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Langsamer geht nun wirklich nicht mehr

Zehnter Abschnitt: Über Wunder
Spätestens nach diesem Kapitel wird klar, warum Hume auf wenig Gegenliebe seitens der theologischen Fakultäten stieß. Angesichts der Tatsache, dass auch noch zu Lebzeiten Humes so manch christlicher Scheiterhaufen gebrannt hat, muss man feststellen, dass diese seine Wunderanalyse ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen war; gefährlicher, als im 21. Jahrhundert mit unbekannten schottischen Philosophen in eine Verkehrskontrolle zu kommen.
Hume gliedert seine Analyse in zwei Teile, wobei Teil eins eine mehr theoretische, Teil zwei eine praktische Untersuchung des Wunderglaubens ist. Die ein wenig sophistisch anmutende Turnerei zu Beginn muss wohl wirklich auf dem Hintergrund der Zeit gesehen werden (heute beschäftigt sich ernsthaft niemand mehr mit biblischen - oder rezenten - Wundern; andererseits, bevor ich unsererm Zeitalter eine zu große Ehre erweise: Lourdes ist immer noch viel besucht, esoterische Praktiken sind - v. a. im gesundheitlichen Bereich - en vogue und sogar Astro-Hotlines scheinen eine gewisse ökonomische Daseinsberechtigung zu besitzen, woraus man schließen darf, dass die Zahl derer, die demnächst wegen erhöhter Telefonkosten Monsieur Zwegat kontaktieren müssen, eine beträchtliche ist).
Hume sucht die Glaubwürdigkeit der Überlieferung zu kritisieren: Da der tatsächlichen empirischen Erfahrung die höchste Gewissheit zukomme, ist die apostolische Überlieferung (da aus zweiter Hand) mit mehr Vorsicht zu genießen. Niemals aber könne eine größere Gewissheit durch eine geringere verdrängt werden. Man solle sich schlicht überlegen, was man denn für wahrscheinlicher halte: Dass Tote zumLeben erweckt, Wein in Wasser verwandelt werde (wofür es in der Gegenwart nirgendwo einen Hinweis gäbe) oder ob man das Zeugnis anzweifeln solle, weil diese Berichte zum einen dem Bedürfnis der Menschen geschuldet sind, den "Affekt der Überraschung und der Verwunderung" zu erzielen, zum anderen man sich fragen sollte, ob durch das Berichten solcher Vorfälle dem Berichtenden irgendein Vorteil zuteil wird. Also: Die Glaubwürdigkeit desjenigen soll überprüft werden, der da von solchen Dingen berichtet und dann mit dem stattgehabten Wunder verglichen werden bzw. die Frage gestellt werden, wofür angesichts der Erfahrung die größere Wahrscheinlichkeit spräche: Für das Wunder an sich oder dafür, dass aus mehr-weniger gutem Grund die Berichte gefälscht sind oder aber der Berichtende einem Irrtum zum Opfer gefallen sei.
Hume trifft, was solche "wunderbaren" Ereignisse betrifft, eine wichtige Unterscheidung zwischen diesen und "außergewöhnlichen" Ereignissen. Letztere sind solche, die keinem der bekannten Naturgesetze widersprechen, aber den Berichtenden (oder auch den Menschen an sich - je nach Erfahrung) seltsam erscheinen. Um das zu illustrieren berichtet er von einem indischen Prinzen, der der Erzählung, Wasser könne gefrieren, weshalb man sogar auf diesem Wasser gehen könne, wenig Glauben schenkte. Dies wäre nun ein (für den Prinzen) typisch "außergewöhnliches" Ereignis (da er die Umweltbedingungen, die das Gefrieren des Wassers hervorruft, nicht kennt); hingegen kein wunderbares (da keinem der bekannten Gesetze widersprechend). Als wunderbar wäre hingegen ein Gefrieren bei 30 Grad Celsius Außentemperatur anzusehen.
Die Argumentationslinie Humes auf diesen 28 Seiten ist allerdings ziemlich verworren. Er versucht zum einen eine Art Abwägung der Wahrscheinlichkeit (Glaubwürdigkeit der Überlieferung versus wunderbares Ereignis), argumentiert dann hingegen wieder psychologisch (mit dem zu erzielenden Effekt des berichteten Wunderbaren bzw. mit dem Vorteil, den etwa Institutionen aus solchen Ereignissen ziehen). Nicht die Argumente an sich sind zu kritisieren, sondern die wenig stringente Beweisführung nebst den sophistisch anmutenden Wahrscheinlichkeitsberechnungen.
Das Ende des Abschnittes liest sich ironisch (wobei Hume auch mögliche unangenehme Konsequenzen für seine Person im Auge gehabt haben könnte, die er durch diese Formulierungen zu vermeiden trachtete): "Ich bin mit der hier entwickelten Methode der Vernunfttätigkeit um so zufriedener, als sie meines Erachtens dazu dienen kann, jene gefährlichen Freunde oder versteckten Feinde der christlichen Religion abzuführen, die es unternommen haben, sie mit den Prinzipien der menschlichen Vernunft zu verteidigen. Unsere allerheiligste Religion gründet sich auf Glauben, nicht auf Vernunft. Es ist ein sicherer Weg, sie bloßzustellen, wenn man sie einer solchen Probe aussetzt, die zu bestehen sie in keiner Weise geeignet ist." Hiermit schützt er sich einerseits, andererseits hat er selbstverständlich damit vollkommen Recht. Die verqueren Versuche, christliche Religion und Vernunft miteinander in Einklang zu bringen, sind vollkommen unsinnig: Würde man das ganze Wunderbrimborium von Jungfrauengeburt, Auferstehung, Totenheilung, Wein-Wasser-Panscherei weglassen, würden selbstverständlich auch zentrale Pfeiler der Religion zum Einsturz kommen und schon nächsten Sonntag könnte kein Mensch mehr an einer Messe mit all ihrem Hokuspokus teilnehmen. Er stellt hier den Glauben über die Vernunft, etwas, das in der heutigen Theologie - zwangsläufig - die Regel ist, man spricht von einer "Gnade", die Gott der Herr seinen (einfältig gedachten) Schäflein zuteil werden lässt. Vielleicht ist es tatsächlich eine Gnade, in jedem Fall aber eine zweifelhafte

lg
orzifar