Author Topic: Eduard Mörike: Maler Nolten  (Read 27390 times)

Offline Anna

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #60 on: 08. Juni 2011, 22.42 Uhr »
Bei Larkens natürlich nicht. Er ist ja auch ein Freigeist, der im Gegensatz zu Nolten sogar Verständnis dafür hat, wenn Frauen sich dieselbe Freiheit nehmen wie Männer. >:D

Diese Stelle ist mir auch aufgefallen. :wut:

Gegen Ende häufen sich Zeugnisse naiver Religiosität - z.B. wird das (zugegeben schöne) altkatholische Lied Jesu benigne zitiert- und gehen mit der Todessehnsuchts /Lebensüberdruss- Stimmung eine wie ich finde schwer verdauliche Verbindung ein.

Diese Zeugnisse naiver Religiosität beziehen sich allerdings immer nur auf Agnes, deren reine Seele natürlich ins Jenseits hinüber gerettet werden muss. ;) Obwohl sie der Inbegriff pietistischer Frömmigkeit und Innerlichkeit ist, kann man bei ihr auch nicht gerade von fröhlichem Gottvertrauen und gläubiger Zuversicht sprechen. Die Zuwendung zur Religion am Schluss ist ja eher eine Flucht vor der unbegreiflichen Realität. Aber diese Mischung aus Religion, Wahnsinn, Todessehnsucht und Schicksalsverfallenheit ist wirklich schwer verdaulich, da stimme ich Dir zu.

@ orzifar, das war zum Abschluss noch mal eine sehr treffende Charakterisierung des Romans. Dem Diktum Gontscharows schließe ich mich natürlich ebenfalls an, Mozarts Reise und auch etliche von Mörikes Gedichten mit ihrer schönen fließenden Rhythmik gefallen mir wesentlich besser.

Gruß
Anna
Bodo Kirchhoff - Verlangen und Melancholie
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Traudl Bünger, Ella Berthoud, Susan Elderkin - Die Romantherapie

Offline Gontscharow

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #61 on: 24. Juni 2011, 13.12 Uhr »

Quote from:  Datum/Zeit: 08. Juni 2011, 22.42 Uhr Autor: Anna
@ orzifar, das war zum Abschluss noch mal eine sehr treffende Charakterisierung des Romans.

Das kann ich nur unterschreiben, abzüglich dessen, was über Gesellschaftskritik und Ironie gesagt wird. Davon kann ich nach wie vor beim besten Willen im Nolten nichts entdecken! Im Gegenteil.

Ich habe jetzt noch  das Stuttgarter Hutzelmännlein gelesen. Mir gefällt das Skurrile, märchenhaft Pfiffige, Schnurrige, manchmal Burleske der Geschichte und die mit schwäbischen Dialektwörtern wie Bartefant, Habergeis und Schachzagel herrlich gewürzte Sprache! Auch die eingeschachtelte geheimnisvolle  Historie von der schönen Lau  gefällt mir. Wunderschön dann das glückliche Finale der Schustergesellengeschichte: Seppe findet nach Irrungen und Wirrungen schließlich seine Vrone und sie tanzen, angetan mit den Glücksschuhen des Hutzelmännchens und nur auf einander konzentriert, hoch über den Köpfen der Menge auf dem Seil. Doch bevor es zum alles besiegelnden Kuss kommt, zerplatzt (für mich) diese schöne Phantasie, denn anstatt dass diese jeder Erdenschwere enthobenen, über dem Abgrund der Gesellschaft tanzenden Wesen diese ignorieren oder ihr eine Nase drehen, macht Seppe...
 
Quote from:  Mörike
...bei der Kreuzstange halt, schwang seine Mütze und rief gar herzhaft: „Es sollen die gnädigsten Herrschaften leben!“- Da denn der ganze Markt zusammen Vivat rief, dreimal, und einem jeden Teil besonders…

Herzig, gell?

Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #62 on: 26. Juni 2011, 15.11 Uhr »
Hallo!

So, den ersten Teil habe ich nun auch beendet.

Unsere beiden Helden sind glücklich in Haft; Mörike nutzt die Zeit, um einige Aufklärungen über deren Vergangenheit zu geben - nicht immer mit gleichem Geschick.

Larkens' Jugend wird nur kurz gestreift. Hier wirkt Mörike recht plump - er erklärt im auktorialen Stil, was denn nun der Leser von seinem Helden zu halten habe.

Bei Nolten liegt der Fall komplizierter. Auch hier greift Mörike zur Rückblende, und gar zur Rückblende in der Rückblende. Das ist einerseits zwar geschickter als die auktoriale Rückblende bei Larkens, weil hier die Figuren selbst erzählen. Dennoch ist es relativ plump gemacht - und vor allem: der romantische Tieck lässt grüssen, dessen Spezialität diese Form von Verschachtelung war (der späte Realist Tieck erzählt geradlinig), und der Romantiker Brentano. Und hinter beiden steht - heftig mit dem Zaunpfahl winkend - der Schauerromantiker "Monk" Lewis, dessen Spezialität es war, in langatmigen Rückblenden verwickelte Vorgeschichten zu erzählen, die mit ungeheuren Gefahrenmomenten die Leser in Atem halten sollten, aber nur Langeweile erzeugten, weil die handelnden Personen der Rückblende schon längst im Haupterzählstrang wieder vorgekommen waren, und man also wusste, dass sei sich auf die eine oder andere Weise aus den früheren Kalamitäten gezogen haben mussten. Im Unterschied zu den oben genannten Romantikern allerdings sind Mörikes Erklärungen ganz rational und realistisch: Die Larkens verfolgende Zigeunerin ist die Tochter seines Onkels, von den Zigeunern dem Erzeuger geraubt zur Strafe dafür, dass er ihnen die Mutter geraubt hatte.

Man sieht am Ende des ersten Teils doch die Pranke des Löwen. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: die Pranke des Geparden, denn ein Löwe war Mörike nicht, dazu kann er zu schlecht auf den Baum des Romans klettern. Aber wie ein Geparde kann er zwischendurch eine erstaunliche Geschwindigkeit an den Tag legen, um seine Beute zu schlagen.

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #63 on: 26. Juni 2011, 15.37 Uhr »
Und da beginne ich gerade, mit dem Zweiten Teil und etwas versöhnt zu sein mit Mörike - da trifft der gute Nolten auf seine gute Agnes. Wo? Auf dem Friedhof, wo der Tischler gerade ein paar Bretter zum Trocknen an einen alten Grabstein gelehnt hat und Agnes selber Leintücher zum Bleichen auslegte. Das ist zwar schon besser als die mystischen Vorahnungen der Gräfin oder das dumpf-defätistische Gebrabbel Larkens' im Ersten Teil, aber trotzdem war meine erste Reaktion: Ach nöööö ...  ^-^
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Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #64 on: 28. Juni 2011, 16.47 Uhr »
Hallo!

So, nun bin ich auch fertig mit der Novelle, wie sie Mörike selber nannte. Novellenartig - leider ohne einen erkennbaren Falken, es sei denn, man nehme die Geschichte der von Larkens unter Noltens Namen geschriebenen Liebesbriefe - auch der Schluss, wo der Autor seine Protagonisten reihum niedermäht. Dennoch: Der zweite Teil ist wirklich besser gelungen als der erste.

Was Euren Lieblingssatz betrifft:

Quote from:  Mörike "Maler Nolten" TeilII etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

[...]

Interessant finde ich ja an der Stelle, wie Mörike plötzlich vom Präteritum ins Präsens fällt. (Ich hätte die Stelle, ehrlich gesagt, überlesen, wenn ich nicht über diesen Tempus-Wechsel gestolpert wäre.) Dieses Gefühl bzw. diese mystische Handlung-Haltung müssen Mörike sehr wichtig gewesen sein, die Grundlage einer (seiner?) conditio humana, ohne die er sich das Leben nicht vorstellen konnte. Ein Leben vor dem Hintergrund des Todes. (Mörike, wenn ich psychologisieren darf, war, wie praktisch alle seine Geschwister, ein wenig lebenstüchtiger Mensch und mag sehr wohl den Tod so ähnlich empfunden haben.)

Grüsse

sandhofer
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