daran:
Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reift im Stillen
Häuslicher Tugend entgegen, den klugen Mann zu beglücken.
Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewisslich ein Kochbuch,
Deren Hunderte schon die eifrigen Pressen uns gaben

Das ist Satire (jedenfalls hoffe ich das für Goethe) - und zwar  auf die nicht nur zur Goethezeit gängige Meinung, Bücher (vor allem Romane) hätten einen schädlichen Einfluß auf junge Mädchen.
Ständiger Kommentar des braven Bürgers Musikus Miller, wenn seine Tochter etwas Aufmüpfiges äußert: Das kommt vom Lesen der gottlosen Bücher…  Etwas, das noch Emma Bovary und Effi Briest verfolgt und bis vor kurzem noch nicht ausgestorben war...

Goethe ist ein Meister darin, hausbackenste Inhalte in pompöse Form zu bringen: 
Denkt sie an Vorrat schon für den Winter. Im kühlen Gewölbe
Gärt ihr der kräftige Kohl, und reifen im Essig die Gurken


Ist nicht auch Hermann und Dorothea in Hexametern geschrieben?

Soweit ich sehe, scheinen auf diese zweite Epistel keine weiteren mehr zu folgen. Es hat sich ausgepistelt.
« Last Edit: 13. Februar 2013, 17.28 Uhr by Gontscharow »