...nach den recht misslungenen Goetheschen "Unterhaltungen ...".
Wieso „misslungen“?
In den Unterhaltungen verarbeitet Goethe zeitnah(!) eins der prägendsten Erlebnissse seines Lebens: die Belagerung der Stadt Mainz (Mainzer Republik!) im Jahre 1793, an der er als Adlatus seines Weimarer Herzogs in den Reihen der Koalitionsarmeen teilgenommen hat… Nach vier Monaten Belagerung gaben die Franzosen auf. Damit war der erste deutsche Demokratieversuch gescheitert, die deutschen Jakobiner, die "Klubisten" ( auch Georg Forster ist unter ihnen) wurden verfolgt, z. T. gelyncht, (Goethe war Zeuge), die alte Ordnung, der Kurfürst zog wieder ein. Das ist der Hintergrund der
Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. Sie spielen vor und während der Belagerung und handeln von einer adligen Großfamilie, die infolge des ersten Koalitionskrieges von ihrem linksrheinischen Stammsitz geflohen ist und nun auf einem ihrer rechtsrheinischen Besitzungen das Ende des Krieges abwartet. Der Jugendfreund der verwitweten Baronesse, ein Geheimrat, der zu Gast ist, und ihr Neffe Karl geraten immer wieder aus politischen Gründen aneinander, bis der Streit eskaliert, der Geheimrat die Mainzer
Clubbisten gehängt, Karl die Reaktionäre guillotiniert sehen möchte, woraufhin der Geheimrat mit Frau und Tochter zum Bedauern der Baronesse das Haus verlässt. Schon immer auf Ausgleich und Harmonie bedacht, verhängt sie jetzt mit Zustimmung der Beteiligten, selbst des "Jakobiners" Karl, soetwas wie ein Politisierungsverbot, um das gesellige Leben zu retten. Der alte Hausfreund, ein Geistlicher, outet sich als Geschichtensammler und -erzähler und erklärt sich bereit, die Gesellschaft durch unverfängliche Geschichten zu unterhalten. (
Unterhaltungen bekommt einen ganz neuen Sinn). Bevor er noch mit der ersten Geschichte beginnt, endet die Sequenz!
Die Erzählsituation, die Goethe hier vorbereitet hat, entspricht der des Decamerone, wo junge Adlige, die vor der Pest aus Florenz geflohen sind, sich auf einem Landgut die Zeit mit Geschichten-Erzählen vertreiben. Goethe kommt mit dieser Erzählung auch dem Gebot der Vorrede nach, Politik außen vor zu halten und er knüpft (freilich auf niedrigerem Niveau) spöttisch (?)an die
Ästhetische Erziehung an, indem er Kunst statt Politik bietet….
Ich jedenfalls bin gespannt , ob die Erzählungen das Gespenst der Revolution vertreiben können!