Author Topic: Eduard Mörike: Maler Nolten  (Read 27390 times)

Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #15 on: 03. Mai 2011, 08.04 Uhr »
Meine Vermutung geht eher in die Richtung der Anhänger der Parthenogenese, wo sich metaphysisches Bedürfnis mit hormonellen Überschüssen paart (sofern nicht diesem Überschuss durch die Anwesenheit leichtbekleideter, minderjähriger Ministranten bereits abgeholfen wurde).

Mörike war allerdings protestantischer Pfarrer ...  >:D
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Offline Gontscharow

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #16 on: 03. Mai 2011, 10.41 Uhr »

Meine Vermutung geht eher in die Richtung der Anhänger der Parthenogenese, wo sich metaphysisches Bedürfnis mit hormonellen Überschüssen paart (sofern nicht diesem Überschuss durch die Anwesenheit leichtbekleideter, minderjähriger Ministranten bereits abgeholfen wurde).

Mörike war allerdings protestantischer Pfarrer ...  >:D

Was ihn jedoch nicht dagegen feit, an die Jungfrauengeburt zu glauben ... (ex Maria pura, sancta, semper virgine nasceretur (Schmalkaldische Artikel von 1537))
Ja, der  Roman hat schon etwas Bigottes und sexuell Verklemmtes ...
 

Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #17 on: 03. Mai 2011, 11.31 Uhr »
Mörike war allerdings protestantischer Pfarrer ...  >:D

Was ihn jedoch nicht dagegen feit, an die Jungfrauengeburt zu glauben ... (ex Maria pura, sancta, semper virgine nasceretur (Schmalkaldische Artikel von 1537))

Ja. Aber der hormonelle Überschuss konnte zumindest nicht von berufswegen stattfinden ...  ;D

Ja, der  Roman hat schon etwas Bigottes und sexuell Verklemmtes ...

Ja. Allerdings ist das mal primär unsere heutige Sichtweise, wie orzifar und Anna ja schon angedeutet haben. Noch Gutzkow hat 1850 in den "Rittern vom Geiste" ähnliche Frauengestalten gebastelt. Das Pendant zu  diesen Jungfrau-Variationen ist das dämonische Weib, sexuell und intellektuell (Lilith!) ... Darauf warte ich im Moment noch beim "Maler Nolten".  ;)
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Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #18 on: 06. Mai 2011, 15.18 Uhr »
Hallo!

Liest da noch wer außer mir? - Nach wie vor ein eher durchwachsenes Vergnügen, eigentlich eine Liebesgeschichte mit Irrungen und Wirrungen, eine Zigeunerin, die aus (mir noch) unerfindlichen Gründen in Nolten verliebt ist und die daher ein Interesse hatte, der ersten Liebe Noltens, Agnes, mit einer entsprechenden Prophezeihung ihn ihr unleidlich zu machen. Und wie die holde Weiblichkeit in diesem Roman zu sein pflegt: Man glaubt es selbstredend, verschweigt (dies ist auch Inhalt der Prophezeihung), wird krank, verzweifelt, während der Maler, über diese Wirrnisse nur unzureichend informiert, an der Unschuld seiner Maid zweifelt. Dazu noch verliebt er sich in die schöne Gräfin und versäumt es nicht, diese in einer künstlichen Grotte an seinen heißen Busen zu drücken (jaja, Tamino), worauf ein Nebenbuhler erscheint und verschwindet und auch die Gräfin in ihrer Reaktion unbestimmt bleibt (um den Fortgang der Handlung zu gewährleisten).

Schließlich das eingefügte Stück über den "König von Orplid", dessen Inhalt auf einen Regenten sich zu beziehen scheint (und den nachzuerzählen hier ich mir versage). Was dieses Buch aber nicht ist: Kein Roman, der der Romantik angehörig wäre. So sind Auflösungen wie jene an das Stück angeschlossene (dass eben darin der Regent bzw. dessen eigentümliches Schicksal dargestellt werde) für die Romantik vollkommen untypisch; derartige Rationalisierungen werden dort ausgespart oder ins Wunderbare und Metaphysische gehoben. Mit dem Maler Nolten befinden wir uns im Übergang zwischen Romantik und Realismus, das ist feinstes Biedermeier. Im übrigen finde ich die Sprache oft amüsant, elegant, auch das Schattenspiel über den König war nun so sentimental nicht wie ich befürchtete. Dass Mörike mit der Sprache umzugehen wusste wird unzweifelhaft, dass für unseren heutige Geschmack allzu viel von Tugend, Jungfernschaft und Unschuld geschwafelt wird, auch. Trotzdem ist der Roman nicht nur ein solch moralisierendes Gebilde: Gerade der auch allüberall auftretende Wispel als Inbegriff des kleinen Gauners (und in seiner realen Form ebenfalls für die Romantik gänzlich untypisch) erzeugt einen Bruch in der Handlung, unterfüttert diese ironisch, satirisch.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #19 on: 06. Mai 2011, 16.16 Uhr »
Liest da noch wer außer mir?

Hallo!

Sicher. Ich mutiere allerdings, was Leserunden betrifft, mehr und mehr zum reinen Wochenendleser. Mehr von mir wird also erst in ein paar Tagen geben. ;)

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #20 on: 07. Mai 2011, 09.36 Uhr »


Quote from:  autor:orzifarDatum/Zeit: Gestern um 15:18
Liest da noch wer außer mir ?

Latürnich! Ich glaube, mit dem Schattenspiel, der Entdeckung von Noltens angeblichem Doppelspiel durch die Gräfin und ihrem Verrat an ihm habe ich den Zenit des Romans überschritten, jetzt geht es nur noch bergab….
Diese mehr oder weniger fein gesponnenen Intrigen und Gegenintrigen, die  unwahrscheinlichen Zufälle, die sich später als arrangiert herausstellen, der angeblich aus Altruismus sich ins Leben der anderen einmischende Larkens und vor allem dass das alles funktioniert wie geschmiert, bringt den Roman in die Nähe der Kolportage und des Trivialen: Les mystères du Bade-Wurtemberg… Ja, manchmal fühle ich mich an Eugène Sues Geheimnisse.. erinnert.
   
Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 15:18
eigentlich eine Liebesgeschichte mit Irrungen und Wirrungen

Ja, Maler Nolten ist gar nicht – wie überall zu lesen ist - ein Bildungs- und Künstlerroman, vielleicht wird er das ja noch im zweiten Teil(?), bis jetzt geht es um Wechselspiele der Liebe, Verirrungen der Gefühle, Treue, Eifersucht. Diese Irrungen und Wirrungen gehen aber nicht aus der Sache selbst, aus den Beziehungen, der Liebe, den Charakteren hervor, sondern werden von außen aufgestülpt. Dabei ist es angelegt: Agnes hat, bevor ihr irgendeine Zigeunerin etwas prophezeit und sie sich blöde davon beeinflussen lässt, ihre Zweifel an der Beziehung zu Theobald und sie findet den jungen Landvermesser attraktiv. Die Zigeunerin (Elisabeth)hat ihr nur genau zugehört. Theobald vergisst seine Agnes verdächtig schnell und total um sich der schönen Gräfin zu widmen; bedurfte es überhaupt eines Briefes des Nebenbuhlers ? Und die mehrfach getäuschte Gräfin, eine sonst als souverän geschilderte Frau, lässt sich mit dem schon seitt längerem um sie herumschlawenzelnden Herzog ein, aber widerwillig und hilflos… aus enttäuschter Liebe zu Theo!
Wie Feigenblätter werden diese inszenierten Missverständnisse und Enttäuschungen etc. als Handlungsmotive den Personen aufgepappt. So bleibt Agnes das unschuldige Försterliesel, die Gräfin die hehre frouwe, Theobald der tadellose Kavalier.
Wie souverän und um wieviel ehrlicher geht Goethe in den Wahlverwandtschaften und in Stella mit dem Thema um. Bei ihm gibt es das sehr wohl, dass die Liebe nicht beständig ist, dass man zwei Personen lieben kann, gleichzeitig oder nacheinander, ohne dass der andere etwas „verschuldet“ hat, etc. Ach, ich musste manchmal wehmütig an die „Gefährlichen Liebschaften“ denken. Abründe, Bedrohliches  ist bei Mörike projiziert in irgend eine Geisterwelt, ins Numinose, menschliche Abgründe gibt es nicht. Das ist wohl Biedermeier: Die Toteninsel mit Goldrand überm gemütlichen Sofa. Behaglich / Unbehaglich scheinen Lieblingswörter Mörikes zu sein.

Nun ja, die Sprache gefällt mir auch. Auch in Orplid, da besonders das Geraune der Elfenkinder. Mörike ist eben Lyriker.
Ja, und die karikierten Nebenpersonen Wispel und der Hofrat gefallen mir auch! Der Hofrat ist ein Typ wie von Spitzweg gemalt!

Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #21 on: 07. Mai 2011, 19.34 Uhr »
Ja, manchmal fühle ich mich an Eugène Sues Geheimnisse.. erinnert.

Bitte nicht. Ich bin ja hartgesotten und habe - mit Ausnahme der Quitzows - sogar alle Kolportageromane von Karl May von A bis Z gelesen. Aber Sue war für mich zuviel des Guten. Sicher, die Grenzen sind fliessend - natürlich. So wie Sue ja auch einerseits Erbe des Schauerromans ist und andererseits in den Realismus/Naturalismus vorausweist. (Und hin zu Karl May.)

Auf Orplid freue ich mich, nebenbei gesagt. Da habe ich praktisch keine Erinnerungen mehr, aber ich weiss, dass für Arno Schmidt "Orplid" auch die Metapher für das vom Schriftsteller frei geschaffene Phantasiereich war.
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Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #22 on: 08. Mai 2011, 09.34 Uhr »
Hallo!

Nach wie vor ein eher durchwachsenes Vergnügen, [...] eine Zigeunerin, die aus (mir noch) unerfindlichen Gründen in Nolten verliebt ist und die daher ein Interesse hatte, der ersten Liebe Noltens, Agnes, mit einer entsprechenden Prophezeihung ihn ihr unleidlich zu machen.

Ja - die Verrückte, die ihrerseits die Naive verrückt macht. Hier zumindest befinden wir uns noch voll und ganz in der Romantik. Schauerromantik vom Feinsten - Monk Lewis lässt grüssen.

Dazu noch verliebt er sich in die schöne Gräfin und versäumt es nicht, diese in einer künstlichen Grotte an seinen heißen Busen zu drücken

"das herrliche Weib" - auch so ein Standardausdruck ...

Und natürlich sind die auktoriellen Hinweise darauf, dass wir Leser dieses oder jenes noch erfahren würden, ebenfalls zuunterst aus der schauerromantischen Trickkiste hervorgekramt.

Gerade der auch allüberall auftretende Wispel als Inbegriff des kleinen Gauners (und in seiner realen Form ebenfalls für die Romantik gänzlich untypisch) erzeugt einen Bruch in der Handlung, unterfüttert diese ironisch, satirisch.

Als Doppeltgänger ist er zwar sehr wohl eine romantische Figur, aber da er offenbar der Doppeltgänger einer beliebigen Person sein kann (zuerst Noltens, dann des italienischen Bildhauers), führt er das Doppeltgängermotiv sofort wieder ad absurdum. Was die Romantik selber noch nicht gewagt hat. Auch nicht Jean Paul. Als Kleinganove, glaube ich, wirklich neu. Da weist er voraus auf realistische und naturalistische Figuren und markiert so die Grenzsituation, auf der "Maler Nolten" konstruiert wurde. Kein Wunder, versuchte Mörike eine "realistischere" Überarbeitung.
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Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #23 on: 09. Mai 2011, 18.05 Uhr »
Hallo!

Ein Bildungs- und Künstlerroman ist es tatsächlich nicht (eher eine etwas umfänglich geratene Novelle), wobei man für die Einschätzung wohl auch den Romanentwurf kennen müsste. Den Spitzweg-Vergleich finde ich gelungen, den Hofrat kann man sich tatsächlich sehr gut als eine solche Figur vorstellen. Vergleichbar mit Sues "Geheimnissen"? Ich kenne diese nur in einer verkürzten (und von mir lange schon vergessenen) Version, weshalb ich dies weder bestätigen noch in Abrede stellen kann. Mich erinnert's - teilweise - an Eichendorff, im "Schloss Dürande" etwa gibt es ähnlich viele herzerhebende Szenen, unschuldige Jungfern, brave Hausmütterchen und edle Gräfinnen. Allerdings werden bei Mörike die Dinge wenigstens teilweise relativiert. Wie es auch mit den romantischen Einsprengseln geschieht: Bevor man die gute alte Erde in Richtung Feen- und Wunderwelt verlässt, liefert Mörike dann doch die Auflösung (die manchmal allerdings etwas hanebüchen ausfällt).

Was von Arno Schmidts Literaturempfehlungen zu halten ist, wurde schon im Klassikerforum allenthalben erwähnt. Darauf gebe ich rein gar nichts, er ist der beste Beweis dafür, dass man schreiben können und gleichzeitig höchst mediokre Stückchen zur hohen Literatur erklären kann.

Der eigentliche Plot nervt mich, das ganze Gesülze um große Gefühle, diese grauenhafte Zettelwirtschaft, das Unterschieben fingierter Nachrichten, Auftauchen von Aufzeichnungen und Tagebüchern usf. Wenn etwa Larkens von inbrünstiger Hingabe an die Unschuld erfasst wird, so reizt das zum Gähnen, wenn er allerdings von seinem eigenen Weltschmerz erzählt, dann spüre ich den Wunsch, davon, von diesem Nebenschauplatz, mehr erfahren zu wollen. Bei der Figur der Elisabeth bin ich ähnlich zerrissen: Eigentlich ist sie gut gezeichnet, auch ihr periodisches Auftauchen etc. Andererseits sind die Implikationen ihrer Prophezeihungen ein wenig unglaubwürdig, wenngleich diese Interpretation möglicherweise meinem diesbezüglich etwas nüchternen Geiste zuzuschreiben ist.

lg

orzifar

der sich zu Anfang des zweiten Teiles befindet, nachdem nun Nolten über die Intrigen seines Freundes einige Aufklärung erhalten hat und der Liebe so ganz doch nicht zu entsagen die Absicht hat. Das übrigens, was Larkens dem Nolten vorhält, als dieser sich zölibatär nur noch der Kunst zu widmen verspricht, fand ich treffend, wenig romantisch und schon auf den Realismus hinweisend.
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Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #24 on: 10. Mai 2011, 09.14 Uhr »
Hallo!

Ein Bildungs- und Künstlerroman ist es tatsächlich nicht

Was ist ein Bildungs- und Künstlerroman? Mir kommt als Beispiel nur mal gerade Der Grüne Heinrich in Sinn. Wilhelm Meisters Lehrjahre mag ein Bildungsroman sein - es ist kein Künstlerroman, denn Wilhelm Meister ist eben gerade kein Künstler. Überhaupt will mir scheinen, dass sich die Begriffe "Bildung" und "Künstler" sich eher zu beissen denn zu überschneiden.

Die "Auflösung" der Orplid-Szenen scheint mir eher unterdurchschnittlich. Klar braucht Mörike die daraus entstehenden Verwicklungen, denn dass unsere beiden Helden diese Majestätsbeleidigung ungeschoren überstehen werden, ist doch wohl unwahrscheinlich. Eine ganz vorsichtige Kritik - ein ganz klein bisschen Vormärz im Biedermeier.

Mich erinnert's - teilweise - an Eichendorff, im "Schloss Dürande" etwa gibt es ähnlich viele herzerhebende Szenen, unschuldige Jungfern, brave Hausmütterchen und edle Gräfinnen.

Spätromantik - ein weiteres Etikettchen zum Drankleben.  ;D

Grüsse

sandhofer
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Offline Anna

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #25 on: 10. Mai 2011, 16.44 Uhr »
Hallo!

Ich bin natürlich auch noch dabei und habe ebenfalls mit dem zweiten Teil begonnen.

Elemente aus dem Künstler-, Bildungs- und Entwicklungs-, meinetwegen auch aus dem Schicksals- und dem Schauerroman, sind im „Maler Nolten“ fraglos enthalten, aber einer bestimmten Gattung lässt er sich meiner Meinung nach nicht zuordnen, ebenso wenig einer bestimmten literarischen Strömung. Er trägt noch deutlich romantische Züge, schon allein wegen des Themas der Vergänglichkeit, das den Roman von Anfang an bestimmt, daneben ist er auch vom schwäbischen Pietismus und der bürgerlichen Empfindsamkeit beeinflusst, und es sind, wie orzifar schreibt, bereits Übergänge zum Realismus vorhanden. Der seine Töchter mit Lehmkügelchen beschießende Pfarrer Nolten ist wieder so eine komisch-realistische Figur, die das rätselhafte Geschehen um die Zigeunerin am Ende des ersten Teils satirisch auflockert.

Behagliches Biedermeier mit Goldrand? Ich weiß ja nicht, die Stimmung in dem Roman ist größtenteils eher mies. Magische Verstrickungen, wirre Ahnungen, unheilvolle Vorzeichen – sicher spielt das Fatum bei Mörike eine große Rolle, wobei er zwischen dem „Grobfatalistischen“ und der „natürlichen Entfaltung des Notwendigen“ unterscheidet. Neben der Schicksalsverfallenheit der Figuren deuten sich doch aber auch seelische Abgründe an, labile Gemütszustände, innere Unruhe und Zerrissenheit, ein Leiden am Leben. Das Intrigenspiel Larkens oder die Einflüsterungen Elisabeths verstärken diese Zustände nur, sie lösen sie nicht direkt aus. Agnes, Nolten, auch Larkens, alles mehr oder weniger schwankende Gemüter. Nolten wirkt für eine Hauptfigur ohnehin merkwürdig schemenhaft und passiv. Konturen gewinnt er immer nur über die verschiedenen Frauengestalten, die – von Agnes bis Adelheid - alle greifbarer sind als er. Larkens würde man heute wohl als manisch-depressiv bezeichnen.

Die Liebeswirren halten sich in Grenzen. Der Landvermesser und der Herzog sind für Agnes bzw. Constanze keine wirkliche Option, es geht nur um Nolten, der zwischen zwei Frauen steht, die wiederum zwei verschiedene Gesellschaftsklassen repräsentieren. Während Agnes dunkel ahnt, dass eine vorteilhafte Partie Noltens künstlerische Laufbahn befördern würde, glaubt Larkens, dass sich das Talent des Freundes nur in der schlichten Beschaulichkeit der bürgerlichen Sphäre entfalten kann. Womit wir beim Thema Bürgertum – Künstlertum – Adel wären.

Gesülze um große Gefühle? Solange Agnes nicht in der Nähe ist, ist es doch auszuhalten. ;) Sonderlich moralisierend finde ich den Roman auch nicht, eher zeigen sich schon erste Ansätze zur psychologischen Deutung der Figuren. Ich lese das Buch nach wie vor gern, auch wenn die Welt darin nicht mehr die unsere ist. Mörikes Sprache macht alles wett.

Gruß
Anna
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Offline Gontscharow

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #26 on: 11. Mai 2011, 00.32 Uhr »

Quote from:  Autor:Anna, Datum/Zeit: Gestern um 16:44
Der seine Töchter mit Lehmkügelchen beschießende Pfarrer Nolten ist wieder so eine komisch-realistische Figur, die das rätselhafte Geschehen um die Zigeunerin am Ende des ersten Teils satirisch auflockert.

Diesen lethargisch sadistischen Familienvater und Mann Gottes in Pantoffeln und mit Pensionsberechtigung finde ich viel unheimlicher und bedrohlicher als die klischeehaft mysteriöse Zigeunerin! So ist das bei Mörike: Das Rätselhafte, Abgründige wird projiziert auf das Fremde, gar in die Geisterwelt, dabei liegt es so nah. Das Nahe wird zur Humoreske oder Idylle. Zugegeben, es währt nicht lange.

Quote from:  Anna, Datum/Zeit: Gestern um 16:44
Behagliches Biedermeier mit Goldrand?

Das habe ich so  nicht gesagt:
Quote from:  Gontscharow,Datum/Zeit: 07. Mai 2011, 09.36 Uhr 
Das ist wohl Biedermeier: Die Toteninsel mit Goldrand überm gemütlichen Sofa.

Also das (ins Bild der Toteninsel) quasi extrojizierte Abgründige und Bedrohliche ermöglicht die biedermeierliche Behaglichkeit.

Quote from:  Anna,Datum/Zeit: 07. Mai 2011, 09.36 Uhr
Während Agnes dunkel ahnt, dass eine vorteilhafte Partie Noltens künstlerische Laufbahn befördern würde…

Hast du dafür Anhaltspunkte im Roman? Ich meinte nur herausgelesen zu haben, dass sie fürchtet ihm intellektuell und bildungsmäßig nicht zu genügen, weshalb sie sie Mandolinenunterricht beim Landvermesser nimmt …
Bezeichnenderweise soll laut Larkens Nolten aber gerade an  ihrer Unbedarftheit "genesen".

Mit vielem, was du schreibst, bin ich einverstanden, vor allem auch was die Psychologisierung der Personen betrifft. Das nimmt ja im zweiten Band noch zu...

Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #27 on: 11. Mai 2011, 00.53 Uhr »

Quote from:  Autor:Anna, Datum/Zeit: Gestern um 16:44
Der seine Töchter mit Lehmkügelchen beschießende Pfarrer Nolten ist wieder so eine komisch-realistische Figur, die das rätselhafte Geschehen um die Zigeunerin am Ende des ersten Teils satirisch auflockert.

Diesen lethargisch sadistischen Familienvater und Mann Gottes in Pantoffeln und mit Pensionsberechtigung finde ich viel unheimlicher und bedrohlicher als die klischeehaft mysteriöse Zigeunerin! So ist das bei Mörike: Das Rätselhafte, Abgründige wird projiziert auf das Fremde, gar in die Geisterwelt, dabei liegt es so nah. Das Nahe wird zur Humoreske oder Idylle. Zugegeben, es währt nicht lange.

Das ist das Skurrile, Groteske an Mörike, an die seltsamen Schnurren des Hutzelmännchens erinnernd. Auch ein bisschen boshaft, ein wenig Wilhelm Busch. Und damit das Lesenswerte. Wenn nur die ganzen Liebesschmonzetten nicht wären ;).

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orzifar

der in den nächsten Tagen hofft, wieder mehr zum Lesen zu kommen.
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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #28 on: 13. Mai 2011, 16.26 Uhr »
So, im zweiten Teil allerhand idyllische Aspekte, aber, wie Anna schon bemerkt hat, alles mit einem drohenden Unterton, nie hat man wirklich das Gefühl, dass sich am Ende alles und jedes kriegt und da lebt, wenn es noch nicht gestorben ist. Mittlerweile habe ich auch den Eindruck, dass Mörike seine mit allzu viel Gefühl unterfütterten Passagen auch mit ein wenig Ironie betrachtet, die allenthalben mit Inbrunst zum Gebet sich faltenden Hände haben etwas derart Hingebungsvolles, dass mir ein Augenzwinkern des Autors nicht unwahrscheinlich deucht.

Larkens Selbstmord ist ein wenig unmotiviert, vor allem will sich mir (bislang) nicht erschließen, warum der Gute ausgerechnet nach dem Wiedersehen Noltens sein Leben beschließt. Natürlich - depressiv, zweifelnd, vielleicht auch unglücklich verliebt. Seine Briefe, die er im Namen Noltens schreibt, sein Schicksal erinnern ein wenig an Cyrano de Bergerac - und, da ich gerade beim Bekenntnis Noltens bin betreffs dieser Briefe, so scheint auch Agnes eine ähnliche Reaktion wie Roxane zu zeigen und festzustellen, dass sie nun ihren Geliebten ein zweites Mal verloren hat. (Dieses Geständnis Noltens ist nach meinem Dafürhalten in Versen abgefasst, auch wenn die Textgestalt dies nicht explizit kennzeichnet.)

Ich gewärtige nun einige Dramatik auf den letzten Seiten, Dahinsiechen der Braut, überhaupt hohe Begräbnisfrequenz und sehr viel Schicksal. Schicksal, Bestimmung etc. scheint überhaupt eines der Kennzeichen des Romans zu sein, der mich sprachlich immer mehr in seinen Bann geschlagen hat.

lg

orzifar
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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #29 on: 14. Mai 2011, 15.38 Uhr »
Hallo

Ich stecke ja immer noch im ersten Teil - und im Moment komme ich nicht so wirklich vorwärts. Die Sprache gefällt mir zwar immer noch, aber wenn ich lese, wie Constanze, nachdem sie die angeblichen Briefe der ländlichen Geliebten des Malers gelesen hat, eine schlechte Nacht verbringt, dann mit ihrem Bruder ins Treibhaus geht, um zu sehen, ob die Pflanzen dort den Nachtfrost überlebt haben; wie die Pflanzen offenbar überlebt haben, zu sinnieren, dass sie vielleicht doch einen innern Schaden davon getragen haben, der sie bis heute Abend umbringen wird ... dann wird mir so ganz plümerant.

Ich habe dafür noch Mozarts Reise nach Prag gelesen, um mich zu versichern, dass ich Mörike nicht so völlig falsch in Erinnerung habe. Nein, habe ich nicht - diese Novelle ist wirklich gut. Aber meine positiven Erinnerungen an Maler Nolte von vor über 30 Jahren kann ich im Moment nicht so recht verstehen.

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