Author Topic: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes  (Read 101479 times)

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #90 on: 07. Juli 2011, 14.02 Uhr »
Hallo!

Im erwähnten Kapitel flickt Russel nicht nur den Kynikern, sondern auch den Skeptizisten am Zeug. Hier hat man ein ähnliches Überlieferungsproblem, der Hauptgewährsmann ist Sextus Empiricus (allerdings schrieb der erst im zweiten nachchristlichen Jahrhundert), schon im Titel seiner Schriften weist er sich als Anhänger des Pyrrhon aus (Sextus Empiricus ist im Gegensatz zu manch anderen - wie etwas Stobaios, dessen Florilegium und Anthologium ich seit langem verzweifelt in einer deutschen Ausgabe suche - leicht zugängig, da sich der Suhrkamp Verlag seiner angenommen hat (stw 499), schon wieder eine Leserunde ;)). Aus einigen wenigen Zeilen bei Sextus folgert Russel, dass der Skeptizismus aufgrund seiner antidogmatischen Haltung zur Beliebigkeit führen müsse, dieser Schluss aber ist nicht zulässiger als sein Gegenteil, da man aufgrund des allumfassenden Zweifels nicht nur Parteigänger aller Haltungen, sondern genauso ein Kritiker derselben werden kann.

In der (schlaflosen) Nacht habe ich mir noch den Aufsatz von C. W. Goettling zu Diogenes zu Gemüte geführt: Durchaus informativ, wenn auch nichts Neues, sofern man dessen Namensvetter Diogenes Laertios gelesen hat. Goettling, der im 19. Jahrhundert schrieb, war wohl einer der ersten, die Diogenes positiv beurteilten; um aber nicht in den Geruch einer suspekten politischen Haltung zu kommen, wendet er sich immer wieder einmal gegen die "Communisten und Socialisten unserer Tage", die eben mit dem edlen alten Weisen nicht zu vergleichen seien. Dass er dabei manchmal in Erklärungsnot gerät versteht sich von selbst. Auch amüsant, wie Goettling jene Anekdoten zu ignorieren versucht, die Diogenes als "schamlos" ausweisen, implizit nimmt er mehrmals auf den Bericht Bezug, dass der Protokyniker auf dem Marktplatz onaniert hätte (ohne solches auszusprechen) - und verweist es apodiktisch ins Reich der Fabel. Trotzdem ist auch in diesem Aufsatz bereits spürbar, dass die kynische Bewegung in ihrem Propagieren von Bedürfnislosigkeit und der "autarkeia", also einer weitgehenden Unabhängigkeit von gesellschaftlichen und natürlichen Umständen, über all die Jahrhunderte aktuell blieb. So hat man Diogenes sowohl für nachhaltiges Wirtschaften als auch den real existierenden Sozialismus einzuspannen versucht.

Ich werde hoffentlich noch zur Lektüre einiger anderer Aufsätze (jener über "Simon the shoemaker" interessiert mich im Besonderen, da um diesen Schuhmacher und Freund des Sokrates sich zahllose Legenden ranken) Zeit finden (und so nebenher mit der Apologie beginnen ;)).

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #91 on: 08. Juli 2011, 15.44 Uhr »
Hallo!

Interessant in mehrfacher Hinsicht die Arbeit von F. Sayre "Antisthenes the Socratic", die Zweifel darüber äußert, ob Antisthenes tatsächlich als Begründer der kynischen Schule gelten kann. Die Argumente sind durchaus plausibel und nachvollziehbar: Antisthenes erscheint erst bei den nachchristlichen Doxographen und Philosophen als ein Mann mit spezifisch kynischen Ideen, all die zuvor mittelbar überlieferten Fragmente lassen keinen Hinweis darauf zu. Inwieweit natürlich diese Textstellen repräsentativ ausgewählt wurden vermag ich nicht zu sagen, meines Wissens gibt es aber nicht sehr viel mehr vom äußerst umfangreichen Schrifttum des Antisthenes als hier zitiert.

Sayre zeichnet das Bild eines sozial integrierten und etablierten Philosophen, der in weitgehender Übereinstimmung mit Plato seine Ansichten vortrug (die in der Literatur beschriebenen Fehden mit Plato hält er für erfunden bzw. nicht nachvollziehbar). Er bestreitet auch, dass Antisthenes in Kynosarges gelehrt habe (eine Etymologie verweist auf diesen Vorort als namensgebend für die Kyniker), da sich dort fast ausschließlich Fremde aufgehalten hätten. Allerdings war Antisthenes kein reiner Athener (sein Mutter war aus Thrakien), wie Sayre unterstellt (obwohl er zu Anfang die Herkunft des A. beschreibt) - und als echte und auch wahlberechtigte Bürger galten nur jene, bei denen beide Elternteile aus Athen kamen. Des weiteren hält er es für unwahrscheinlich, dass Diogenes und Antisthenes sich überhaupt gekannt haben sollen, er führt diese Herleitung der Kyniker von Sokrates über Antisthenes, Diogenes und Krates auf den Wunsch der um 200 v. Chr. sich etablierenden Stoiker zurück, Sokrates zu ihren direkten "Vorfahren" zählen zu dürfen.

Eine Überlegung drängt sich auf: Was, wenn nun die umfangreichen Werke des Antisthenes auf uns gekommen, hingegen Platos Schriften verschollen wären? Man muss sich dessen bewusst sein, wie selektiv unsere Wahrnehmung der Antike ist, wie sehr dem Zufall verbunden. Möglicherweise hätte sich das Christentum, das sich bei Plato und Aristoteles ausführlich bediente und diese Philosophen durch Uminterpretation in ihr Weltbild integrierte, gänzlich anders (oder gar nicht) entwickelt, vielleicht hätte bei anderer Quellenlage auch der Versuch des Apostaten, das Christentum durch eine heidnische Religion abzulösen, wesentlich mehr Erfolg gehabt. In jedem Fall bleibt die manchmal unterstellte gradlinige Entwicklung zu unserem rezenten Weltbild fragwürdig, sie ist in einem sehr viel stärkerem Maße vom Zufall abhängig als uns oftmals bewusst ist.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #92 on: 03. August 2011, 16.43 Uhr »
Hallo!

Wie zweifelhaft sich bei der rudimentären Quellenlage das Schreiben einer Philosophiegeschichte gestaltet zeigt der Sammelband von M. Billerbeck: Was für den einen ein Grund ist, dass er die Überlieferung mit Skepsis betrachtet, ist für den anderen Ausgangspunkt für seine gesamten Überlegungen. So ist Antisthenes allüberall der Gegenspieler des Platon und Begründer des Kynismus, während Sayre (wie schon erwähnt) weder für das eine noch für das andere einen Beleg findet - im Gegenteil.

Einige Anekdoten werden mehreren Protagonisten zugeschrieben: Wenn da ein Philosoph in ein reiches, schönes Haus eingeladen, ihm das Ausspucken untersagt wird - und er daraufhin seinem Gegenüber ins Gesicht spuckt - als einziger Stelle, die solches erlaubt - so wird dies von Aristipp, Antisthenes (?) und Diogenes erzählt. Wichtig bleibt dabei allein die Handlung und die dahinterstehende Kritik am äußeren Schein. Diese antikonventionelle Haltung zieht sich durch die gesamte Geschichte des Kynismus - und wenn sich pittoreske Punks auf öffentlichen Plätzen in ebensolcher Weise gebärden, so sind sie die (meist nichtphilosophischen) Nachfolger dieser Bewegung. Und auch der Ruf nach der Natur von Rousseau bis in unsere Tage ist eine Form dieses Kynismus, der da den Verfeinerungen der Zivilisation eine als ursprünglich gedachte Natürlichkeit entgegensetzt, die, da sie sich auch gesellschaftlichen Konventionen widersetzt, einen (wie bei den erwähnten Punks) anarchischen Zug bekommt.

Hier liegt auch das Problem des Kynismus: Er versteht sich als eine Gegenbewegung, er wird erst denk- und lebbar als Gegenentwurf, er braucht für seine Existenz all das, was er zu kritisieren sich vornimmt. (So wie der Punk am Bahnhof, der den Beamten um einen Euro bittet, um die Spirituosenindustrie anzukurbeln, genau diese beiden Elemente für sein Dasein braucht: Den braven (verachteten) Bürger mit ein wenig Geld und der Bereitschaft, dieses herzugeben als auch die kapitalistische Welt, die für die Bereitstellung der entsprechenden Konsummittel sorgt.) Durch diese grundsätzliche Anti-Haltung fehlt dem Kynismus ein Positivum, ein Ziel (bzw. eine Lehre), es fehlt der Gegenentwurf.

Dieses Gedankengut, sich primär zu widersetzen, Überkommenes zu kritisieren und zu hinterfragen ist in der Geschichte überall dort zu beobachten, wo nach Erlangen eines gewissen, dekadenten Wohlstandes eine Gruppe entsteht, die an diesem Wohlstand nicht partizipieren kann. (Zusätzlich wird diese Bewegung meist von Jugendlichen getragen (ich kann mich nicht (kaum) an 50jährige Punks erinnern), Jugendliche, die auf der Suche nach einer eigenen Position erstmal gegen Eltern, gegen deren Welt rebellieren und in diesem ersten Sich-Widersetzen etwas Eigenes finden. Schwieriger ist es, aus dem bloßen Widerspruch einen tatsächlichen, konstruktiven Entwurf für eine andere Welt zu machen, wobei ein solcher Entwurf zumeist viele der radikalen Positionen wieder revidieren muss.) Es wäre interessant zu untersuchen, inwieweit sich philosophische Versatzstücke unterschiedlichster Provenienz in heutigen Jugendkulturen finden.

lg

orzifar

der nun auch noch umfangreiche Literatur zur Stoa entliehen hat und auf diese Weise beim Russel nicht oder kaum vorwärts kommt.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #93 on: 05. August 2011, 19.19 Uhr »
Hallo!

Zusätzlich wird diese Bewegung meist von Jugendlichen getragen (ich kann mich nicht (kaum) an 50jährige Punks erinnern), [...]

Ich habe neulich einen gesehen - in einem Touristenrestaurant. Er hat sogar selber bezahlt. Allerdings hatte ich ihn im Verdacht, in diesem seinem Ander-Aussehen dieses sein Anders-Sein zu zelebrieren, er war vermutlich schwul. Protest in Narzismus verwandelt.


der nun auch noch umfangreiche Literatur zur Stoa entliehen hat und auf diese Weise beim Russel nicht oder kaum vorwärts kommt.

Macht nix, ich komme auch nicht zum Lesen.  ;)

Grüsse

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #94 on: 07. September 2011, 21.08 Uhr »
Hallo!

Unterdessen habe das Kapitel über Plotin gelesen. Es hat mich - mal wieder - etwas ratlos zurückgelassen. Einerseits scheint Russell Plotin sehr zu schätzen, andererseits kann er ihm doch nicht viel Besseres nachsagen, als dass er ein Kompilator und Eklektiker war. Und der geistige Vorreiter, das philosophische Deckmäntelchen, des aufkommenden Christentums. Welch letzteres mich bei Russell doch erstaunt.

Grüsse

sandhofer
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #95 on: 07. September 2011, 23.44 Uhr »
Schon bei Plotin :o (So nebenbei: Weißt du, ob Camus' Arbeit über Plotin je erschienen ist? Wahrscheinlich, sein Erstling "Der glückliche Tod" soll Bezüge zu dieser Arbeit aufweisen.)  Ich möchte eigentlich nochmal alle Kapitel über Skeptizismus, Epikureismus, Stoiker etc. lesen und einiges an Sekundärliteratur einarbeiten (wenn ich meine englische Phase überwunden habe). Wird also noch ein wenig dauern. Andererseits mache ich dir endlich mal keinen Leserundenstress :).

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #96 on: 08. September 2011, 09.02 Uhr »
Hallo!

Schon bei Plotin :o

Um ehrlich zu sein, habe ich zur antiken Philosophie - den einzigen Sokrates ausgenommen - keine wirkliche Affinität. Die Fragmente der Vorsokratiker sind für mich eher als literarische Bonmots interessant, die Schulen nach Platon und Aristoteles waren meiner Meinung nach auch nur Ab- und Ausschreiber, Platon - dort, wo er nicht Sokrates referiert - wird mir zu metaphysisch, Aristoteles ist intressant aber knochentrocken. Cicero oder Boethius oder Seneca oder Marc Aurel sind menschlich interessanter denn philosophisch. So habe ich diese Kapitel nur überflogen, umso mehr als Russell offenbar auch eher Pflichtübungen absolviert hat bei deren Behandlung.

Weißt du, ob Camus' Arbeit über Plotin je erschienen ist?

So aus dem Stand nicht. Ich versuche, mich noch schlau zu machen.

Grüsse

sandhofer
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #98 on: 08. September 2011, 14.22 Uhr »
Vielen Dank! - Mit dem richtigen Titel bin ich auch an der hiesigen Uni-Bibliothek schnell fündig geworden.

Ich schätze die antiken Philosophen sehr. Liegt u. a. an einem Professor für Alte Geschichte, einem der wenigen, der sein Fach verstand und dieses sein Wissen auf sehr anregende Weise vermitteln konnte.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #99 on: 22. November 2011, 19.28 Uhr »
Hallo!

Ich muss ein Einsehen habe und zur Kenntnis nehmen, dass die von mir in Augenschein genommene Sekundärliteratur nicht in angemessener Zeit zu bewältigen ist. Daher habe ich die letzten Kapitel (von Kynismus bis zum Einfluss der römischen Imperiums auf die Philosophie) noch einmal konsumiert und werde nun versuchen, einigermaßen zügig und ohne allzu viel Verzögerungen weiterzulesen.

Was mich am meisten an der Lektüre stört, sind Russels Beliebigkeitsaussagen, Gemeinplätze, die, wie es ihre Natur zu sein pflegt, ein gewisses Maß an Wahrheit besitzen, aber dann doch wieder so sehr relativiert werden müssen, dass von ihnen nichts übrigbleibt und man sie sich gleich hätte ersparen können. Ein Beispiel für viele: Die Epoche des Hellenismus ist eine Epoche der Unsicherheit, man verzweifelt an der Welt, die Umstände lassen kaum Raum für Hoffnung. Russel meint, dass ein Mensch bzw. Philosoph in einem solchen Geisteszustand sich nur noch von "zukünftigem Leben" oder "mystischer Verwandlung" etwas verspricht. Das hat natürlich etwas für sich, schlechte und unruhige Zeiten sind gute Zeiten für religiöse Strömungen jedweder Art: Allerdings stimmt dies im vorliegenden Fall kaum bis gar nicht, da weder Stoiker, noch Epikureer, Kyniker oder Skeptiker sehr viel von Religion gehalten haben, im Gegenteil häufig sogar recht materialistisch oder götterfeindlich eingestellt waren. Hier muss man also die besondere Situation der hellenistischen Welt berücksichtigen, ihre Heterogenität etc. Schon auf der nächsten Seite nimmt Russel einiges von dem zuvor Gesagten wieder zurück, stellt die Fragen ein wenig anders, bezeichnet auch den Hedonismus als eine nicht unwahrscheinliche Lösung der politischen Unsicherheit - alles mit dem Ergebnis, dass von einer einheitlichen, durchdachten Struktur im Sinne seines ursprünglichen Progammes nichts übrigbleibt; vielmehr hat man den Eindruck, als ob er manchmal Kapitelüberschriften anderer geschichtlich-philosophischer Darstellungen paraphrasieren würde.

Dazu kommt (wie schon einige Male zuvor erwähnt), dass Russel jene Philosophen (bzw. Strömungen), die er nicht besonders hoch achtet, auf platt kursorische Weise behandelt, ein paar Zitate, ein paar Überlegungen (die aber nun wirklich nichts Besonderes sind) - und damit Schluss (typisch etwa seine Behandlung der Stoiker, wo zum einen übermäßig viel zitiert, zum anderen (zu Recht) auf den Widerspruch von Determination und Willensfreiheit hingeweist, aber in einer umständlichen Ausführlichkeit, als ob er sich an diesen Widersprüchen einfach noch ein bisschen weiden möchte).

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #100 on: 23. November 2011, 20.04 Uhr »
Hallo!

Ich habe Zeit ... Und vor dem Wochenende werde ich mich auch nicht um Russells Scholastiker kümmern können ...

Grüsse

sandhofer
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #101 on: 01. Dezember 2011, 01.58 Uhr »
Hallo!

Das Plotin-Kapitel ist - naja, bescheiden. Es reiht sich in die lieblosen Lexika-Artikel mit Originalzitaten ein, die Russel schon bei den Vorsokratikern strapaziert hat. Wobei hier noch dazu kommt, dass aus Plotin (den er eigentlich mit viel Wohlwollen behandelt) beim besten Willen nicht viel zu machen ist, er ist weniger als Philosoph bedeutend als durch seinen Einfluss auf die christliche Theologie. Und er mag - wie geschildert - ein netter Kerl gewesen sein, als Denker bleibt er bescheiden. Er bringt mit zusätzlicher metaphysischer Verbrämung einiges von platonischem Gedankengut in die christliche Philosophie, der Rest ist Eklektizismus.

Nun folgen knapp 200 Seiten christliche Philosophie, ein paar ungustiöse Kirchenväter (erst vor kurzem bin ich wieder einmal auf des Augustinus Tirade über die Schlechtigkeit des Menschen gestolpert, die er schon im ersten Schreien des Babys zu erkennen meint und in dessen Verlangen nach Nahrung er nichts anderes als die Bösartigkeit des homo sapiens sieht: Solches berücksichtigend ist das christliche Weltbild mit all seinen Abgründen zumindest erklärbar). Mal sehen, was Russel draus macht und ob er den auf Nadelspitzen sitzenden Engelein die gebührende Aufmerksamkeit erweist.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #102 on: 21. Dezember 2011, 23.09 Uhr »

Hallo!

Die Einführung in die katholische Philosophie und der kurze Abriss der jüdischen Geistesgeschichte mit Bezug auf die christlichen Denkgebäude wirkt durchdachter als so manche vorherigen Kapitel. Während man bei diesen immer wieder das Gefühl hatte, lieblose Allerweltsartikel zu lesen (die jeder mit Philosophie befasste Mensch hätte schreiben können), versucht Russel hier auf die Wurzeln des christlichen Denkens einzugehen. Philosophisch ist dies alles nicht besonders aufschlussreich, als Grundlage für das nachfolgende Programm hingegen ein guter Entwurf. Allerdings wird man erst an den weiteren Abschnitten sehen, ob Russel es zu einer originelleren Sicht der Dinge bringt als in der Antike - und ob er die politischen und sozialen Umstände für die philosophische Entwicklung besser einzubringen vermag.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #103 on: 27. Dezember 2011, 16.19 Uhr »
Hallo

Ja, wenn alle Kapitel so gestaltet wären, wie die Einführung in die mittelalterliche Philosophie ... Das hier macht nun wieder Freude. Auch wenn ich orzifars Vorbehalte gegenüber der Weiterführung teile.

Grüsse

sandhofer
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #104 on: 27. Dezember 2011, 23.21 Uhr »
Hallo,

ja, liest sich recht gut bislang. Ich bin jetzt bei Kirchenvätern, Augustinus widmet er ein eigenes Kapitel (das ich möglicherweise heute noch lesen werde). Vielleicht liegt's auch daran, dass es unzählige Darstellungen antiker Philosophie gibt, die sich nicht wirklich voneinander unterscheiden (schon aufgrund der Quellenlage), weshalb man den Eindruck hat, dass man das Ganze schon unzählige Male gelesen hat.

Wir könnten ja stante pede die Augustinus-Leserunde starten, würde grad gut zum Russel passen.

lg

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