Author Topic: Eduard Mörike: Maler Nolten  (Read 27420 times)

Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #45 on: 25. Mai 2011, 16.58 Uhr »
Diese Version ist in meiner Ausgabe allerding von einem Herrn Julius Klaiber bearbeitet und geschönt worden, was in eine allfällige Beurteilung miteinfließen muss.

So zwischen Stuhl und Bank, bevor ich PC & Co. demontiere für den Umzug morgen:

Gem. den Anmerkungen in meiner Ausgabe gibt's nur diese "Roman"version. Mörike scheint (mein Herausgeber bezieht sich auf die kritische Ausgabe) selber fast nichts an Änderungen getätigt zu haben. Was wir als Roman haben, stammt von Klaiber.  :hi:
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Offline Gontscharow

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #46 on: 25. Mai 2011, 19.53 Uhr »
@ orzifar!

Danke, dass du mich daran erinnerst, bei der Bewertung von Stil und Inhalt älterer Werke den historischen Kontext zu berücksichtigen. Ich glaube, darum bemühe ich mich, soweit das hier in diesem Rahmen möglich ist. Daher habe ich ja auch zeitgenössische bzw. ältere Werke zitiert. Den Werther übrigens nur in Bezug auf die Darstellung gesellschaftlicher Zustände! Ich sprach von Adelskritik. Ich hätte es genauer sagen sollen: Es geht um das, was Werther in der Zeit seiner Anstellung bei Hofe erlebt (Briefe von 0ktober- März 1771) Nur um daran zu erinnern, dass man die Adelsgesellschaft schon anders, realistischer, differenzierter etc. dargestellt hat und darstellen kann.
Dass der Werther voll ist von Gefühlsseligkeit und –überwschwang, wer wollte das leugnen? Denke nur an die Szene, in der die Träne quillt, allein weil der Name  „Klopstock“ fällt. Es würde mir nicht im Traum einfallen, den Werther als Gegenbeispiel für Gefühligkeit anzuführen,
Mörikes stilistische Mittel habe ich nirgendwo als antiquiert beanstandet. Auch dieses Wort bezog sich auschließlich auf die Darstellung der Gesellschaftsschichten und ich sagte ausdrücklich antiquiert für 1832 . Ich hätte dieses Thema gar nicht angeschnitten, hatte es schon unter „so sah er (man)  das halt damals“ abgelegt, wenn nicht Mörikes Gesellschaftsdarstellung als besonders positiv hervorgehoben worden wäre!

Interessant dein Hinweis auf Böhmes Übersetzungsschwierigkeiten bzw. das dahinter liegende Problem. Wenn ich in einem lateinischen Text virtus lese oder das Wort vertu im frz. Drama des 17. Jahrhunderts auftaucht, weiß ich, dass die Konnotationen andere sind als die des Übersetzungsworts Tugend heute. Genauso hatten Inbrunst und Wollust im 19.Jahrhundert natürlich einen anderen Klang als heute. Schon deshalb würde ich nicht auf die Idee kommen, mich über diese Worte zu echauffieren! Das Wort war Todeswollust - ein anderes Kaliber- eingebettet in einen verschwurbelten Satz an zentraler Stelle, der mir immer noch unklar ist.

Fazit: Ich bemühe mich den Roman wie jedes Werk, das Jahre angesetzt hat, nicht nur „mit den Augen des 21. Jahrhunderts“ zu sehen und zu beurteilen! Du hast sicher mehr historische und literarische Kenntnisse als ich. Da wäre es hilfreicher gewesen, du hättest mal konkret zu einzelnen Punkten deine Kritik beigesteuert, als mir jetzt einen  Pauschalvorwurf um die Ohren zu hauen.
Manches ist auch Geschmacksache. Den „hanebüchenen“ Vergleich zwischen Gräfin und Gewächshauspflanzen finde ich im Verhältnis gar nicht so hanebüchen und das inbrünstige Beten, das dich so gestört hat, habe ich als schwäbische Folklore abgebucht.     

Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #47 on: 25. Mai 2011, 20.16 Uhr »
Fazit: Ich bemühe mich den Roman wie jedes Werk, das Jahre angesetzt hat, nicht nur „mit den Augen des 21. Jahrhunderts“ zu sehen und zu beurteilen! Du hast sicher mehr historische und literarische Kenntnisse als ich. Da wäre es hilfreicher gewesen, du hättest mal konkret zu einzelnen Punkten deine Kritik beigesteuert, als mir jetzt einen  Pauschalvorwurf um die Ohren zu hauen.

Ach, das sollte nun keineswegs als Vorwurf* erscheinen, schon gar nicht pauschalierend (v. a. auch deshalb, weil ich viele der von dir monierten Stellen als gleichfalls beanstandungswürdig betrachte).

Im Gegenteil: Mir liegt daran festzuhalten (inbrünstig und mit Wollust), dass ich - bei durchaus unterschiedlichen Auffassungen - diese Diskussionen für äußert anregend halte und als angenehm empfinde, gerade weil dadurch (bei mir) eine intensivere Auseinandersetzung mit den Werken (Zeno oder Maler Nolten) stattfindet; ein Zeno wäre mir nie in Erinnerung geblieben (möglicherweise gar nicht zu Ende gelesen worden), wenn es nicht derart unterschiedliche Meinungen, daraus folgend Diskussionen, gegeben hätte.

Was nun die Adelskritik bei Werther anlangt: Man könnte diese vielleicht mit der von mir angedeuteten Religionskritik seitens Raymund vergleichen. Will sagen: Derart kritische Untertöne sind auch beim Nolten zu finden (wenn auch nicht in ständespezifischer Hinsicht, man müsste diesbezüglich auch in Erfahrung bringen, inwieweit die Zensur hiebei ein Rolle spielt, Grillparzer hat in der selben Zeit ja erheblich gelitten). Aber Kritik ist - implizite - auch in der fast lächerlich-willkürlich erscheinenden Verhaftung von Larkens-Nolten enthalten, frei von solchen Anspielungen ist der Nolten jedenfalls nicht.

Büchner, den du auch anführtest, ist für mich fast "unvergleichlich", er ist sowohl sprachlich als auch inhaltlich (und das als Jungspund) seiner Zeit weit voraus.

lg

orzifar

*) An der Grenze des guten Geschmacks war allerdings der Vergleich mit dem Hessegedicht, der hätte mich getroffen ;)
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Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #48 on: 26. Mai 2011, 16.23 Uhr »
Diese Todeswollust (oder Sehnsucht) in Verbindung mit Wahnsinn ist in der Romantik häufig anzutreffen. Man denke an Nathanael aus dem "Sandmann": Ganz ähnlich wie Agnes stürzt auch er sich - umnachtet - in den Tod, aber, im Unterschied zu Mörike, kann man bei Hoffmanns Nachtstücken nicht zwischen Übernatürlichem und Realem unterscheiden. Pragmatische Lösungen dunkler Sachverhalte bleiben Mörike vorbehalten, seine Elisabeth entpuppt sich ganz trivial als Tochter des Hofrats, während bei Hoffmann solches immer im Ungewissen bleibt. Zum anderen unterscheidet sich diese Todeswollust von klassischen, das Individuelle stärker betonenden Romanen wie etwa den Wilhelm Meister. Denn unser Nolten hat mit der Kantschen Forderung an das Individuum nichts mehr zu tun, er könnte sich seines Verstandes bedienen wie er will, Schicksal und Verhängnis sind ungleich stärker.

Gerade als Gegenbewegung zu einer rationalen Weltauffassung sind solche morbiden Haltungen häufig im Schwange. So ist die Affinität von Jugendlichen zum Abgründigen, Geheimnisvollen, oft auch Morbiden zu beobachten, schwarze Kleidung, Totenkopfsymbolik, allerlei geheimnisumwitterter Krimskrams von den Rosenkreuzern bis zum Druidenfuß. (Ich hatte vor einigen Jahren mit "Gothics" Kontakt, die in ihrer obskuren und oft auch grotesken Wiederbelegung des Mittelalters durchaus in eine Art romantische Strömung gehören.)

lg

orzifar
« Last Edit: 26. Mai 2011, 18.31 Uhr by orzifar »
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Offline Anna

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #49 on: 30. Mai 2011, 19.23 Uhr »
Hallo!

Ich hätte dieses Thema gar nicht angeschnitten, hatte es schon unter „so sah er (man)  das halt damals“ abgelegt, wenn nicht Mörikes Gesellschaftsdarstellung als besonders positiv hervorgehoben worden wäre!

Wälz jetzt nicht die ganze Schuld auf mich ab, Gontscharow!  ;D

Ich meinte nicht, dass Mörike im „Nolten“ ein besonders treffendes Porträt der Gesellschaft entwirft, da habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt (je länger ich in Italien lebe, desto mehr scheint mir die sprachliche Präzision abhanden zu kommen, wenn ich die überhaupt jemals besessen habe). Ich fand interessant, dass Mörike, der zu der Zeit, als er den Roman schrieb, selbst in einer Lebenskrise steckte, seinem Helden verschiedene gesellschaftliche und individuelle „Lebensmodelle“, wenn man so will, vor Augen führt, die entweder scheitern oder zumindest keine wirklichen Perspektiven bieten. Dabei ist auch Mörikes Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Bedingungen spürbar. In der Episode um das Märchenspiel steckt doch ziemlich deutliche Kritik an den reaktionären Kreisen, an obrigkeitsstaatlicher Willkür und Zensur, an der demütigenden Abhängigkeit der Künstler vom Hofe. Die Hoffnung auf eine Annäherung zwischen Adel und Bürgertum durch eine Verbindung zwischen Nolten und Constanze (eine Heirat, wie die Gräfin sie erwägt, wäre sicherlich noch keine realistische Möglichkeit gewesen) zerschlägt sich, weder das einfache Leben unter ungehobelten, aber „treuherzigen“ Handwerkern noch der Rückzug in das bürgerlich-protestantische Milieu funktionieren. Raymund mit seiner lockeren Sexualmoral, der in einer unglücklichen Ehe lebende Präsident, die intellektuelle, von der Gesellschaft schon desillusionierte Margot, nirgendwo scheint es Sinn und Halt zu geben. Selbst die Religion - Mörike war immerhin Pfarrer – bietet keinen Trost mehr. Ein ziemlich düsteres Buch, fast wirkt es schon nihilistisch. Unter biographischen und literaturgeschichtlichen Aspekten finde ich den Roman eigentlich immer noch lesenswert, wenn er auch erzähltechnische Schwächen hat und einen nicht gerade vor Leselust erbeben lässt (man heißt doch schließlich nicht Hesse!).

Gruß
Anna

@ Gontscharow, an den zynischen Machenschaften des Adels in „Gefährliche Liebschaften“ wirst Du sicher viel Spaß haben, zumal garantiert kein gütiger Baron darin vorkommt. ;) Wenn Du das Buch gelesen hast, berichte doch mal kurz. Ich kenne bis jetzt nur die gleichnamige Verfilmung. Ach ja – Valmont. Das war noch ein umsichtiger Verführer und erotischer Genießer… Wenn man sich heute diese Leute wie Hugh Hefner und Konsorten anschaut – traurig!
« Last Edit: 30. Mai 2011, 20.25 Uhr by Anna »
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Offline Gontscharow

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #50 on: 31. Mai 2011, 15.55 Uhr »

Quote from: orzifar,Datum/Zeit: 26. Mai 2011, 16.23 Uhr
Ich sehe mich in der seltsamen Situation einen Roman zu verteidigen, der mir ein nur bescheidenes Lesevergnügen bereitet hat. Ihn aber mit den Augen des 21. Jahrhunderts zu beurteilen ist mehr als zweifelhaft, stilistische Mittel zu beanstanden (weil sie in unseren Augen antiquiert wirken), ist nur unter Berücksichtigung der historischen Umstände möglich.

Nicht pauschalierend? Kein Vorwurf ?  :) Mir fällt ein Stein vom Herzen!

Ich habe die Lektüre jetzt mal ein paar Tage sacken lassen. Auch der zeitliche Abstand macht es nicht besser. Durch Raymund und Margot kommen kritische Untertöne hinein? Mag sein, mir scheinen das aber, wenn überhaupt, nur Farbtupfer zu sein im allgemeinen Sittengemälde. Keine Figur nimmt wirklich Anstoß an oder leidet unter den gesellschaftlichen Bedingungen.

Quote from: Anna, Datum/Zeit: Gestern um 19:23
Dabei ist auch Mörikes Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Bedingungen spürbar. In der Episode um das Märchenspiel steckt doch ziemlich deutliche Kritik an den reaktionären Kreisen, an obrigkeitsstaatlicher Willkür und Zensur, an der demütigenden Abhängigkeit der Künstler vom Hofe.

Sollte man meinen. Schön wär's. Das Einsitzen wegen des despektierlichen Schattenspiels, letzlich die Intrige einer Liebeskranken, der wiederum übel mitgespielt wurde, ist jedoch selbst nur eine Farce, von Nolten als schmerzlich empfunden, weil seine Beziehung zur Gräfin unterbrochen ist, von Larkens, weil er kompromittierende Enthüllungen aus seiner „befleckten Vergangenheit“ fürchtet. Niemand ist empört ob obrigkeitsstaatlicher Willkür, fühlt sich gedemütigt oder als Künstler drangsaliert. Hier Gesellschaftskritik zu sehen, entspringt (germanistischem) Wunschdenken. Im Roman koexistieren Adel und Kunst ja auch sonst in bestem Einvernehmen. Die erste Person, der wir im Roman begegnen, ist der ältliche Baron Jaßfeld, ein feinsinniger Freund und Förderer der Kunst, und so geht es weiter...
Wenn es Untertöne gesellschaftspolitischer Art im Nolten gibt, dann sind es eher reaktionäre, rückwärtsgewandte. So z. B in der von Anna erwähnten Ballade, die den volkstümlichen Sagenstoff um den Feuerreiter mit einer Anspielung auf die Französische Revolution verbindet: Der Vorreiter mit der (jakobinischen) roten Mütze als Gespenst und Kinderschreck, der Feuerbrand der Revolution, von dem nur noch ein wohlig unheimlicher Schauer übrigbleibt! Mörike lässt das Lied einen jungen Mann aus dem Volke zur Belustigung der Gäste vortragen… Übrigens gab es in Württemberg eine revolutionäre Studetenvereinigung namens Feuerreiter, der Mörikes Studienkollege Hauff angehörte. Mörike, bekanntermaßen kein Freund politischer Aktivitäten, hielt sich fern und nicht viel davon...

Bevor ich mich weiter unbeliebt mache, noch etwas zu unserem Lieblingsthema:

Quote from: orzifarDatum/Zeit: 26. Mai 2011, 16.23 Uhr
Diese Todeswollust (oder Sehnsucht) in Verbindung mit Wahnsinn ist in der Romantik häufig anzutreffen. Man denke an Nathanael aus dem "Sandmann"…

Ja, dann könnte man es irgendwie einordnen. Merkwürdigerweise wird aber an besagter Stelle Todeswollust in einem Atemzug mit Gottvertrauen genannt:
 
Quote from:  Mörike "Maler Nolten" TeilII etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

Daraus sollte eher Lebenswollust entstehen.
Nach wie vor erschließt sich mir diese „Schlüsselstelle“ nicht.
.
Quote from:  Anna=Datum/Zeit: Gestern um 19:23
…an den zynischen Machenschaften des Adels in „Gefährliche Liebschaften“ wirst Du sicher viel Spaß haben, zumal garantiert kein gütiger Baron darin vorkommt.

Ja  ;D, aber nicht deshalb gelüstet es mich nach dem Buch, sondern wegen der völlig unsentimentalen, witzigen, kühlen und brillanten Art der Darstellung. Schon seltsam, dass mir das 18. Jahrhundert oft näher ist als das 19.!
Ich habe den Roman übrigens schon mal gelesen, den Film - mit Malkovichs/Valmonts sardonischem Lächeln – kenne ich auch. Ich werde das Buch wohl jetzt doch nicht noch mal lesen. Mich daran zu erinnern, hat mir schon geholfen!

Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #51 on: 31. Mai 2011, 16.24 Uhr »
. Schon seltsam, dass mir das 18. Jahrhundert oft näher ist als das 19.!

Nun ja - die 150 Jahre nach Goethe sind gekennzeichnet durch ein Überhandnehmen einer verklemmten Sentimentalität. Nicht, dass es die nicht schon vorher gegeben hätte, aber selbst ein "Werther" ist erfrischend direkt im Vergleich zu einem Stifter oder auch zu einem Fontane.

Ich bin übrigens noch keine Zeile weiter ...  :(
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Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #52 on: 01. Juni 2011, 01.00 Uhr »

Bevor ich mich weiter unbeliebt mache, noch etwas zu unserem Lieblingsthema:

Quote from: orzifarDatum/Zeit: 26. Mai 2011, 16.23 Uhr
Diese Todeswollust (oder Sehnsucht) in Verbindung mit Wahnsinn ist in der Romantik häufig anzutreffen. Man denke an Nathanael aus dem "Sandmann"…

Ja, dann könnte man es irgendwie einordnen. Merkwürdigerweise wird aber an besagter Stelle Todeswollust in einem Atemzug mit Gottvertrauen genannt:
 
Quote from:  Mörike "Maler Nolten" TeilII etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

Daraus sollte eher Lebenswollust entstehen.
Nach wie vor erschließt sich mir diese „Schlüsselstelle“ nicht.

Nur so kurz: Gottvertrauen ist angesichts des Todes für viele durchaus angebracht; man fühlt sich aufgehoben, glaubt an den liebenden Gott und Engelsgesänge und vertraut, derselben teilhaftig zu werden, während man hofft, dass siedende Pechkessel, vielgeschwänztes teuflisches Personal nebst Bratenrost einem erspart bleibt. Man ist also selbst im Sterben und im Tod noch in Gottes freundlicher Hand und kann sich ohne von des Gedankens Blässe angekränkelt zu sein in die gefahrvolle Nähe des Todes begeben. So irgendwie ... Irgendwo gibts eine Stelle bei Schleiermacher, die, wenn ich mich recht erinnere, auch etwas Ähnliches beschreibt und der gute Schleiermacher war in der Romantik recht beliebt. Allerdings schaffe ich es derzeit nicht, das alles nachzuschlagen bzw. aufzubereiten (ich glaube, man muss Mörike bzw. seine Ansicht der Gesellschaft im Lichte der Restauration von 1815 betrachten).

In der Hoffnung, dass der mir die Dienste immer öfter versagende Körper mehr Zeit lässt in Zukunft

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Offline Anna

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #53 on: 03. Juni 2011, 01.27 Uhr »
Hallo!

Hier Gesellschaftskritik zu sehen, entspringt (germanistischem) Wunschdenken.

Erst wird man in einem Atemzug mit Hesse genannt, dann wird einem germanistisches Wunschdenken vorgeworfen... Bei dem Versuch, Papa Mörike unter die Arme zu greifen, muss man sich allerhand anhören. ;)

Quote from:  Mörike "Maler Nolten" TeilII etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

Daraus sollte eher Lebenswollust entstehen.
Nach wie vor erschließt sich mir diese „Schlüsselstelle“ nicht.

Nur so kurz: Gottvertrauen ist angesichts des Todes für viele durchaus angebracht; man fühlt sich aufgehoben, glaubt an den liebenden Gott und Engelsgesänge und vertraut, derselben teilhaftig zu werden, während man hofft, dass siedende Pechkessel, vielgeschwänztes teuflisches Personal nebst Bratenrost einem erspart bleibt. Man ist also selbst im Sterben und im Tod noch in Gottes freundlicher Hand und kann sich ohne von des Gedankens Blässe angekränkelt zu sein in die gefahrvolle Nähe des Todes begeben. So irgendwie ...

Soweit ich verstehe, ist mit der „Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet“ kein personaler Gott gemeint, sondern das Fatum, die dunkle Schicksalsmacht, im Grunde der Tod selbst. Das Bewusstsein seiner Todesverfallenheit und der Unausweichlichkeit seines Schicksals, das Nolten seit seiner Begegnung mit Elisabeth im Wald verspürt, führt bei ihm wohl zu einer Art fatalistischer Euphorie. Jede Verantwortung fällt weg, er kann sich, ohne handeln und kämpfen zu müssen, willenlos seinem vorbestimmten Geschick überlassen. Ich habe übrigens nicht das Gefühl, dass Nolten bzw. Mörike an dieser Stelle künftige Engelschöre vorschweben.

In der Hoffnung, dass der mir die Dienste immer öfter versagende Körper mehr Zeit lässt in Zukunft

Das ist hoffentlich nicht so dramatisch, wie es sich anhört!

Gruß
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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #54 on: 03. Juni 2011, 09.30 Uhr »
Soweit ich verstehe, ist mit der „Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet“ kein personaler Gott gemeint, sondern das Fatum, die dunkle Schicksalsmacht, im Grunde der Tod selbst. Das Bewusstsein seiner Todesverfallenheit (erzeugt eine) Art fatalistischer Euphorie. Jede Verantwortung fällt weg, er kann sich, willenlos seinem vorbestimmten Geschick überlassen...

Danke Anna, ich glaube, diese Stelle lässt sich nicht anders verstehen. Und gerade das verstehe ich nicht, beziehungsweise erfüllt mich mit Unbehagen! Es hat etwas Wagnereskes, Aschenbachisches! Allerdings überzuckert mit Kinderbuchfrömmigkeit. Für mich eine Brechreiz erzeugende Mischung …
Dass die Person, durch die Nolten an sein "dunkles Fatum" gebunden ist bzw deren Schicksal er wiederholen /vollenden muss, sich postum als biedermeierliche Hofschranze entpuppt, ist das Ironie oder sollen wir das ernst nehmen?
 
Quote from:  orzifar Datum/Zeit: 01. Juni 2011, 01.00 Uhr
ich glaube, man muss Mörike bzw. seine Ansicht der Gesellschaft im Lichte der Restauration von 1815 betrachten

Ja, das meine ich auch!

« Last Edit: 03. Juni 2011, 09.54 Uhr by Gontscharow »

Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #55 on: 03. Juni 2011, 14.21 Uhr »
In der Hoffnung, dass der mir die Dienste immer öfter versagende Körper mehr Zeit lässt in Zukunft
Das ist hoffentlich nicht so dramatisch, wie es sich anhört!

Naja, dramatisch. Hat ja im Forum eigentlich nichts verloren. Macht mich nur manchmal wütend, nicht in der Lage zu sein, für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens ;) Sorge zu tragen: Mörikes Verhältnis zu Schleiermacher und dessen romantisch-christlicher Todesvorstellung zu untersuchen (die von dir erwähnte Gleichsetzung Schicksal - Tod findet sich dort) oder über das Verhältnis von konservativ und revolutionär in Restaurationsepochen mich zu ergehen. Weil's chronisch zwickt und piesackt und ich auf das rein körperliche Vegetieren beschränkt werd.

Aber dem armen Mörike ist hier schon so am Zeug geflickt worden, dass ich seinen Thread nicht noch als Paraphrase eines Arztwartezimmergespräches missbrauchen will. (Obwohl ich mir mal Notizen während einer solchen Wartephase machte, welche durchaus als Grundlage zu einem absurden Theaterstück zu gebrauchen wären, insofern findet man allüberall literarisch Verwertbares.)

lg

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #56 on: 03. Juni 2011, 15.16 Uhr »
Dass die Person, durch die Nolten an sein "dunkles Fatum" gebunden ist bzw deren Schicksal er wiederholen /vollenden muss, sich postum als biedermeierliche Hofschranze entpuppt, ist das Ironie oder sollen wir das ernst nehmen?

Gestern habe ich ein wenig im Internet nachgelesen. In den letzten Jahren hat die Forschung Mörike und besonders Maler Nolten „für sich entdeckt“, mit anderen Worten, die armen Doktoranden haben ein Feld gefunden, das noch nicht gründlich beackert ist. Nach neueren Forschungsmeinungen soll angeblich mehr Ironie in dem Roman stecken, als schlichte Leser wie Du und ich zu erkennen vermögen, aber ich fürchte, die Figur des Hofrats entbehrt ihrer gänzlich. Wird er bei seinem ersten Auftreten noch als skurriles, vor sich hin grantelndes Männchen beschrieben, tritt er später als liebenswürdiger Gönner und Förderer auf. Es ist auch nicht nachzuvollziehen, warum er sich Nolten nicht zu erkennen gibt. Aber wahrscheinlich ahnt auch er, dass hier ein dunkles Geschick erfüllt werden muss. ::)


Soweit ich verstehe, ist mit der „Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet“ kein personaler Gott gemeint, sondern das Fatum, die dunkle Schicksalsmacht, im Grunde der Tod selbst. Das Bewusstsein seiner Todesverfallenheit (erzeugt eine) Art fatalistischer Euphorie. Jede Verantwortung fällt weg, er kann sich, willenlos seinem vorbestimmten Geschick überlassen...

[...]ich glaube, diese Stelle lässt sich nicht anders verstehen. Und gerade das verstehe ich nicht, beziehungsweise erfüllt mich mit Unbehagen! Es hat etwas Wagnereskes, Aschenbachisches! Allerdings überzuckert mit Kinderbuchfrömmigkeit.

Ja, es fehlt das Laszive, Dekadente, Abgründige. Aber worauf bezieht sich diese "Kinderbuchfrömmigkeit"? Larkens spricht, als er Leopold Noltens Aufzeichnungen zu lesen gibt, von einer „unbekannten höheren Macht“, die oft den Gang der Menschen planvoll in wunderliche Bahnen leite. Das Wort Gott fällt überhaupt nicht.

Weil's chronisch zwickt und piesackt und ich auf das rein körperliche Vegetieren beschränkt werd.

Beruhigend klingt das nicht. Ich hoffe, Du hast zwischendurch auch mal bessere Tage.  :hi:

Gruß
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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #57 on: 04. Juni 2011, 10.50 Uhr »
Hallo!

So dümple ich denn hinterher ...

Immerhin habe ich gestrn wieder 2 Seiten gelesen. Es diskutieren der Fürst und seine Schwester des langen und des breiten darüber, ob nun Nolten (und damit a fortiori Larkens, denn sie sind ja ein Herz und eine Seele, wie das Geschwisterpaar befindet) wegen Majestätsbeleidung belangt werden könne oder nicht. Die beiden machen in dieser Diskussion einen sehr aufgeklärten Eindruck. Interessant allerdings, wie der König jr. (denn die Beleidung träfe ja allenfalls seinen Vater  ;) ) völlig nebulös bleibt und nur durch seinen brüderlichen Gehilfen agiert.

Grüsse

sandhofer
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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #58 on: 05. Juni 2011, 07.32 Uhr »

Quote from:  Anna Datum/Zeit: 03. Juni 2011, 15.16 Uhr
Aber worauf bezieht sich diese "Kinderbuchfrömmigkeit"? Larkens spricht, als er Leopold Noltens Aufzeichnungen zu lesen gibt, von einer „unbekannten höheren Macht“, die oft den Gang der Menschen planvoll in wunderliche Bahnen leite. Das Wort Gott fällt überhaupt nicht.

Bei Larkens natürlich nicht. Er ist ja auch ein Freigeist, der im Gegensatz zu Nolten sogar Verständnis dafür hat, wenn Frauen sich dieselbe Freiheit nehmen wie Männer. >:D
Ich habe an die mehrfach zitierte Stelle gedacht, die Noltens Gemütsverfassung beschreibt. Da ist von fromm, Gott, geweihtes Kind in einem Atemzug mit Todeswollust usw. die Rede. Fromme Todeswollust das ist ja fast ein Oxymeron.
Gegen Ende häufen sich Zeugnisse naiver Religiosität - z.B. wird das (zugegeben schöne) altkatholische Lied Jesu benigne zitiert- und gehen mit der Todessehnsuchts /Lebensüberdruss- Stimmung eine wie ich finde schwer verdauliche Verbindung ein.

Quote from: Anna Datum/Zeit: 03. Juni 2011, 15.16 Uhr
Nach neueren Forschungsmeinungen soll angeblich mehr Ironie in dem Roman stecken, als schlichte Leser wie Du und ich zu erkennen vermögen, aber ich fürchte, die Figur des Hofrats entbehrt ihrer gänzlich. Wird er bei seinem ersten Auftreten noch als skurriles, vor sich hin grantelndes Männchen beschrieben, tritt er später als liebenswürdiger Gönner und Förderer auf. Es ist auch nicht nachzuvollziehen, warum er sich Nolten nicht zu erkennen gibt
.
Dass die Figur des Hofrats jeder Ironie entbehrt, hatte ich schon befürchtet. Ich glaube, Ironie im Nolten entdecken zu wollen, ist ein verzweifelter Rettungsversuch.
Was du über den Hofrat sagst, hat mich auch gestört. Ich finde übrigens, dass auch andere Romanpersonen Ungereimtheiten, Brüche und Widersprüche aufweisen, besonders Nolten und Larkens, was mich des öfteren denken ließ, dass sie zunächst anders konzipiert waren, ja der ganze Roman anders verlaufen sollte …

Ich bin dann mal für eine Woche weg, hoffe aber, dass in meiner Abwesenheit Nolten weiter heiß diskutiert wird. :angel:

Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #59 on: 06. Juni 2011, 16.47 Uhr »
Hallo!

Wegen des Vergleichs Büchner - Mörike: Das sind halt typische Antagonisten einer Restaurationszeit, in der es immer revolutionäre und konservative Strömungen gibt. Mörike ein Vertreter des Konservativen, vielleicht nicht reaktionär, sicher aber resignativ. Wenn nun, wie nach 1815, die Repressionen einigermaßen erfolgreich sind (und das Bürgertum nach Möglichkeit von der politischen Macht ausgeschlossen wird), wird diesem ein apolitischer Bereich zugewiesen: Kunst oder auch Kunstmäzenatentum, dort aber, wo diese Kunst kritisiert, rebelliert, wird sie (wie bei Büchner) in eine radikale Position gedrängt.

Mörike mit seinem geistlichen Hintergrund (mit einer für mich resignativ anmutenden Haltung) versucht sich in der Darstellung eines vor-aufklärerischen Gesellschafts- und Familienideals, aber er begreift als ein nach der Aufklärung Geborener auch das Unzulängliche dieses Ideals. Das ist durchaus mit Ironie versehen (wie beim Kügelchen verschießenden pater familias) und es wird mit der Sehnsucht nach Kunst versetzt, die an sich eben schon etwas Subversives und Kritisches besitzt (wie im "Letzten König von Orplid" mit den Konsequenzen der Einkerkerung, die allerdings auch ein wenig gemütlich-bidermeierisch anmutet), eine Kunst, die - aus Mangel an politischen Möglichkeiten - zur Flucht aus der Realität wird. Der Kunst wohnt aber auch eine individuelle Gefahr inne, ein rasches Aufflammen und Vergehen (wie in der Mozart-Novelle thematisiert), wobei in dieser Novelle die Todeswollust anklingt wie im Nolten:

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß im Walde,
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
in welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehen
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe.

Dieses "böhmische Volkslied" wird Eugenie zum Orakel, den baldigen Tod des Genies verkündend. Auch Nolten ereilt dieser Tod, wobei ein Akzidens zur Gefahr der Kunst der Eros ist: Hier die Elisabeth, dort Don Juan.

Die Reaktion zeigt sich auch in Mörikes Schicksalsdenken, das ihm aus der Romantik zukommt: Man ist eben niemand, der kraft seines eigenen Verstandes aktiv sein Leben gestalten kann, sondern ist einer höheren Macht ausgeliefert. Dieses Rückwärtsgewandte in eine vermeintlich bessere Vergangenheit entspricht post-revolutionären Zeiten verbunden mit metaphysischem Brimborium. Von dieser Kunst-Metaphysik-Mittelalter-Romantik zehrt auch Mörike, wer die Gegenwart nicht zu ändern glaubt, schafft sich auf diese Weise ein Refugium (die von mir erwähnten Gothics, waren ebenfalls eminent unpolitisch, sie hatten ihre Parallelwelt und bekümmerten sich kaum oder gar nicht um das Tagesgeschehen). Mörikes Gesellschaftsentwurf hat etwas Idealisches (und erinnert in seiner Konzeption an Stifter), brave Bürger, ebensolche Adlige und Bauern - aber eben auch etwas Wurmstichiges: Wispel tritt allüberall auf (ja man braucht ihn sogar, um die Geschichte in Gang zu bringen) - etwas dem Tode Verfallenes. Insofern scheint mir hier mindestens so viel Gesellschaftskritik verborgen wie im erwähnten Werther, wobei ich glaube, dass man die beiden Werke nicht vergleichen kann. Das eigentliche Goethe-Vorbild (wenn es denn eines gibt) ist der Wilhelm Meister: Der aber fährt - seiner ratio geschuldet - durch die Welt und sucht (findet?) Erkenntnisgewinn - aber er ist kein gescheiterter Künstler, nicht dem Tode verfallen wie Nolten, Mozart (oder Don Juan), sondern endet im wohlgepolsterten Ohrensessel. Eine derart gerundete Biographie ist 1832 unmöglich, sie wäre dann tatsächlich Verklärung.

Vieles, was im Nolten ein wenig unbeholfen anklingt, hat Mörike in seine Mozartnovelle gepackt, komprimiert, altersweise, ohne Ab- und Umschweifungen. All diese aufgesetzten Handlungsstränge, intriganten Verwicklungen, explizit ausformulierten erotischen Gefahren erspart er sich dort - und Mörike spürte all diese Mängel ohnehin, sonst hätte er sich einer Neuauflage nicht konsequent verweigert. Aber es stimmt wohl Gontscharows Diktum: Er war ein Mann der kleinen Form, jedenfalls kann der Nolten Mozarts Reise nirgendwo das Wasser reichen: Weder formal, noch künstlerisch. Wenn auch vieles bereits durchscheint.

lg

orzifar
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