Hallo!
Nun also das Kantkapitel, das in 3 kleinere Abschnitte gegliedert ist. Und da wird gleich zu Beginn eine äußerst dubiose Zusammenfassung geliefert, indem den englischen Empiristen eine soziale Gesinnung, jedoch ein Hang zum Subjektivismus attestiert wird, um ihn dann bei Augustinus, Descartes und Leibniz ebenfalls zu entdecken. Also im Grunde überall, bei Empiristen, Metaphysikern und Rationalisten, wobei dieses subjektivistische Moment nirgendwo genauer beschrieben wird (fast jede philosophische Einstellung kann in Richtung Solipsismus führen). Solche Belanglosigkeitsfeststellungen mit universaler Gültigkeit nerven - das ist bloßes Zeilen- und Seitenfüllen.
Am Anfang zu Kant macht Russel zu dessen naturwissenschaftlichen Schriften eine wichtige Bemerkung: Dass er zwar mit der Nebularhypothese eine äußerst interessante Theorie zur Entstehung des Sonnensystems entworfen, sie allerdings nicht durch wissenschaftliche Argumente begründet hat. Und entscheidend ist denn doch diese Begründung, weshalb auch manche naturwissenschaftlichen Entwürfe der griechischen Philosophie mit entsprechender Vorsicht zu genießen sind. Dann referiert Russel Kants erkenntnistheoretische Position anhand der Kritik der reinen Vernunft, wobei auch er (wie so manch anderer Kant-Interpret) das eigentliche Anliegen Kants übersieht: Nämlich eine neue, andere Metaphysik zu schaffen, da eine solche "als das schwierigste Geschäft bisher noch nicht geschrieben worden ist". Dies ist der oft vergessene, tatsächliche Hintergrund der Kantschen Bemühungen, er zeigt, dass Metaphysik mit den bisher verwendeten Mitteln der reinen Vernunft nicht möglich ist, sieht dadurch jedoch die praktische Vernunft in die Pflicht genommen und glaubt über diese die Beantwortung der genuin metaphysischen Fragen von Seele, Gott und Willensfreiheit beantworten zu können.
Einiges, was Russel an Kant bemängelt, scheint einer übertriebenen Pedanterie geschuldet, anderes wiederum sieht er recht engstirnig bzw. vergisst, auf den Kontext hinzuweisen: So wenn er das Kantsche Konzept des Menschen als Zweck beanstandet, das aber nur verständlich wird durch die Gegenüberstellung dessen, was der Mensch nach Kant keinesfalls sein darf: Nämlich Mittel. Die Einwände gegen die Konzeption von Raum und Zeit als reine Anschauungen sind teilweise berechtigt, teilweise überzogen. Bei all dem vergisst Russel eben immer, worum es Kant tatsächlich zu tun war (nicht um eine naturwissenschaftlich fundierte Erkenntnistheorie), außerdem sind Hinweise auf später erlangte, naturwissenschaftliche Erkenntnisse (Einstein) immer ein wenig problematisch. Und so hat mich dieses Kapitel nicht wirklich überzeugt, wobei mir auffällt, dass immer dort, wo ich selbst ein klein wenig an Kenntnis zu besitzen glaube, mir Unzulänglichkeiten in der Rezeption des betreffenden Philosophen auffallen.
lg
orzifar