Hallo!
Ja, dieser Satz mit Calvin erweckt tatsächlich diesen Eindruck, ein Eindruck, der falsch ist. Wobei die Prädestinationlehre Augustinscher Prägung von Gottschalk im 9. Jahrhundert noch einmal zu etablieren versucht wurde, was aber mit der Auspeitschung desselben endete (unter der Führung von Hrabanus).
Die Prädestinationslehre ist auch in Hinsicht auf den missionarischen Eifer des Christentums kontraproduktiv (und dies wurde von den Autoritäten durchaus erkannt: Denn warum sollte jemand konvertieren, wenn es ohnehin längst feststand (abhängig von Gottes unergründlichen Ratschluss), ob man des Paradieses teilhaftig würde oder eben in der Hölle zu schmoren hätte?) Überhaupt gestaltet sich die Einflussnahme auf die Gläubigen durch eine solche Lehre sehr schwierig, es gibt keine Motivation, dieses oder jenes zu tun, jemanden zu gehorchen etc., wenn ein solches Verhalten für das als ausschließlich wichtig erachtete ewige Leben vollkommen belanglos ist.
Auf ähnliche Schwierigkeit stießen protestantische Missionare in Südamerika, die sich von seiten der Indianer mit dem Argument herumschlagen mussten, dass ein Gott, der den Großteil der Menschen verdammt, ein nicht sehr netter Zeitgenosse sei und an den zu glauben daher wenig Angenehmes verspreche, weshalb man auf einen solchen Gott lieber verzichten wolle (G. Minois, Geschichte des Atheismus). Der Katholizismus hat in seinem Bemühen um eine weltliche Machtstellung diese Gefahr erkannt und deshalb den späten Augustinus geflissentlich ignoriert (oder dessen allzu genau Kenntnis mit der Peitsche gewürdigt, wie am Beispiel Gottschalks zu sehen).
lg
orzifar