Hallo!
Noch mal zu impression, idea: Das mit der Intensität kann nicht aufrecht erhalten werden, es ließen sich (etwa aus der Kunst) viele Beispiele finden, die dem widersprechen. Auch aus dem ganz trivialen Leben, Idealisierungen (etwa nach einer Trennnung) verfahren nach dieser Methode, indem plötzlich die Vorstellung bzw. Erinnerung schöner, intensiver ist als es der Realität entsprach. Wobei ich mit der Vergleichbarkeit ein prinzipielles Problem habe: Eine Erinnerung und eine sinnliche Erfahrung sind zwei verschiedene Dinge - und ich bin im Zweifel, ob sich Kriterien finden lassen, die einen Vergleich in einer Form ermöglichen, dass über eine höhere/geringere Intensität entschieden werden kann. Wozu also dies alles? Wenn damit das Primat der impression vor der idea bewiesen werden sollte, muss man diese Beweisführung als gescheitert ansehen.
Bei dieser Erörterung hat Hume implizit aber auch den Zeitfaktor im Kopf: So, wie er den Unterschied zwischen impression und idea beschreibt, folgt dieses immer auf jenes - und hier ein Primat zu konstruieren, scheint sehr viel einleuchtender. Er geht vom Grundsatz des Empirismus aus, des "nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu", wobei er die (eher kindischen) Einwände von Phantasie- und Fabelwesen zurecht mit dem Hinweis abtut, dass diese einzig aus verschiedenen Eindrücken zusammengesetzt sind. (An dieser Stelle entsteht dann oft eine Diskussion darüber, wie zuverlässig Sinneseindrücke seien, wobei ich das für ein Scheinproblem halte. Entscheidend ist die Tatsache des Sinneseindruckes; dieser ist ohnehin niemals "vollständig wahr" (in Bezug auf das Objekt), da die Sinnesorgane eine solche perfekte Kenntnis des "Wahr"-Genommenen gar nicht liefern können.)
Der Leibnizsche Zusatz zum empirischen Grundsatz (excipe: intellectus ipse) ist ein ebensolcher Hinweis auf ein Problem, das durch puristische empirische Auffassungen bedingt ist. Wenn denn schon alles erst durch Erfahrungen ausgelöst wird, so muss etwas da sein, dass diese Erfahrungen macht und verarbeiten kann. Diese "Potenz" des Verarbeitens ist dem Menschen in größerem Maße zuteil geworden als anderen Lebewesen, aber dieser "intellectus", unser Geist, ist ohne Erfahrung (und damit auch ohne Körper, dem gesamten Sensorium) gar nicht denkbar. Das ist im übrigen auch ein Problem der KI, die da "reinen Geist" produziert (bzw. produzieren will). Das Ich ist eine geistig-körperliche Einheit, die getrennt gar nicht denkbar ist, eines bedingt das andere. Wenn nun der Empirist so tut, als ob es da die berühmte leere Tafel gäbe, welche einzig durch Erfahrungen beschrieben und zum "Leben" erweckt werden kann, so ist das eben immer nur die Hälfte der Wahrheit: Denn die Tafel selbst ist in ihrer Entstehung wiederum auf Erfahrungen (und seien sie chemisch-physikalischer Natur) angewiesen. (Willensfreiheit!)
Die Humesche Beweisführung scheint also in Teilen zweifelhaft, aber einige wichtige Grundprinzipien werden hier sichtbar: Philosophie ist sinnvoll nur dort möglich, wo sie sich zum einen auf die Erfahrung bezieht (wenngleich diese Erfahrung nur eine Grundlage darstellt), sie muss aber umgekehrt auch in ihren Denk-Ergebnissen wieder dem Abgleich mit der Wirklichkeit genügen.
Locke und Hume sind gegenüber Fakten sicher im Recht (Humes Beispiel: Ich kann mir einen goldenen Berg vorstellen, weil ich weiss, was "golden" ist und weil ich weiss, was ein "Berg" ist), gegenüber notwendigen Tatsachen, oder auch Abstrakta (Humes Beispiel: das tugendhafte Pferd- ich bin mir nicht sicher, ob mein Bedeutungsfeld von "tugendhaft" denselben Bereich abdeckt wie der bei Hume. (Ich bin mir, um genau zu sein, nicht einmal sicher, ob ich als Schweizer denselben Begriff von "Berg" habe wie der Schotte Hume - Begriffsfelder, die sich überschneiden, aber nicht deckungsgleich sind.))
Ich bin mir nicht sicher, was du damit genau meinst bzw. welches Problem du mit "überschneidenden Begriffsfeldern" meinst. Hume geht offenbar von einem nicht subjektiivistischen (nicht phänomenologischen) Ansatz aus und glaubt (unausgesprochen), dass über bestimmte Begriffe Übereinstimmung erzielt werden kann. Hier sind individuelle Unterschiede belanglos, solange die Sprechkonventionen weitgehend gleichen (und der Schotte unter dem Begriff "Berg" sich keinen Flummiball vorstellt und vice versa). - Meinst du mit den "notwendigen Tatsachen" Kausalbeziehungen bzw. analytische Urteile?
lg
orzifar