Author Topic: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes  (Read 101497 times)

Offline sandhofer

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #120 on: 06. Februar 2012, 08.05 Uhr »
Unterdessen Russells Kapitel zu Augustinus gelesen. Er mag offenbar den Philosophen, auch wenn er den Theologen und Kirchenpolitiker ganz eindeutig nicht schätzt. Soweit ich sehe, ist es vor allem Augustins ins Subjekt gewendeter Zeitbegriff, den er zwar nicht teilt, aber als philosophischen Meilenstein einschätzt. Selbst Kant sei ja dahinter zurückgefallen. (Ich muss mir mal Kants Zeitbegriff hervorsuchen ...)

In Bezug auf Augustins Prädestinationslehre scheint Russell davon auszugehen, dass sie bis und mit Luther (bzw. Calvin) in der katholischen Kirche eigentlich gültig war. Das geht allerdings m.M.n. nicht mit dem florierenden Ablasshandel zusammen, der ja primär zum Konflikt mit Luther geführt hat ...
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Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #121 on: 07. Februar 2012, 19.03 Uhr »
Hallo!

Ja, dieser Satz mit Calvin erweckt tatsächlich diesen Eindruck, ein Eindruck, der falsch ist. Wobei die Prädestinationlehre Augustinscher Prägung von Gottschalk im 9. Jahrhundert noch einmal zu etablieren versucht wurde, was aber mit der Auspeitschung desselben endete (unter der Führung von Hrabanus).

Die Prädestinationslehre ist auch in Hinsicht auf den missionarischen Eifer des Christentums kontraproduktiv (und dies wurde von den Autoritäten durchaus erkannt: Denn warum sollte jemand konvertieren, wenn es ohnehin längst feststand (abhängig von Gottes unergründlichen Ratschluss), ob man des Paradieses teilhaftig würde oder eben in der Hölle zu schmoren hätte?) Überhaupt gestaltet sich die Einflussnahme auf die Gläubigen durch eine solche Lehre sehr schwierig, es gibt keine Motivation, dieses oder jenes zu tun, jemanden zu gehorchen etc., wenn ein solches Verhalten für das als ausschließlich wichtig erachtete ewige Leben vollkommen belanglos ist.

Auf ähnliche Schwierigkeit stießen protestantische Missionare in Südamerika, die sich von seiten der Indianer mit dem Argument herumschlagen mussten, dass ein Gott, der den Großteil der Menschen verdammt, ein nicht sehr netter Zeitgenosse sei und an den zu glauben daher wenig Angenehmes verspreche, weshalb man auf einen solchen Gott lieber verzichten wolle (G. Minois, Geschichte des Atheismus). Der Katholizismus hat in seinem Bemühen um eine weltliche Machtstellung diese Gefahr erkannt und deshalb den späten Augustinus geflissentlich ignoriert (oder dessen allzu genau Kenntnis mit der Peitsche gewürdigt, wie am Beispiel Gottschalks zu sehen).

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #122 on: 15. Februar 2012, 15.49 Uhr »
Wieder eine Enttäuschung: Boëthius wird zwar hochgelobt, aber seine Philosophie gar nicht dargestellt. Ich vermute, Russell hat ihn - wenn überhaupt - Jahrzehnte vor dem Verfassen seiner Philosophiegeschichte gelesen. Wenn Russell sich ein bisschen an den Text erinnert hätte, wäre es ihm nicht eingefallen, Boëthius einer christlichen Gesinnung auch im entferntesten zu verdächtigen.
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Offline sandhofer

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #123 on: 19. Februar 2012, 16.22 Uhr »
Ich nähere mich der Scholastik. Das Kapitel über die dunklen Zeiten des Christentums war allerdings nur eine Art Zusammenfassung eines üblichen Geschichtsbuchs. Zweimal ist Russell sogar zu faul, selber zusammenzufassen und referiert nur in Langzitaten, was andere geschrieben haben. Vor allem im Zusammenhang mit der Constantinischen Schenkung, die doch ziemlich wichtig ist, finde ich das bedauerlich und eigentlich für einen Text mit dem Anspruch dieses Textes, für einen Autor mit dem Anspruch dieses Autors, fatal. Am meisten gefallen hat mir noch der letzte Absatz dieses Kapitels, wo Russell den Blick ganz kurz auf die Welt jenseits des Abendlandes schweifen lässt und sich gegen den Kulturimperialismus ausspricht. Wir glauben dem heute entwachsen zu sein, aber ich bin mir da nicht so sicher ...
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Offline Regina

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #124 on: 19. Februar 2012, 20.05 Uhr »
Entschuldigt die Störung. Darf ich mich nochmals hier reindrängeln?
Euseb hat mir gezeigt, dass ich derbe Wissenslücken im Bereich christlicher Philosophie habe. Jetzt habe ich im Störig gestöbert, musste aber schnell erkennen, dass mir das zu oberflächlich bleibt. Ist Russell ausführlicher/tiefer? Oder kennt ihr zufällig ein gutes Standardwerk zum Thema?
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #125 on: 19. Februar 2012, 21.19 Uhr »
Keine Störung - im Gegenteil. Was die antike Philosophie betrifft, habe ich nicht den Eindruck, dass Russell irgendwie besser / ausführlicher / tiefer ist als Störig. Ich vermute nicht, dass das bei der christlichen Philosophie ändert. Aber ein gutes Standardwerk dazu ...  ???
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Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #126 on: 20. Februar 2012, 01.37 Uhr »
Wir werden hier gern gestört  :). - Der einzige Mittelalterphilosophiegeschichtler, der mir auf die Schnelle einfällt, ist Kurt Flasch (er hat mehrere Werke über diese Epoche geschrieben). Das, was ich von ihm kenne, macht einen sehr lesbaren Eindruck. Seh grad: Gibts auch als Reclam. Recht umfangreich, aber günstig.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #127 on: 20. Februar 2012, 09.04 Uhr »
Ich wusste doch, hier wird mir geholfen.  ;D Danke!
Der Flasch klingt gut. Umfangreich schreckt mich dieses Jahr gar nicht. Nur das Format ist unschön.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #128 on: 20. Februar 2012, 13.03 Uhr »
Nur das Format ist unschön.

Reclam ... War auch so in etwa meine erste Reaktion. Wenn es bei 800 Seiten wenigstens ein gebundener Band wäre, so wie mein Kohlschmidt. Eine gebundene Ausgabe scheint bei Rowohlt erschienen zu sein. allerdings vor Jahren, und 2000 hat Flasch das Buch offenbar erweitert und ergänzt. Es gibt auf Englisch die Routledge History of Philosophy Volume III: Medieval Philosophy von John Marenbon. Weiss jemand, was die wert ist?
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Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #129 on: 21. Februar 2012, 20.40 Uhr »
Hallo,

ich bin da offenbar weniger sensibel: Hauptsache der Inhalt ist interessant. Es gibt zwar Schöneres als ein Reclam-Büchlein, aber vom Kauf würde mich das nicht abhalten.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #130 on: 22. Februar 2012, 19.59 Uhr »
ich bin da offenbar weniger sensibel: Hauptsache der Inhalt ist interessant. Es gibt zwar Schöneres als ein Reclam-Büchlein, aber vom Kauf würde mich das nicht abhalten.

Na ja - 800 Seiten ist selbst als Reclam etwas, das nicht einfach zwischen grösseren Büchern verschwindet und / oder zerknittert wird. Aber das Format in Länge und Tiefe und seit den 60 Jahren des letzten Jahrhunderts zusätzlich die quietschegelbe Farbe sind für mich tatsächlich ein ästhetisches Hindernis.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #131 on: 04. März 2012, 15.25 Uhr »
Johann der Ire.  :) Wenn ihn Russell denn richtig zusammengefasst hat, eigentlich ein Häretiker. Und schon fast ein Dialektiker im Hegel'schen Sinn. Russell jedenfalls scheint ihn zu mögen; wie er offenbar jeden nicht-orthodoxen christlichen Denker zu mögen scheint.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #132 on: 07. April 2012, 15.47 Uhr »
2. Buch, II. Teil, 9. Kapitel: Die Kirchenreform im 11. Jahrhundert. Die ersten zwei Drittel des Kapitels ein reines Geschichtsbuch (und dann noch ohne die im Untertitel des Buchs versprochene "soziale Entwicklung"). Ein Zusammenhang der von Russell referierten Kirchenreform mit der Philosophie des 11. Jahrhunderts wird aber auch im letzten Drittel nicht klar. Der ontologische Gottesbeweis des Heiligen Anselm steht für mich auch nach diesem Kapitel in keinem Zusammenhang mit der Kirchenreform. Und dass zu jener Zeit sowohl Platon wie Aristoteles nur in Bruchstücken und schon gar nicht in der Originalsprache bekannt waren, ist ja nun auch ein Gemeinplatz, der nicht so vieler Ausführung bedurft hätte ...
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #133 on: 08. April 2012, 00.54 Uhr »
Hallo,

ich warte noch immer im 13. Jahrhundert auf dich (und presche nicht vor, sonst wird's nix mehr mit der Sychronizität (gibt's das Wort?)). Kann aber dem, was du da über das Bisherige verlauten lässt, nur beipflichten (bzw. meine bereits Ähnliches festgestellt zu haben). So nebenher - es schwirrte da allerlei rum: Wie ist's nun mit dem Augustinus und dem Aquinaten?

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #134 on: 08. April 2012, 07.35 Uhr »
Hallo!

Sychronizität (gibt's das Wort?)).

Ich denke schon, ja.  :)

Kann aber dem, was du da über das Bisherige verlauten lässt, nur beipflichten (bzw. meine bereits Ähnliches festgestellt zu haben).

Auch hier pflichte ich Dir bei.

So nebenher - es schwirrte da allerlei rum: Wie ist's nun mit dem Augustinus und dem Aquinaten?

Hilf einem alten Mann auf die Sprünge: Von welchen Werken genau hatten wir es?

Grüsse

sandhofer
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