Author Topic: René Descartes: Meditationen  (Read 32582 times)

Offline Sir Thomas

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #30 on: 31. Mai 2012, 17.54 Uhr »
Nun, in epistemischer Hinsicht besteht ein doch entscheidender Unterschied zwischen Empirismus und Rationalismus

Das ist dann wohl der Unterschied zwischen (rein denkender) Vernunft und (experimentell erwiesener) Erfahrung, oder? Müsste man dann aber als Descartes' wichtigsten "Gegner" nicht Francis Bacon eher nennen als Locke und Hume? Bacon war fast so etwas wie ein Zeitgenosse Descartes'. Haben die beiden sich eigentlich gekannt? Der Jüngere (Descartes) müsste doch vom Älteren zumindest gehört haben ...

LG

Tom

Offline sandhofer

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #31 on: 31. Mai 2012, 20.02 Uhr »
Bacon war fast so etwas wie ein Zeitgenosse Descartes'. Haben die beiden sich eigentlich gekannt?

So viel ich weiss, nicht. (Aber ich bin immer noch zu Beginn der 1. Meditation ... )
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Offline orzifar

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #32 on: 01. Juni 2012, 04.17 Uhr »
Hallo!

Von einer persönlichen Bekanntschaft Bacons und Descartes weiß ich nichts. Wird auch relativ knapp: Bacon starb, als Descartes noch einigermaßen unbekannt war.

Es ist die grundsätzliche Frage, wie wir von der Welt etwas wissen können. Locke und Hume meinen, dass es dazu immer der sinnlichen Erfahrung bedarf _und_ dass alles in irgendeiner Weise Erdachte auch anhand von Erfahrungen überprüft werden soll. Da die empirisch überprüfbaren Erscheinungen Gottes rar sind (Hume hat eine logische Analyse von Wunderberichten vorgenommen und gezeigt, weshalb diese nicht gerade glaubwürdig sind), ist dies ein Blattschuss für Demiurgen aller Art. Descartes operiert mit angeborenen (von Gott in den Menschen gelegte Ideen), damit meint er vor allem die Schlüsse mathematischer Natur und auch die Gottesvorstellung. Die Empiristen verweisen aber auch für math. Gewissheiten (Satz des Thales) auf die Erfahrung bzw. auf ein erfahrenes System von Axiomen.

@Gontscharow: Descartes ist ein Anhänger deduktiver Verfahren, allerdings sind diese Verfahren immer nur so gut bzw. ertragreich, wie denn auch ihre Axiome, Prämissen unangreifbar sind. Deshalb der Wunsch Descartes' nach einem archimedischen Punkt, nach einer absoluten Gewissheit, um - ausgehend von diesem Punkt - more geometrico (im Sinne Euklids) verfahren zu können. Aber Descartes hat sich etwa gegen die Art der scholastischen Syllogismen gewandt, da sie Wissen niemals schaffen, sondern nur bereits vorhandenes Wissen nochmals beweisen.

Descartes Lehre von den Vorstellungen nimmt dreierlei Dinge an: Dinge, die in der Welt existieren (Sonne), in meiner bloßen Vorstellung (Hyppogreif) und die Gottesvorstellung. Nun operiert D. mit dem Begriff der "objektiven Realität": Die Vorstellung von etwas Existierendem muss (weil nicht mehr aus weniger entstehen kann) von einer Art größerer Wirklichkeit evoziert werden, die Ursache muss mindestens so stark wie die Wirkung sein (bzw. stärker). In einer Vorstellung kann sich nichts finden, das nicht auch in seiner Ursache gewesen wäre. In der Vorstellung sind nur Bedeutungen vorhanden - zwar kann nun eine Bedeutung eine andere nach sich ziehen, irgendwo aber muss es eine erste Ursache, ein Urbild (III, 15) geben.

In III, 22 kommt er nun auf Gott zu sprechen und folgert, dass aus seiner Vorstellung einer unendlichen, unabhängigen, allwissenden und allmächtigen Gottheit die Folgerung zu ziehen wäre, dass eine solche Vorstellung (weil er ja selbst diese ganzen Attribute in sich keineswegs hat) eine solche äußere Ursache (= Gott) haben müsse (da er ansonsten keine solche Vorstellung hätte entwickeln können). Und da etwas Vollkommenes per definitionem (zu seiner Vollkommenheit) auch existieren muss, existiert Gott (dieser Gedankengang folgt - vermutlich - später, oder ich habe ihn überlesen). Eigentlich unterscheidet sich dieser Gottesbeweis kaum von jenem des Anselm (weshalb auch die gleichen Einwände erhoben wurden).

D.s Gottesbeweis ist mMn auch für die Kirche eher ein Bärendienst. Die Vorstellung von der res cogitans, die aufgrund der angeborenen Idee der  Vollkommenheit in der Lage ist, sich die Existenz des vollkommenen Wesens, das Urheber dieser Idee ist,  bewusst zu machen und zu vergegenwärtigen, lässt heilige Texte, Offenbarung, Priester und Schriftgelehrte eigentlich überflüssig erscheinen.


Das trifft durchaus den Kern der Sache - und die Kirche war in jenem 17. Jahrhundert sich des Problems durchaus bewusst. Weshalb sie auch strenggläubige Leute wie Descartes verfolgte (eigentlich jedes selbständige Denken, jede Philosophie). Minois weist in seiner Atheismusstudie auch darauf hin, dass jede Form von Intellektualismus der Anfang vom Ende des Gottesglaubens ist, eine Religion, die der Vernunft zugesteht, eine gewissen Entscheidungskraft in Dingen des Glaubens zu besitzen, ist bereits verloren. Früher oder später verliert sich ein solcher Glaube in schwerverständlichen rationalen Spekulationen und wird für die Masse unattraktiv. Ganz nebenher macht sich dann auch die Platznot Gottes bemerkbar, der plötzlich auf für das Leben der meisten völlig irrelevante Dinge reduziert wird (ein öst. Kardinal hat Gott vor den Urknall gesetzt, an ein solches vorsinguläres Etwas Fürbitten zu schicken fällt dann einigermaßen schwer).

lg

orzifar
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Offline Gontscharow

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #33 on: 02. Juni 2012, 11.39 Uhr »

Am Anfang der vierten Meditation Über das Wahre und das Falsche lässt Descartes das bisher Gesicherte und wie man dazu kommen kann im Schnelldurchlauf Revue passieren und freut sich wie ein Schneekönig, wie gut das flutscht. Nach Erlangung der Gewissheit über die Existenz von denkendem Ich und von Gott in den drei ersten Meditationen wendet er sich in dieser den übrigen Dingen mit der Frage zu, wie man zu ihrer Erkenntnis gelangen kann.(Chronologie der Meditationen also: Ich, Gott , alles Übrige. Chronologie der Schöpfung: Gott, alles Übrige außer dem Menschen, Mensch) Descartes schließt erneut aus, dass Gott ein Genius malignus ist, der uns täuscht. Das wäre mit seiner Vollkommenheit nicht vereinbar. In sofern haben wir soetwas wie eine Rückversicherung, dass wir die Dinge erkennen können und dass wir sie im Prinzip richtig sehen, denn auch das Urteilsvermögen haben wir von Gott…
 
Quote from: Autor: orzifar« am: Gestern um 04:17
Aber Descartes hat sich etwa gegen die Art der scholastischen Syllogismen gewandt, da sie Wissen niemals schaffen, sondern nur bereits vorhandenes Wissen nochmals beweisen.

In dunklen Momenten beim Lesen der Meditationen denk ich manchmal, dass Descartes das auch macht. Zu Anfang zieht er die Nägel aus seinem bisherigen Gedankengebäude, um sie im Endeffekt an der selben Stelle wieder festzuklopfen. Ja, er schlingt alles durch das Nadelöhr der res cogitans, aber was hinten rauskommt ;D : Gott und wie wir die Dinge sehen, ist es richtig… Alles eine große Apologie und Tautologie? Was ist eigentlich neu?

Et pourtant, nach wie vor finde ich:
Quote from:  Gontscharow
Auch wenn ich nicht mit allem übereinstimme, Descartes Gedankengänge sind mir sehr sympathisch. Ich bin gern ein denkendes Ding ;...)


Sympathisch, weil Descartes das Ich in den Mittelpunkt stellt, auch wenn das denkende Ding in uns "nur" ein Gütesiegel der Schöpfergottheit( vgl.3. Med.) ist…

Offline orzifar

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #34 on: 02. Juni 2012, 22.32 Uhr »
Hallo!

Descartes braucht, nachdem er mittels bösen Dämon die Außenwelt zu bezweifeln sich unterfangen hat, seinen lieben Gott, der diese Außenwelt garantiert (in nichttäuschender Form), da die ihm zugeschriebene Vollkommenheit Täuschung ausschließen würde. (Beim Theodizee-Problem könnte man zwar die gleichen Überlegungen anstellen, Gläubige aber verzichten darauf und überlassen den Zweiflern dieses Feld.) Überhaupt erinnert Descartes gutwilliger Gott an den Gott von Pascals Wette: Man unterstellt dem höchsten Wesen recht menschliche Züge, um seine Argumentation aufrecht erhalten zu wollen.

Gerade in dieser 4. Meditation nehmen die Argumentationen (etwa dafür, dass der Mensch irrt) etwas Beliebiges an: D. macht dafür nicht Gott verantwortlich, sondern die von Gott nur beschränkte Fähigkeit, richtig zu urteilen. (Ein vollkommener Gott garantiert also zwar eine richtige Vorstellung von der Außenwelt, gleichzeitig aber fehlerhafte Erkenntnis. Hier wird offenkundig, dass wir nicht von Vollkommenheit an sich sprechen, sondern von jener, die sich D. vorstellt.) D. meint zwar, dass Gott den Menschen auch irrtumslos hätte schaffen können, dass es aber dafür, dass dies nicht geschehen ist, Gründe geben müsse, Gründe, die zu erkennen er deshalb nicht fähig ist, weil er (der Mensch) eben irrtumsbehaftet ist (einmal im Kreise ;)). Überall dort, wo D. bloß die Existenz Gottes postuliert, glaubt er sich sicher und unfehlbar, dort, wo sich ihm Ungereimtheiten auftun, führt er dies auf seine menschliche Beschränktheit zurück. Dass solche Einschätzung willkürlich ist, liegt auf der Hand, hier bleibt nichts mehr von dem anfangs so gelobten Zweifel, im Gegenteil: Wo immer dieser auftaucht, wird er dem unergründlichen Ratschluss von Ihm zugeschrieben und sophistisch (scholastisch, la Fleche kann er doch nicht ganz hinter sich lassen) verbrämt.

Oder etwa der Satz in IV, 4: "Solange ich an Gott denke oder mich ihm ganz zuwende, entdecke ich keine Ursache für Irrtum oder Falschheit". Dieses sich Gott ganz Ergeben nehmen aber unzählige andere ebenfalls in Anspruch und wegen der unzähligen unterschiedlichen Vorstellungen von Gott muss wohl irgendjemand auch irren; wir müssen hinnehmen, dass es D. nicht ist. Oder IV, 9: Weil D. sein Verstandesvermögen beschränkt findet, er aber sich ein größeres vorstellen kann, "erkennt er klar, daß es zur Natur Gottes gehört". Klein-Orzifar fragt in solchen Fällen schlicht "wa-ru-um?".

Dann wieder braucht er die Irrtumsbehaftetheit für den freien Willen: Wüsste der Mensch alles, bräuchte er sich nie zwischen Alternativen wählen. Gott aber hat in den Menschen den Willen gelegt (warum??), und dieser Wille ist verantwortlich für die Irrtümer, weil sich dieser Wille in Bereiche vorwagt, für die der Mensch kein Verständnis hat. "Alles, was ich einsehe, das sehe ich, weil ich meine Einsicht von Gott habe, richtig ein - und hierin kann ich mich unmöglich täuschen." (IV, 9) Auch hier wird wieder offenbar, dass die von D. in Anspruch genommene Klarheit der Einsicht keineswegs klar ist - und dass die Anzahl dieser scheinbar selbstevidenten Sätze schon längst im rein metaphysischen-spekulativen Bereich angesiedelt ist (wie die Anselms oder des Aquinaten). Auch die folgende Argumentation, dass er, wo er nicht unentschieden sei in der Beantwortung einer Frage deshalb bei dieser Antwort auf eine "leuchtende Klarheit" rekurrieren könne, ist nicht minder dubios: Denn damit wird bloß der Wissensstand der einzelne Person umschrieben, das, was diese Person zu erkennen meint, eine Art von Einsicht, wie sie jeder Mystiker für sich in Anspruch nehmen könnte.

"Man solle sich des Urteils enthalten, sooft nicht klar ist, wie es mit einer Sache in Wahrheit beschaffen ist." Er hätte sollen, zweifelsohne. Es ist fast kurios: D. bezweifelt die physische Welt, alle Eindrücke (ob mit Recht ist eine andere Frage, interessant hierzu das Gedankenexperiment von Poundstone), er zweifelt aber nicht an dem, was "der Verstand klar und deutlich" zeigt (wobei es kaum Unklareres, weniger Definiertes gibt als den in unzähligen Varianten existierenden Gottesbegriff). Abgesehen davon, dass auch scheinbar selbstevidente rationale Einsichten durchaus falsch sein können und zumeist auch eine größere Fehleranfälligkeit aufweisen als dies bei den Sinnesdaten der Fall zu sein pflegt, bei denen man immerhin die diesbezüglich mangelhafte Ausstattung des Menschen in Abzug bringen kann. Wenn D. feststellt, dass (IV, 17) jeder klare und deutliche Begriff nicht aus dem Nichts stammen kann, so scheint mir der Empiristen Schlussfolgerung, dass dieser Begriff seine Ursache in irgendeiner Sinneswahrnehmung hat, sehr viel einleuchtender als dass dieser Begriff notwendig Gott zum Urheber hat.

Das Problem D.s besteht tatsächlich aus dieser unzulässigen Vermengung von Bezweifelbaren und der Gewissheit, dieser Übertragung des Zweifels auf die Epistemologie. Denn er braucht seinen Gott (wie zu Anfang von IV gezeigt), um überhaupt mit Fug und Recht von einer Außenwelt sprechen zu können. Wo aber eine solche Hypothese notwendig wird, müssen die Gedankengänge überprüft werden, die zu einer solchen Annahme führen.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #35 on: 03. Juni 2012, 15.16 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich seh' schon: Ihr seid schon bei Meditation IV, während ich brav in Descartes'scher Manier noch die Grundlagen gelegt habe   8) :

a) die Regulae ad directionem ingenii aufgefrischt

und

b) dasselbe mit dem Discours de la méthode.

Ich schätze, ich kann dann ab morgen mit Meditation I einsetzen.  :hi:

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #36 on: 03. Juni 2012, 20.28 Uhr »

Beim Lesen der 5. Meditation hatte ich ein bisschen den Eindruck, Descartes sei der Stoff ausgegangen. Erneut stellt er die Frage nach den materiellen Dingen (...ob  solche Dinge außerhalb von mir existieren). Das hatte er  eigentlich in der vierten Meditation schon beantwortet.  Er stellt fest, dass es Ideen gibt, die auch dann wahr sind, wenn sie keine Entsprechung in der Außenwelt haben -  wie die Gegenstände der Mathematik. Von hier aus kommt er erneut auf die Existenz Gottes zu sprechen. In der dritten Meditation kam er zu dem Schluss: … daher muss aus dem vorher Gesagten geschlossen werden, dass Gott notwendig existiert. Das scheint nicht zu genügen. Es kommt jetzt der Aspekt des cartesischen Gottesbeweises hinzu , den orzifar im Zusammenhang mit der dritten Meditation (in die er mMn. gehört) bereits dargelegt hat:

Quote from: Autor: orzifar« am: 01. Juni 2012, 04.17 Uhr
…da etwas Vollkommenes per definitionem (zu seiner Vollkommenheit) auch existieren muss, existiert Gott (dieser Gedankengang folgt - vermutlich - später…).


@sandhofer: dass du über die Regulae ad directionem ingenii…geschrieben hast, habe ich wohl registriert und nun auch über den Discours de la methode..., merci, sehr hilfreich.  Cogito ergo sum habe ich in der 2. Meditation, in die es gehören würde, vergeblich gesucht: Ich fand nur: Ego sum, ego existo, quoties a me profertur, vel mente concipitur, necessario esse verum. Ich hab dann auch irgendwo gelesen, dass das lat.cogito.. eine Übertragung des Originalzitats aus dem Discours ist: Je pense donc je suis.

Offline sandhofer

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #37 on: 04. Juni 2012, 09.36 Uhr »
Es ist wohl auch das Anwenden der eigenen Methode - sich immer wieder versichern, dass man die Bausteine richtig aufeinander gesetzt hat ...
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Offline Sir Thomas

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #38 on: 04. Juni 2012, 09.58 Uhr »
Gerade in dieser 4. Meditation nehmen die Argumentationen (etwa dafür, dass der Mensch irrt) etwas Beliebiges an

Ja, und mir stellt sich langsam aber sicher die Frage: Wie konnte dieses Gedankengebäude eine derart starke Wirkung entfalten, dass noch am Ende des 20. Jahrhunderts der Neurobiologe Damasio klagt, Descartes habe das wissenschaftliche Denken über Körper und Geist jahrhundertelang auf die falsche Bahn gezwungen (1994 in dem Sachbuch "Descartes' Irrtum").

Neben all der Faszination, die von der Konzeption des denkenden Ichs zweifellos ausgeht, versuche ich mir den Meschen Descartes vorzustellen - und lande bei einem leicht autistisch anmutenden Bild: Ein materiell unabhängiger, einsamer Denker, der durch ständigen Ortswechsel möglichen Verfolgungen vorbeugt, der sich bewusst isoliert, um ungestört seinen Gedanken nachhängen zu können und für die Welt verloren ist. Für Descartes scheint der isoliert vor sich hindenkende Geist so etwas wie die Erlösung von weltlichem Schmerz zu sein. Aber vielleicht sind das völlig überzogene Interpretationen ...

LG

Tom

Offline sandhofer

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #39 on: 04. Juni 2012, 19.29 Uhr »
[...] versuche ich mir den Meschen Descartes vorzustellen - und lande bei einem leicht autistisch anmutenden Bild: [...]

Vermutlich hast Du nicht mal so Unrecht; auch für mich ist Descartes der Prototyp des denkenden Stubenhockers. Obwohl ... er war bei der Armee ... freiwillig ...

1. Meditation
Was mich hier faszinziert, ist der Ansatz. Descartes nimmt den Leser auf eine autobiografisch geschilderte Reise ins Nirwana mit. Das ist in der Art neu - vor ihm haben alle ex cathedra doziert und dediziert und indiziert und bei der Inquisition denunziert - und jetzt kommt auf einmal einer, der sagt: "Machen wir ein Experiment mit uns selber!" Das Ich, das Descartes hier in Szene setzt, ist das denkende Subjekt. Das zweifelnde Subjekt. (Ja, immer wieder beruhigt er sich und seine Leser, dass es so schlimm ja nicht sein wird, weil da ja ein allgütiger Gott ist, der alles diese Zweifel an der Erkenntnis des Ich beruhigen kann. Descartes springt Fallschirm. Aber er hat einen Rettungsschirm dabei. Glaubt er zumindest. Ich müsste Kierkegaard wieder lesen - ich glaube, er war der nächste Fallschirmspringer.)
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Offline Sir Thomas

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #40 on: 05. Juni 2012, 08.09 Uhr »
... auch für mich ist Descartes der Prototyp des denkenden Stubenhockers. Obwohl ... er war bei der Armee ... freiwillig ...

... und er hat aktiv an der katholisch-kaiserlichen Strafexpedition gegen die aufmüpfigen Protestanten Böhmens teilgenommen. Ob er sich dabei die Hände schmutzig gemacht hat, kann ich nicht sagen. Vermutlich schon. Das gehört wohl irgendwie zum Irrsinn des 30jährigen Kriegs.

LG

Tom

PS: Die "Meditationen" habe ich durch. Nun lese ich, der Vollständigkeit halber, die "Abhandlung über die Methode ...", in der ein anderer Ton angeschlagen wird (etwas "volkstümlicher"), ohne inhaltlich Neues oder Anderes zu bieten. Aber darauf wurde an anderer Stelle bereits hingewiesen. 

Offline Gontscharow

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #41 on: 05. Juni 2012, 13.35 Uhr »

Die sechste Meditation - Descartes Resterampe? Alles, was versäumt wurde, an entsprechender Stelle zu sagen und was noch gesagt werden muss, ist hier vereinigt. Folgten die ersten vier Meditationen einer  stringenten auf einander aufbauenden Argumentation, so dass durchaus so etwas wie Spannung  entstand, so folgen die letzten beiden Meditationen dem additiven Prinzip. Wobei diese Einzeluntersuchungen zur Abgrenzung sinnlicherWahrnehmung und geistiger Einsicht / Erkenntnis  durchaus nicht uninteressant sind, auch wenn uns Heutigen ein Lächeln abnötigende Theorien wie die Rolle der Zirbeldrüse für den Gemeinsinn u. ä. mit hineinspielen.

Durch die Lektüre der Meditationen habe ich eine Ahnung erhalten von Descartes Denken und von  seiner Bedeutung für die Entwicklung der Philosophie ( wie gesagt eine Ahnung ;)). Ich sehe Verbindungslinien zu den verschiedensten Denk-Richtungen. Das wurde auch schon angesprochen wie auch Descartes Position als „Schwellenfigur“, als Mann des Übergangs. Was mir beim Lesen ganz klar geworden ist: Sein Denken ist inhaltlich wie methodisch ganz sicher ein Schritt in Richtung Emanzipation des Indiviuums. Und seine Meditationen ein Meilenstein auf dem Weg zur Aufklärung. Kein Wunder, dass sie auf dem Index landeten …

Offline orzifar

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #42 on: 05. Juni 2012, 19.05 Uhr »
Hallo,

zu Beginn der 5. Meditation erfahren wir auch etwas über D.s Vorstellung der phyischen Welt: Diese hatte für ihn nur kinematische und geometrische Eigenschaften (ein wenig ähnlich den reinen Anschauungen von Raum und Zeit bei Kant). Und wir werden auch (V,6) mit der These konfrontiert, dass die Wirklichkeit eine Art von "Seinsüberschuss" gegenüber dem Gedachten besitzt: Sodass etwas, das erkannt werden kann, auch wirklich sein muss (Platon lässt grüßen).

In V, 7 - 10 meint D. dann einen weiteren Gottesbeweis gefunden zu haben: Da er Gott sich nur als existierend vorstellen kann, muss, weil er ihm zusätzlich das Attribut der Vollkommenheit verleiht, diese Existenz in Wirklichkeit bestehen. D. übersieht (wie von Kant und Hume später angemahnt), dass wir alles, was irgend in unserer Vorstellung erscheint, nur als existierend denken können (Pegasus und den Yeti ebenso wie Gott). Der Rest ist Sophistik: Indem ich einem Wesen eine bestimmte Eigenschaft (willkürlich) zuschreibe (hier Vollkommenheit in seiner menschlichen Auffassung), muss dieses Wesen dann bestimmte Eigenschaften besitzen (Existenz). Aber der Begriff der Vollkommenheit (oder Allmacht oder ...) ist fragwürdig und Antinomien ausgesetzt, wie schon scholastische Spielereien bewiesen: Kann Gott einen Stein schaffen, den er nicht heben kann? Wenn ja, ist er im Tun beschränkt, wenn nein, in der Schöpfung. Das sind aber völlig unfruchtbare Gedankenspielereien, die nur durch ein willkürliche Zuschreibung von Eigenschaften an eine nicht zu definierende Wesenheit entstehen können.

D. betrachtet Gott als eine eingeborene Idee, etwas, das für das christliche Abendland lange Zeit als unumstößlich galt. Deshalb war man bei Entdeckung neuer Völker schockiert, wenn diese keine Gottesvorstellung zu besitzen schienen; zumeist wurde eine solche konstruiert, weil man nämlich von der Tatsache ausging, dass alle Menschen eine Art von Offenbarung erhalten hätten. Gott-losigkeit war eine Denkunmöglichkeit.

V,14, 15 postuliert eine Art Teilhabe an Gottes Gedanken, die, D.s Definition Gottes als wahr vorausgesetzt, eine Art Täuschungsfreiheit garantieren, wenn ich mich der Vernunft richtig bediene.

Um Descartes Frage von V, 12 "denn was ist offenkundiger, als daß das höchste Wesen ist oder daß Gott, bei dem allein das Dasein zum Wesen gehört, existiert" zu beantworten: Fast alles ist sicherer. Wobei die Frage per se unbeantwortbar ist. Einem Ding x eine Eigenschaft y zuzuschreiben und dann axiomatisch festzustellen, dass x ohne y nicht sein kann, ist eben genau jene Metaphysik, welche zu Recht in immer größere Ungnade gefallen ist, weil sie sich durch die Willkür ihrer Definitionen jedem Beweisverfahren entzieht (v. a. jedem empirischen Zugang).

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orzifar
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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #43 on: 06. Juni 2012, 11.10 Uhr »

Die sechste Meditation - Descartes Resterampe?

 ;D

So ganz kann ich Dir nicht zustimmen. In der letzten Meditation erfolgt die nochmalige Zuspitzung der Gedanken über die Unzuverlässigkeit sämtlicher Vorstellungen, zu denen radikal und konsequent auch alle Vorstellungen bezüglich des Körpers und dessen Signale gehören. Hunger, Durst, Schmerz etc. werden zu einer "verworrenen Art des Denkens"! Der daran anschließende Vergleich "menschlicher Körper/Uhrwerk" ist fundamental für die weitere Entwicklung des Rationalismus und gipfelt ein Jahrhundert später in der kleinen Schrift des Arztes La Mettrie mit dem Titel: "Der Mensch, eine Maschine" (mir leider nur in Auszügen bekannt).

Offline Gontscharow

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Re: René Descartes: Meditationen
« Reply #44 on: 06. Juni 2012, 12.34 Uhr »

Die sechste Meditation - Descartes Resterampe?

 ;D

So ganz kann ich Dir nicht zustimmen. In der letzten Meditation erfolgt die nochmalige Zuspitzung der Gedanken über die Unzuverlässigkeit sämtlicher Vorstellungen ...

Das war auch nur im Vergleich mit den argumentativ stringenten ersten vier Meditationen so gesprochen. Nach der vierten ist Descartes' Argumentation die Erkenntnismodalitäten der - ich sage mal - Trinität aus Ich, Gott und den Dingen betreffend oder wie sandhofer es ausdrückt, die Reise ins Nirwana (und zurück) eigentlich beendet. Was dann folgt ist noch’n Gottesbeweis und weiteres über die Unzuverlässigkeit der Vorstellungen(gehört thematisch in die vierte Meditation) usw.
Wie gesagt, interessant und wichtig ist dieses Nachgetragene allemal.
« Last Edit: 06. Juni 2012, 13.01 Uhr by Gontscharow »