Author Topic: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes  (Read 101510 times)

Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #195 on: 16. Oktober 2012, 00.52 Uhr »
Hallo!

Hm, was das Berkeley-Kapitel anlangt, werden wir wohl verschiedener Meinung bleiben. Nachdem ich nochmal darin gelesen habe, würde ich für mich sagen, dass es eines der besten des Buches ist. Der Grund liegt wohl einfach darin, dass Russel nun zu Philosophen kommt, die er nicht bloß aus historischer Perpespektive betrachtet, sondern mit denen er sich konkret auseinandersetzt (bzw. auseinandergesetzt hat). Das ist sowohl bei Berkeley als auch bei Hume spürbar, ebenfalls bei Locke, obschon ich dort den Eindruck hatte, dass es mit der Systematisierung nicht ganz klappen wollte (was auch an Locke liegen könnte). Dass Hume einen enormen Einfluss auf das Denken Russels hatte, ist unübersehbar; tatsächlich hat der Induktionsproblem Generationen von Philosophen beschäftigt (und insbesondere Russel klang ob der Unlösbarkeit (trotz Atomsätzen) oft verzweifelt (in dieser Hinsicht auch das Beispiel des Verrückten, der sich für ein Rührei hält)).

Was er hingegen gar nicht mehr einlösen kann, ist sein Versprechen, die Philosophen in ihrem sozialen und politischen Kontext zu erfassen. (Das macht mir nicht unbedingt etwas aus, vielleicht war es auch für Russel selbst bloß eine anfangs ihn inspirierende Idee, die aber eben bloß Idee blieb und zu ihrer Ausarbeitung so viel mehr Arbeit erfordert hätte, dass er dieses Vorhaben unmöglich realisierren konnte.)

Das Übergangskapitel sehe ich wie du: Das beginnt recht nett, verliert sich dann aber in Seltsamkeiten, die weniger mit Philosophiegeschichte denn mit persönlichen Literaturvorlieben zu tun haben. Nun komme ich auch zu Rousseau: Und Russel scheint (deinen Ausführungen nach zu schließen) meine eigene Meinung über diesen Philosophen zu bestätigen. Rousseau ist für mich eine der ungustiösesten Figuren der Philosophiegeschichte, ich habe selten etwas so peinlich Abstoßendes gelesen wie seine Autobiographie (wenn ich mir vorstelle, dass er sich da auch noch geschönt darstellte, wird mir beim Gedanken an die Person Rousseau fast übel).

lg

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Offline sandhofer

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #196 on: 16. Oktober 2012, 07.41 Uhr »
Hallo!

Hm, was das Berkeley-Kapitel anlangt, werden wir wohl verschiedener Meinung bleiben.

Ich denke schon, ja. Ich muss allerdings gestehen, dass ich Berkeley bisher nur in Ausschnitten rezipiert habe.

Nachdem ich nochmal darin gelesen habe, würde ich für mich sagen, dass es eines der besten des Buches ist.

Das heisst noch nicht viel. Es stimmt schon, dass der letzte Teil wohl der beste ist. Jedenfalls dort, wo Russell nun seine unmittelbaren Wurzeln aufspürt und beschreibt: Locke, Hume ...

Rousseaus Darstellung ist schon fast ätzende Satire. Aber da sympathisiere ich mit Russell genau so wie Du ...

Was er hingegen gar nicht mehr einlösen kann, ist sein Versprechen, die Philosophen in ihrem sozialen und politischen Kontext zu erfassen. (Das macht mir nicht unbedingt etwas aus, vielleicht war es auch für Russel selbst bloß eine anfangs ihn inspirierende Idee, die aber eben bloß Idee blieb und zu ihrer Ausarbeitung so viel mehr Arbeit erfordert hätte, dass er dieses Vorhaben unmöglich realisierren konnte.)

Es hätte seine Philosophiegeschichte aber aus der Masse der bereits existierenden herausheben können. So bleibt sie eine von vielen, nicht einmal eine der besseren: Wenn nicht Russells Name drauf stehen würde, käme wohl kein Verlag mehr auf die Idee, das Buch zu publizieren.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #197 on: 18. Oktober 2012, 00.22 Uhr »
Hallo!

Rousseaus Darstellung ist schon fast ätzende Satire. Aber da sympathisiere ich mit Russell genau so wie Du ...

Nunja - ich glaube, dass Rousseau in mancher Hinsicht durchaus eine Live-Satire war. Ich kenne nicht den ganzen Verlauf seiner Auseinandersetzung mit Hume (da wurde doch sogar ein Buch drüber geschrieben), aber der gute Jean-Jacques hatte schon einen ziemlichen Knall. Und charakterlich auf einer Skala von 0 - 10 irgendwo im Minusbereich ...

Rousseaus Staatslehre ist, und darauf weist Russel zurecht hin, eine für Kleinststaaten. Seine Vorstellung von der Partizipation sämtlicher Bürger ist nur durchführbar, wo jeder jeden kennt. Trotzdem wird mir bei Rousseau nie ganz klar, worauf er wirklich hinaus will: Denn er weiß ja sehr wohl (und spricht das auch aus), dass es kein zurück in die Antike bzw. zum edlen Menschen des vorgesellschaftlichen Status gibt. So ist das eine seltsame Mischung aus Sparta und direkter Demokratie (ich persönlich halte sehr viel von indirekter Demokratie, wenngleich dieselbe natürlich stark von den Gewählten abhängt), er wünscht einerseits keinerlei Diskussionen über staatliche (bzw. philosophische) Prinzipien (daher auch seine Ablehnung Sokrates'), will aber trotzdem alle Bürger in irgendwie idealer Weise einbinden, so, dass ganz automatisch als Resultierende das größtmögliche Glück der Gesellschaft daraus folgt. Jeder redet mit, es gibt keine Nischen für's Private - und dadurch, dass jeder mitbestimmt, ist auch jeder froh, dass er die Gesetze befolgen darf. Denn er befolgt damit seinen eigenen Willen (da hatte Kant seine Freude dran).

Es hätte seine Philosophiegeschichte aber aus der Masse der bereits existierenden herausheben können. So bleibt sie eine von vielen, nicht einmal eine der besseren: Wenn nicht Russells Name drauf stehen würde, käme wohl kein Verlag mehr auf die Idee, das Buch zu publizieren.

So schlecht, wie du sie machst, ist sie nicht (nicht dass ich sie mit Zähnen und Klauen verteidigen würde). Wobei: Welche Philosophiegeschichte erscheint dir gelungener (vielleicht auch nur in Teilen)? Nachdem sich dieses Projekt seinem Ende nähert, könnten wir doch durchaus etwas Ähnliches uns vornehmen. Die meines Erachtens beste Philosophiegeschichte ist (wenn sie auch nur ausgewählte Philosophen behandelt) jene von Wolfgang Stegmüller, der diesbezüglich wirklich Großartiges geleistet hat.

lg

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Offline sandhofer

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #198 on: 18. Oktober 2012, 11.09 Uhr »
Hallo!

Nunja - ich glaube, dass Rousseau in mancher Hinsicht durchaus eine Live-Satire war.

Ich vermute allerdings, dass die, die ihn wirklich live erlebten, diese Satire nicht wirklich goutieren konnten.

Rousseaus Staatslehre ist, und darauf weist Russel zurecht hin, eine für Kleinststaaten.

Ein Schicksal, das er mit anderen aus Stadtstaaten stammenden Staatstheoretikern teilt: Platon oder Macchiavelli.

Trotzdem wird mir bei Rousseau nie ganz klar, worauf er wirklich hinaus will:

War das Jean-Jacques denn selber klar? Ich habe ihn noch nie als systematischen Denker empfunden.

So schlecht, wie du sie machst, ist sie nicht (nicht dass ich sie mit Zähnen und Klauen verteidigen würde).

Ich mag es halt nicht, wenn vollmundige Ankündigungen - so, wie hier im Untertitel - nicht einmal ansatzweise eingehalten werden, nicht einmal der Versuch gemacht wird dazu. Und ich mag es nicht, wenn eine Philosophiegeschichte immer schon Kritik von einem bestimmten Standpunkt aus übt. Ich will im Grunde genommen eine möglichst neutrale Darstellung der wichtigen Punkte und Gedanken eines Philosophen. Wenn dann noch Kritik folgt - à la rigeur. Bei Russell aber kommt immer gleich die Kritik, bevor er mit der Darstellung des Systems zu einem Ende gekommen ist.

Wobei: Welche Philosophiegeschichte erscheint dir gelungener (vielleicht auch nur in Teilen)? Nachdem sich dieses Projekt seinem Ende nähert, könnten wir doch durchaus etwas Ähnliches uns vornehmen. Die meines Erachtens beste Philosophiegeschichte ist (wenn sie auch nur ausgewählte Philosophen behandelt) jene von Wolfgang Stegmüller, der diesbezüglich wirklich Großartiges geleistet hat.

Ich kenne die anderen Bändchen nicht, aber Flaschs Übersicht über die Philosophie des Mittelalters bei Reclam hat mir sehr behagt. (Und ich brauche hier mit Absicht den Goethe'schen Ausdruck  ;)!) Stegmüller müsste ich mir erst besorgen; ich meinte, den gehabt zu haben, finde aber nur den Störig. (Der ist soweit ok, wenn ich mich recht erinnere, aber nur zu einer ersten Orientierung geeignet, nicht zu einer genaueren Analyse.)

Grüsse

sandhofer
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #199 on: 28. Oktober 2012, 17.28 Uhr »
Ich wollte dieses Wochenende weiter lesen; aber ich habe im Moment so gar keine Lust auf Kant, bzw. auf Russell-über-Kant ...
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #200 on: 28. Oktober 2012, 18.35 Uhr »
Ich wollte dieses Wochenende weiter lesen; aber ich habe im Moment so gar keine Lust auf Kant, bzw. auf Russell-über-Kant ...

*lach* - da geht's den Moderatoren aber sehr ähnlich. Gerade weil ich nebenher - meiner brentano-affinen Lektüre wegen - Kant und über Kant lese. Und ich nicht auch noch Russels Einschätzungen in diesem Kantsammelsurium unterbringen will.

.... oder doch? Vielleicht kann ja er mir Klarheit verschaffen mit seiner Kritik von syn a post usf.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #201 on: 29. Oktober 2012, 18.15 Uhr »
*lach* - da geht's den Moderatoren aber sehr ähnlich. Gerade weil ich nebenher - meiner brentano-affinen Lektüre wegen - Kant und über Kant lese. Und ich nicht auch noch Russels Einschätzungen in diesem Kantsammelsurium unterbringen will.

.... oder doch? Vielleicht kann ja er mir Klarheit verschaffen mit seiner Kritik von syn a post usf. 

Bei mir ist es eher, weil ich noch gar nicht bei Kant bin. Geistig. Ich möchte - nach dem Weber - mal meinen Leibniz beenden, ich habe beim Linsen in den nächsten Band gesehen, dass da offenbar Logisches kommt. Dann habe ich noch den Gassendi, der auf Locke eingewirkt hat ...  ::)
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #202 on: 30. Oktober 2012, 16.53 Uhr »
Hallo!

Für mich ist es kein Problem, wenn du noch einige Zeit mit der Prä-Kantlektüre zu verbringen wünscht. Ich habe ohnehin genug mit Brentano und dem Wiener Kreis (nebst Stegmüllers rund 20 Büchern zu den Problemen der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie) zu tun. Angesichts dessen wäre ich auch über Jahre noch beschäftigt.

Sag's einfach kurz, wenn du zu kanteln beginnst.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #203 on: 30. Oktober 2012, 19.00 Uhr »
Hallo!

Sag's einfach kurz, wenn du zu kanteln beginnst.

Mach' ich!  :yodel:

Grüsse

sandhofer
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #204 on: 20. November 2012, 20.05 Uhr »
Ich beabsichtige übrigens, im Dezember den Russell wieder aufzunehmen.  :hi:
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #205 on: 01. Dezember 2012, 15.26 Uhr »
Kapitel 20 - Kant

Kant in seiner Grösse und seiner Widersprüchlichkeit ganz zu erfassen, ist wohl keiner Philosophiegeschichte möglich. Russell hat für mich einen guten Anfang hingelegt in seinem Kapitel 20. Seine Kritik an Kant ist dann teilweise am Fortschritt physikalischen Welterkennens festgemacht. Ich weiss nicht, ob sich Russell dessen bewusst war, dass er so selber einen Relativismus predigte, der letzten Endes dann doch wieder auf Goethes "Die Natur werden wir nie ganz erkennen" hinausläuft, weil vieles von dem, was Russell dem alten Kant entgegenhält (z.B., dass das absulute Bild des Raum aus Kant'scher Zeit nun ein relatives sein müsste), aus dem Wissensstand einer 100 Jahre fortgeschritteneren Physik wohl auch gegen Russells Raum gesagt werden könnte.

Aber der Anfang ist gut...
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #206 on: 09. Dezember 2012, 20.42 Uhr »
Kapitel 21 - Geistige Strömungen im neunzehnten Jahrhundert

Wieder so eines der Füllkapitel. Russells Einteilung der Philosophie in eine romantische und eine rationonalistische Strömung im 19. Jahrhundert - wobei die romantische über Schopenhauer und Nietzsche zu Hitler, die rationalistische aber über Marx zur Sowjetunion geht -, ist (gelinde gesagt) lächerlich. Russell simplifiziert da ja sogar noch mehr als ich! Sein Hinweis darauf, dass im 19. Jahrhundert das mechanische (mechanistische) Weltbild selbst in der Physik durch ein biologisches abgelöst wird, hingegen wertvoll. Auch wenn er dann den philosophischen Gipfel desselben, Bergson, verschweigt.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #207 on: 09. Dezember 2012, 21.08 Uhr »
Hallo!

Nun also das Kantkapitel, das in 3 kleinere Abschnitte gegliedert ist. Und da wird gleich zu Beginn eine äußerst dubiose Zusammenfassung geliefert, indem den englischen Empiristen eine soziale Gesinnung, jedoch ein Hang zum Subjektivismus attestiert wird, um ihn dann bei Augustinus, Descartes und Leibniz ebenfalls zu entdecken. Also im Grunde überall, bei Empiristen, Metaphysikern und Rationalisten, wobei dieses subjektivistische Moment nirgendwo genauer beschrieben wird (fast jede philosophische Einstellung kann in Richtung Solipsismus führen). Solche Belanglosigkeitsfeststellungen mit universaler Gültigkeit nerven - das ist bloßes Zeilen- und Seitenfüllen.

Am Anfang zu Kant macht Russel zu dessen naturwissenschaftlichen Schriften eine wichtige Bemerkung: Dass er zwar mit der Nebularhypothese eine äußerst interessante Theorie zur Entstehung des Sonnensystems entworfen, sie allerdings nicht durch wissenschaftliche Argumente begründet hat. Und entscheidend ist denn doch diese Begründung, weshalb auch manche naturwissenschaftlichen Entwürfe der griechischen Philosophie mit entsprechender Vorsicht zu genießen sind. Dann referiert Russel Kants erkenntnistheoretische Position anhand der Kritik der reinen Vernunft, wobei auch er (wie so manch anderer Kant-Interpret) das eigentliche Anliegen Kants übersieht: Nämlich eine neue, andere Metaphysik zu schaffen, da eine solche "als das schwierigste Geschäft bisher noch nicht geschrieben worden ist". Dies ist der oft vergessene, tatsächliche Hintergrund der Kantschen Bemühungen, er zeigt, dass Metaphysik mit den bisher verwendeten Mitteln der reinen Vernunft nicht möglich ist, sieht dadurch jedoch die praktische Vernunft in die Pflicht genommen und glaubt über diese die Beantwortung der genuin metaphysischen Fragen von Seele, Gott und Willensfreiheit beantworten zu können.

Einiges, was Russel an Kant bemängelt, scheint einer übertriebenen Pedanterie geschuldet, anderes wiederum sieht er recht engstirnig bzw. vergisst, auf den Kontext hinzuweisen: So wenn er das Kantsche Konzept des Menschen als Zweck beanstandet, das aber nur verständlich wird durch die Gegenüberstellung dessen, was der Mensch nach Kant keinesfalls sein darf: Nämlich Mittel. Die Einwände gegen die Konzeption von Raum und Zeit als reine Anschauungen sind teilweise berechtigt, teilweise überzogen. Bei all dem vergisst Russel eben immer, worum es Kant tatsächlich zu tun war (nicht um eine naturwissenschaftlich fundierte Erkenntnistheorie), außerdem sind Hinweise auf später erlangte, naturwissenschaftliche Erkenntnisse (Einstein) immer ein wenig problematisch. Und so hat mich dieses Kapitel nicht wirklich überzeugt, wobei mir auffällt, dass immer dort, wo ich selbst ein klein wenig an Kenntnis zu besitzen glaube, mir Unzulänglichkeiten in der Rezeption des betreffenden Philosophen auffallen.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #208 on: 11. Dezember 2012, 03.08 Uhr »
Hallo!

Ein Füllkapitel soll ersetzen, was die Darstellung der einzelnen Philosophen nicht vermag. Russel versucht zu ordnen (und schießt, wie Sandhofer schon erwähnte, weit über das Ziel hinaus, indem er Hegel zu einem Wegbereiter Stalins macht; allerdings sind das wieder nur einige wenige Zeilen), aber eine differenzierte Darstellung ist auf 12 Seiten auch nicht möglich. Zum anderen muss Russel an seinem Vorsatz gemessen werden, den er aber nicht einzulösen imstande ist.

Zumindest betrachtet er die Napoleonischen Kriege differenzierter als in einem kürzlich von mir gelesenen Artikel gesehen: Wo man von einer Art deutsch-französischen Auseinandersetzung im Sinne eines nationalstaatlichen Krieges schrieb, was denn völlig an der Wirklichkeit vorbei geht. Die Kommentierung von Industrialisierung und Evolutionstheorie nebst Implikationen erinnert ein wenig an einen Schulaufsatz, zudem bleibt mir völlig rätselhaft, warum etwa Auguste Comte (der auch enormen Einfluss hatte) mit keinem Wort erwähnt wird (und dies bleibt im Gegensatz zu dem von Sandhofer monierten Bergson auch bis zum Ende des Buches so). Als Beispiel für die französische Aufklärung dienen Condorcet und Helvetius (warum ausgerechnet die beiden?), Marx beginnt sein Wetterleuchten. Summa summarum: Ein recht unbefriedigender Abschnitt.

lg

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« Last Edit: 11. Dezember 2012, 18.24 Uhr by orzifar »
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #209 on: 11. Dezember 2012, 19.39 Uhr »
Hallo!

Und so hat mich dieses Kapitel nicht wirklich überzeugt, wobei mir auffällt, dass immer dort, wo ich selbst ein klein wenig an Kenntnis zu besitzen glaube, mir Unzulänglichkeiten in der Rezeption des betreffenden Philosophen auffallen.

Ich denke, dass dies das wahre Problem von Russells Philosophiegeschichte ist.

Im übrigen werde ich mir Deine Bemerkungen zu Kant nochmal durch den Kopf gehen lassen, glaube allerdings nicht, dass ich ihnen viel beifügen kann, indem ich da ganz Deiner Meinung bin.

Grüsse

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