Hallo!
Wie zweifelhaft sich bei der rudimentären Quellenlage das Schreiben einer Philosophiegeschichte gestaltet zeigt der Sammelband von M. Billerbeck: Was für den einen ein Grund ist, dass er die Überlieferung mit Skepsis betrachtet, ist für den anderen Ausgangspunkt für seine gesamten Überlegungen. So ist Antisthenes allüberall der Gegenspieler des Platon und Begründer des Kynismus, während Sayre (wie schon erwähnt) weder für das eine noch für das andere einen Beleg findet - im Gegenteil.
Einige Anekdoten werden mehreren Protagonisten zugeschrieben: Wenn da ein Philosoph in ein reiches, schönes Haus eingeladen, ihm das Ausspucken untersagt wird - und er daraufhin seinem Gegenüber ins Gesicht spuckt - als einziger Stelle, die solches erlaubt - so wird dies von Aristipp, Antisthenes (?) und Diogenes erzählt. Wichtig bleibt dabei allein die Handlung und die dahinterstehende Kritik am äußeren Schein. Diese antikonventionelle Haltung zieht sich durch die gesamte Geschichte des Kynismus - und wenn sich pittoreske Punks auf öffentlichen Plätzen in ebensolcher Weise gebärden, so sind sie die (meist nichtphilosophischen) Nachfolger dieser Bewegung. Und auch der Ruf nach der Natur von Rousseau bis in unsere Tage ist eine Form dieses Kynismus, der da den Verfeinerungen der Zivilisation eine als ursprünglich gedachte Natürlichkeit entgegensetzt, die, da sie sich auch gesellschaftlichen Konventionen widersetzt, einen (wie bei den erwähnten Punks) anarchischen Zug bekommt.
Hier liegt auch das Problem des Kynismus: Er versteht sich als eine Gegenbewegung, er wird erst denk- und lebbar als Gegenentwurf, er braucht für seine Existenz all das, was er zu kritisieren sich vornimmt. (So wie der Punk am Bahnhof, der den Beamten um einen Euro bittet, um die Spirituosenindustrie anzukurbeln, genau diese beiden Elemente für sein Dasein braucht: Den braven (verachteten) Bürger mit ein wenig Geld und der Bereitschaft, dieses herzugeben als auch die kapitalistische Welt, die für die Bereitstellung der entsprechenden Konsummittel sorgt.) Durch diese grundsätzliche Anti-Haltung fehlt dem Kynismus ein Positivum, ein Ziel (bzw. eine Lehre), es fehlt der Gegenentwurf.
Dieses Gedankengut, sich primär zu widersetzen, Überkommenes zu kritisieren und zu hinterfragen ist in der Geschichte überall dort zu beobachten, wo nach Erlangen eines gewissen, dekadenten Wohlstandes eine Gruppe entsteht, die an diesem Wohlstand nicht partizipieren kann. (Zusätzlich wird diese Bewegung meist von Jugendlichen getragen (ich kann mich nicht (kaum) an 50jährige Punks erinnern), Jugendliche, die auf der Suche nach einer eigenen Position erstmal gegen Eltern, gegen deren Welt rebellieren und in diesem ersten Sich-Widersetzen etwas Eigenes finden. Schwieriger ist es, aus dem bloßen Widerspruch einen tatsächlichen, konstruktiven Entwurf für eine andere Welt zu machen, wobei ein solcher Entwurf zumeist viele der radikalen Positionen wieder revidieren muss.) Es wäre interessant zu untersuchen, inwieweit sich philosophische Versatzstücke unterschiedlichster Provenienz in heutigen Jugendkulturen finden.
lg
orzifar
der nun auch noch umfangreiche Literatur zur Stoa entliehen hat und auf diese Weise beim Russel nicht oder kaum vorwärts kommt.