Hallo!
Konzepte wie die Descartessche res cogitans bzw. res extensa sind paradigmatisch für metaphysische, spirituelle Spinnereien und führen zumeist auf irgendeine Form von Gott.
Ja, da hat uns Hume wirklich einen Schritt vorwärts gebracht. (Obwohl ich solchen Ideen wie "Fortschrite in der Philosophie" im Allgemeinen recht skeptisch gegenüber stehe.)
Ich auch. Aber wenn auch nur mit großen Einschränkungen von "Fortschritt" (wenn überhaupt) gesprochen werden kann, so kann man doch festhalten, dass sich bestimmte Entwürfe als unsinnig herausgestellt haben. Eine Wiederkehr der Descarteschen Begrifflichkeit in ihrer ursprünglichen Form kann ich mir kaum vorstellen.
Von Einstein ist der Satz überliefert: "Wenn man Humes Bücher liest, wundert man sich, daß nach ihm so viele hochgeachtete Philosophen so viel Verschwommenes haben schreiben können." Tatsächlich ist vor allem der im Gefolge Kants entstandene deutsche Idealismus eine Atavismus, etwas anachronistisch Gewordenes, das durch die Zeitumstände zu höchster Anerkennung gelangte. Seltsamerweise aber fühlte sich Kant gerade durch Hume "aus seinem dogmatischen Schlummer" geweckt, beruft sich also derjenige, der die Metaphysik durchs Hintertürchen wieder eingeführt hat, auf jenen, der diese zu verbannen suchte.
Humes größte Leistung ist sicherlich das Aufzeigen der Problematik des Induktionsproblems. Ausgehend von der Gleichförmigkeitsthese (die Zukunft gleicht weitgehend der Vergangenheit) stellt sich die Frage, inwieweit ein solcher Schluss zulässig ist. Dass er es nicht ist, geht daraus hervor, dass diese Art des Schließens voraussetzt, was sie sich zu beweisen bemüht - nämlich genau jene Gleichförmigkeit und daher zu einem Zirkelschluss führt. Dies aber bedeutet, dass wir in der Wissenschaft auf Annahmen zurückgreifen (denn die induktive Methode _ist_ die wissenschaftliche Methode), die ebenfalls auf nicht zu rechtfertigenden Annahmen beruht wie eben auch die Metaphysik. (Popper Behandlung des Induktionsproblems in "Objektive Erkenntnis" ist so elegant wie hilfreich in diesem Zusammenhang - und ich nehme mir jetzt vor (bitte mich gelegentlich zu erinnern), dazu etwas zu schreiben.)
Hume kommt allerdings sowohl bei der Kausalanalyse als auch bezüglich der Existenz der Außenwelt in Kalamitäten. Weder ist Kausalität mehr als Gewohnheit (und rationaler Erkenntnis unzugänglich), noch kann die Existenz einer Außenwelt verbindlich angenommen werden, da alles Wahrgenommene
in uns ist, es sind Bilder, Eindrücke (ideas & co) - und ein Schlussfolgern von diesen Bildern auf die Außenwelt ist nicht zulässig, da nur diese "ideas" für uns wirklich sind. Alles ist in uns, wir haben das Bild von Bäumen, Straßen, wir hören, riechen - aber immer nur als Subjekt. Diese an Berkeley erinnernde Position eines strengen Skeptizismus bezüglich der objektiven Außenwelt wurde von diesem durch die Annahme eines Gottes, der all unsere Empfindungen in irgendeiner Weise evoziert, gelöst; Hume postuliert so etwas wie den gesunden Menschenverstand. Der Philosoph ist zur Annahme der Außenwelt vom logischen Standpunkt her
nicht berechtigt, solange er sich als Philosoph begreift - als Mensch hingegen existiert nicht nur die Sonne, sondern sie existiert selbst dann, wenn er sie nicht unmittelbar spürt, er verleiht ihr gedanklich Kontinuität. Allerdings ist dieses Changieren zwischen philosophischen und populären Standpunkt nicht unbedingt elegant, aber Hume hat erreicht, was er in seiner Vorrede bereits betonte: Er hat durch das Aufzeigen bestimmter Probleme andere zu weiterer Beschäftigung mit diese Problemen veranlasst (Kants "dogmatischen Schlummer" geweckt) und er hat für die Philosophen auf die Probleme unserer induktiven (und gut funktionierenden) Methode der Wissenserweiterung hingewiesen.
Die Humesche Lösung der Willensfreiheit fand ich elegant: Er geht hier auch von der Frage der Kausalität aus. Gibt es ein unverursachtes Tun, gibt es überhaupt etwas Unverursachtes, dadurch nicht Notwendiges? All unsere Erfahrung belehrt uns, dass dem nicht so sei, der absolute Zufall (der dann mit Willensfreiheit gleichzusetzen wäre) ist für unser Alltagsleben nicht denkbar, das, was uns als Zufall in diesem Leben erscheint, ist sehr wohl verursacht (und Willensfreiheit im strengen Sinn scheint es nur in der Quantenphysik zu geben, etwa bei der Messung der Polarisation von Photonen). Warum aber will dem Einzelnen es so erscheinen, als ob er Willensfreiheit besäße? Hume versucht einen Standpunktwechsel: Diese vorgebliche Willensfreiheit eines Subjekts erscheint einem Beobachter durchaus determiniert, dieser kann die Handlungen von Menschen (auch aufgrund der Gleichförmigkeitsthese) abschätzen - und je besser die Motivationslage des Handelnden dem Beobachter bekannt ist, desto genauer werden auch diese Voraussagen. Der Handelnde aber empfindet Freiheit und verwechselt die Freiheit des Handelns (indem er sich zwischen verschiedenen Alternativen entscheiden kann) und die Freiheit des Willens. Hume konstatiert eine Begriffsverwirrung: Sprechen wir von Willensfreiheit, so meinen wir zumeist ein frei sein von Nötigung oder Zwang. Dort, wo wir diesen Zwang nicht verspüren, meinen wir "willensfrei" zu sein, frei entscheiden zu können. Allerdings besteht immer eine kausale Nötigung, eine Verursachtheit: Daher können wir zwar möglicherweise frei handeln, aber nicht wollen, was wir wollen wollen.
Manches sehr viel später Publizierte klingt wie eine späte Huldigung Humes, so etwa das "Manifest des Wiener Kreises", wenn es dort heißt: "Das Ziel ist eine anti-metaphysische, geeinte Wissenschaft, in der jedes Symbol etwas "Reales" bezeichnet, wenn es mit der Gesamtstruktur der Erfahrungen kohärent ist." Und wenn Hume in seiner Ich-Analyse zum Schluss kommt, dass es ein Ich nicht gibt, sondern bloß eine Abfolge von Perzeptionen, keine Substanz, der diese Perzeptionen innewohnen, sondern eben nur diese selbst, kann der Hume-Verehrer Mach sein unrettbares Ich auf dieser Grundlage verkünden.
An einem Hinweis bezüglich Hume ist mir noch gelegen: Ich habe selten eine derart verständliche, kluge und sprachlich ausgefeilte Sekundärliteratur zu einem derart schwierigen Thema gelesen wie bei Gerhard Streminger. Alle seine Darstellungen - von der Biographie bis zu einigen kleineren Artikeln, sofern sie mir zugängig waren, verdienen das allerhöchste Lob. Ihm ist es offensichtlich wirklich um die "Sache Hume" zu tun, dessen Philosophie, er nimmt eine solche Darstellung nicht zum Anlass, seine eigene Philosophie, die altkluge Sicht des Spätergeborenen an den Leser zu bringen. Die Fähigkeit zur klaren, geistreichen Darstellung ist das eine, die Bescheidenheit das andere. Beides aber beispielhaft.
lg
orzifar