Author Topic: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes  (Read 101447 times)

Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #210 on: 11. Dezember 2012, 20.03 Uhr »
Hallo!

Hegel, der nicht gerade meistgeschätzte Philosoph Russels. Ein sehr polemisches, allerdings doch recht gutes Kapitel, wobei ich die Meinung Russels teile, dass so ziemlich alles, was Hegel geschrieben hat, falsch ist. Oder besser: Von veritabler Sinnlosigkeit, da man kein wie immer geartetes Wahrheitskriterium auf seine Postulate anwenden kann. Russel zitiert einiges von Hegel, um auf das höchst Seltsame seiner Satzkonstrukte hinzuweisen: Wer sich einmal mit dessen Logik oder Phänomenologie des Geistes beschäftigt hat, weiß, dass die Sätze nicht gesucht bösartig ausgewählt wurden. Es gibt seitenlange Passagen, die einzig dialektischen Exegeten zugängig sind, sodass man kaum erahnen kann, worum es ihm wirklich ging.

Dass Hegels Philosophie zu allem Überdruss noch höchst widersprüchlich ist (vor allem in bezug auf seine Staatskonzeption) spielt eigentlich schon keine Rolle mehr, da es dem ganzen Entwurf an innerer Stringenz fehlt. Es ist schon seltsam, dass ausgerechnet die erklärten Nachfolger Kants (der auf die Unmöglichkeit einer rationalen Metaphysik hinzuweisen nicht müde wurde) Metaphysiker par excellence waren.

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Das nächste Kapitel ist mit "Bacon" überschrieben und das für mich das bislang seltsamste. Nicht nur, dass Bacon keinesfalls ein Philosoph war, er hatte auf bedeutende Philosophen auch kaum Einfluss. Seine romantisch-phantastisch-sentimentalen Ergüsse sind für heutige Leser schwer erträglich, als Vertreter der späten, pessimistischen Romantik mag er auf Nietzsche, vielleicht Schopenhauer (??) gewirkt haben, ansonsten war er schlicht ein Vertreter des Zeitgeistes. Dass sich Russel auch hier wieder nicht enblödet, Byron als Verursacher diverser Revolutionen (bis zu Hitlers Staatsstreich 1933) zu sehen, ist beispielhaft für diesen wirren Abschnitt.

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Schopenhauer. Das Ding an sich wandelt sich zum Willen - und dieser ist schlecht und böse. Daher gilt es, sich mit allen Mitteln von diesem Willen zu befreien, eine Art "nichts" zu erreichen, die dem buddhistischen Nirvana sehr ähnlich ist. (Gegen solche Philosophien habe ich eine fundamentale Abneigung, da sie den einzigen Besitz, den wir Menschen haben, unser Leben, gering achten und dadurch aller Lebensfreude eine Absage erteilen. Schopenhauer selbst hielt allerdings wenig von seiner eigenen Philosophie und hat sich im Jammertal mit Namen Welt ganz gemütlich eingerichtet.) Was Russel über Schopenhauer zu sagen hat, kann man so auch in jedem enzyklopädischen Artikel nachlesen, wobei er noch gänzlich auf den Aspekt der Kunst (der für Schopenhauer bzw. seine Nachfolger von großer Bedeutung war) vergisst. Statt dieser lieblosen Seiten ist man mit Thomas Manns Essay über den Weltverächter besser bedient.

Nun geht's zu Nietzsche. Ich fürchte, dass er als Wegbereiter für den Nationalsozialismus fungieren wird.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #211 on: 14. Dezember 2012, 20.58 Uhr »
Hallo!

Nietzsche mag er auch nicht. Wobei er auch auf die eigentümliche Zwitterstellung Nietzsches hinweist, irgendwo zwischen Dichtung und Philosophie. Seinen psychologischen Deutungsversuchen kann ich mich weitgehend anschließen: Nietzsches Werk sagt weniger über die Welt, als über die seelische Verfasstheit seines Autors aus. Seine oft martialisch anmutenden Texte voller heroischer Attitüden sind angesichts der realen Person Nietzsche sehr leicht als Wunschphantasien zu entlarven, seine Haltung Frauen gegenüber erinnert an einen Pubertierenden, der sich nach der ersten Enttäuschung ins Kloster zu begeben wünscht, alle weiblichen Wesen zu verachten vorgibt und sich doch nach nichts mehr sehnt als ein wenig Zärtlichkeit und Zuneigung.

Russel schießt dann wieder über das Ziel hinaus, indem er die Kriege seiner Gegenwart mehr-weniger auf die Philosophie Nietzsches zurückführt: Das scheint mir eine völlig unberechtigte Interpretation, eine weitgehende Überschätzung des Einflusses der Philosophie zu sein. Hitler und der Zweite Weltkrieg ist ganz gut ohne Nietzsche denkbar (wenn es geistige Vorbilder gegeben hat, so waren diese eher in Lanz von Liebenfels, dem allgemein anerkannten Antisemitismus des Wien um die Jahrhundertwende oder den Wurzelrassenlehren einer Blavatsky zu sehen, wobei auch diese Strömungen bestenfalls einen kleinen Teil zur Entwicklung beigetragen haben). Und ich glaube auch nicht, dass Nietzsche angesichts der nationalsozialistischen Pöbelhaufen hier seine Vision vom Übermenschen bestätigt gesehen hätte.

Der Mensch Nietzsche, über den ich besser Bescheid zu wissen glaube als über seine Philosophie, wird von Russel sehr einseitig beurteilt: Denn eigentlich ist dieser Mensch die fleischgewordene Widerlegung der eigenen Philosophie. Er war weder stark noch kriegerisch, sondern sensibel, kränklich, nahm am deutsch-französischen Krieg als Sanitäter teil, litt unter dem dort Erlebten und brach - beispielhaft für seine nicht gelebte stoische Härte - angesichts eines geprügelten Pferdes in Turin endgültig zusammen. Es ist die Tragik eines Menschen, dessen ganzes Werk nur den Wunsch nach Anderssein verkündet, der eben nie souverän, überlegen agiert, nie über den Dingen steht (wie es denn sein Übermensch tun sollte),  sondern von allem idiosynkratisch berührt, bedrängt an seiner eigenen heroischen Unzulänglichkeit verzweifelte.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #212 on: 15. Dezember 2012, 07.38 Uhr »
Ei, da muss ich mich beeilen. Werde aber dieses Wochenende höchstens den Hegel schaffen. Aber macht nix - lies ruhig weiter.  ;)
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #213 on: 15. Dezember 2012, 19.29 Uhr »
Ei, da muss ich mich beeilen. Werde aber dieses Wochenende höchstens den Hegel schaffen. Aber macht nix - lies ruhig weiter.  ;)

Lass dir nur Zeit. Ich hatte einige unruhige Nächte, in denen mir der gute Russel ins Schussfeld geraten ist. Viel ist ja nun nicht mehr.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #214 on: 16. Dezember 2012, 15.59 Uhr »
Hallo!

Hegel, der nicht gerade meistgeschätzte Philosoph Russels.

Nein  ;D . Wobei ich bei der erneuten Lektüre der Philosophie des Abendlandes eigentlich positiv überrascht bin. Ich hatte Russells Position bedeutend extremer in Erinnerung. Er gibt sich aber wirklich Mühe, aus Hegel noch etwas Verständliches herauszuziehen. Ob die starke Gewichtung seiner Geschichts- und Staatsphilosophie Hegel Genüge tut, entzieht sich meiner Kenntnis mangels eigenen Hegelianismus'. Aber Russell versucht tendenziell bei jedem Philosophen, seine Einflüsse auf die Geschichte dingfest zu machen. Was m.M.n. für eine grenzenlose Überschätzung der Philosophie zeugt. Selbst der König von Preussen wird von Hegels Philosophie allenfalls geschmeichelt worden sein; ich denke nicht, dass er auch nur ein Gesetz erlassen, geschweige denn einen Krieg begonnen hat mit dem Gedanken im Hinterkopf, das müsse nach Hegel ja auch so sein.

Das nächste Kapitel ist mit "Bacon" überschrieben und das für mich das bislang seltsamste.

Ich habe das nächste Kapitel noch nicht gelesen. Bei mir steht da aber "Byron" - was mich auch schon gewundert hat. "Bacon" würde ich verstehen, wäre aber hier zeitlich falsch eingeordnet ...

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #215 on: 17. Dezember 2012, 00.26 Uhr »
Das nächste Kapitel ist mit "Bacon" überschrieben und das für mich das bislang seltsamste.

Ich habe das nächste Kapitel noch nicht gelesen. Bei mir steht da aber "Byron" - was mich auch schon gewundert hat. "Bacon" würde ich verstehen, wäre aber hier zeitlich falsch eingeordnet ...

 ;D - so sehr hat mich das Kapitel aus der Bahn geworfen, dass ich Bacon und Byron verwechsle. Aber es war spät nachts - muss ich zu meiner Entschuldigung hinzufügen.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #216 on: 17. Dezember 2012, 21.08 Uhr »
Hallo!

Wir nähern uns dem Ende. Und Russel macht den Eindruck, als ob auch er froh wäre, das Ende dieser Philosophiegeschichte nahen zu sehen. Die Kapitel wirken zusehends uninspiriert, wie eine Pflichtübung. Und so werden in dem Kapitel "Utilitarier" mal schnell die englischen Philosophen von Bentham bis J. St. Mill abgehandelt, Owen, Ricardo, Malthus und Darwin werden im Vorbeigehen erwähnt, Comte - wie schon erwähnt - mit keinem Wort berücksichtigt.

Das ganze 19. Jahrhundert ist ein Torso, von Kierkegaard hört man ebensowenig wie von Neukantianisten (wenn ich sie auch für so wichtig nicht halte: Die Strömung war ausnehmend einflussreich und müsste in einer Philosophiegeschichte Erwähnung finden), ebensowenig Bolzano (als einer der Vorväter der Neoempiristen), Mach oder Brentano. Vielleicht waren ihm die vorgenannten Richtungen bzw. Philosophen zeitlich zu nah, andererseits war John Dewey der Generation von Russel zugehörig. Das ist schon äußerst unbefriedigend und mit einer Philosophiegeschichte, die nur im mindesten einen repräsentativen Anspruch erhebt, nicht vereinbar. Dafür aber wird man mit vermeintlichen Inkonsistenzen in der ethischen Philosophie Mills beglückt (die man aber durchaus nicht als solche interpretieren müsste).

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #217 on: 18. Dezember 2012, 19.23 Uhr »
Hallo!

Der Abschnitt über Marx ist ein wenig seltsam. Ich kann Russel vollauf darin verstehen (und zustimmen), dass Marx als Philosoph (vor allem dort, wo er sich an Hegels Geschichtskonzeption orientiert) ein in keinster Weise wissenschaftliches (vielmehr metaphysisches) Weltbild kreiert. Natürlich spielt dieser teleologische Gedanke eine große Rolle für das Gesamtwerk, aber es gibt Teile, die man von diesen Überlegungen losgekoppelt betrachten kann. Und diese ignoriert Russel vollkommen (etwa die "Mehrwert-Theorie", überhaupt all das, was mit Arbeit, Entfremdung etc. einhergeht). Marx war der erste, der die Bedeutung der Erwerbsarbeit für den einzelnen untersucht hat und damit auch eine philosophische Konzeption des Normalbürgerdaseins. Russel scheint hier nur die sozialen Probleme zu sehen, nicht aber die lebensphilosophischen Auswirkungen auf den Einzelnen.

Bergson: Ein relativ umfangreicher, auch gut geschriebener Abschnitt, der allerdings in keinster Weise auf soziale oder politische Umstände Bezug nimmt - auf das also, was Russel zu Beginn als sein Ziel bezeichnet hat. - Bergson hat für mich als Philosoph nur über Proust eine bestimmte Bedeutung erlangt, die Zeitkonzeptionen der beiden weisen Parallelen auf.

Ansonsten gehe ich auch hier völlig mit Russel konform: Es liegt nicht der geringste Grund dafür vor, diese Philosophie für richtig zu halten. Sie ist vielleicht der Inbegriff eines künstlichen Systems, das ausgehend von einigen (seltsamen) Axiomen immer weiter entwickelt wurde und pittoreske Wucherungen erzeugte. Bergson macht den Eindruck des verhinderten Schriftstellers, er schreibt - wie Russel betont - auf blumige, metaphorische Art und Weise und versucht durch Metaphern und Allegorien logische Konsistenz zu ersetzen. Eine solche Sprache mag für die schöne Literatur angebracht sein, nicht aber in einem Entwurf, der auch nur im entferntesten darauf Anspruch erhebt, wissenschaftlich zu sein.

Bergson erinnert mit seinen naturwissenschaftlichen Bezügen stark an jene Art des Philosophierens, die Sokal, Bricmont später beschrieben haben: Halb verstandene Theorien werden entstellt und missinterpretiert in das eigene Weltbild eingefügt, sollen damit dem Ganzen einen naturwissenschaftlichen Anstrich verleihen, zeigen aber im Grunde nichts anderes als die Tatsache, dass der Schreiber eine höchst rudimentäre Kenntnis dieser Naturwissenschaft besitzt. Bergson ist einer, der fast beliebig interpretiert werden kann, seine Sätze bedeuten alles und nichts (mit Betonung auf letzteres): "Das Leben erscheint in seiner Gesamtheit wie eine ungeheure Woge, die, von einem Mittelpunkt ausgehend, sich nach außen verbreitet, aber, fast in ihrem ganzen Umfang gehemmt, in Schwingung verwandelt wird: an einer einzigen Stelle ist das Hindernis bezwungen, hat der Antrieb frei hindurchgehen können." Solche Sätze gibt es en masse, sie evozieren ein verschwommenes Bild, ein bestenfalls ungefähre Vorstellung dessen, was sein Schreiber sich gedacht haben könnte. Das mag in der Lyrik - entsprechendes Talent vorausgesetzt - angebracht sein, als philosphischer Entwurf ist es vollkommen untauglich, die Beliebigkeit der Interpretation ist offenkundig.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #218 on: 18. Dezember 2012, 20.00 Uhr »
Wir nähern uns dem Ende.

Tu das. Ich folge Dir dann zwischen den Jahren ...  ;)
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #219 on: 19. Dezember 2012, 17.56 Uhr »
Hallo!

James ist mir nur als Vater des Pragmatismus und jemand, der Gott für äußerst wünschenswert hält, bekannt. Letzteres hat ihn für mich wenig anziehend gemacht - vielleicht (teilweise) zu Unrecht.

Russels Darstellung ist gut gelungen, wenngleich mir seine Kritik am Monismus (für James ist alles, Geist als auch Materie, "Erfahrung") etwas kleinlich vorkommt. Ohne James zu kennen vermute ich, dass er den Begriff Erfahrung nicht in der üblichen Konnotation verwendet, außerdem setzt Russel Gedächtnis und Erfahrung gleich. Ob der Jamessche Monismus (der als Philosophie an sich mir recht einleuchtend scheinen will) praktikabel ist, kann ich mangels genauerer Kenntnis nicht beurteilen.

Er kreiert auch einen neuen Begriff der Wahrheit, indem er wahr als das definiert, was gut und nützlich ist. (Natürlich schließt sich hier sofort die Frage an, wie man gut und nützlich definieren soll.) Außerdem: Nicht jede Wahrheit ist gut oder nützlich, wenigstens nicht in dem von James - wahrscheinlich - intendierten Sinn. Die Nützlichkeit einer historischen Tatsache (etwa richtige Jahreszahlen von Ereignissen) ist ebenso fragwürdig wie der von James eingeführte Gottesbegriff. Letzterer zumindest wird für den einen wahr, für den anderen falsch sein, wodurch sich ein sehr relativer Wahrheitsbegriff ergibt. Überhaupt fußen James überlegen ausschließlich auf Dichotomien: Er glaubt von zwei Dingen das Nützlichere anerkennen zu müssen. Um aber zur Anerkennung zu kommen, muss man die Wirkungen dessen kennen, was man anerkennt - und um die Wirkungen zu kennen, muss man es schon anerkannt haben. Eine ziemliche verfahrene zirkuläre Situation.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #220 on: 19. Dezember 2012, 19.22 Uhr »
Hallo!

James ist bei mir lange her. Auch wenn das Meiner-Buch über den Pragmatismus immer noch hier steht ...

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #221 on: 20. Dezember 2012, 22.15 Uhr »
Hallo!

Da hier auch Personen mitlesen, deren Kenntnis der pragmatischen Philosophie der meinen überlegen ist (was noch nicht einmal was bedeutet), hier eine Klarstellung: Ich wollte nicht zum Ausdruck bringen, dass Russel James einen "herkömmlichen" Gottesglauben attestiert, James' Begriff der Religion ist von "Nützlichkeit" geprägt, nicht von orthodoxen Vorstellungen. Da der pragmatische Ansatz Nützlichkeit und Wahrheit in eine Naheverhältnis bringt, ist somit auch die "Wahrheit" religiöser Vorstellung in diesem Ansatz impliziert.

Wenn hier also der Eindruck entstand, dass Russel James ein Art "herkömmlichen" Gottesglauben attestieren würde, so liegt das an meiner Darstellung und nicht an einer Fehlinterpretation Russels.

Ich bin nunmehr mit dem Buch durch. Das vorletzte Kapitel über Dewey ist wiederum recht lesbar, die Kurzfassung, in der Russel seinen eigenen Standpunkt von dem Deweys unterscheidet, bringt es auf den Punkt: Dewey (bzw. die Pragmatisten) beurteilen einen Sachverhalt nach seinen Wirkungen, er nach den Ursachen (in bezug darauf, ob etwas als wahr oder falsch gelten kann). Allerdings werden die Wirkungen in ihrer wahr-falsch-Dichotomie den (subjektiven) Erwartungshaltungen angepasst, woraus sich deutliche Abweichungen vom üblichen (asymptotischen) Wahrheitsbegriff ergeben. Andererseits liegt in dieser Fokussierung auf das Ergebnis auch eine Stärke: Gerade den logischen Empiristen hat man oft - und nicht zu Unrecht - vorgehalten, dass sie die Implikationen ihrer Forschungen nicht ausreichend berücksichtigen, sondern sich an einem objektivien (nicht erreichbaren) Wissenschaftsideal orientieren. Dies wurde etwa zu einem Hauptstreitpunkt zwischen den Vertretern der kritischen Theorie und den Neoempiristen.

Im letzten Kapitel stellt Russel kurz seinen eigenen Werdegang bzw. den Weg der analytischen Philosophie über Weyerstraß, Cantor und Frege (Peano wird überraschenderweise nicht erwähnt) dar. Natürlich wird man wieder mit dem Verfasser von Waverley (wie in allen Darstellungen der Beschreibungstheorie) konfrontiert. Tatsächlich wurden gerade durch diese Darstellung, durch die Ausgliederung der "Existenz" (die nicht mehr unter die üblichen Prädikate subsummiert wurde, was oftmals zu abenteuerlichen Interpretationen führte - obwohl schon der Aquinat zwischen essentia und existentia unterschied) viele metapyhsisch anmutende Probleme vermieden.

Für ein Resummee warte ich noch auf Sandhofer, obschon das meiste bereits gesagt wurde: Der von Russel vorgenomme Anspruch, die Philosophie in ihrer Abhängigkeit von politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu betrachten, kann weitgehend nicht eingelöst werden (am ehesten noch für die Antike). So wird das Ganze zu einer von vielen Philosophiegeschichten, bei der man das Interesse des Schreibers für einzelne Richtungen und Philosophen unschwer erkennt. Das ist manchmal amüsant, interessant, dann wieder langweilig und ermüdend. Spätestens ab Kant hat man den Eindruck, dass nun das Buch nur noch vollendet werden soll, geschichtliche Einflüsse bleiben ausgespart (außer jene obskuren Bemerkungen über die Einflüsse der Philosophie auf die Politik der Gegenwart, die nach meinem Dafürhalten viel zu hoch angesetzt werden).

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #222 on: 21. Dezember 2012, 21.13 Uhr »
Hallo!

Das nächste Kapitel ist mit "Bacon" überschrieben und das für mich das bislang seltsamste. Nicht nur, dass Bacon keinesfalls ein Philosoph war, er hatte auf bedeutende Philosophen auch kaum Einfluss. Seine romantisch-phantastisch-sentimentalen Ergüsse sind für heutige Leser schwer erträglich, als Vertreter der späten, pessimistischen Romantik mag er auf Nietzsche, vielleicht Schopenhauer (??) gewirkt haben, ansonsten war er schlicht ein Vertreter des Zeitgeistes. Dass sich Russel auch hier wieder nicht enblödet, Byron als Verursacher diverser Revolutionen (bis zu Hitlers Staatsstreich 1933) zu sehen, ist beispielhaft für diesen wirren Abschnitt.

Byron wird in der Tat sehr merkwürdig gesehen. Abgesehen davon, dass ich auch nicht glaube, dass Hitler auch nur einen Moment an Byron dachte, damals 1933, dass wohl auch nicht einer seiner Mitabenteurer wohl an Byron dachte, wahrscheinlich keiner je Byron gelesen hatte oder ihn auch nur dem Namen nach kannte: Ich denke, dass auch Byrons Name - ausser dass er dem Germanisten via Goethes Byron-Verehrung bekannt ist - in England sicher bekannter ist als im übrigen Europa, ausser vielleicht im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Russells Beschreibung des Menschen Byron muss allerdings irgendeine (zeitgenössische?) Quelle gehabt haben. Auch sein Arzt Polidori hat ihn in seiner Schlüsselstory (denn ein Roman ist das nicht) "The Vampyre" schon dämonisiert. Scheint eine englische Tradition zu sein.  :angel:
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #223 on: 21. Dezember 2012, 22.12 Uhr »
Hallo,

vielleicht tatsächlich einfach nur "very british". Russels häufige Bezugnahme auf politische Ereignisse muss wohl auch vor Tatsache gesehen werden, dass er mitten im Zweiten Weltkrieg diese Seiten verfasste. Obwohl solche Überlegungen dadurch nicht klüger werden.

Seltsam finde ich immer noch die Auswahl der Philosophen. James und Dewey, aber der Begründer des Pragmatismus, der eine erste Zeichentheorie, die an Wittgenstein erinnert, entworfen hat, Charles Sanders Peirce, wird bloß in einem Nebensatz erwähnt. Wurde die Bedeutung Peirce' erst nach dem Zweiten Weltkrieg erkannt? Viele seiner Schriften wurden erst sehr spät publiziert (und ich bin mir nicht sicher, ob es eine Gesamtausgabe gibt - eher nicht).

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #224 on: 22. Dezember 2012, 06.50 Uhr »
Hallo!

vielleicht tatsächlich einfach nur "very british".

Very romantisch - jedenfalls was Byron betrifft.  :D

Russels häufige Bezugnahme auf politische Ereignisse muss wohl auch vor Tatsache gesehen werden, dass er mitten im Zweiten Weltkrieg diese Seiten verfasste. Obwohl solche Überlegungen dadurch nicht klüger werden.

Ja ...  :(

Seltsam finde ich immer noch die Auswahl der Philosophen. James und Dewey, aber der Begründer des Pragmatismus, der eine erste Zeichentheorie, die an Wittgenstein erinnert, entworfen hat, Charles Sanders Peirce, wird bloß in einem Nebensatz erwähnt. Wurde die Bedeutung Peirce' erst nach dem Zweiten Weltkrieg erkannt? Viele seiner Schriften wurden erst sehr spät publiziert (und ich bin mir nicht sicher, ob es eine Gesamtausgabe gibt - eher nicht).

Es gibt die "Collected Papers" aus den 30ern des letzten Jahrhunderts, die Russell also gekannt haben könnte. Allerdings gibt es neben dem Logiker Peirce auch einen (gläubigen) Religionsphilosophen Peirce. Vielleicht war der zu Russells Zeit bekannter?

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