Ich kehre noch einmal zurück zu Goethes "Epistel", weil dort etwas über das Selbstverständnis des Poeten deutlich wird:
Jetzt da jeglicher liest und viele Leser das Buch nur
Ungeduldig durchblättern und, selbst die Feder ergreifend,
Auf das Büchlein ein Buch mit seltner Fertigkeit propfen, ...
Zufällig stieß ich in den Eckermann-Gesprächen nun auf diese Stellen (20. April 1825), die das soeben Zitierte stützen:
„Das Unglück ist, ... dass niemand sich des Hervorgebrachten freuen, sondern jeder seinerseits selbst wieder produzieren will. Auch denkt niemand daran, sich von einem Werk der Poesie auf seinem eigenen Wege fördern zu lassen, sondern jeder will sogleich wieder dasselbige machen. Es ist ferner kein Ernst da, der ins Ganze geht, kein Sinn, dem Ganzen etwas zuliebe zu tun, sondern man trachtet nur, wie man sein eigenes Selbst bemerklich mache und es vor der Welt zu möglichstes Evidenz bringe. – Dieses falsche Bestreben zeigt sich überall ... Überall ist es das Individuum, das sich herrlich zeigen will, und nirgends trifft man auf ein redliches Streben, das dem Ganzen und der Sache zu Liebe sein eigenes Selbst zurücksetzte. Hinzu kommt sodann, dass die Menschen in ein pfuscherhaftes Produzieren hineinkommen, ohne es selbst zu wissen."
Ist das die Arroganz des vermeintlich "geborenen Genies"? Oder Ausdruck einer Sorge um die literarische Qualität?