Hallo!
Hunger, Durst, Schmerz etc. werden zu einer "verworrenen Art des Denkens"!
Tatsächlich ordnet D. Empfindungen (Schmerz, Hunger ...) ohne weiteres dem Geist zu, wobei eben immer ungeklärt bleibt, wie denn der Körper (etwa bei einer Verletzung) seine Meldung an den von ihm so grundsätzlich unterschiedenen Geist weitergibt bzw. wie denn der Geist aufgrund des Schmerzempfindens den Körper zu bestimmten Handlungen veranlasst (Schutz der verletzten Stelle etc.). Dies zieht sich durch den gesamten 6. Abschnitt; denn obwohl D. ein recht guter Physiologe war und viele Sektionen vornahm, wird er durch seinen Geist-Körper-Dualismus zu einigermaßen seltsamen Annahmen über die Interaktion zwischen beiden gezwungen (und, wie ich erwähnte, hat schließlich einen neuen Begriff der Einheit von Körper und Geist eingeführt, der dieses Problem beheben sollte).
Descartes Zweifel (der von der Kirche scheel angesehen wurde, weil Zweifel an sich etwas niemals ganz Geheures in theologischen Augen zu sein pflegt) führt also zwangsläufig zu Gott, wobei hier bereits nicht mehr der alttestamentarische Gott gemeint ist (den Pascal noch im Herzen trug, da nur ein solcher Trost zu spenden vermöchte), sondern ein ontologischer Gott, ein Gott der Rationalität. In V heißt es u. a., dass wir nichts sicher wissen könnten, wenn wir nicht wüssten, dass Gott existiert.
Der Mensch also zweifelt, ist unvollkommen - und findet dennoch in sich die Vorstellung von etwas Vollkommenen, und dieses Vollkommene kann nicht aus dem Unvollkommenen entstanden sein. Daher braucht Descartes auch die eingeborenen Ideen und er bezieht sich (allerdings auf sehr problematische Weise) auf eine Art Kausalgesetz, dass die Wirkung die Ursache nie zu übertreffen vermöge (und daher u. a. der unvollkommene Mensch die Idee der Vollkommenheit nicht hervorgebracht haben kann). Dies ist deshalb problematisch, weil zu diesem Zeitpunkt der Beweisführung eine Außenwelt nebst kausalen Implikationen noch nicht besteht, für diese Außenwelt muss erst Gott bewiesen werden. Wenn nun aber die erwähnte Kausalität für die Existenz Gottes herangezogen wird, so wird das vorausgesetzt, wofür das zu Beweisende erst die Garantie abgeben soll.
Dazu kommt, dass D. noch stark von der platonischen Ideenlehre beeinflusst ist: So ist seine Idee der Vollkommenheit (auch der mathematischen Wahrheiten, Gottes etc.) immer mit der "Existenz" verbunden (schon Gassendi hat sich gegen diese zwangsläufige Verbindung des Begriffes Vollkommenheit mit Existenz gewandt), immer sind diese Ideen etwas und nicht nichts, sie existieren im Sinne des philosophischen Realismus (und im Sinne Platos). Eine solche Umkehr der Entstehung der Begriffe, die zuerst das Allgemeine postuliert, von dem das Besondere abhängt, ist einzig für Rationalisten und Metaphysiker anziehend; während man schon zu D.s Zeiten im Regelfalle den umgekehrten Weg ging, von vergleichbaren Einzeldingen abstrahierte und die Gattungsbezeichnung für jenen Kern der Gemeinsamkeiten verwendete. So sind also von Tischen allerhand Attribute abzuziehen (Form, Farbe, Größe etc.) und es bleibt immer noch ein Tisch, allerdings kann nicht angegeben werden, wann denn endgültig die Bezeichnung Tisch für den entsprechenden Gegenstand nicht mehr verwendet werden kann, weil die Definition auf Konvention beruht. Und es müssen auch nicht alle Ideen präexistent sein (gab es nicht nur eine Tischheit sondern auch ein Computerheit in jenen Zeiten), denn diese Allgemeinbegriffe werden erst
nach der Klassifizierung einzelner existierender Elemente geschaffen.
Ein Kritikpunkt (es gäbe ihrer noch mehr, aber die Zeit, die Zeit ...) scheint mir noch sehr wichtig, denn mit derlei Ungenauigkeiten wird man häufig in philosophischen Diskussionen konfrontiert. D. schreibt über Gott: "Gott
ist ein Wesen, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann" (usf., er schreibt Gott die verschiedensten Eigenschaften zu, meist Superlative). Das Problem dieses Satzes ist hervorgehoben: Denn eigentlich schreibt Descartes etwas anderes: "Gott heißt (wird definiert als) ein Wesen, ...". D. macht aus einer Definition eine Existenzaussage, wobei eine solche nur dann sinnvoll ist, wenn ihr Wahrheitsgehalt anhand der Wirklichkeit überprüft werden kann. Die Intension eines Begriffes (wie Gott oder Tisch) ist aber keineswegs festgelegt, sondern - wie erwähnt von Konventionen abhängig. Jedenfalls suggeriert D. durch seine Art der Definition eine Form von Existenz, die so nicht behauptet werden kann.
(Exkurs: Es ist dies möglicherweise ein Anfang der "Seinspest": Aus der Kopula "sein" wird ein Hauptwort, es wird ein Partizip gebildet, neben der Substantivierung kommt es zu Verneinungen, wodurch Sätze erzeugt werden wie "Das Sein ist das Seiende im Sosein und kann im Sosein genichtet werden. Das Nichts nichtet." Usf. Im Grunde ist das ein dadaistisches Vergnügen - mit wenig (oder gar keiner) Aussagekraft. Da die Philosophie mit Problemen zu tun hat, stellt sich hier die Frage, welche Probleme mit solchen Aussagen erklärt, gelöst, verdeutlicht werden sollen. Exkurs Ende.)
lg
orzifar