Author Topic: David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand  (Read 38787 times)

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #45 on: 20. November 2010, 16.50 Uhr »
Hallo!

Neunter Abschnitt: Über die Vernunft der Tiere

Ein relativ kurzes Kapitel, dessen Überlegungen heute fast selbstverständlich anmuten, die aber für das 18. Jahrhundert revolutionär waren. Hume stellt den Menschen ins Tierreich bzw.: Er analysiert die Lernfähigkeit von Tieren, die er (was den Ursache-Wirkung-Komplex betrifft) ebenfalls auf Erfahrung zurückführt. Die Tiere dienen ihm diesbezüglich als Argument, das diese Kausal-Erkenntnis ganz offenkundig nicht rational sein kann, weil Lebewesen, denen kaum Vernunft zugesprochen werden kann (und schon gar keine logisch-deduktiven Schlüsse) trotzdem entsprechend handeln. Revolutionär ist das insofern, als dass bis zu diesem Zeitpunkt Tiere und Menschen der "göttlichen Vernunft" wegen niemals verglichen wurden, dass eine hierarschische Trias Tier - Mensch - Gott angenommen wurde, wobei etwa Descartes den Tieren überhaupt keine Empfindung zugestanden hat ("sie seien seelenlose Automaten").

Hume nun hebt diese Trennung auf. Er sieht Mensch und Tier ähnlich (und vergleicht die unterschiedliche Erkenntnisfähigkeit zwischen den Menschen mit der zwischen Mensch und Tier), er lässt Gott, absoluten Geist, Spiritualität und ähnliche Hirngespinste außen vor und kommt dadurch zu einer - für uns heute meist selbstverständlichen - Einschätzung einer grundsätzlich gleichen Erkenntnisstruktur mit bloß unterschiedlich starken, rationalen Einsprengseln. Diese Einbettung des Menschen in die Natur ist vergleichbar mit Darwins Evolutionslehre, die den Menschen ebenfalls aus dem Olymp und der Götterverwandtschaft ins Tierreich zurückholte.

Konzepte wie die Descartessche res cogitans bzw. res extensa sind paradigmatisch für metaphysische, spirituelle Spinnereien und führen zumeist auf irgendeine Form von Gott. Sobald ich eine res cogitans postuliere, die da ganz losgelöst von der Materie durch den Raum wabert (wobei: Was wabert da - und braucht's für den Raum nicht auch Materie?), wird einer Beliebigkeitsphilosophie Tür und Tor geöffnet, weil dann stets ein Nichts (oder Unbegreifliches, Gott, der Osterhase etc.) für etwas verantwortlich gemacht werden kann, wobei dieses Nichts als derart unbegreiflich gedacht wird (mit Recht? ;)), dass darüber gar nicht weiter spekuliert werden kann oder darf (wenn's etwa um geoffenbarte Attribute Gottes sich handelt). Modernere Versionen führen in schmuddelige Esoterikseparées, wo sich spirituelle Stammtischbrüder mit zumeist fernöstlichem Philosophiegebräu besaufen. Prost!

lg

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #46 on: 21. November 2010, 09.43 Uhr »
Hallo!

Jo mei - jetzt hast Du's aber eilig ...  :D

Ich habe den 8. Abschnitt gelesen, meines Dafürhaltens wohl der zentrale der ganzen Untersuchung.

Zuerst geht Hume davon aus, dass in der Philosophie fruchtlose und sinnvolle Diskussionen gibt. Die fruchtlosen sind die, die das menschliche Vermögen ganz übersteigen - z.B. die Frage nach dem Ursprung der Welt. Das wird in einem kurzen Abschnitt so abgetan. Die Entwicklung der Physik hat Hume - zumindest in seinem Beispiel - widerlegt. Das ist das Dumme an Beispielen; aber an und für sich gebe ich ihm Recht: Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen. Die Frage ist nur, ob der Rest des 8. Abschnitts nicht eben auch in die schweigende Abteilung gehören würde ...

Die Diskussion über Freiheit und Notwendigkeit beginnt damit, dass Hume vieles an solchen Endlosdisputationen darauf zurückführt, dass die Philosophen, ohne es zu merken, mit demselben Wortlaut/Begriff unterschiedliche Assoziationen verknüpfen. Sauber definierte Begriffe würden zu einer Meinungsgleichheit führen. Das wäre schön, ich kann mir das aber nur allenfalls für die sog. exakten Wissenschaften, allen voran die Mathematik, vorstellen. Es sind ja dann auch bei Hume Beispiele aus der Physik / Mechanik, die seine These illustrieren.

Diese Lehre von der Notwendigkeit würden eigentlich alle Menschen anerkennen, da niemand bei genauerer Überlegung von einem motivationslosen Handeln ausgeht. Der Streit sei hier oft ein scheinbarer, einer um Worte. Freiheit ist nach Hume also nicht Unverursachtheit, sondern die Macht seinem Willen entsprechend zu handeln. "Diese bedingte Freiheit wird jedem zugestanden, der kein Gefangener ist." Freiheit also per definitionem nicht der Notwendigkeit, sondern dem Zwang gegenübergestellt. Freiheit und Notwendigkeit widersprechen einander nicht.

Ja. Schön wär's. Da hinter der Notwendigkeit das Ursache-Wirkungs-Prinzip steht, und ich zu jeder Wirkung noch immer eine Ursache finden kann (schon rein semantisch), ist Willensfreiheit eigentlich nur meine Unwissenheit über die Ursache meines Wollens / Handelns. Freud, Watson und Skinner lassen grüssen.

Ausserdem kommt der Philosoph natürlich entweder in einen unendlichen Regress, da jede Ursache ihrerseits Wirkung einer andern Ursache ist, oder er setzt gewaltsam den Deus ex machina. Hume tut letzteres - und landet prompt im Mustopf der Theodizee.

Hume versucht zu zeigen, dass Willensfreiheit mit Notwendigkeit vereinbar ist. Diese Willensfreiheit ist aber m.M.n. nur eine eingeschränkte, ja nur eine scheinbare. Ich bin scheinbar frei zu tun, was ich will, weil ich mir der Motive meines Handelns, meiner Entscheidungen nicht bewusst bin. Ausserdem wir jede Ethik oder Moral so unmöglich, weil eine Willensfreiheit, hinter der eine unerkannte Notwendigkeit steht, natürlich nicht moralisch beurteilt werden kann. Es lässt nun auch der Marquis de Sade grüssen.

Interessant eine Anmerkung in der Sekundärliteratur zu Locke: Dieser hat sich, m. E. nicht zu Unrecht, gegen den Terminus "Willensfreiheit" ausgesprochen, da mit Freiheit ein Vermögen bezeichnet werde, der Wille hingegen ein Vermögen ist, weshalb mit Willensfreiheit einem Vermögen ein Vermögen zugesprochen wird, was denn nun so sinnvoll sei wie die Behauptung, die Tugend sei viereckig. Freiheit kann nicht vom Willen, nur vom wollenden Menschen ausgesagt werden, der aus einer Mehrheit von Motiven wählen kann. Eine Wahl, die nur möglich ist, weil der Mensch nicht sofort zu reagieren gezwungen ist, sondern aufgrund rationaler Überlegungen die Zweck-Mittel-Zusammenhänge überprüfen kann.

Ja. Das geht aber m.M.n. nur, wenn ich das menschliche Wollen aus dem Determinismus von Ursache und Wirkung komplett herauslöse.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #47 on: 22. November 2010, 19.37 Uhr »
Hallo!

Jo mei - jetzt hast Du's aber eilig ...  :D

Das täuscht, ich versuche mich zurückzuhalten ;).

Ich habe den 8. Abschnitt gelesen, meines Dafürhaltens wohl der zentrale der ganzen Untersuchung.

Hm, zentral sind eher die Abschnitte 10 bis 12, wobei der Grundgedanke (das Empirische von Kausalschlüssen) jeweils für die in Frage stehenden Bereiche abgehandelt wird.

Zuerst geht Hume davon aus, dass in der Philosophie fruchtlose und sinnvolle Diskussionen gibt. Die fruchtlosen sind die, die das menschliche Vermögen ganz übersteigen - z.B. die Frage nach dem Ursprung der Welt. Das wird in einem kurzen Abschnitt so abgetan. Die Entwicklung der Physik hat Hume - zumindest in seinem Beispiel - widerlegt. Das ist das Dumme an Beispielen; aber an und für sich gebe ich ihm Recht: Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.

Prinzipiell gebe ich dir vollkommen Recht: Wissenschaftliche Erkenntnisse, die, historisch betrachtet, immer nur tagesaktuell sind, eignen sich nur sehr bedingt für die Untermauerung einer philosophischen These. Im vorliegenden Falle (bezüglich der Entstehung der Welt) aber scheinst du mir Hume Unrecht zu tun: Denn hiermit hat er sicher weniger auf vorhandene (nichtvorhandene) physikalische Kenntnisse rekurriert, denn (ein vielleicht unglückliches) Beispiel für eine nicht diskussionswürde These gesucht, er hatte einen (göttlichen) Schöpfungsakt im Auge, über den zu spekulieren eben fruchtlos sei. Dass er diesbezüglich von Quantenfluktuationen oder dem Aufeinanderklatschen von Strings (möglicherweise) eingeholt worden ist, ist in diesem, von Hume gemeinten Sinn ihm nicht anzulasten. Der von dir aufgezeigt Fehler findet sich hingegen häufig bei Schopenhauer, der in den "neuesten" Erkenntnissen der Wissenschaft die Bestätigung seiner Philosophie sehen wollte.

Die Diskussion über Freiheit und Notwendigkeit beginnt damit, dass Hume vieles an solchen Endlosdisputationen darauf zurückführt, dass die Philosophen, ohne es zu merken, mit demselben Wortlaut/Begriff unterschiedliche Assoziationen verknüpfen. Sauber definierte Begriffe würden zu einer Meinungsgleichheit führen. Das wäre schön, ich kann mir das aber nur allenfalls für die sog. exakten Wissenschaften, allen voran die Mathematik, vorstellen. Es sind ja dann auch bei Hume Beispiele aus der Physik / Mechanik, die seine These illustrieren.

Eine solche größere Genauigkeit kann zwar in der Philosophie nun näherungsweise erreicht werden, ist aber dennoch erstrebenswert. Recht hat er schon, der gute Hume - nur: Er hätte allen Grund gehabt, sich selbst an der Nase zu nehmen, denn er agiert sehr uneinheitlich, was die von ihm verwendeten Begriffe anlangt (von Beginn an: Mit seinen ideas, thoughts, imaginations, perceptions etc.).

Ja. Schön wär's. Da hinter der Notwendigkeit das Ursache-Wirkungs-Prinzip steht, und ich zu jeder Wirkung noch immer eine Ursache finden kann (schon rein semantisch), ist Willensfreiheit eigentlich nur meine Unwissenheit über die Ursache meines Wollens / Handelns. Freud, Watson und Skinner lassen grüssen.

Ausserdem kommt der Philosoph natürlich entweder in einen unendlichen Regress, da jede Ursache ihrerseits Wirkung einer andern Ursache ist, oder er setzt gewaltsam den Deus ex machina. Hume tut letzteres - und landet prompt im Mustopf der Theodizee.

Hume versucht zu zeigen, dass Willensfreiheit mit Notwendigkeit vereinbar ist. Diese Willensfreiheit ist aber m.M.n. nur eine eingeschränkte, ja nur eine scheinbare. Ich bin scheinbar frei zu tun, was ich will, weil ich mir der Motive meines Handelns, meiner Entscheidungen nicht bewusst bin. Ausserdem wir jede Ethik oder Moral so unmöglich, weil eine Willensfreiheit, hinter der eine unerkannte Notwendigkeit steht, natürlich nicht moralisch beurteilt werden kann. Es lässt nun auch der Marquis de Sade grüssen.

Bei alledem (wobei ich mehr-weniger nur Humes Gedanken referieren wollte, da ich mir nicht anmaße, so im Vorbeigehen das Problem der Willensfreiheit zu lösen) stellt sich mir u. a. die Frage, ob ich dieses Bewusstsein zur Freiheit überhaupt brauche. Vor Jahren waren Arbeiten in aller Munde, die nachwiesen (oder diesen Nachweis zu erbringen schienen, da gab's auch unterschiedliche Auslegungen), dass unsere Entscheidungen vor-bewusst wären, woraus man Einschränkungen der Willensfreiheit ableitete (oder ableiten wollte). Braucht es aber das Bewusstsein, die rationale Überlegung vor einer Handlung oder aber kann eine Entscheidung frei sein, ohne dass ich davon weiß, weil es ja doch ich (bzw. mein Körper, bestimmte Gehirnbereiche) bin, der da entscheidet? Dieses Ich, Bewusstsein, was auch immer kann ja niemals von meinem Körper gelöst agieren (dann sind wir ohnehin mitten in Geistererscheinungen), mein Bewusstsein ist ganz offensichtlich an die Materie gebunden, sodass ohne diese jenes nicht existiert. Weshalb das meist (geistig gedachte) ich in dieser Form (der geistigen) nicht existiert.

Humes Trick finde ich im übrigen so schlecht nicht: Natürlich kann ich immer deterministisch argumentieren und alles immer auf etwas zurückführen. Jeder Gedanke, jeder Satz, jede Buchstabe, den ich hier tippe, ist Folge eines zeitlich vorhergegehenden Zustandes - und somit sind wir alle determiniert, du in deinen Antworten, die Mitleser im Mitlesen etc., alles Vergangene konnte so und nur so geschehen. (Macht die Quantenphysik dem einen Garaus, diese Physik des Kleinsten, wo einzig "echter" Zufall stattfindet?) Im Treatise schreibt Hume, dass "alles was zu existieren anfängt, einen Grund in seiner Existenz haben müsse". Dies gilt auch für psychische Befindlichkeiten. Diese Gesetzmäßigkeit liegt aber nicht in den Dingen, sondern im erkennenden Subjekt und sie ist Grundlage aller nomothetischen Wissenschaften. Freiheit ist aber für Hume nicht, dass jeder wollen kann, was er wollen will, sondern, dass jeder ohne äußeren Zwang tun kann, was er tun will. Dass man dies mit einem strengen Determinismus (der jede neuronale Regung auf eine vorhergehende - ad infinitum - zurückführt) wieder von seiner Freiheit entkleiden kann, ist mir klar ;).

lg

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #48 on: 23. November 2010, 21.01 Uhr »
Guten Abend!

Ich habe den 8. Abschnitt gelesen, meines Dafürhaltens wohl der zentrale der ganzen Untersuchung.

Hm, zentral sind eher die Abschnitte 10 bis 12, wobei der Grundgedanke (das Empirische von Kausalschlüssen) jeweils für die in Frage stehenden Bereiche abgehandelt wird.

Gut. Ich hätte wohl besser geschrieben, dass Hume so langsam zur Sache kommt, Butter bei die Fische gibt.  ;)

Denn hiermit hat er sicher weniger auf vorhandene (nichtvorhandene) physikalische Kenntnisse rekurriert, denn (ein vielleicht unglückliches) Beispiel für eine nicht diskussionswürde These gesucht, er hatte einen (göttlichen) Schöpfungsakt im Auge, über den zu spekulieren eben fruchtlos sei.

Gewiss. Aber das Beispiel ist trotzdem unglücklich, weil - wie wir heute wissen - auch seriöse Naturwissenschaft sich dieselbe Frage gestellt hat. Besser wäre sicher die Frage gewesen, wieviele Engel auf einer Nadelspitze Platz finden.

Humes Trick finde ich im übrigen so schlecht nicht:

Im Prinzip ja. Ein bisschen sauberer ausgeführt ... (Ich weiss, dass ich - philosophiegeschichtlich gesehen - Unmögliches verlange.  ;) )

Grüsse

sandhofer
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #49 on: 24. November 2010, 01.56 Uhr »
Gewiss. Aber das Beispiel ist trotzdem unglücklich, weil - wie wir heute wissen - auch seriöse Naturwissenschaft sich dieselbe Frage gestellt hat. Besser wäre sicher die Frage gewesen, wieviele Engel auf einer Nadelspitze Platz finden.

Zwei Doofe, ein Gedanke: Genau dieses Beispiel wollte ich auch vorschlagen ;).

lg

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #50 on: 25. November 2010, 20.58 Uhr »
Gewiss. Aber das Beispiel ist trotzdem unglücklich, weil - wie wir heute wissen - auch seriöse Naturwissenschaft sich dieselbe Frage gestellt hat. Besser wäre sicher die Frage gewesen, wieviele Engel auf einer Nadelspitze Platz finden.

Zwei Doofe, ein Gedanke: Genau dieses Beispiel wollte ich auch vorschlagen ;).

 ;D

Wobei ich an den Scholastikern ja diese Art von intellektueller Turnerei immer bewundere. Es mag wenig Sinn haben, aber Kreuzworträtsel, Soduko, ja sogar Schach haben im Grunde genommen genau so wenig. (Wobei ich mich gerade frage, ob diese Frage bei einem Kirchenvater oder Scholastiker tatsächlich auftaucht oder ob sie später zur Veralberung scholastischer Diskussionen erfunden worden ist.)
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #51 on: 01. Dezember 2010, 18.15 Uhr »
Hallo!

Langsamer geht nun wirklich nicht mehr ;)

Zehnter Abschnitt: Über Wunder

Spätestens nach diesem Kapitel wird klar, warum Hume auf wenig Gegenliebe seitens der theologischen Fakultäten stieß. Angesichts der Tatsache, dass auch noch zu Lebzeiten Humes so manch christlicher Scheiterhaufen gebrannt hat, muss man feststellen, dass diese seine Wunderanalyse ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen war; gefährlicher, als im 21. Jahrhundert mit unbekannten schottischen Philosophen in eine Verkehrskontrolle zu kommen.

Hume gliedert seine Analyse in zwei Teile, wobei Teil eins eine mehr theoretische, Teil zwei eine praktische Untersuchung des Wunderglaubens ist. Die ein wenig sophistisch anmutende Turnerei zu Beginn muss wohl wirklich auf dem Hintergrund der Zeit gesehen werden (heute beschäftigt sich ernsthaft niemand mehr mit biblischen - oder rezenten - Wundern; andererseits, bevor ich unsererm Zeitalter eine zu große Ehre erweise: Lourdes ist immer noch viel besucht, esoterische Praktiken sind - v. a. im gesundheitlichen Bereich - en vogue und sogar Astro-Hotlines scheinen eine gewisse ökonomische Daseinsberechtigung zu besitzen, woraus man schließen darf, dass die Zahl derer, die demnächst wegen erhöhter Telefonkosten Monsieur Zwegat kontaktieren müssen, eine beträchtliche ist).

Hume sucht die Glaubwürdigkeit der Überlieferung zu kritisieren: Da der tatsächlichen empirischen Erfahrung die höchste Gewissheit zukomme, ist die apostolische Überlieferung (da aus zweiter Hand) mit mehr Vorsicht zu genießen. Niemals aber könne eine größere Gewissheit durch eine geringere verdrängt werden. Man solle sich schlicht überlegen, was man denn für wahrscheinlicher halte: Dass Tote zumLeben erweckt, Wein in Wasser verwandelt werde (wofür es in der Gegenwart nirgendwo einen Hinweis gäbe) oder ob man das Zeugnis anzweifeln solle, weil diese Berichte zum einen dem Bedürfnis der Menschen geschuldet sind, den "Affekt der Überraschung und der Verwunderung" zu erzielen, zum anderen man sich fragen sollte, ob durch das Berichten solcher Vorfälle dem Berichtenden irgendein Vorteil zuteil wird. Also: Die Glaubwürdigkeit desjenigen soll überprüft werden, der da von solchen Dingen berichtet und dann mit dem stattgehabten Wunder verglichen werden bzw. die Frage gestellt werden, wofür angesichts der Erfahrung die größere Wahrscheinlichkeit spräche: Für das Wunder an sich oder dafür, dass aus mehr-weniger gutem Grund die Berichte gefälscht sind oder aber der Berichtende einem Irrtum zum Opfer gefallen sei.

Hume trifft, was solche "wunderbaren" Ereignisse betrifft, eine wichtige Unterscheidung zwischen diesen und "außergewöhnlichen" Ereignissen. Letztere sind solche, die keinem der bekannten Naturgesetze widersprechen, aber den Berichtenden (oder auch den Menschen an sich - je nach Erfahrung) seltsam erscheinen. Um das zu illustrieren berichtet er von einem indischen Prinzen, der der Erzählung, Wasser könne gefrieren, weshalb man sogar auf diesem Wasser gehen könne, wenig Glauben schenkte. Dies wäre nun ein (für den Prinzen) typisch "außergewöhnliches" Ereignis (da er die Umweltbedingungen, die das Gefrieren des Wassers hervorruft, nicht kennt); hingegen kein wunderbares (da keinem der bekannten Gesetze widersprechend). Als wunderbar wäre hingegen ein Gefrieren bei 30 Grad Celsius Außentemperatur anzusehen.

Die Argumentationslinie Humes auf diesen 28 Seiten ist allerdings ziemlich verworren. Er versucht zum einen eine Art Abwägung der Wahrscheinlichkeit (Glaubwürdigkeit der Überlieferung versus wunderbares Ereignis), argumentiert dann hingegen wieder psychologisch (mit dem zu erzielenden Effekt des berichteten Wunderbaren bzw. mit dem Vorteil, den etwa Institutionen aus solchen Ereignissen ziehen). Nicht die Argumente an sich sind zu kritisieren, sondern die wenig stringente Beweisführung nebst den sophistisch anmutenden Wahrscheinlichkeitsberechnungen.

Das Ende des Abschnittes liest sich ironisch (wobei Hume auch mögliche unangenehme Konsequenzen für seine Person im Auge gehabt haben könnte, die er durch diese Formulierungen zu vermeiden trachtete): "Ich bin mit der hier entwickelten Methode der Vernunfttätigkeit um so zufriedener, als sie meines Erachtens dazu dienen kann, jene gefährlichen Freunde oder versteckten Feinde der christlichen Religion abzuführen, die es unternommen haben, sie mit den Prinzipien der menschlichen Vernunft zu verteidigen. Unsere allerheiligste Religion gründet sich auf Glauben, nicht auf Vernunft. Es ist ein sicherer Weg, sie bloßzustellen, wenn man sie einer solchen Probe aussetzt, die zu bestehen sie in keiner Weise geeignet ist." Hiermit schützt er sich einerseits, andererseits hat er selbstverständlich damit vollkommen Recht. Die verqueren Versuche, christliche Religion und Vernunft miteinander in Einklang zu bringen, sind vollkommen unsinnig: Würde man das ganze Wunderbrimborium von Jungfrauengeburt, Auferstehung, Totenheilung, Wein-Wasser-Panscherei weglassen, würden selbstverständlich auch zentrale Pfeiler der Religion zum Einsturz kommen und schon nächsten Sonntag könnte kein Mensch mehr an einer Messe mit all ihrem Hokuspokus teilnehmen. Er stellt hier den Glauben über die Vernunft, etwas, das in der heutigen Theologie - zwangsläufig - die Regel ist, man spricht von einer "Gnade", die Gott der Herr seinen (einfältig gedachten) Schäflein zuteil werden lässt. Vielleicht ist es tatsächlich eine Gnade, in jedem Fall aber eine zweifelhafte ;)

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #52 on: 01. Dezember 2010, 22.01 Uhr »
Langsamer geht nun wirklich nicht mehr ;)

Doch.  ;D Ich bin übers Wochenende weg gewesen und im Moment durch die Schneefälle arbeitswegstechnisch recht handicapiert - und deshalb noch immer im 8. Abschnitt ...  :(
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #53 on: 05. Dezember 2010, 15.29 Uhr »
Hallo!

Neunter Abschnitt: Über die Vernunft der Tiere

Da wäre ich nun auch ...

Hume [...] sieht Mensch und Tier ähnlich (und vergleicht die unterschiedliche Erkenntnisfähigkeit zwischen den Menschen mit der zwischen Mensch und Tier),

Wobei er in der Anmerkung - bewusst oder nicht - einen Unterschied einbaut: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das aus der Erfahrung anderer - und zwar nicht nur im unmittalbaren Dabeisein (wenn Schwesterchen vor unsern Augen sich die Finger an der Herdplatte verbrennt), sondern auch durch Überlieferung über Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende - lernen kann. Insofern ist dann sein letzter Satz, wo er Nestbau eines Vogels mit eben diesem Verbrennen vergleicht, nicht ganz glücklich. Der Nestbau ist nur in sehr engem Rahmen variabel. Während die Angst vor Feuer zum einen existentiell und damit auch einem Vogel eigen ist, zum andern zu einem gewissen Grad auch überwunden werden kann. Aber prinzipiell gebe ich Hume natürlich recht.

Hume quasi als Vordenker von Darwin? Ein interessanter Gedanke.

Konzepte wie die Descartessche res cogitans bzw. res extensa sind paradigmatisch für metaphysische, spirituelle Spinnereien und führen zumeist auf irgendeine Form von Gott.

Ja, da hat uns Hume wirklich einen Schritt vorwärts gebracht. (Obwohl ich solchen Ideen wie "Fortschrite in der Philosophie" im Allgemeinen recht skeptisch gegenüber stehe.)

Grüsse

sandhofer
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #54 on: 12. Dezember 2010, 14.45 Uhr »
Hallo!

Sodele, Teil 10 nun auch gelesen. Und da ist nun auch der von mir früher vermisste Hinweis darauf, dass der Mensch auch vom Menschen, von der menschlichen Überleiferung lernt. Bei Hume sind es allerdings eher die unewöhnlichen, dem Alltagserleben widersprechenden Dinge, die er aus der Überleiferung nimmt. Was für Hume Anlass ist, solche Überlieferung zu prüfen. Der 10. Abschnitt könnte die Grundlage zu einem Handbuch der Vernehmungswissenschaften für Richter und Kriminalbeamte werden.  :police:

Hume scheint tatsächlich ein wenig ziellos im trüben Wasser der Wunder herumzugrabschen, hier ein Argument zu finden, dort eines. Alles in allem aber eine für seine Zeit grandiose Leistung und Widerlegung des Wunderglaubens. Inklusive der Eigenrettung zum Schluss, wo er sich das klassische "Credo quia absurdum" zu eigen macht. Nun ja - lebensmüde war er ja wohl nicht.

Grüsse

sandhofer
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #55 on: 17. Dezember 2010, 15.44 Uhr »
Sodele, Teil 10 nun auch gelesen. Und da ist nun auch der von mir früher vermisste Hinweis darauf, dass der Mensch auch vom Menschen, von der menschlichen Überleiferung lernt. Bei Hume sind es allerdings eher die unewöhnlichen, dem Alltagserleben widersprechenden Dinge, die er aus der Überleiferung nimmt. Was für Hume Anlass ist, solche Überlieferung zu prüfen.

Das stimmt so nicht, Hume spricht von "ideas of memory" (Kapitel 2?) - und unter diese ideas werden selbstverständlich auch jene Erfahrungen gezählt, die sich aus dem Lesen eines Buches bzw. der Unterhaltung mit einem Menschen, also all das, was in irgendeiner Form überliefert wird, gezählt. Inwieweit eine solche Überlieferung vertrauenswürdig ist, steht auf einem anderen Blatt; dieses Problem sucht Hume durch die Analyse des Wunderglaubens in Ansätzen zu lösen.

Ich werde nun (hoffentlich) ein wenig schneller vorankommen und mich nicht mehr mit den profanen Dingen des Lebens beschäftigen müssen. (Profanitäten der Art, die etwa mit dem Kauf eines neuen Autos verbunden sind, mit An- und Abmeldungen, Parkgenehmigungen, Versicherungsschutz und dgl. Menschen verstehen offensichtlich nicht, dass man seinen fahrbaren Untersatz bloß zum Behufe der Fortbewegung braucht und dass ästhetische Kriterien bei einem Fahrzeug ebensowenig von Bedeutung sind wie beim Kauf einer Kloschüssel. Dass diese ganzen auftauchenden Kalamitäten über Wochen einen Teil des Kopfes zu okkupieren vermögen ist ein eindeutiger Verrat am Leben.)

lg

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #56 on: 18. Dezember 2010, 06.42 Uhr »
Nu ja - auf eine gewisse minimale Ästhetik lege ich schon Wert. Bei Auto wie bei Kloschüssel ...  ;)
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #57 on: 19. Dezember 2010, 14.10 Uhr »
Hallo!

Abschnitt 11

Zuerst sichert sich Hume mal nach allen Seiten ab. Er beginnt damit, dass er festhält, dass der Philosophe bzw. den Philosophen von Staates oder Kirche wegen nachzustellen quasi mit Kanonen nach Spatzen schiessen heisst; schliesslich ist die Philosophie nur Spiel der Gedanken, keine ernst gemeinte Theologie. Dann fährt er fort, indem er das Folgende als Gespräch zwischen sich und einem Freund schildert - ähnlich wie Thomas Morus sein "Utopia" geschildert hat. Und selbst in diesem Gespräch nehmen die beiden Gesprächsteilnehmer nochmals eine Rolle ein, nämlich die des Heraklit, konfrontiert mit einer fiktiven Anklage wegen Gotteslästerung und die des atheniensischen Volkes. Hinter diesen Schutzmauern nun kann Hume seinen Gedanken endlich hervorbringen: dass der letzte zu seiner Zeit wohl noch akzeptierte Gottesbeweis - eben auch keiner ist. Die vernünftige Einrichtung dieser Erde als Wirkung erlaubt keinen Rückschluss auf eine Ursache, die noch vernünftiger wäre und z.B. eine perfekte Welt im Anschluss an diese Welt geplant hätte. Wir können allenfalls auf einen Gott zurückschliessen, der ebenso vernünftig ist, wie wir Menschen. (Gott als Konstruktion des menschlichen Denkens, mehr nicht. Und ob diese Welt schon vernünftig eingerichtet sei - diese Frage allerdings lässt Hume, so weit ich sehe, links liegen.) Kein Rückschluss möglich von dieser auf eine andere Welt - diesen Gedanken wird Kant perfektionieren, soweit er noch perfektionierbar ist.

Grüsse

sandhofer
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #58 on: 22. Dezember 2010, 14.52 Uhr »
Hallo!

Abschnitt 11:

Hume verwandelt sich in diesem Kapitel in Epikur (nicht Heraklit ;) - der würde auch in diesen Zusammenhang nicht wirklich gut passen als der Misanthrop, als der uns überliefert ist), um seine religionskritischen Thesen zu verteidigen, wohl auch, um nicht allzu offen des Atheismus geziehen zu werden, was in jener Zeit noch immer zu einigen Kalamitäten führen konnte. Und er stellt  die Frage, inwiefern Religion moralbefördernd sei und der Atheismus zu einem Verfall der Sitten führen könne (ein Argument, das auch heute noch von einigen bemüht wird).

Kann man aus einer Wirkung (der Welt) auf ein "mehr" schließen als durch die Wirkung bezeigt wird? Das Theodizeeproblem wird dadurch verschoben: Da die Welt - offenkundig - an Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit krankt und man von diesen auf den "Schöpfer" schließen müsste, muss dieses "mehr" eingeführt werden; denn das Ziel ist ein gütiger, weiser, lieber, netter Gott, dem nur der Mensch (oder die Materie oder ...) in die Demiurgensuppe gespuckt hat.

Bei Kant figuriert dies unter dem physiko-theologischen Gottesbeweis, dass also aus einer Ordnung der Dinge auf einen Schöpfer geschlossen werden kann. Hume wiederholt ein ums andere Mal, dass man allerdings aus der Wirkung einer Ursache (auch wenn man sie angesichts der Welt als Gott benennen will) nicht auf irgendwelche Absichten dieser Gottheit geschlossen werden kann. Hier werden einem ohnehin zweifelhaften Schöpfer noch zweifelhaftere Eigenschaften zugeschrieben (etwa Gerechtigkeit und Vergeltung nach dem Tod), die einzig im Geist derjenigen existieren, die sich diesen Schöpfer ausgedacht haben.

Im allerletzten Teil wird Hume schließlich mutiger bzw. konsequenter und meint nicht nur, dass über Eigenschaften eines möglichen Schöpfers nichts ausgesagt werden kann (Eigenschaften, die sich aus der "Schöpfung" selbst nicht erschließen), sondern dass auch über eine Ursache der uns umgebenden Wirkung nichts Substantielles bemerkt werden kann, da sich diese Ursache vollkommen unserer Erfahrung entzieht sowie auch den für Hume diesen Kausalzusammenhang konstituierenden wiederkehrenden Erfahrungen.

Ein Paraphrasieren eines ewigen Themas, das auch im 20. Jahrhundert noch in Sprachphilosophie zur conclusio führte, dass man nicht über Dinge sprechen solle, von denen man nichts weiß. Zuerst wird Gott postuliert nebst Eigenschaften, für die es keine vernünftige Begründung gibt, dann werden aus diesen Eigenschaften Regeln abgeleitet, Prognosen erstellt, die, weil die Prämisse beliebig war, ebenfalls jeglicher Rechtfertigung entbehren.

Beim "Moralproblem" bleibt Hume eigentümlich vage (in seinen späteren Schriften nimmt er hierzu klarer Stellung): Der Einwand, dass durch die Religion der Mensch am Bösen gehindert werde, bleibt - fast - unwidersprochen, Hume spricht sich nur für eine größtmögliche Gedankenfreiheit aus (da die Unterdrückung eine größere Plage wäre) und stellt des weiteren (über seinen Epikur) fest, dass die Tugend, das Gutsein ihren Lohn in sich trüge. - Beide Argumente sind nicht wirklich stichhaltig und es ließen sich Einwände vorbringen. Vor allem die unwidersprochene Voraussetzung, dass durch die Religion und die von ihr verursachte Angst vor einer möglichen göttlichen Bestrafung die Welt tugendhafter würde, ist mehr als fragwürdig.

lg

orzifar
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #59 on: 23. Dezember 2010, 19.47 Uhr »
Hume verwandelt sich in diesem Kapitel in Epikur (nicht Heraklit ;) - der würde auch in diesen Zusammenhang nicht wirklich gut passen als der Misanthrop, als der uns überliefert ist), [...]

Upsi. Natürlich, ja. Ich werde alt ...  :(
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