Ich habe mich offenbar zu wenig präzise ausgedrückt
Ja, das war schon etwas verwirrend und Gedanken lesen liegt mir auch nicht.

Du siehst den Bettler-Rhapsoden Goethes als Nachfahren des Hythlodeus… Mich ließen Erzähler und Erzählsituation an die
ItalienischeReise denken, in der Goethe sich mehr als einmal beeindruckt zeigt von den venenizianischen Geschichtenerzählern und Sängern aus dem Volk.
Epistel:
Also hörte ich einmal, am wohlgepflasterten Ufer/ Jener neptunischen Stadt, die den geflügelten Löwen /Göttlich verehrt ein Mährchen erzählen. Im Kreise geschlossen,/ Drängte das horchende Volk um den zerlumpten Rhapsoden…Italienische Reise, 3. Oktober 1786:
Auf einem Uferdamm im Angesicht des Wassers bemerkte ich schon einigemal einen geringen Kerl, welcher einer größeren oder kleinern Anzahl von Zuhörern … Geschichten erzählte… nur selten lächelt das Auditorium, das meist aus der ganz niedern Klasse besteht. Auch hat der Mann… etwas sehr Gesetztes, zugleich eine bewunderungswürdige Mannigfaltigkeit und Präzision, welche auf Kunst und Nachdenken hinwiesen in seinen Gebärden…Was aber soll nun diese Epistel? Die Bedeutung des Eröffnungsstücks der
Horen erschöpft sich sicher nicht in der Erinnerung an Th.Morus, venezianische Reiseimpressionen oder in dem Lob mündlichen Erzählens. Da ich (wie ich den Laden hier kenne

) wenig Hoffnung habe, noch ein Feed back auf die von mir geäußerten Vermutungen zu bekommen, habe ich ein bisschen im internet geblättert. Die Epistel scheint von der Sekundärliteratur im Gegensatz zur
Ästhetischen Erziehung und den
Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter bislang vernachlässigt worden zu sein, was beklagt wird:
Die ÄE und die UdA sind in der Forschung häufig miteinander verglichen worden, die Epistel hingegen wurde nur sehr selten hinzugezogen und wenn, dann zumeist, um Goethes Ablehnung gegenüber Schillers kulturpolitischem Konzept zu verdeutlichen.( Zitat Müller)
Allgemein geteilt wird die Auffassung Karl Richters über die Epistel :
Goethe zieht Schillers große Themen ins Kleine und lässt seine Skepsis durchblicken, ob derlei hochfliegende Pläne[/i(wie in der Vorrede geäußert)[/i über die Beeinflussung des Lespublikums zu erreichen seien. Das bestätigt meine Vermutungen.
Wenn das so ist und Goethe hier Schillers „kulturpolitisches Konzept“ in Zweifel zieht, lässt sich die Vorrede nicht (mehr) als Manifest der Klassik oder
Klassik in the nutshell auffassen. Die deutsche Klassik ein Phantom? Das erste Heft der Horen mit dem alternierenden Wechsel von Schiller- und Goethetexten so etwas wie ein Dialog zweier kulturpolitischer Antipoden?