Liest da noch wer außer mir ?
Latürnich! Ich glaube, mit dem Schattenspiel, der Entdeckung von Noltens angeblichem Doppelspiel durch die Gräfin und ihrem Verrat an ihm habe ich den Zenit des Romans überschritten, jetzt geht es nur noch bergab….
Diese mehr oder weniger fein gesponnenen Intrigen und Gegenintrigen, die unwahrscheinlichen Zufälle, die sich später als arrangiert herausstellen, der angeblich aus Altruismus sich ins Leben der anderen einmischende Larkens und vor allem dass das alles funktioniert wie geschmiert, bringt den Roman in die Nähe der Kolportage und des Trivialen:
Les mystères du Bade-Wurtemberg… Ja, manchmal fühle ich mich an Eugène Sues
Geheimnisse.. erinnert.
eigentlich eine Liebesgeschichte mit Irrungen und Wirrungen
Ja, Maler Nolten ist gar nicht – wie überall zu lesen ist - ein Bildungs- und Künstlerroman, vielleicht wird er das ja noch im zweiten Teil(?), bis jetzt geht es um Wechselspiele der Liebe, Verirrungen der Gefühle, Treue, Eifersucht. Diese Irrungen und Wirrungen gehen aber nicht aus der Sache selbst, aus den Beziehungen, der Liebe, den Charakteren hervor, sondern werden von außen aufgestülpt. Dabei ist es angelegt: Agnes hat, bevor ihr irgendeine Zigeunerin etwas prophezeit und sie sich blöde davon beeinflussen lässt, ihre Zweifel an der Beziehung zu Theobald und sie findet den jungen Landvermesser attraktiv. Die Zigeunerin (Elisabeth)hat ihr nur genau zugehört. Theobald vergisst seine Agnes verdächtig schnell und total um sich der schönen Gräfin zu widmen; bedurfte es überhaupt eines Briefes des Nebenbuhlers ? Und die mehrfach getäuschte Gräfin, eine sonst als souverän geschilderte Frau, lässt sich mit dem schon seitt längerem um sie herumschlawenzelnden Herzog ein, aber widerwillig und hilflos… aus enttäuschter Liebe zu Theo!
Wie Feigenblätter werden diese inszenierten Missverständnisse und Enttäuschungen etc. als Handlungsmotive den Personen aufgepappt. So bleibt Agnes das unschuldige Försterliesel, die Gräfin die hehre frouwe, Theobald der tadellose Kavalier.
Wie souverän und um wieviel ehrlicher geht Goethe in den
Wahlverwandtschaften und in
Stella mit dem Thema um. Bei ihm gibt es das sehr wohl, dass die Liebe nicht beständig ist, dass man zwei Personen lieben kann, gleichzeitig oder nacheinander, ohne dass der andere etwas „verschuldet“ hat, etc. Ach, ich musste manchmal wehmütig an die „Gefährlichen Liebschaften“ denken. Abründe, Bedrohliches ist bei Mörike projiziert in irgend eine Geisterwelt, ins Numinose, menschliche Abgründe gibt es nicht. Das ist wohl Biedermeier: Die Toteninsel mit Goldrand überm gemütlichen Sofa.
Behaglich / Unbehaglich scheinen Lieblingswörter Mörikes zu sein.
Nun ja, die Sprache gefällt mir auch. Auch in
Orplid, da besonders das Geraune der Elfenkinder. Mörike ist eben Lyriker.
Ja, und die karikierten Nebenpersonen Wispel und der Hofrat gefallen mir auch! Der Hofrat ist ein Typ wie von Spitzweg gemalt!