Hallo!
Ich weiss nicht, wieweit wir Mörike Unrecht tun und er einfach mehr im Stil der Zeit schrieb als wir im 21. Jahrhundert goutieren können und wieweit er absichtlich "Metaphorik für Dummies" verfasste, d.h., in vollem Bewusstsein diese hanebüchenen Vergleiche zwischen den durch Nachtfrost bedrohten Gewächshauspflanzen und dem "herrlichen Weib" herstellt.
Das mit der „Metaphorik für Dummies“ habe ich doch nicht ernst gemeint. Natürlich hat er sie nicht absichtlich verfasst, und ich denke auch, dass man das, was wir heute in dem Roman als Gefühlsduselei, Schicksalsschwüle und Schwulst ansehen, damals nicht so empfunden hat.
Allen, die sich den Maler Nolten zum zweiten Mal antun oder angetan haben, zolle ich Respekt! Auch für H.Hesse gab es ein Re-read:
Also, sandhofer und mich als Re-reader mit Hesse und seinem schwülstigen Gedicht in Verbindung zu bringen, ist wirklich fies, Gontscharow.

Gerade die Darstellung der Gesellschaftschichten finde ich klischeehaft, bestenfalls genrebildartig, die unteren Schichten werden gönnerhaft dargestellt, das alles wirkt auch für 1832 antiquiert bzw. pseudozeitlos, von geringem Realitätsgehalt und bewegt sich manchmal auf Komödiantenstadl-Niveau.
Mörikes Jugendroman ist sicherlich kein Meisterwerk und es lässt sich einiges daran bemängeln. Man kann ihn sogar als gescheitert bezeichnen in seinem Versuch, magische Schicksalsverfallenheit und psychologische Motivation miteinander zu verbinden. Aber dass die Darstellung von Adel, Bürgertum, Künstlertum und Handwerkerschicht schon für 1832 antiquiert wirkt und klischee- bzw. gönnerhaft erscheint, finde ich nicht. Ich glaube schon, dass Mörike hier die gesellschaftlichen Konstellationen, auch politische Strömungen seiner Zeit, so wie er sie sah, wiedergegeben hat, natürlich typenhaft verkürzt, die sozialen Schichten werden ja nicht dezidiert beschrieben, sondern nur über ihre jeweiligen Vertreter sichtbar gemacht. Mörike deutet oft nur an, lässt vieles im Ungewissen, im Grunde ist die Lyrik sein Metier. Mir kommt „Maler Nolten“ wie eine Art Anti-Entwicklungsroman vor. Der Held bricht aus seinem engen, bürgerlich-protestantischen Milieu in die Welt auf, macht dort seine Erfahrungen und kehrt dann zurück in seine altes, beschränktes Leben, aber nicht innerlich gewachsen und gereift, sondern desillusioniert und orientierungslos. Orientierungslos wie die anderen vier Todeskandidaten auch.
Bodenständige Förster, betriebsame Pfarrer und sich um gesellschaftliche Konventionen nicht kümmernde Naturmenschen sind, scusa, Personnagen des Heimatfilms, Gefühlsduselei par excellence.
Na ja, ein Förster macht noch keinen Heimatfilm.

Statt bodenständig könnte man auch normal, alltäglich sagen. Diese Stelle finde ich nun gerade gut gemacht. Denn zum einen holt Mörike die Geschichte aus den seligen Gefilden, in denen das wiedervereinte Paar wandelt, auf den Boden zurück, zum anderen ist sie ein retardierendes Moment in der Abwärtsbewegung. Noch einmal wird Agnes Welt gezeigt, die nicht von Gefühlsduselei bestimmt ist, sondern von Freundschaft, Vertrautheit, Geborgenheit, ein privater Rückzugsort, wo in eng begrenzten Maße eine gewisse Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit gegeben ist, ohne dass man wegen eines blöden Schattenspiels gleich in den Bau kommt. Dass auch dieses kleine Idyll brüchig ist, sehen wir dann. Raymund ist ein Naturmensch im Sinne des individualistischen, kraftvollen, ganz aus sich selbst schöpfenden Originalgenies. Ein Typus, der in der Literatur der Romantik ja öfter vorkommt.
Die bedrohlichen Untertöne scheinen zunächst Nachwirkungen der überstandenen Krise zu sein … aber das Wort „Todeswollust“ macht alles klar.
Was macht das ominöse Wort "Todeswollust" denn klar? Unter anderem um das zu erfahren habe ich die Textstelle in den Raum gestellt.
Damit meinte ich nur, dass dieses Wort nicht gerade ein Happy End erwarten lässt. Hier handelt es sich tatsächlich um eine Art Schlüsselstelle, weil nun die Unausweichlichkeit des Geschicks, das Fatum, das über alle Figuren verhängt und Grund für die grassierende Todessehnsucht ist, ins Spiel kommt. Auf das Unbewusste, die psychologischen Vorgänge wiederum deuten die Worte Noltens beim Anblick der toten Agnes hin:
"O Leben! o Tod! Rätsel aus Rätseln! Wo wir den Sinn am sichersten zu treffen meinten, da liegt er so selten, und wo man ihn nicht suchte, da gibt er sich auf einmal halb und von ferne zu erkennen, und verschwindet, eh man ihn festhalten kann!"
Alle Romanfiguren befinden sich in einer Sinn- und Identitätskrise, sind von unbewussten Wünschen, Ängsten und inneren Widersprüchen erfüllt. Das Dilemma des Romans ist, dass Mörike den Begriff des Schicksalhaften mit dem Psychologischen verbindet. Dadurch ist der Roman nichts Halbes und nichts Ganzes.
Agnes erscheint im Roman als Idealgestalt für alle. Nicht nur für Nolten und Larkens …. Gerade in ihrer Beschränktheit und Schlichtheit verkörpert sie die Hoffnung auf Harmonie und Beständigkeit in einer Welt wirrer Gefühle und innerer Abgründe.
Sie ist nicht nur das simple und geradlinige Wesen, sondern von Anfang an auch gefährdet und todessehnsüchtelnd und spätestens seit der ersten Begegnung mit der Zigeunerin „gebrochen“. Sie ist nicht ideales Gegen- sondern Spiegelbild Noltens: Lange vor dem Geständnis, das sie vollends verrückt machen wird, sinniert N. darüber,
Sie ist eine Frau ohne Falsch, um mal den schönen Ausdruck zu benutzen. Verstellung, Lüge Hinterlist sind ihr fremd. Genau das macht sie für die anderen Romanfiguren zur Idealgestalt. Denn alle sind ja in ein Geschehen um Wirklichkeit und Schein, Wahrheit und Täuschung verwickelt. Aber auch sie hat kein stabiles Innenleben. Als sie fällt, fallen alle. Nolten glaubt an eine magische Schicksalsverstrickung zwischen ihnen. Spiegelbild? Ja, vielleicht. Sie sind sich ähnlich, beide empfindsame, sehr beindruck- und beeinflussbare, eher passiv-träumerische Menschen.
Zum Noltenschen Suizid: Mir hat die ganze Konstruktion sauer aufgestoßen, diese Dickenschen Zufälle, das Sich-Wieder-Treffen, Mithören von Gesprächen etc. Und es liegt wohl auch daran, dass ich Selbstmorde für häufig recht billige Lösungen in der Literatur halte. Wer die Verzweiflung nicht beschreiben will (oder kann), meuchelt einen seiner Protagonisten, womit die Verzweiflung post festum denn doch wieder bewiesen ist. Dazu der sinnige Auftritt, man sieht einander wieder, flieht - und stirbt flugs in der nächsten Nacht. Ein Wiedersehen, Wiedersprechen - das wäre natürlich schwieriger gewesen, da hätte begründet und erklärt werden müssen, wären Fragen gestellt worden -
So beim Selbstmord LarkensDer sonst allwissende Erzähler zieht sich hier plötzlich auf die Rolle des Berichterstatters zurück, der alles nur vom Hörensagen weiß. Ein erzähltechnischer Bruch, der es ihm ermöglicht, sich (bequem und billig) aus der Affaire zu ziehen. Für den Leser allerdings bleibt alles unklar.
Das zufällige Wiedersehen Larkens und Noltens ist willkürlich, seinen Selbstmord in dieser Nacht finde ich folgerichtig. Larkens ist für mich der psychologisch stimmigste, am wenigsten rätselhafte Charakter des Romans. Ein depressiver, unruhiger, gehetzter Mensch, der weder künstlerisch noch gesellschaftlich oder privat seinen Platz findet. Der Verlust der Stellvertreterrolle, die ihm für einige Monate eine Art Identität geliehen hat, gibt ihm den Rest (darum geht es sicher in dem Abschiedsbrief an Nolten). Mit Selbstmordplänen trägt er sich schon länger, beim Wiedersehen mit Nolten wird ihm sein Scheitern vollends klar, einem Gespräch entzieht er sich. Ein zum Suizid entschlossener, depressiver Mensch will nicht mehr reden. Ich weiß nicht, ob Mörike sich hier aus der Affäre ziehen will oder ob es gar nicht seine Absicht ist, die psychologischen Motive und seelischen Abgründe Larkens noch näher zu erklären. Schließlich wird das Innenleben aller Figuren doch als rätselhaft und nicht recht fassbar beschrieben.
Der Roman hat für mich etwas zutiefst Resignatives, Zaghaftes.
Immer einen Schritt vor und zwei zurück. Ähnlich resignativ und zaghaft wie Mörikes Leben …
Mörikes Leben scheint in der Tat nicht allzu glücklich gewesen zu sein. Seine beunruhigende Liebe zu der Landstreicherin Maria Meyers, seine geplatzte Verlobung mit Luise Rau, der ungeliebte Beruf des Pfarrers, vor allem das verhasste Predigenmüssen, das Scheitern der Ehe nach fünfundzwanzig Jahren, die Ängstlichkeit und Gehemmtheit im Umgang mit fremden Menschen, nach Biedermeieridylle sieht das nicht aus. Aber zumindest schien die Kunst ihm Halt und Inhalt zu geben. Bei Nolten scheitert auch diese Möglichkeit, obwohl sie an einer Stelle kurz aufblitzt. Als er aus der Haft entlassen wird und für einige Tage jeglichem Einfluss entzogen und ganz auf sich gestellt wieder zu malen anfängt, scheint für einen Moment die Aussicht zu bestehen, dass er die Vergangenheit überwinden und ein neues Leben ohne Agnes, Constanze und Larkens beginnen könnte, bis er den Brief Larkens liest, der ihn praktisch zwingt, wieder zu Agnes und zu seinem alten Leben zurückzukehren.
Das Wiederlesen von „Maler Nolten“ bringt mich sicher nicht dazu, ein Gedicht darüber zu schreiben. Ich kann die Kritikpunkte Gontscharows durchaus nachvollziehen, auch wenn ich das Salbungsvolle und Triviale nicht so stark empfinde. Die Sprache Mörikes hat mir im Großen und Ganzen wieder gefallen. Inhaltlich ist der Roman vor allem literaturgeschichtlich interessant, gerade im Hinblick auf die Versuche der Psychologisierung seiner Figuren. Aber jetzt bin ich froh, wieder in die Welt der Guermantes und zur spitzzüngigen, sich für geistreich haltenden Herzogin Oriane zurückkehren zu können.
Gruß
Anna