Ich sehe mich in der seltsamen Situation einen Roman zu verteidigen, der mir ein nur bescheidenes Lesevergnügen bereitet hat. Ihn aber mit den Augen des 21. Jahrhunderts zu beurteilen ist mehr als zweifelhaft, stilistische Mittel zu beanstanden (weil sie in unseren Augen antiquiert wirken), ist nur unter Berücksichtigung der historischen Umstände möglich.
Nicht pauschalierend? Kein Vorwurf ?

Mir fällt ein Stein vom Herzen!
Ich habe die Lektüre jetzt mal ein paar Tage sacken lassen. Auch der zeitliche Abstand macht es nicht besser. Durch Raymund und Margot kommen kritische Untertöne hinein? Mag sein, mir scheinen das aber, wenn überhaupt, nur Farbtupfer zu sein im allgemeinen Sittengemälde. Keine Figur nimmt wirklich Anstoß an oder leidet unter den gesellschaftlichen Bedingungen.
Dabei ist auch Mörikes Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Bedingungen spürbar. In der Episode um das Märchenspiel steckt doch ziemlich deutliche Kritik an den reaktionären Kreisen, an obrigkeitsstaatlicher Willkür und Zensur, an der demütigenden Abhängigkeit der Künstler vom Hofe.
Sollte man meinen. Schön wär's. Das Einsitzen wegen des despektierlichen Schattenspiels, letzlich die Intrige einer Liebeskranken, der wiederum übel mitgespielt wurde, ist jedoch selbst nur eine Farce, von Nolten als schmerzlich empfunden, weil seine Beziehung zur Gräfin unterbrochen ist, von Larkens, weil er kompromittierende Enthüllungen aus seiner „befleckten Vergangenheit“ fürchtet. Niemand ist empört ob obrigkeitsstaatlicher Willkür, fühlt sich gedemütigt oder als Künstler drangsaliert. Hier Gesellschaftskritik zu sehen, entspringt (germanistischem) Wunschdenken. Im Roman koexistieren Adel und Kunst ja auch sonst in bestem Einvernehmen. Die erste Person, der wir im Roman begegnen, ist der
ältliche Baron Jaßfeld, ein feinsinniger Freund und Förderer der Kunst, und so geht es weiter...
Wenn es Untertöne gesellschaftspolitischer Art im
Nolten gibt, dann sind es eher reaktionäre, rückwärtsgewandte. So z. B in der von Anna erwähnten Ballade, die den volkstümlichen Sagenstoff um den
Feuerreiter mit einer Anspielung auf die Französische Revolution verbindet: Der Vorreiter mit der (jakobinischen) roten Mütze als Gespenst und Kinderschreck, der Feuerbrand der Revolution, von dem nur noch ein wohlig unheimlicher Schauer übrigbleibt! Mörike lässt das Lied einen jungen Mann aus dem Volke zur Belustigung der Gäste vortragen… Übrigens gab es in Württemberg eine revolutionäre Studetenvereinigung namens
Feuerreiter, der Mörikes Studienkollege Hauff angehörte. Mörike, bekanntermaßen kein Freund politischer Aktivitäten, hielt sich fern und nicht viel davon...
Bevor ich mich weiter unbeliebt mache, noch etwas zu unserem Lieblingsthema:
Diese Todeswollust (oder Sehnsucht) in Verbindung mit Wahnsinn ist in der Romantik häufig anzutreffen. Man denke an Nathanael aus dem "Sandmann"…
Ja, dann könnte man es irgendwie einordnen. Merkwürdigerweise wird aber an besagter Stelle
Todeswollust in einem Atemzug mit Gottvertrauen genannt:
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.
Daraus sollte eher Lebenswollust entstehen.
Nach wie vor erschließt sich mir diese „Schlüsselstelle“ nicht.
.
…an den zynischen Machenschaften des Adels in „Gefährliche Liebschaften“ wirst Du sicher viel Spaß haben, zumal garantiert kein gütiger Baron darin vorkommt.
Ja

, aber nicht deshalb gelüstet es mich nach dem Buch, sondern wegen der völlig unsentimentalen, witzigen, kühlen und brillanten Art der Darstellung. Schon seltsam, dass mir das 18. Jahrhundert oft näher ist als das 19.!
Ich habe den Roman übrigens schon mal gelesen, den Film - mit Malkovichs/Valmonts sardonischem Lächeln – kenne ich auch. Ich werde das Buch wohl jetzt doch nicht noch mal lesen. Mich daran zu erinnern, hat mir schon geholfen!