Hallo!
Der Abschnitt über Marx ist ein wenig seltsam. Ich kann Russel vollauf darin verstehen (und zustimmen), dass Marx als Philosoph (vor allem dort, wo er sich an Hegels Geschichtskonzeption orientiert) ein in keinster Weise wissenschaftliches (vielmehr metaphysisches) Weltbild kreiert. Natürlich spielt dieser teleologische Gedanke eine große Rolle für das Gesamtwerk, aber es gibt Teile, die man von diesen Überlegungen losgekoppelt betrachten kann. Und diese ignoriert Russel vollkommen (etwa die "Mehrwert-Theorie", überhaupt all das, was mit Arbeit, Entfremdung etc. einhergeht). Marx war der erste, der die Bedeutung der Erwerbsarbeit für den einzelnen untersucht hat und damit auch eine philosophische Konzeption des Normalbürgerdaseins. Russel scheint hier nur die sozialen Probleme zu sehen, nicht aber die lebensphilosophischen Auswirkungen auf den Einzelnen.
Bergson: Ein relativ umfangreicher, auch gut geschriebener Abschnitt, der allerdings in keinster Weise auf soziale oder politische Umstände Bezug nimmt - auf das also, was Russel zu Beginn als sein Ziel bezeichnet hat. - Bergson hat für mich als Philosoph nur über Proust eine bestimmte Bedeutung erlangt, die Zeitkonzeptionen der beiden weisen Parallelen auf.
Ansonsten gehe ich auch hier völlig mit Russel konform: Es liegt nicht der geringste Grund dafür vor, diese Philosophie für richtig zu halten. Sie ist vielleicht der Inbegriff eines künstlichen Systems, das ausgehend von einigen (seltsamen) Axiomen immer weiter entwickelt wurde und pittoreske Wucherungen erzeugte. Bergson macht den Eindruck des verhinderten Schriftstellers, er schreibt - wie Russel betont - auf blumige, metaphorische Art und Weise und versucht durch Metaphern und Allegorien logische Konsistenz zu ersetzen. Eine solche Sprache mag für die schöne Literatur angebracht sein, nicht aber in einem Entwurf, der auch nur im entferntesten darauf Anspruch erhebt, wissenschaftlich zu sein.
Bergson erinnert mit seinen naturwissenschaftlichen Bezügen stark an jene Art des Philosophierens, die Sokal, Bricmont später beschrieben haben: Halb verstandene Theorien werden entstellt und missinterpretiert in das eigene Weltbild eingefügt, sollen damit dem Ganzen einen naturwissenschaftlichen Anstrich verleihen, zeigen aber im Grunde nichts anderes als die Tatsache, dass der Schreiber eine höchst rudimentäre Kenntnis dieser Naturwissenschaft besitzt. Bergson ist einer, der fast beliebig interpretiert werden kann, seine Sätze bedeuten alles und nichts (mit Betonung auf letzteres): "Das Leben erscheint in seiner Gesamtheit wie eine ungeheure Woge, die, von einem Mittelpunkt ausgehend, sich nach außen verbreitet, aber, fast in ihrem ganzen Umfang gehemmt, in Schwingung verwandelt wird: an einer einzigen Stelle ist das Hindernis bezwungen, hat der Antrieb frei hindurchgehen können." Solche Sätze gibt es en masse, sie evozieren ein verschwommenes Bild, ein bestenfalls ungefähre Vorstellung dessen, was sein Schreiber sich gedacht haben könnte. Das mag in der Lyrik - entsprechendes Talent vorausgesetzt - angebracht sein, als philosphischer Entwurf ist es vollkommen untauglich, die Beliebigkeit der Interpretation ist offenkundig.
lg
orzifar