Author Topic: Eduard Mörike: Maler Nolten  (Read 27391 times)

Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #30 on: 16. Mai 2011, 15.24 Uhr »
Hallo!

Also, das Gemetzel ist beendet. Hier den Nostradamus zu spielen war allerdings nicht allzu schwer. Insgesamt ist dieser zweite Teil aber wesentlich besser strukturiert als der erste, alles ist klarer, übersichtlicher, die Motivationen nachvollziehbarer (und weniger an den Haaren herbeigezogen) - außer vielleicht bei Larkens Selbstmord. Während im ersten Teil allerhand Zettelchen und Briefchen die Übergänge kitten und verkleben mussten, hat man beim zweiten Teil den Eindruck, eine Novelle (was denn tatsächlich eher entspricht) aus einem Stück zu lesen. Ein Bildungs- oder Entwicklungsroman ist dies keinesfalls, auch kein Künstlerroman (über Malerei erfährt man so gut wie gar nichts), im Grunde werden nur die emotionalen Verstrickungen Noltens abgehandelt.

Nach diesem zweiten Teil bleibe ich einigermaßen versöhnt zurück, denn neben der allzu intensiven Gefühlsduselei hat mich zu anfangs hauptsächlich die oft hanebüchene Konstruktion gestört. Aber auch Gefühle "kann" Mörike: Die Beschreibung von Agnes' Wahnsinn hat mich positiv überrascht, keine dummen Klischees, vielmehr ein sehr vorsichtiges, einfühlsames Porträt eines Mädchens, dessen Wirklichkeit ver-rückt wurde und die es nicht mehr schafft, diese neue Wirklichkeit für sich zu ordnen. In diesem zweiten Teil fand ich viel von dem Erzähler Mörike, der in der Mozartschen Reise nach Prag nicht nur Sandhofer, sondern auch mich beeindruckt hat.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #31 on: 16. Mai 2011, 15.50 Uhr »
Hallo!

Nach diesem zweiten Teil bleibe ich einigermaßen versöhnt zurück, denn neben der allzu intensiven Gefühlsduselei hat mich zu anfangs hauptsächlich die oft hanebüchene Konstruktion gestört. Aber auch Gefühle "kann" Mörike:

Das macht Mut und beruhigt  :). Mag sein, dass meine Erinnerungen dann auf dem zweiten Teil basieren. Anyway: Ich weiss, dass ich immer irgendwo nach den ersten 100 Seiten oder so Mühe habe mit meinen belletristischen Büchern. Also ist mein Unbehagen wohl auch nur das bei mir übliche Unbehagen in diesem Stadium. Ich lese schon noch zu Ende - keine Angst!

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #32 on: 19. Mai 2011, 11.50 Uhr »

Quote from: Datum/Zeit: 16. Mai 2011, 15.24 UhrAutor: orzifar
Nach diesem zweiten Teil bleibe ich einigermaßen versöhnt zurück

Trotz oder wegen Sätzen wie diesen?

Quote from:  Eduard Mörike, Maler Nolten, Teil II etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

Nun weiß ich endlich, woher H. Kohls Schwulstmetapher vom Mantel der Geschichte bzw. Bismarcks Saum am Mantel Gottes, der durch die Geschichte geht stammt.

Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #33 on: 19. Mai 2011, 14.25 Uhr »
Trotz oder wegen Sätzen wie diesen?
Quote from:  Eduard Mörike, Maler Nolten, Teil II etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

Gesteh, Unselige - aus dir spricht der blanke Neid. Nie wurden inbrünstig an deinem Rocksaum die heißen Lippen der Verzweiflung gekühlt, niemand lechzte nach dem Staub deiner Sohlen, vergoss bittere Tränen der Reue und Hingabe, wollte sich laben an deinem huldvollen Antlitz. Und auch metaphysische Gnade ward dir nicht zuteil, kein Blutstropfen von der Stirne unseres Herrn hat dich geletzt, kein gnadenvoller Blick der Jungfrau deine Sehnsucht gestillt. Die Invidia treibt dich um, mit spöttischem Geifer versündigst du dich an den allerheiligsten Gefühlen, bitterer Hohn ergießt sich aus deinem Munde über all das Geheiligte, Hochherzige, Erhebende.

Vade retro ...
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Offline Anna

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #34 on: 19. Mai 2011, 17.17 Uhr »
Hallo!

Quote from:  Anna, Datum/Zeit: Gestern um 16:44
Behagliches Biedermeier mit Goldrand?

Das habe ich so  nicht gesagt:

Weiß schon. Das war auch nur eine kleine Verballhornung Deiner Sätze.  ;)

Quote from:  Anna,Datum/Zeit: 07. Mai 2011, 09.36 Uhr
Während Agnes dunkel ahnt, dass eine vorteilhafte Partie Noltens künstlerische Laufbahn befördern würde…

Hast du dafür Anhaltspunkte im Roman?

Entschuldige, da habe ich mich ungeschickt ausgedrückt. Ich hätte schreiben sollen „als ob sie ahnte“. Das ergibt sich für mich aus der Konstellation Agnes – Constanze. Als Agnes Zweifel kommen, ob sie Nolten als Gefährtin intellektuell genügen könnte, hat er bereits die Gräfin kennen gelernt, die ebenso wie seine Braut mit Herzensgüte und Seelenschönheit bestückt ist, darüber hinaus aber auch das hat, was Agnes fehlt: Bildung und Kultiviertheit.

Mittlerweile habe ich auch den Eindruck, dass Mörike seine mit allzu viel Gefühl unterfütterten Passagen auch mit ein wenig Ironie betrachtet

An einer Stelle geradezu mit Selbstironie, dort nämlich, wo Nolten mit Befremden die profanen irdischen Geräusche vernimmt, die die engelsgleiche Agnes bei der Hausarbeit von sich gibt (Pfeifen und Trillern) und ihm dämmert, dass sie vielleicht doch mehr von dieser Welt ist, als er wahrhaben will.

Den zweiten Teil finde ich erzählerisch auch stärker. Die Gefühlsduselei nimmt nie überhand, weil immer wieder bodenständige Figuren wie die des Försters, des betriebsamen Pfarrers Amandus und des sich um gesellschaftliche Konventionen nicht scherenden Naturmenschen Raymund auftreten. Die bedrohlichen Untertöne scheinen zunächst Nachwirkungen der überstandenen Krise zu sein (Agnes Weigerung, Mandoline zu spielen; Noltens Angst, der fremde Offizier könne der Bruder Constanzes sein), aber das Wort „Todeswollust“ macht alles klar. Noltens Fatalismus hängt irgendwie mit der Geschichte seines Onkels zusammen, dessen Geschick sich offensichtlich im Neffen erfüllt, wie der spätere Brief des Hofrats andeutet. Während er sich seinem Ende passiv entgegen treiben lässt, arbeitet Larkens aktiv an seinem Untergang mit. In die Handwerkerrolle ist er wohl weniger geschlüpft, um in einem werktätigen Leben unter einfachen Menschen seinen Frieden zu finden, sondern um dem Leben selbstquälerisch zu entsagen (ähnlich wie die Frauen in früheren Romanen nach einer Liebesenttäuschung ins Kloster gingen). Dass er den schon im ersten Teil angekündigten Selbstmord begeht, als Nolten auftaucht, scheint mir eigentlich ganz logisch: In dem Moment wird ihm wohl endgültig bewusst, dass der Freund ihn nicht mehr vor dem Abgrund retten kann, wie er es schon einmal getan hat. Außerdem steht ihm das für ihn unerreichbare Glück von Agnes und Nolten vor Augen, die Erinnerung an seine verstorbene Jugendliebe, die wahrscheinlich auch eine Art Agnes war, mag da mit hineinspielen.

So gut wie zu meinen Studienzeiten gefällt mir das Buch heute auch nicht mehr. Wahrscheinlich ist man in jungen Jahren anfälliger für den Weltschmerz und die unbestimmte Todessehnsucht der Romanfiguren. Trotzdem habe ich es wieder recht gern gelesen, in erster Linie natürlich wegen der Sprache (über die schwülstigen Stellen habe ich geflissentlich hinweggesehen). Was ich inhaltlich auch heute noch interessant finde, sind die verschiedenen Gesellschafts- und Kultursphären, die im Roman dargestellt werden: Künstlertum (Nolten, Larken und Raymund), der Adel (Gräfin, Herzog), das protestantische Bildungsbürgertum (Margot), der Handwerksstand. Die zentrale Gestalt, vor allem im zweiten Teil, ist meiner Meinung nach nicht der blasse Nolten, sondern Agnes. Sie ist die Vertreterin eines pietistisch-bürgerlichen Milieus und besitzt die entsprechenden Tugenden: Frömmigkeit, Schlichtheit, Demut. Eher vom Gefühl als vom Verstand geleitet, füllt sie ihren kleinen Wirkungskreis mit Sorgfalt und Hingabe aus. Allem, was außerhalb ihrer beschränkten Welt liegt, begegnet sie mit Unverständnis, Angst und Abwehr. Ob das die Zigeunerin ist, Raymund mit seinem lockeren Lebenswandel, die gut gemeinte Intrige Larkens oder die vorübergehende Verirrung Noltens zu der Gräfin, Beweggründe und Verhaltensweisen bleiben ihr völlig fremd. Bezeichnenderweise duldet sie auch die fortschrittliche, vernunftbestimmte, sich lieber mit den Naturwissenschaften als mit Handarbeiten beschäftigende Margot nicht mehr in ihrer Nähe, als sie krank wird. Vor der ihr unbegreiflichen Realität flüchtet sie sich in den Wahnsinn und in die Religion.
Agnes erscheint im Roman als Idealgestalt für alle. Nicht nur für Nolten und Larkens, sondern auch für die Gräfin und für Margot. Gerade in ihrer Beschränktheit und Schlichtheit verkörpert sie die Hoffnung auf Harmonie und Beständigkeit in einer Welt wirrer Gefühle und innerer Abgründe. Die Welt der Agnes, das ist Biedermeieridylle, aber eine, die am Ende gründlich scheitert.

Die Sprache gefällt mir zwar immer noch, aber wenn ich lese, wie Constanze, nachdem sie die angeblichen Briefe der ländlichen Geliebten des Malers gelesen hat, eine schlechte Nacht verbringt, dann mit ihrem Bruder ins Treibhaus geht, um zu sehen, ob die Pflanzen dort den Nachtfrost überlebt haben; wie die Pflanzen offenbar überlebt haben, zu sinnieren, dass sie vielleicht doch einen innern Schaden davon getragen haben, der sie bis heute Abend umbringen wird ... dann wird mir so ganz plümerant.

Metaphorik für Dummies. Da hat Mörike wohl an die nachfolgenden Generationen von Schülern und Studenten gedacht, die sich mit Referaten über den Roman abplagen müssen. ;D

Gruß
Anna
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Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #35 on: 19. Mai 2011, 18.28 Uhr »
Sehr schöne Beschreibung, insbesondere der "Typus" Agnes ist wunderbar getroffen.

Zum Noltenschen Suizid: Mir hat die ganze Konstruktion sauer aufgestoßen, diese Dickenschen Zufälle, das Sich-Wieder-Treffen, Mithören von Gesprächen etc. Und es liegt wohl auch daran, dass ich Selbstmorde für häufig recht billige Lösungen in der Literatur halte. Wer die Verzweiflung nicht beschreiben will (oder kann), meuchelt einen seiner Protagonisten, womit die Verzweiflung post festum denn doch wieder bewiesen ist. Dazu der sinnige Auftritt, man sieht einander wieder, flieht - und stirbt flugs in der nächsten Nacht. Ein Wiedersehen, Wiedersprechen - das wäre natürlich schwieriger gewesen, da hätte begründet und erklärt werden müssen, wären Fragen gestellt worden - und wenn dann Nolten in selbiger Nacht sich umgebracht hätt', dann wäre das Gespräch auf die Motivation dieses Tuns hin untersucht worden. So aber bleibt alles ganz elegant offen, Mörike delegiert die Verantwortung an den Leser (wie das auch bei Träumen geschieht). - Ich habe, wie schon des öfteren bekundet ;), eine Abneigung gegen solche Entwürfe, sie wollen mir billig erscheinen und als Ausflucht für den Autor, der sich dadurch der Mühe des Begründens begibt. Hier trifft das alles zu: Großstadt, der Nebenraum eines Bierkellers, der Diener David Copperfields belauscht das für den weiteren Handlungsverlauf unerlässliche Gespräch ...

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #36 on: 20. Mai 2011, 07.47 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich seh' schon: Ihr wollt mich zum Weiterlesen überreden. Keine Angst, werde ich auch. Trotzdem weiss ich jetzt, wieso ich über 30 Jahre lang mir vorgenommen hatte, den "Malter Nolten" mal wieder zu lesen und dennoch die Energie dazu nicht aufbrachte.

Ob's dieses und nächstes Wochenende viel mit Lesen wird, wissen die Götter. Am Donnerstag steht Umzug an. Danach habe ich zwar wieder alle meine Bücher (hoffentlich!), aber alle noch in Umzugskartons. Ausserdem werde ich nun wohl viel Zeit verbringen müssen mit Einpacken, Auspacken, Möbel aufstellen, Möbel umstellen, Bücherregal einfüllen ...

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #37 on: 20. Mai 2011, 09.39 Uhr »

Quote from:  Autor: orzifar Datum/Zeit: Gestern um 14:25
Gesteh, Unselige - aus dir spricht der blanke Neid. Nie wurden inbrünstig an deinem Rocksaum die heißen Lippen der Verzweiflung gekühlt, niemand lechzte nach dem Staub deiner Sohlen…

Ich gestehe - dergleichen ist mir nie widerfahren – ich vade ja schon retro und lass euch weiter in Schwülstigem schwelgen ... 

 
Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17Autor: Anna
über die schwülstigen Stellen habe ich geflissentlich hinweggesehen.

Aber nun mal im Ernst, warum eigentlich? Die von mir zitierte Stelle ist ja nur die Spitze des …

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 18:28Autor: orzifar
Sehr schöne Beschreibung …

Das finde ich auch. Eigentlich schöner und stimmiger als die Geschichte selbst. ;)

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17 Autor: Anna
Was ich inhaltlich auch heute noch interessant finde, sind die verschiedenen Gesellschafts- und Kultursphären, die im Roman dargestellt werden: Künstlertum (Nolten, Larken und Raymund), der Adel (Gräfin, Herzog), das protestantische Bildungsbürgertum (Margot), der Handwerksstand.

Gerade die  Darstellung der Gesellschaftschichten finde ich klischeehaft, bestenfalls genrebildartig, die unteren Schichten werden gönnerhaft dargestellt, das alles wirkt auch für 1832 antiquiert bzw. pseudozeitlos, von geringem  Realitätsgehalt und bewegt sich manchmal auf Komödiantenstadl-Niveau.

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17 Autor: Anna
Die Gefühlsduselei nimmt nie überhand, weil immer wieder bodenständige Figuren wie die des Försters, des betriebsamen Pfarrers Amandus und des sich um gesellschaftliche Konventionen nicht scherenden Naturmenschen Raymund auftreten.

Bodenständige Förster, betriebsame Pfarrer und sich um gesellschaftliche Konventionen nicht kümmernde Naturmenschen sind, scusa, Personnagen des Heimatfilms, Gefühlsduselei par excellence.

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17 Autor: Anna
Die bedrohlichen Untertöne scheinen zunächst Nachwirkungen der überstandenen Krise zu sein … aber das Wort „Todeswollust“ macht alles klar.

Was macht das ominöse Wort "Todeswollust" denn klar? Unter anderem um das zu erfahren habe ich die Textstelle in den Raum gestellt.

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17Autor: Anna
Agnes erscheint im Roman als Idealgestalt für alle. Nicht nur für Nolten und Larkens …. Gerade in ihrer Beschränktheit und Schlichtheit verkörpert sie die Hoffnung auf Harmonie und Beständigkeit in einer Welt wirrer Gefühle und innerer Abgründe.

Sie ist nicht nur das simple und geradlinige Wesen, sondern von Anfang an auch gefährdet und todessehnsüchtelnd und spätestens seit der ersten Begegnung mit der Zigeunerin „gebrochen“. Sie ist nicht ideales Gegen- sondern Spiegelbild Noltens: Lange vor dem Geständnis, das sie vollends verrückt machen wird, sinniert N. darüber,

Quote from: Mörike: Maler Nolten  Mitte II.Teil
ob denn das Rätselwesen … dazu bestimmt sein könne, durch ihn glücklich zu werden, oder ihm ein dauerndes Glück zu gründen … Er dachte weiter nach und musste finden, dass eben jene dunkle Klippe, woran Agnesens sonst so gleichgewiegtes Leben zum erstenmal sich brach, dieselbe sei, nach der auch sein Magnet von früh an unablässig strebte, ja dass (man gönne uns immer das Gleichnis) die schlimme Zauberblume, worin des Mädchens Geist zuerst mit unheilvollen Ahnungen sich berauschte, nur auf dem Grund und Boden seines eigenen Schicksals aufgeschossen war. Notwendig daher und auf ewig ist er mit ihr verbunden, Böses und Gutes kann für sie nur in einer Schale gewogen sein.

Dann folgt die Stelle mit dem Saum am Kleide der Gottheit. Das Ganze eine Schlüsselstelle, wie ich meine.

Ich bin noch nicht ganz fertig mit dem Roman, hoffe ihn aber in den nächsten Tagen zu beenden. Vielleicht sieht dann ja vieles anders aus.






Offline sandhofer

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #38 on: 22. Mai 2011, 08.07 Uhr »
Hallo!

Ich habe mal wieder 3 oder 4 Seiten weiter gelesen. Die ganze Brieftaschenzettelkomödie entpuppt sich schon nach einer weiteren halben Seite als Werk Larkens. Ich weiss nicht, wieweit wir Mörike Unrecht tun und er einfach mehr im Stil der Zeit schrieb als wir im 21. Jahrhundert goutieren können und wieweit er absichtlich "Metaphorik für Dummies" verfasste, d.h., in vollem Bewusstsein diese hanebüchenen Vergleiche zwischen den durch Nachtfrost bedrohten Gewächshauspflanzen und dem "herrlichen Weib" herstellt. Jedenfalls ist mir aufgefallen - und zwar für einmal positiv -, dass Larkens für seine Handlung, i.e. das Zuspielen echter und gefälschter Briefe Noltens und dessen ländlicher Liebe, vom Autor herb getadelt wird. Es war falsch, was er tat; und hätte Larkens alle Zusammenhänge gekannt, hätte er anders gehandelt. So hat kein Jean Paul seinen Leibgeber getadelt. Leibgeber - bis weit in das Ende des Titan - ist einer, der die Zusammenhänge immer richtig erkennt und immer richtig handelt. Der Doppeltgänger auch als Deus ex machina. Das ist Larkens nicht mehr. Er hat und tut Unrecht. (Gut, wenn man genau hinschaut, tun das die beiden Clowns Siebenkäs und Leibgeber auch, denn sie richten Siebenkäs' Gattin gnadenlos zugrunde. Jean Pauls Idylle ist immer schon eine gebrochene. Aber Mörikes ist - spätestens ab hier - eigentlich gar keine mehr.)

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #39 on: 23. Mai 2011, 00.14 Uhr »

Meine Hoffnung, der letzte Teil würde das Ganze vielleicht noch herausreißen, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil. Zum Ende hin gleitet die Geschichte völlig ins Melodramatische ab. Gefühlsausbrüche und langatmige Schilderungen von Umnachtungszuständen, die moritatenhafte Häufung von monströsen Todesfällen stellen Geduld und Toleranz auf die Probe. Dann kommen noch neue Personen hinzu, ein seltsam salbungsvoller Präsident, der das Ganze kommentiert und moderiert und ein „blinder Seher“ in Form eines Gärtnerknaben, der Nolten schließlich mit seiner Anima ins Jenseits entschwinden sieht…

Der Roman  mit seiner ungemein komplizierten Handlung, den Interludien, Verwicklungen,Verstrickungen und schicksalhaften Bestimmungen scheint mir überfrachtet, der Autor irgendwie überfordert. Es gibt blinde Motive, Ansätze, die versanden. Im ersten Teil heißt es z. B. über das Verhältnis Larkens zu Nolten:

Quote from:  Mörike Maler Nolten I.Teil Mitte
Inzwischen war der gute Einfluss nicht zu misskennen, den Noltens Umgang, sein kräftiger Sinn, auf jenes verdunkelte Temperament ausübte, denn wennngleich unser Maler selbst an einer gewissen Einseitigkeit leiden mochte, so war doch sein sittlicher Grundcharakter unerschütterlich, und ein Streben nach voller geistiger Gesundheit beurkundete sich zeitig in der mehr und mehr zum allgemeinen aufsteigenden Richtung seiner Kunst, mit Bereinigung all dessen, was ihm von einer phantastischen Entwicklungsperiode noch anklebte.

Wer den Roman kennt, weiß, dass die Künstlerthematik und dieses Motiv der Parallelität von künstlerischer und emotionaler Entwicklung etc keine Rolle mehr spielen und sich alles auf die Gefühlsschiene verengen wird. Zudem wird der „unerschütterliche sittliche Grundcharakter“ Noltens sich als in seinen Grundfesten erschütterbar erweisen.
Es gibt eine Reihe solcher Stellen, die den Leser auf die falsche Fährte setzen. Der Erzähler drückt sich auch manchmal  vor der Zusammenführung  von Handlungssträngen bzw. der Auflösung rätselhafter Motive. So beim Selbstmord Larkens: Der auktoriale Erzähler, der Nolten auf den Grund der Seele schauen kann (und sogar sieht, wie er den Saum am Kleide der Gottheit küsst) sagt über Larkens Abschiedsbrief, den der (wie der Leser) nach Aufklärung lechzende Nolten begierig liest:

Quote from:  Mörike Maler Nolten II.Teil
Von dem Inhalt des hinterlassenen Schreibens wissen wir nur das Allgemeinste, da Nolten selbst ein Geheimnis daraus machte. So viel wir darüber erfahren konnten…(und einige Zeilen weiter:)
Einige Jahre später hörten wir von Bekannten des Malers die Behauptung geltend machen, dass der Schauspieler …

Ist ja schön! Der sonst allwissende Erzähler zieht sich hier plötzlich auf die Rolle des Berichterstatters zurück, der alles nur vom Hörensagen weiß. Ein erzähltechnischer Bruch, der es ihm ermöglicht, sich (bequem und billig) aus der Affaire zu ziehen. Für den Leser allerdings bleibt alles unklar.

Mörikes Stärke scheint eher die kleine Form zu sein. Er hat wunderbare Gedichte geschrieben und seine Novelle Mozart auf der Reise nach Prag, die ich jetzt noch flugs gelesen habe, ist einfach gut!
Auch in seinem Großwerk gibt es sprachliche Perlen und überzeugende Passagen, besonders wenn er Gemütszustände oder skurille Charaktere und Situationen beschreibt. Auch ist so manches originell oder sogar seiner Zeit voraus, ich denke an das „blutsaugende Gespenst der Zeit“ und die  „auf dem Grund des Schicksals aufgeschossene schlimme Zauberblume“, die die Fleurs du mal antizipieren.
Aber immer wieder diese Wendung zum Konventionellen,Trivialen, Sentimentalen und Salbungsvollen!
Der Roman hat für mich etwas zutiefst Resignatives, Zaghaftes.
Immer einen Schritt vor und zwei zurück. Ähnlich resignativ und zaghaft wie Mörikes Leben …
 
Allen, die sich den Maler Nolten zum zweiten Mal antun oder angetan haben, zolle ich Respekt! Auch für H.Hesse gab es ein Re-read:

"Beim Wiederlesen des "Maler Nolten""
Autor: Hermann Hesse

Bescheiden klopf' ich wieder an dein Tor
Und tret' in den geliebten Garten ein,
Da atm' ich meiner Jugend Lieblingsflor
Aufs neue mit geschärften Sinnen ein.

Herüber duftet aus der Jugendzeit
Begeisterung entrückter Lesestunden;
Doch hab' ich nie so tief wie jetzt im Leid
Geliebter Dichtung innigen Wert empfunden.

Aus kühlen Grotten ruft mir Blütenglut
Und süße Leidenschaft ihr Lied ins Herz,
Und heilig wird, was sonst so wehe tut.
Die Dichtung winkt, und lächeln lernt der Schmerz

Offline Anna

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #40 on: 23. Mai 2011, 21.00 Uhr »
Hallo!

Ich weiss nicht, wieweit wir Mörike Unrecht tun und er einfach mehr im Stil der Zeit schrieb als wir im 21. Jahrhundert goutieren können und wieweit er absichtlich "Metaphorik für Dummies" verfasste, d.h., in vollem Bewusstsein diese hanebüchenen Vergleiche zwischen den durch Nachtfrost bedrohten Gewächshauspflanzen und dem "herrlichen Weib" herstellt.

Das mit der „Metaphorik für Dummies“ habe ich doch nicht ernst gemeint. Natürlich hat er sie nicht absichtlich verfasst, und ich denke auch, dass man das, was wir heute in dem Roman als Gefühlsduselei, Schicksalsschwüle und Schwulst ansehen, damals nicht so empfunden hat.

Allen, die sich den Maler Nolten zum zweiten Mal antun oder angetan haben, zolle ich Respekt! Auch für H.Hesse gab es ein Re-read:

Also, sandhofer und mich als Re-reader mit Hesse und seinem schwülstigen Gedicht in Verbindung zu bringen, ist wirklich fies, Gontscharow.  :wut:

Gerade die  Darstellung der Gesellschaftschichten finde ich klischeehaft, bestenfalls genrebildartig, die unteren Schichten werden gönnerhaft dargestellt, das alles wirkt auch für 1832 antiquiert bzw. pseudozeitlos, von geringem  Realitätsgehalt und bewegt sich manchmal auf Komödiantenstadl-Niveau.

Mörikes Jugendroman ist sicherlich kein Meisterwerk und es lässt sich einiges daran bemängeln. Man kann ihn sogar als gescheitert bezeichnen in seinem Versuch, magische Schicksalsverfallenheit und psychologische Motivation miteinander zu verbinden. Aber dass die Darstellung von Adel, Bürgertum, Künstlertum und Handwerkerschicht schon für 1832 antiquiert wirkt und klischee- bzw. gönnerhaft erscheint, finde ich nicht. Ich glaube schon, dass Mörike hier die gesellschaftlichen Konstellationen, auch politische Strömungen seiner Zeit, so wie er sie sah, wiedergegeben hat, natürlich typenhaft verkürzt, die sozialen Schichten werden ja nicht dezidiert beschrieben, sondern nur über ihre jeweiligen Vertreter sichtbar gemacht. Mörike deutet oft nur an, lässt vieles im Ungewissen, im Grunde ist die Lyrik sein Metier. Mir kommt „Maler Nolten“ wie eine Art Anti-Entwicklungsroman vor. Der Held bricht aus seinem engen, bürgerlich-protestantischen Milieu in die Welt auf, macht dort seine Erfahrungen und kehrt dann zurück in seine altes, beschränktes Leben, aber nicht innerlich gewachsen und gereift, sondern desillusioniert und orientierungslos. Orientierungslos wie die anderen vier Todeskandidaten auch.

Bodenständige Förster, betriebsame Pfarrer und sich um gesellschaftliche Konventionen nicht kümmernde Naturmenschen sind, scusa, Personnagen des Heimatfilms, Gefühlsduselei par excellence.

Na ja, ein Förster macht noch keinen Heimatfilm. ;) Statt bodenständig könnte man auch normal, alltäglich sagen. Diese Stelle finde ich nun gerade gut gemacht. Denn zum einen holt Mörike die Geschichte aus den seligen Gefilden, in denen das wiedervereinte Paar wandelt, auf den Boden zurück, zum anderen ist sie ein retardierendes Moment in der Abwärtsbewegung. Noch einmal wird Agnes Welt gezeigt, die nicht von Gefühlsduselei bestimmt ist, sondern von Freundschaft, Vertrautheit, Geborgenheit, ein privater Rückzugsort, wo in eng begrenzten Maße eine gewisse Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit gegeben ist, ohne dass man wegen eines blöden Schattenspiels gleich in den Bau kommt. Dass auch dieses kleine Idyll brüchig ist, sehen wir dann. Raymund ist ein Naturmensch im Sinne des individualistischen, kraftvollen, ganz aus sich selbst schöpfenden Originalgenies. Ein Typus, der in der Literatur der Romantik ja öfter vorkommt.

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17 Autor: Anna
Die bedrohlichen Untertöne scheinen zunächst Nachwirkungen der überstandenen Krise zu sein … aber das Wort „Todeswollust“ macht alles klar.

Was macht das ominöse Wort "Todeswollust" denn klar? Unter anderem um das zu erfahren habe ich die Textstelle in den Raum gestellt.

Damit meinte ich nur, dass dieses Wort nicht gerade ein Happy End erwarten lässt. Hier handelt es sich tatsächlich um eine Art Schlüsselstelle, weil nun die Unausweichlichkeit des Geschicks, das Fatum, das über alle Figuren verhängt und Grund für die grassierende Todessehnsucht ist, ins Spiel kommt. Auf das Unbewusste, die psychologischen Vorgänge wiederum deuten die Worte Noltens beim Anblick der toten Agnes hin:

Quote
"O Leben! o Tod! Rätsel aus Rätseln! Wo wir den Sinn am sichersten zu treffen meinten, da liegt er so selten, und wo man ihn nicht suchte, da gibt er sich auf einmal halb und von ferne zu erkennen, und verschwindet, eh man ihn festhalten kann!"

Alle Romanfiguren befinden sich in einer Sinn- und Identitätskrise, sind von unbewussten Wünschen, Ängsten und inneren Widersprüchen erfüllt. Das Dilemma des Romans ist, dass Mörike den Begriff des Schicksalhaften mit dem Psychologischen verbindet. Dadurch ist der Roman nichts Halbes und nichts Ganzes.


Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17Autor: Anna
Agnes erscheint im Roman als Idealgestalt für alle. Nicht nur für Nolten und Larkens …. Gerade in ihrer Beschränktheit und Schlichtheit verkörpert sie die Hoffnung auf Harmonie und Beständigkeit in einer Welt wirrer Gefühle und innerer Abgründe.

Sie ist nicht nur das simple und geradlinige Wesen, sondern von Anfang an auch gefährdet und todessehnsüchtelnd und spätestens seit der ersten Begegnung mit der Zigeunerin „gebrochen“. Sie ist nicht ideales Gegen- sondern Spiegelbild Noltens: Lange vor dem Geständnis, das sie vollends verrückt machen wird, sinniert N. darüber,

Sie ist eine Frau ohne Falsch, um mal den schönen Ausdruck zu benutzen. Verstellung, Lüge Hinterlist sind ihr fremd. Genau das macht sie für die anderen Romanfiguren zur Idealgestalt. Denn alle sind ja in ein Geschehen um Wirklichkeit und Schein, Wahrheit und Täuschung verwickelt. Aber auch sie hat kein stabiles Innenleben. Als sie fällt, fallen alle. Nolten glaubt an eine magische Schicksalsverstrickung zwischen ihnen. Spiegelbild? Ja, vielleicht. Sie sind sich ähnlich, beide empfindsame, sehr beindruck- und beeinflussbare, eher passiv-träumerische Menschen.

Zum Noltenschen Suizid: Mir hat die ganze Konstruktion sauer aufgestoßen, diese Dickenschen Zufälle, das Sich-Wieder-Treffen, Mithören von Gesprächen etc. Und es liegt wohl auch daran, dass ich Selbstmorde für häufig recht billige Lösungen in der Literatur halte. Wer die Verzweiflung nicht beschreiben will (oder kann), meuchelt einen seiner Protagonisten, womit die Verzweiflung post festum denn doch wieder bewiesen ist. Dazu der sinnige Auftritt, man sieht einander wieder, flieht - und stirbt flugs in der nächsten Nacht. Ein Wiedersehen, Wiedersprechen - das wäre natürlich schwieriger gewesen, da hätte begründet und erklärt werden müssen, wären Fragen gestellt worden -

So beim Selbstmord LarkensDer sonst allwissende Erzähler zieht sich hier plötzlich auf die Rolle des Berichterstatters zurück, der alles nur vom Hörensagen weiß. Ein erzähltechnischer Bruch, der es ihm ermöglicht, sich (bequem und billig) aus der Affaire zu ziehen. Für den Leser allerdings bleibt alles unklar.

Das zufällige Wiedersehen Larkens und Noltens ist willkürlich, seinen Selbstmord in dieser Nacht finde ich folgerichtig. Larkens ist für mich der psychologisch stimmigste, am wenigsten rätselhafte Charakter des Romans. Ein depressiver, unruhiger, gehetzter Mensch, der weder künstlerisch noch gesellschaftlich oder privat seinen Platz findet. Der Verlust der Stellvertreterrolle, die ihm für einige Monate eine Art Identität geliehen hat, gibt ihm den Rest (darum geht es sicher in dem Abschiedsbrief an Nolten). Mit Selbstmordplänen trägt er sich schon länger, beim Wiedersehen mit Nolten wird ihm sein Scheitern vollends klar, einem Gespräch entzieht er sich. Ein zum Suizid entschlossener, depressiver Mensch will nicht mehr reden. Ich weiß nicht, ob Mörike sich hier aus der Affäre ziehen will oder ob es gar nicht seine Absicht ist, die psychologischen Motive und seelischen Abgründe Larkens noch näher zu erklären. Schließlich wird das Innenleben aller Figuren doch als rätselhaft und nicht recht fassbar beschrieben.

Der Roman hat für mich etwas zutiefst Resignatives, Zaghaftes.
Immer einen Schritt vor und zwei zurück. Ähnlich resignativ und zaghaft wie Mörikes Leben …

Mörikes Leben scheint in der Tat nicht allzu glücklich gewesen zu sein. Seine beunruhigende Liebe zu der Landstreicherin Maria Meyers, seine geplatzte Verlobung mit Luise Rau, der ungeliebte Beruf des Pfarrers, vor allem das verhasste Predigenmüssen, das Scheitern der Ehe nach fünfundzwanzig Jahren, die Ängstlichkeit und Gehemmtheit im Umgang mit fremden Menschen, nach Biedermeieridylle sieht das nicht aus. Aber zumindest schien die Kunst ihm Halt und Inhalt zu geben. Bei Nolten scheitert auch diese Möglichkeit, obwohl sie an einer Stelle kurz aufblitzt. Als er aus der Haft entlassen wird und für einige Tage jeglichem Einfluss entzogen und ganz auf sich gestellt wieder zu malen anfängt, scheint für einen Moment die Aussicht zu bestehen, dass er die Vergangenheit überwinden und ein neues Leben ohne Agnes, Constanze und Larkens beginnen könnte, bis er den Brief Larkens liest, der ihn praktisch zwingt, wieder zu Agnes und zu seinem alten Leben zurückzukehren.

Das Wiederlesen von „Maler Nolten“ bringt mich sicher nicht dazu, ein Gedicht darüber zu schreiben. Ich kann die Kritikpunkte Gontscharows durchaus nachvollziehen, auch wenn ich das Salbungsvolle und Triviale nicht so stark empfinde. Die Sprache Mörikes hat mir im Großen und Ganzen wieder gefallen. Inhaltlich ist der Roman vor allem literaturgeschichtlich interessant, gerade im Hinblick auf die Versuche der Psychologisierung seiner Figuren. Aber jetzt bin ich froh, wieder in die Welt der Guermantes und zur spitzzüngigen, sich für geistreich haltenden Herzogin Oriane zurückkehren zu können.


Gruß
Anna













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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #41 on: 24. Mai 2011, 13.19 Uhr »
Großes Lob für die Anna-lyse (außer dort, wo sie mir widerspricht, etwa beim Selbstmord Larkens ;)). Mörike war im übrigen selbst auch der Meinung, dass vor allem der erste Teil einer Überarbeitung bedurfte hätte, den zweiten wollte er weitgehend unverändert lassen (ob mit oder ohne Saum am Kleide der Gottheit weiß ich nicht). Ich werde vielleicht noch in den Roman hineinlesen, allerdings scheint der von einem Herausgeber bearbeitet (was ich nicht sehr schätze).

lg

orzifar
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Offline Anna

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #42 on: 24. Mai 2011, 15.28 Uhr »
Wenn man mich hier schon Anneliese zu nennen beginnt, muss ich aufpassen. :cherie: Dabei wäre noch so manches zu analysieren. In meinem Mörike-Band, den ich wohl in einem Seminar benutzt haben muss, sind etliche Stellen angestrichen, von denen ich bei vielen nicht weiß, warum eigentlich. Aber es finden sich auch exakt drei Bleistiftnotizen am Rande und die sind bestimmt nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammen sicherlich vom Seminarleiter. Neben dem „Lied vom Feuerreiter“ steht politische Anspielung, neben "Orplid" Goldenes Zeitalter /Idealismusdebatte und zum blinden Gärtnersjungen heißt es Henni/Rosenkreuzer. Aber dazu weiß uns bestimmt sandhofer noch etwas zu sagen. ;)

@ orzifar, wenn Du die Möglichkeit hast, in die zweite Fassung reinzuschauen, tu das doch bitte gelegentlich. Es würde mich wirklich interessieren, ob es Mörike in seiner Überarbeitung tatsächlich gelungen ist, das Verhalten seiner Figuren etwas realistischer und psychologisch nachvollziehbarer darzustellen als in der ersten Fassung.

Gruß
Anna
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Offline Gontscharow

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #43 on: 24. Mai 2011, 16.43 Uhr »
Quote from:  Anna
Aber jetzt bin ich froh, wieder in die Welt der Guermantes und zur spitzzüngigen, sich für geistreich haltenden Herzogin Oriane zurückkehren zu können

Auch ich wollte mich nun eigentlich anderem (die Gefährlichen Liebschaften müssten jetzt ganz erfrischend sein) zuwenden. Aber ich muss wohl nochmal.

Quote from:  Anna
dass die Darstellung von Adel, Bürgertum, Künstlertum und Handwerkerschicht schon für 1832 antiquiert wirkt und klischee- bzw. gönnerhaft erscheint, finde ich nicht.

Was sagst dazu:

Quote from:  Mörike
Unsere Gesellschaft (Nolten Agnes, Nannette) war in dem besten Gasthofe untergebracht, und während diese sich auf ihre Weise gütlich tut, möge der Leser es nicht verschmähen, auf kurze Zeit an einer entfernten Trinkgesellschaft aus der niedern Volksklasse teilzunehmen.

Dann werden wir (eigentlich auch nur aus Gründen der Erzähltechnik) Zeugen volkstümlichen Treibens im Bierkeller. Tümelnd auch der im Grunde seines Herzens treuherzige Randalierer Büchsenmacher, der den Leser durch seine ungeschlachte Trauer um Larkens rühren soll.

Quote from:  Mörike
Hieß er mich nicht immerdar sein liebes Vieh?

Na toll.
Im ersten Teil nervt der kunstsinnige hofnahe Adel mit seinen Grotten und Bosquetten, in denen der bürgerliche Nolten eigentlich nichts verloren hat und auf dem Lande der gütige weise Baron …, durch dessen Tod Nolten „einen anderen Vater“, der bodenständige, äh normale Förster den „würdigsten Freund“ verliert.
Nicht klischeehaft und antiquiert? Woyzeck z. B., ist etwa zur selben Zeit entstanden. Werther mit seiner Adelskritik noch früher…

 
Quote from:  Anna
Na ja, ein Förster macht noch keinen Heimatfilm.
;D

Nein, aber im Verbund  mit dem umtriebigen Pfarrer und dem frischen Naturburschen schon. Mit den Epitheta hast du mir natürlich Steilvorlagen geliefert. Fehlt nur noch der "treuherzige Kutscher" (Konrad) …

Quote from: Anna
Ich weiß nicht, ob Mörike sich hier aus der Affäre ziehen will oder ob es gar nicht seine Absicht ist, die psychologischen Motive und seelischen Abgründe Larkens noch näher zu erklären. Schließlich wird das Innenleben aller Figuren doch als rätselhaft und nicht recht fassbar beschrieben.

Das meinte ich auch nicht. Die Figuren mögen rätselhaft angelegt sein und bleiben. Was einen hier als Leser verärgert, sind die  Ungereimtheiten der Handlung und dass ein zentraler, zugegeben heikler und problematischer Teil der Handlung ausgespart und vernebelt wird, indem man dem Leser u. a. den Inhalt des klärenden oder zumindest interessanten Briefes mit unlogischer fadenscheiniger Begründung vorenthält. Es kommt mir so vor, als wenn  M. vor der eigenen Thematik den Schwanz einzieht. Und es ist übrigens Larkens Selbstmord (und nicht Agnesens), der den Domino-Effekt auslöst.

Quote from:   Anna
Mörikes Leben scheint in der Tat nicht allzu glücklich gewesen zu sein.

Nicht nur nicht glücklich: Er bringt nicht den Mut auf, sich mit seiner Liebe (Maria/Peregrina) zusammenzutun, trauert ihr aber (zeitlebens) nach. Er lässt sich zum Theologen ausbilden, hasst aber das Predigen (und die sonstigen Anforderungen seines Amtes) und lässt sich im Alter von Ende 30 frühestpensionieren, er heiratet spät, kehrt dann aber noch zur Mutter und Schwester zurück. Ein ständiges Vor- und Zurück, Halbheiten, Rückzug, Duckmäusertum. Das sehe ich eben auch im Roman! Wie vergleichsweise "welthaltig" fängt das Ganze an und wie verengt es sich immer mehr zum Liebes–Melodram. Der Roman handelt nicht nur von Depressiven er ist auch spürbar von einem Depressiven geschrieben.

Quote from: Anna
Das Dilemma des Romans ist, dass Mörike den Begriff des Schicksalhaften mit dem Psychologischen verbindet. Dadurch ist der Roman nichts Halbes und nichts Ganzes.

Ja, und ich finde dass noch eine Reihe weiterer Themen und Motive angelegt sind, die dann irgendwie versanden oder im Raum stehen bleiben - weil der Autor überfordert ist, weil er die Handlungsfäden nicht sinnvoll zusammenkriegt und/oder aus Angst vor der eigenen Courage! Schade!

Er hat so etwas Ambitioniertes nie wieder versucht, hat sich fürderhin beschränkt auf kleine Formen, gerne  auch Gelegenheitsgedichte. Ein gereimtes "Gurkenrezept", "An eine Lampe" etc. Mozart auf der Reise …, ein feines duftiges Prosastück, sollte auf  Wunsch des Autors  zusammen mit anderen Stücken " Kleine Gemälde von Eduard Mörike" heißen. Ja, das  passt. Das kann er, schon in seinem Roman. Die demütige Formel „Euer Hochwohlgeboren untertäniger Dr. Eduard Mörike“ (Ja, ich weiß, das war ganz normal zu der Zeit) in den an (Freiherrn von) Cotta gerichteten Briefen, die im Anhang aufgeführt werden, versetzte mir in diesem Zusammenhang  einen Stich.

Quote from: Anna
Inhaltlich ist der Roman vor allem literaturgeschichtlich interessant, gerade im Hinblick auf die Versuche der Psychologisierung seiner Figuren

Ja, auf jeden Fall, das finde ich auch ! Über den Umgang mit ihrer(Geistes-) Krankheit sagt Elisabeth z. B. einmal:

Quote from: Mörike
… Seid nur nicht bang… wenn mein Leid mich übernimmt…Ich gehe dann immer allein beiseite

und von Nolten heißt es, dass  …
  
Quote from: Mörike
...er die ganze Zeit von sich selbst wie abgeschnitten war

Erstaunlich einfach, sprachlich treffsicher und modern …

Quote from:  Anna
@ orzifar, wenn Du die Möglichkeit hast, in die zweite Fassung reinzuschauen, tu das doch bitte gelegentlich...

Ja bitte, und setze uns in Kenntnis. :ciao: Es winkt die Kunst...
« Last Edit: 24. Mai 2011, 16.53 Uhr by Gontscharow »

Offline orzifar

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Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
« Reply #44 on: 25. Mai 2011, 14.47 Uhr »
Hallo!

@gontscharow et alii: Auch im Werther ließen sich genügend inbrünstige und wollüstige Stellen finden. Wenn man derlei ausfindig machen will, wird man auch fündig, von Goethe über Mörike, Hölderlin, Rilke wieder zurück zu Ovid. Ich sehe mich in der seltsamen Situation einen Roman zu verteidigen, der mir ein nur bescheidenes Lesevergnügen bereitet hat. Ihn aber mit den Augen des 21. Jahrhunderts zu beurteilen ist mehr als zweifelhaft, stilistische Mittel zu beanstanden (weil sie in unseren Augen antiquiert wirken), ist nur unter Berücksichtigung der historischen Umstände möglich.

Wenn die Repräsentanten einer bestimmten Schicht exemplarisch dargestellt werden (und in einer Form, die der Postromantik entspricht), so besteht die Gefahr des Klischeehaften natürlich (die besteht auch in der griechischen Tragödie, wenn die Personifizierungen von Eigenschaften auftreten). Und man kann natürlich immer jene Züge betonen, die dann ein simplifizierendes Bild ergeben. Aber Raymund ist nicht nur Naturbursche, er hat - auch - anarchische Züge, wenn er etwa eine offizielle Heirat weit von sich weist und lächerlich macht. In all den Figuren findet man (je nachdem, was man zu demonstrieren sich anheischig macht) Modernes und Reaktionäres, Kitschiges, so ließe sich die nuturwissenschaftlich gebildete Tochter als eine Vorkämpferin des Feminismus interpretieren.

Du erwähnst als Gegenbeispiel den Werther: Dort eben diesen Kitsch auszumachen ist ein Leichtes (wenn etwa die biedere Lotte mit der Schar ihrer Geschwister vor dem entzückten Auge Werthers auftaucht) - genauso wie in den Wahlverwandtschaften oder dem Wilhelm Meister. Schillers Frauengestalten sind (mir) ein einziger Horror, die ganze Romantik ist bevölkert von den Vorgängerinnen Agnesens (diese Agnes aber ist, im Gegensatz zu den anderen Frauengestalten, sehr differenziert beschrieben). Dazu kommt, dass wir uns über Wörter wie Inbrunst oder Wollust echauffieren, Wörter, die man heute ohne ironischen Unterton kaum noch gebrauchen kann, die aber in der damaligen Zeit in sehr viel geringerem Maße als gefühlsduselig angesehen wurden. Böhme in seiner Sokrates-Typologie weist auf ein ähnlich gelagertes Problem hin, nämlich die Schwierigkeit, arete, kalokagathie und ähnlich Begriffe angemessen zu übersetzen. Da sich die meisten platonischen Übertragungen auf die Schleiermachersche Arbeit beziehen, ist das Problem ein doppeltes: Die so oft strapazierte "Tugend" hat sowohl im 18. und 19. Jahrhundert etwas anderes bezeichnet als etwa in heutiger Zeit (von Tugend spricht man nur noch in Zusammenhang mit moralinsauren, älteren Jungfern oder spröden höheren Töchtern aus katholischen Internaten), während dieser Begriff im platonisch-sokratischen Zusammenhang eigentlich ein spezifisch männlicher war (Mann und Tugend geht heute nicht mehr zusammen ;)).

Ich werde sicher noch in die Romanversion hineinlesen (wie gesagt: Verändert wurde hauptsächlich der erste Teil) und dann berichten. Zumindest scheint Mörike sich des auch hier kritisierten, etwas mühselig gesponnenen Handlungsablaufes bewusst gewesen zu sein. Diese Version ist in meiner Ausgabe allerding von einem Herrn Julius Klaiber bearbeitet und geschönt worden, was in eine allfällige Beurteilung miteinfließen muss.

lg

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