Author Topic: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes  (Read 101481 times)

Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #135 on: 08. April 2012, 14.17 Uhr »
So nebenher - es schwirrte da allerlei rum: Wie ist's nun mit dem Augustinus und dem Aquinaten?
Hilf einem alten Mann auf die Sprünge: Von welchen Werken genau hatten wir es?

Augustinus' Confessiones (Anna) und die "Summa contra gentiles" (Sandhofer). Letzteres von mir ein bisschen mit Skepsis betrachtet, da jenseits der 2000 Seiten Marke.

Ich hoffe mittlerweile auf die Neuzeit, mal sehen, was Russel etwa zu Kant (den er nicht sehr zu mögen scheint) zu sagen hat.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #136 on: 08. April 2012, 19.30 Uhr »
Augustinus' Confessiones (Anna) und die "Summa contra gentiles" (Sandhofer).

Ach ja, richtig. Nun ja - beide wären interessant. Ich bestehe ja nicth auf der Summa, habe ja selber eigentlich keine Zeit dafür.

Ich hoffe mittlerweile auf die Neuzeit, mal sehen, was Russel etwa zu Kant (den er nicht sehr zu mögen scheint) zu sagen hat.

Ich hoffe nicht (mehr) allzu sehr ...

Grüsse

sandhofer
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #137 on: 15. April 2012, 15.07 Uhr »
Hallo!

ich warte noch immer im 13. Jahrhundert auf dich

Ich komme jetzt dann ins 12. ...  :)

Vorher aber noch Russells Ausführungen zur mohammedanischen Kultur und Philosophie. Wenn Kultur darin besteht, dass sich der mohammedanische Glaube durch Kriege sehr rasch ums Mittelmeer herum ausdehnte, dann ja. Ansonsten finde ich nichts zur "Kultur". Und die arabisch-muslimische Philosophie scheint sich für Russell auf Averroes und Avicenna zu beschränken. Vielleicht wusste man es vor 100 Jahren noch nicht, aber da fehlen ein paar Namen. Auch Namen von welchen, die die scholastische Philosphie durchaus beeinflusst hätten.

Grüsse

sandhofer
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #138 on: 22. April 2012, 16.28 Uhr »
12. Jahrhundert

Langsam wird's wieder interessanter; zumindest, was den eigentlich philosophischen Teil angeht. Auch wenn Russell sich auf die ganz grossen Namen beschränkt, gibt er doch erste Einblicke in den scholastischen Universalienstreit. Ob man allerdings Russells Hinweisen folgen kann, wenn man sich nicht schon damit auseiandergesetzt hat, wage ich zu bezweifeln.

Und: Den Zusammenhang mit dem rein historischen Teil aber kann Russell m.M.n. nicht herstellen.
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Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #139 on: 22. April 2012, 17.38 Uhr »
Für mich zieht es sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch: Dass der etwas vollmundig erhobene Anspruch, eine irgendwie "neue" Art der Philosophiegeschichte zu schreiben (in der Verbindung von politischer und philosophischer Geschichte) nicht eingelöst werden kann. Das Vorgetragene ist zum Teil trivial, dann wieder unzusammenhängend, wenn das Historische bloß referiert wird. Möglicherweise kann man diesen Anspruch über die gesamte Geschichte auch nicht einlösen (naja, ziemlich sicher nicht), bislang jedenfalls blieb mir substantiell Neues verborgen.

Kleinere Arbeiten leisten da Besseres: Ich lese derzeit Forschners Buch über die stoische Ethik, der in den ersten Kapiteln zwar sehr kurz, aber doch äußerst kompetent und originell die Entwicklung der griechischen Philosophie beschreibt (ähnlich Hossenfelder). Da steckt auf ganz wenigen Seiten mehr drin als bei Russel. Natürlich: Forschners Buch war ursprünglich eine Habilitationsschrift und er selbst gilt als Spezialist für hellenistische Philosophie, weshalb er sicherlich mehr Detailkenntnisse mitbringt. Aber wahrscheinlich sind solche Arbeiten tatsächlich nur von Spezialisten zu leisten. Weshalb ich mir von Russel auch für die Neuzeit mehr erwarte, da er etwa als Leibniz-Spezialist gilt und mit Sicherheit auch über die englischen Empiriker tiefreichende Kenntnisse besitzt. Das, was er aber bislang für die Antike bzw. das Mittelalter geleistet hat, ist - wenn auch nicht schlecht - so doch auch nichts Besonderes.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #140 on: 06. Mai 2012, 15.24 Uhr »
Hallo!

Für mich zieht es sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch: Dass der etwas vollmundig erhobene Anspruch, eine irgendwie "neue" Art der Philosophiegeschichte zu schreiben (in der Verbindung von politischer und philosophischer Geschichte) nicht eingelöst werden kann. Das Vorgetragene ist zum Teil trivial, dann wieder unzusammenhängend, wenn das Historische bloß referiert wird. Möglicherweise kann man diesen Anspruch über die gesamte Geschichte auch nicht einlösen (naja, ziemlich sicher nicht), bislang jedenfalls blieb mir substantiell Neues verborgen.

Das Kapitel "Das dreizehnte Jahrhundert" ändert jedefalls auch nichts daran. Mir will es gar symptomatisch erscheinen, dass Russell die historischen Kapitel von den philosophischen / philosophiehistorischen so radikal trennt. Im Kapitel zum 13. Jahrhundert erfahren wir so knapp, was jedes Gymnasialgeschichtsbuch uns auch lehren könnte ... Und zum Schluss werden in ein paar dürren Worten die Franziskaner und die Dominikaner gegründet, mit dem Hinweis darauf, dass nach dem Dominikaner Thomas von Aquin es die Franziskaner sein werden, die die philosophische Entwicklung anführen. Warum und wozu überhaupt der Unterschied zwischen Franziskanern und Dominikanern gemacht werden soll, weiss der geneigte Leser nach der Lektüre dieses Kapitels aber nicht ...

Grüsse

sandhofer

PS. Ich denke, es ist jetzt der Moment für mich, mir Flaschs Geschichte der mittelalterlichen Philosophie zu gönnen ...  :hi:
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #141 on: 13. Mai 2012, 11.04 Uhr »
Bei Thomas von Aquin hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass sich Russell wieder einmal mit einem Philosophen auseinandersetzt. Allerdings fällt auf - ich habe den betreffenden Teil bei Flasch parallel gelesen - wie sehr sich die Herangehensweise Russells von der Flaschs unterscheidet. Auch und vor allem in dem, was sie aus dem Aquinaten ziehen. Während Flasch Thomas nachgerade als Eklektiker schildert, dem es vor allem um Grund legende Einführungen in die philosophische Thematik ging (z.B. in der Summa contra gentiles), und dessen System auch immer mal wieder nach dem alten Handwerker-Motto "Was nicht passt, wird passend gemacht" grob zusammengezimmert oder -geschustert ist ("Da fügt sich nicht alles so reibungslos ineinander.", zitiert er gerne Hirschberger), vermittelt Russell den Eindruck, Thomas von Aquin hätte ein in sich stimmiges System überliefert.

(Warum allerdings der Übersetzer bei Russell ums Verr... von Thomas von Aquino reden muss, entzieht sich meiner Begriffsstutzigkeit. M.W. verwendet das Deutsche dieses 'o' nur, wenn es um das Adelsgeschlecht geht, aus dem Thomas stammte.)
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #142 on: 19. Mai 2012, 16.45 Uhr »

Hallo!

Der Abschnitt über Th. v. Aquin war so schlecht nicht, er hat sich in jedem Fall positiv von so manch anderen Beschreibungen abgehoben. Neben der realen Bedeutung des Aquinaten, die durch seinen Einfluss in der katholischen Kirche bis heute andauert, ist sein tatsächliches philosophisches Denken eher bescheiden. Im Grunde müht sich Thomas um eine Rationalisierung des Glaubens, aber, wie Russel sehr richtig festhält: Ein Philosoph, der die Ergebnisse seines Denkens im voraus kennt ist kein Philosoph sondern ein Apologet. Und überall, wo er auf nur schwer zu lösende Probleme stößt, bemüht er die Heilige Schrift. Das ist billig und eines Denkers unwürdig.

Nach diesem Abschnitt werden die Denker aus dem franziskanischen Lager behandelt: Und dieses Kapitel ist einfach nur schlecht. Ein Durcheinander und Sammelsurium der Meinungen, ohne alle Struktur, wie eine Vorlesungsmitschrift, die nachträglich in vollständige Sätze gebracht wurde. R. Bacon, Duns Scotus, Occam und andere werden bunt durcheinander gemischt und in aller Kürze abgefertigt, eine Pflichtübung, um endlich zur Philosophie der Neuzeit zu kommen. Vorher kommt nun noch "Der Verfall des Papstums", wahrscheinlich reine Historie. Mal sehen.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #143 on: 20. Mai 2012, 06.30 Uhr »
Hallo

Nach diesem Abschnitt werden die Denker aus dem franziskanischen Lager behandelt: Und dieses Kapitel ist einfach nur schlecht. Ein Durcheinander und Sammelsurium der Meinungen, ohne alle Struktur, wie eine Vorlesungsmitschrift, die nachträglich in vollständige Sätze gebracht wurde. R. Bacon, Duns Scotus, Occam und andere werden bunt durcheinander gemischt und in aller Kürze abgefertigt, eine Pflichtübung, um endlich zur Philosophie der Neuzeit zu kommen.

Ganz so schlecht fand ich jetzt dieses Kapitel nicht. Es gab zwar Momente, wo wirklich Kraut-und-Rüben-Suppe angesagt war. Aber zumindest bei Occam hat er sich Mühe gegeben. Warum er Bacon allerdings ohne grosses Federlesen so einfach den Titel des ersten neuzeitlich vorgehenden experimentellen Wissenschafters aberkennen will, kann Russell nicht plausibel machen. Und über Duns Scotus weiss ich nun so viel wie vor der Lektüre dieses Kapitels.

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sandhofer
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #144 on: 03. Juni 2012, 15.18 Uhr »
Hallo!

3. Buch, 1. Kapitel

Ein historischer Rundumschlag von der Renaissance bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Das, was jedem Vereinsredner eingebläut wird, es nicht zu tun - Russell tut's: Er schreibt mal ein Kapitel darüber, worüber er schreiben wird ...  :-\

Grüsse

sandhofer
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #145 on: 17. Juni 2012, 16.44 Uhr »
So langsam nähere ich mich bei Russell der Epoche, in der ich gerade auch Primärliteratur lese.

Buch 3, Kapitel 2, die italienische Renaissance, ist zwar auch noch ein historischer Abriss, aber hier kann Russell zum ersten Mal einigermassen sein Versprechen aus dem Titel (Zusammenhang der Philosophie mit der politischen und sozialen Entwicklung) einlösen. Vielleicht, weil die Neuzeit ihm und dem Leser einfach näher und daher besser liegt?

Kapitel 3, Macchiavelli, zeigt zum ersten Mal eine angenehm kenntnisreiche Darstellung. Jedenfalls hat mich Russell überzeugt, dass ich bei Gelegenheit zum Principe, den ich schon kenne, die Discorsi hinzufügen sollte ...

Kapitel 4, Erasmus und Morus: Russell scheint die beiden zu mögen, entsprechend angenehm und fundiert finde ich ihre Darstellung. Obwohl ich monieren müsste, dass bei Erasmus durchaus mehr als nur das Lob der Torheit überlebt hat, zumindest die Klage des Friedens wird regelmässig als Taschenbuch herausgegeben. Und bei Morus stellt er zwar den Inhalt der Utopia soweit korrekt dar, aber das vertrackte literarische Spiel zwischen Autor Morus, dem Erzähler Morus und dem dem Erzähler Morus erzählenden Erzähler Raphael Hythlodeus wird mit keinem Wort gestreift.

Kapitel 5, Reformation und Gegenreformation, greift dann meiner Meinung nach wieder zu kurz. Russell hat es eindeutig weniger mit der Theologie - ein Vorwurf, den er selber der Italienischen Renaissance macht.  :)
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #146 on: 23. Juni 2012, 21.02 Uhr »
Kapitel 6, Der Aufschwung der Naturwissenschaft, skizziert kurz die (v.a. astronomischen und physikalischen) Entdeckungen von Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton. (Daneben ein kurzer Hinweis auf die mathematischen des Descartes und ein Ausblick auf Differential- und Integralrechnung von Newton und Leibnis resp.; ganz kurz wird auch die Anatomie gestreift, v.a. die Entdeckung des Blutkreislaufs durch Harvey und der Spermatozoen durch Leuwenhoek.) Biologie ist eindeutig weniger Russsells Interessengebiet, aber mir schien dieses Kapitel in Bezug auf Inhalt und Umfang durchaus befriedigend.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #147 on: 24. Juni 2012, 01.32 Uhr »
So, brems dich mal wieder ein. Jetzt bin ich in Rückstand geraten ;).

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #148 on: 24. Juni 2012, 11.00 Uhr »
Och ... ich hatte gerade so einen schönen Flow ...  :angel:
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #149 on: 20. Juli 2012, 02.37 Uhr »
Hallo!

Back again. Die ersten beiden Abschnitte in "Neuzeit" als Einleitung ganz in Ordnung. Dann aber sehr angenehm überrascht vom Kapitel über Macchiavelli: Nicht die übliche moralinsaure Verurteilung, sondern eine objektive Würdigung des Denkens, ein Denken, das von bestimmten phil. Zielen und deren Erreichung geleitet war, wobei es um die Methoden dieses Erreichens bei M. geht und nicht um die moralische Beurteilung derselben. Und: Russel unterschlägt auch nicht die republikanischen Schriften Macchiavellis, die mit ihrer Gewaltenteilung einiges von späteren Vertragstheorien vorwegnehmen.

Ich hoffe, bald mit dir wieder gleichgezogen zu haben ;).

lg

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