Der Leserunden-Thread heißt übrigens Rene Descartes:
Meditationes de prima philosophia!
…Descartes nimmt den Leser auf eine autobiografisch geschilderte Reise ins Nirwana mit. Das ist in der Art neu - vor ihm haben alle ex cathedra doziert und dediziert und indiziert und bei der Inquisition denunziert - und jetzt kommt auf einmal einer, der sagt: "Machen wir ein Experiment mit uns selber!" Das Ich, das Descartes hier in Szene setzt, ist das denkende Subjekt. Das zweifelnde Subjekt…. Descartes springt Fallschirm. Aber er hat einen Rettungsschirm dabei. Glaubt er zumindest. Ich müsste Kierkegaard wieder lesen - ich glaube, er war der nächste Fallschirmspringer.
Und wie geht es weiter? Ich bin gespannt, wie für dich das Experiment endet, die „Reise ins Nirwana“ weitergeht, ob der Rettungsschirm sich öffnet.
Auch deine Kierkegaard-Assoziation finde ich spannend. Descartes zweifelt - Kierkegaard ver-zweifelt? Ja, die drei ersten Meditationen antizipieren für mich das Lebensgefühl der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Beim Rumzappen zum Thema Descartes stieß ich zufällig auf Samuel Becketts Gedicht
Whoroscope über Descartes , mit dem er seinen ersten Literaturpreis gewann. (Hier kommt übrigens auch Bacon- ich glaube aber als Frühstücksspeck - vor) Beckett soll sich intensiv mit Descartes beschäftigt haben. Ja, und da sehe ich Parallelen :Dieses absurde beckett’sche Universum, die einsamen solipsistischen Menschen darin, die (im Unterschied zum Descartes der 4. Meditation) vergeblich auf Godot warten, der für sie die Verbindung zu allem herstellen würde, die beiden Alten, deren
res extensa schon in der Mülltonne steckt; nur ihre jeweilige
res cogitans „schaut heraus“ und raisonniert endlos, jede für sich, nicht totzukriegen. Auch der Existenzialismus Heideggers, Sartres und Camus’ enthält natürlich jede Menge Descartes…
Ja, und mir stellt sich langsam aber sicher die Frage: Wie konnte dieses Gedankengebäude eine derart starke Wirkung entfalten…
Soll das wirklich das letzte Wort sein in der Leserunde zu Descartes’
Meditationes de prima philosophia? Tom und ich haben ja einige Versuchsballons steigen lassen:
Schritt hin zur Emanzipation des Indiviuums,
Meilenstein auf dem Weg zur Aufklärung,
geistige Startrampe der Materialisten, Atheisten und Aufklärer des 18. Jahrhunderts? Keine Resonanz von seiten der gestandenen Philosophen des Forums. Irgendwas muss doch dran sein an dem wohl von Hegel stammenden allerorten zu lesenden Begriff vom “
Vater der modernen Philosophie“.Zitat von: orzifar am 07. Juni 2012, 14.42 Uhr
Natürlich kannte La Mettrie Descartes und seine mechanistische Auffassung vom Körper … aber ihn in eine Linie zu stellen mit einem Rationalisten und Metaphysiker - ich glaube nicht, dass das geht.
Da ich für Glauben jeglicher Art nichts übrig habe, werde ich La Mettrie lesen. Das Büchelchen ist bestellt
.
Passend zu diesem Thema lese ich gerade … "Antimetaphysische Vorbemerkungen".
Da ich für Glauben jeglicher Art nichts übrig habe, werde ich La Mettrie lesen. Das Büchelchen ist bestellt.
Das könnte lohnen, vielleicht lese ich mit.
Ja, könnte lohnen.
Flucht vor der Metaphysik in die Sackgasse eines mechanistischen Materialismus?
Da ich für Glauben… - Hier werden Glauben und Metaphysik gleichgesetzt, was vom Prinzip her falsch ist: Selbst als im Mittelalter die Philosophie der Theologie Argumente zu liefern hatte, waren es eben solche der Ratio und der Vernunft - etwas essentiell anderes als Glauben (fides quaerens intellectum).Warum diese Scheu vor der Metaphysik? Mal ehrlich, messieurs les philosophes, Philosophie ohne Metaphysik geht das überhaupt? Ist das nicht wie entkoffeinierter Kaffee, … ? Ist nicht alles, was über die Dinge und Erscheinungen hinausgeht, jede Gesetzmäßigkeit, die erkannt, jede Universalie, die aufgestellt wird, jedes Erkennen von Naturgesetzen schon Metaphysik, muss man nicht die Gegenstände der Mathematik bereits der Metaphysik zurechnen?
Und: Physik stellt nur vorletzte Fragen! - Das habe ich von einem Physiker gehört. Selbst die Schlussfolgerung, dass man keine letzten Fragen stellen kann bzw dass es darauf keine Antworten gibt, wäre eine metaphysische Überlegung…
Was ich mir wünsche: dass die Leserunde zu einem gewissen Abschluss kommt und den
Meditationen des Descartes die Würdigung zuteil wird, die sie verdienen.