Hallo!
Descartes braucht, nachdem er mittels bösen Dämon die Außenwelt zu bezweifeln sich unterfangen hat, seinen lieben Gott, der diese Außenwelt garantiert (in nichttäuschender Form), da die ihm zugeschriebene Vollkommenheit Täuschung ausschließen würde. (Beim Theodizee-Problem könnte man zwar die gleichen Überlegungen anstellen, Gläubige aber verzichten darauf und überlassen den Zweiflern dieses Feld.) Überhaupt erinnert Descartes gutwilliger Gott an den Gott von Pascals Wette: Man unterstellt dem höchsten Wesen recht menschliche Züge, um seine Argumentation aufrecht erhalten zu wollen.
Gerade in dieser 4. Meditation nehmen die Argumentationen (etwa dafür, dass der Mensch irrt) etwas Beliebiges an: D. macht dafür nicht Gott verantwortlich, sondern die von Gott nur beschränkte Fähigkeit, richtig zu urteilen. (Ein vollkommener Gott garantiert also zwar eine richtige Vorstellung von der Außenwelt, gleichzeitig aber fehlerhafte Erkenntnis. Hier wird offenkundig, dass wir nicht von Vollkommenheit an sich sprechen, sondern von jener, die sich D. vorstellt.) D. meint zwar, dass Gott den Menschen auch irrtumslos hätte schaffen können, dass es aber dafür, dass dies nicht geschehen ist, Gründe geben müsse, Gründe, die zu erkennen er deshalb nicht fähig ist, weil er (der Mensch) eben irrtumsbehaftet ist (einmal im Kreise

). Überall dort, wo D. bloß die Existenz Gottes postuliert, glaubt er sich sicher und unfehlbar, dort, wo sich ihm Ungereimtheiten auftun, führt er dies auf seine menschliche Beschränktheit zurück. Dass solche Einschätzung willkürlich ist, liegt auf der Hand, hier bleibt nichts mehr von dem anfangs so gelobten Zweifel, im Gegenteil: Wo immer dieser auftaucht, wird er dem unergründlichen Ratschluss von Ihm zugeschrieben und sophistisch (scholastisch, la Fleche kann er doch nicht ganz hinter sich lassen) verbrämt.
Oder etwa der Satz in IV, 4: "Solange ich an Gott denke oder mich ihm ganz zuwende, entdecke ich keine Ursache für Irrtum oder Falschheit". Dieses sich Gott ganz Ergeben nehmen aber unzählige andere ebenfalls in Anspruch und wegen der unzähligen unterschiedlichen Vorstellungen von Gott muss wohl irgendjemand auch irren; wir müssen hinnehmen, dass es D. nicht ist. Oder IV, 9: Weil D. sein Verstandesvermögen beschränkt findet, er aber sich ein größeres vorstellen kann, "erkennt er klar, daß es zur Natur Gottes gehört". Klein-Orzifar fragt in solchen Fällen schlicht "wa-ru-um?".
Dann wieder braucht er die Irrtumsbehaftetheit für den freien Willen: Wüsste der Mensch alles, bräuchte er sich nie zwischen Alternativen wählen. Gott aber hat in den Menschen den Willen gelegt (warum??), und dieser Wille ist verantwortlich für die Irrtümer, weil sich dieser Wille in Bereiche vorwagt, für die der Mensch kein Verständnis hat. "Alles, was ich einsehe, das sehe ich, weil ich meine Einsicht von Gott habe, richtig ein - und hierin kann ich mich unmöglich täuschen." (IV, 9) Auch hier wird wieder offenbar, dass die von D. in Anspruch genommene Klarheit der Einsicht keineswegs klar ist - und dass die Anzahl dieser scheinbar selbstevidenten Sätze schon längst im rein metaphysischen-spekulativen Bereich angesiedelt ist (wie die Anselms oder des Aquinaten). Auch die folgende Argumentation, dass er, wo er nicht unentschieden sei in der Beantwortung einer Frage deshalb bei dieser Antwort auf eine "leuchtende Klarheit" rekurrieren könne, ist nicht minder dubios: Denn damit wird bloß der Wissensstand der einzelne Person umschrieben, das, was diese Person zu erkennen meint, eine Art von Einsicht, wie sie jeder Mystiker für sich in Anspruch nehmen könnte.
"Man solle sich des Urteils enthalten, sooft nicht klar ist, wie es mit einer Sache in Wahrheit beschaffen ist." Er hätte sollen, zweifelsohne. Es ist fast kurios: D. bezweifelt die physische Welt, alle Eindrücke (ob mit Recht ist eine andere Frage, interessant hierzu das Gedankenexperiment von Poundstone), er zweifelt aber nicht an dem, was "der Verstand klar und deutlich" zeigt (wobei es kaum Unklareres, weniger Definiertes gibt als den in unzähligen Varianten existierenden Gottesbegriff). Abgesehen davon, dass auch scheinbar selbstevidente rationale Einsichten durchaus falsch sein können und zumeist auch eine größere Fehleranfälligkeit aufweisen als dies bei den Sinnesdaten der Fall zu sein pflegt, bei denen man immerhin die diesbezüglich mangelhafte Ausstattung des Menschen in Abzug bringen kann. Wenn D. feststellt, dass (IV, 17) jeder klare und deutliche Begriff nicht aus dem Nichts stammen kann, so scheint mir der Empiristen Schlussfolgerung, dass dieser Begriff seine Ursache in irgendeiner Sinneswahrnehmung hat, sehr viel einleuchtender als dass dieser Begriff notwendig Gott zum Urheber hat.
Das Problem D.s besteht tatsächlich aus dieser unzulässigen Vermengung von Bezweifelbaren und der Gewissheit, dieser Übertragung des Zweifels auf die Epistemologie. Denn er braucht seinen Gott (wie zu Anfang von IV gezeigt), um überhaupt mit Fug und Recht von einer Außenwelt sprechen zu können. Wo aber eine solche Hypothese notwendig wird, müssen die Gedankengänge überprüft werden, die zu einer solchen Annahme führen.
lg
orzifar