Author Topic: David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand  (Read 38776 times)

Offline sandhofer

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #15 on: 10. Oktober 2010, 09.26 Uhr »
Hallo!

Sodele.

2. Abschnitt - Über den Ursprung der Vorstellungen

Hier nun der klassische Empirismus. Wir können uns nur vorstellen, was wir vorher schon durch die Sinne aufgenommen haben. Philosophiegeschichtlich sicher ein Fortschritt gegenüber den angeborenen Ideen. Allerdings auch nicht unproblematisch. Die in Anmerkung 3 gemachte Kritik Leibniz' an Locke, die gem. Herausgeber cum grano salis auch gegenüber Hume geltend gemacht werden kann, nämlich, dass hier nicht unterschieden wird zwischen notwendigen und kontingenten Tatsachen, hätte ich auch gemacht. Locke und Hume sind gegenüber Fakten sicher im Recht (Humes Beispiel: Ich kann mir einen goldenen Berg vorstellen, weil ich weiss, was "golden" ist und weil ich weiss, was ein "Berg" ist), gegenüber notwendigen Tatsachen, oder auch Abstrakta (Humes Beispiel: das tugendhafte Pferd- ich bin mir nicht sicher, ob mein Bedeutungsfeld von "tugendhaft" denselben Bereich abdeckt wie der bei Hume. (Ich bin mir, um genau zu sein, nicht einmal sicher, ob ich als Schweizer denselben Begriff von "Berg" habe wie der Schotte Hume - Begriffsfelder, die sich überschneiden, aber nicht deckungsgleich sind.))

Ansonsten: Zu Beginn des Abschnitts, wo Hume die Erinnerungen an oder Vorwegnahme von Eindrücken sich vornimmt, und sie als immer schwächer beschreibt denn die tatsächlichen Eindrücke - "ausser dass der Geist durch Krankheit oder Wahnsinn gestört ist": Diese Einschränkung ist notwendig, damit man ihm nicht den Wahnsinnigen als Gegenbeispiel hinstellt - führt ihn aber in Teufels Küche. Denn mit dem Geist schiebt sich nun etwas zwischen Wahrnehmung und Erinnerung (Was genau ist denn dieser "Geist"?), und mit dem Wahnsinn schiebt sich etwas zwischen Geist und Wahrnehmung und/oder Geist und Erinnerung.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #16 on: 10. Oktober 2010, 14.13 Uhr »
Hallo!

Ansonsten: Zu Beginn des Abschnitts, wo Hume die Erinnerungen an oder Vorwegnahme von Eindrücken sich vornimmt, und sie als immer schwächer beschreibt denn die tatsächlichen Eindrücke - "ausser dass der Geist durch Krankheit oder Wahnsinn gestört ist": Diese Einschränkung ist notwendig, damit man ihm nicht den Wahnsinnigen als Gegenbeispiel hinstellt - führt ihn aber in Teufels Küche. Denn mit dem Geist schiebt sich nun etwas zwischen Wahrnehmung und Erinnerung (Was genau ist denn dieser "Geist"?), und mit dem Wahnsinn schiebt sich etwas zwischen Geist und Wahrnehmung und/oder Geist und Erinnerung.

Es stellt sich die Frage, weshalb er hier überhaupt festzustellen sich bemüßigt fühlt, dass das bloß Vorgestellte, Erinnerte eine weniger starke Intensität erreicht. Es geht ihm ja eigentlich um etwas ganz anderes: Um die Tatsache, dass metaphysische Vorstellungen (deshalb das Gottesbeispiel) ihren Ursprung in der Realität haben. Schon beim Beispiel einer Naturdichtung (etwas, das immer eine weniger starke Intensität habe denn die wirkliche Natur) habe ich so meine Zweifel - und man muss nicht den Wahnsinn bemühen, um vorgestellte Gefühlsbewegungen stärker werden zu lassen denn die, die diesen Eindruck in realiter hervorgerufen haben. Die Erinnerung an ein Ereignis kann sehr wohl stärkere Emotionen auslösen als das Ereignis selbst: Da es in seiner Tragweite anfangs oft gar nicht erfasst werden kann. Diese ganze Problematik der Intensität verkompliziert die Frage unnötig und spielt für die Aussage selbst ja überhaupt keine Rolle.

Dieser Abschnitt scheint trotz seiner Kürze sehr wichtig - und ich werde heute abend (eher morgen) noch etwas dazu schreiben. Hume stellt die - empirischen - Grundlagen seines Denkens dar - und sie sind (durch die Kürze?) einigermaßen problematisch. Wir werden wohl mit genaueren Spezifikationen noch konfrontiert werden.

lg

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #17 on: 10. Oktober 2010, 15.24 Uhr »
Es stellt sich die Frage, weshalb er hier überhaupt festzustellen sich bemüßigt fühlt, dass das bloß Vorgestellte, Erinnerte eine weniger starke Intensität erreicht. Es geht ihm ja eigentlich um etwas ganz anderes: Um die Tatsache, dass metaphysische Vorstellungen (deshalb das Gottesbeispiel) ihren Ursprung in der Realität haben.

Das Gottesbeispiel kommt ja so ganz nebenbei, so beiläufig. Vielleicht war es ja Humes Absicht, mit der ganzen Suada um die Erinnerung quasi Potemkin'sche Dörfer aufzubauen, Schaum zu schlagen, damit er dahinter sein Gottesargument verstecken kann. Es ist ja auch recht zahm noch - dass wir uns Allmacht vorstellen, indem wir Macht ins Unendliche vergrössern, könnte auch von einem Scholastiker stammen. (Und ich bin jetzt - so aus dem Stand - nicht einmal sicher, ob nicht etwas Ähnliches oder genau dies schon bei einem der Kirchenväter (Thomas von Aquin oder Augustin?) zu finden ist.) Die Unfassbarkeit Gottes zu behaupten, ist wohl noch keine Sünde ...  :angel: ;D
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #18 on: 11. Oktober 2010, 01.39 Uhr »
Da ich Humes Philosophie ein wenig kenne, glaube ich zu wissen, worauf er hinauswill (das bereits erwähnte Induktionsproblem): Nämlich zeigen, dass Wissenschaft begründet, Gottesglauben aber unbegründet ist. (Wobei "hinauswill" vielleicht eine Absicht unterstellt, die ihm - nicht zu seinem großen Leidwesen - eher unterlaufen ist.)

Morgen mehr, heute schaff ich's nimmer. Ich glaub', dass dieses zweite Kapitel noch ein wenig ausführlicher behandelt werden sollte (die Unterscheidungen zwischen impression und idea).

lg

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #19 on: 11. Oktober 2010, 12.50 Uhr »
Da ich Humes Philosophie ein wenig kenne, [....]

Da hast Du mir was voraus. (Oder auch nicht ...  :D) Ich kenne natürlich Humes philosophiegeschichtliche Konsequenzen, aber von Hume selber habe ich nur diesen Text und den auch vor Jahrzehnten einmal gelesen. So fällt mir jetzt vor allem auf, wie langsam und vorsichtig sich Hume an sein Thema herantastet.
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Re: David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #20 on: 11. Oktober 2010, 22.20 Uhr »
Hallo!

Noch mal zu impression, idea: Das mit der Intensität kann nicht aufrecht erhalten werden, es ließen sich (etwa aus der Kunst) viele Beispiele finden, die dem widersprechen. Auch aus dem ganz trivialen Leben, Idealisierungen (etwa nach einer Trennnung) verfahren nach dieser Methode, indem plötzlich die Vorstellung bzw. Erinnerung schöner, intensiver ist als es der Realität entsprach. Wobei ich mit der Vergleichbarkeit ein prinzipielles Problem habe: Eine Erinnerung und eine sinnliche Erfahrung sind zwei verschiedene Dinge - und ich bin im Zweifel, ob sich Kriterien finden lassen, die einen Vergleich in einer Form ermöglichen, dass über eine höhere/geringere Intensität entschieden werden kann. Wozu also dies alles? Wenn damit das Primat der impression vor der idea bewiesen werden sollte, muss man diese Beweisführung als gescheitert ansehen.

Bei dieser Erörterung hat Hume implizit aber auch den Zeitfaktor im Kopf: So, wie er den Unterschied zwischen impression und idea beschreibt, folgt dieses immer auf jenes - und hier ein Primat zu konstruieren, scheint sehr viel einleuchtender. Er geht vom Grundsatz des Empirismus aus, des "nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu", wobei er die (eher kindischen) Einwände von Phantasie- und Fabelwesen zurecht mit dem Hinweis abtut, dass diese einzig aus verschiedenen Eindrücken zusammengesetzt sind. (An dieser Stelle entsteht dann oft eine Diskussion darüber, wie zuverlässig Sinneseindrücke seien, wobei ich das für ein Scheinproblem halte. Entscheidend ist die Tatsache des Sinneseindruckes; dieser ist ohnehin niemals "vollständig wahr" (in Bezug auf das Objekt), da die Sinnesorgane eine solche perfekte Kenntnis des "Wahr"-Genommenen gar nicht liefern können.)

Der Leibnizsche Zusatz zum empirischen Grundsatz (excipe: intellectus ipse) ist ein ebensolcher Hinweis auf ein Problem, das durch puristische empirische Auffassungen bedingt ist. Wenn denn schon alles erst durch Erfahrungen ausgelöst wird, so muss etwas da sein, dass diese Erfahrungen macht und verarbeiten kann. Diese "Potenz" des Verarbeitens ist dem Menschen in größerem Maße zuteil geworden als anderen Lebewesen, aber dieser "intellectus", unser Geist, ist ohne Erfahrung (und damit auch ohne Körper, dem gesamten Sensorium) gar nicht denkbar. Das ist im übrigen auch ein Problem der KI, die da "reinen Geist" produziert (bzw. produzieren will). Das Ich ist eine geistig-körperliche Einheit, die getrennt gar nicht denkbar ist, eines bedingt das andere. Wenn nun der Empirist so tut, als ob es da die berühmte leere Tafel gäbe, welche einzig durch Erfahrungen beschrieben und zum "Leben" erweckt werden kann, so ist das eben immer nur die Hälfte der Wahrheit: Denn die Tafel selbst ist in ihrer Entstehung wiederum auf Erfahrungen (und seien sie chemisch-physikalischer Natur) angewiesen. (Willensfreiheit!)

Die Humesche Beweisführung scheint also in Teilen zweifelhaft, aber einige wichtige Grundprinzipien werden hier sichtbar: Philosophie ist sinnvoll nur dort möglich, wo sie sich zum einen auf die Erfahrung bezieht (wenngleich diese Erfahrung nur eine Grundlage darstellt), sie muss aber umgekehrt auch in ihren Denk-Ergebnissen wieder dem Abgleich mit der Wirklichkeit genügen.

Locke und Hume sind gegenüber Fakten sicher im Recht (Humes Beispiel: Ich kann mir einen goldenen Berg vorstellen, weil ich weiss, was "golden" ist und weil ich weiss, was ein "Berg" ist), gegenüber notwendigen Tatsachen, oder auch Abstrakta (Humes Beispiel: das tugendhafte Pferd- ich bin mir nicht sicher, ob mein Bedeutungsfeld von "tugendhaft" denselben Bereich abdeckt wie der bei Hume. (Ich bin mir, um genau zu sein, nicht einmal sicher, ob ich als Schweizer denselben Begriff von "Berg" habe wie der Schotte Hume - Begriffsfelder, die sich überschneiden, aber nicht deckungsgleich sind.))

Ich bin mir nicht sicher, was du damit genau meinst bzw. welches Problem du mit "überschneidenden Begriffsfeldern" meinst. Hume geht offenbar von einem nicht subjektiivistischen (nicht phänomenologischen) Ansatz aus und glaubt (unausgesprochen), dass über bestimmte Begriffe Übereinstimmung erzielt werden kann. Hier sind individuelle Unterschiede belanglos, solange die Sprechkonventionen weitgehend gleichen (und der Schotte unter dem Begriff "Berg" sich keinen Flummiball vorstellt und vice versa). - Meinst du mit den "notwendigen Tatsachen" Kausalbeziehungen bzw. analytische Urteile?

lg

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #21 on: 14. Oktober 2010, 21.34 Uhr »
Ich bin mir nicht sicher, was du damit genau meinst bzw. welches Problem du mit "überschneidenden Begriffsfeldern" meinst.

Öhm ... ja. Da muss ich auch nochmals darüber nachdenken. Die Begriffsfelder ... hm ... da steht ein linguistisches Konzept dahinter, aber das muss ich erst wieder identifizieren. Arbeit fürs Wochenende ...  :)
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #22 on: 15. Oktober 2010, 20.04 Uhr »
Die Begriffsfelder ... hm ... da steht ein linguistisches Konzept dahinter, aber das muss ich erst wieder identifizieren.

Ich wollte, in der Hoffnung, meinen Begriff von "Begriffsfeld" identifizieren zu können, bei Wikipedia nachschlagen. Dort wird man zu "Begriff" umgeleitet. Du meine Güte, ich habe selten einen hanebüchernern Artikel gesehen, selbst in Wikipedia nicht. "Terminologische Festlegungen in DIN-Normen" ...  :o

Nun muss ich wirklich selber suchen gehen ...  ::)
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #23 on: 16. Oktober 2010, 00.19 Uhr »
Ach, nur nicht zu viel der Mühe. - Ich werde dann am Wochenende etwas zu Abschnitt drei schreiben (der ja extrem kurz ist, aber doch auch von einiger Bedeutung wie No zwo). Im Moment habe ich extrem wenig Lesezeit, muss mir jede Minute absparen. Ab Mittwoch ist's dann wieder besser.

lg

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #24 on: 16. Oktober 2010, 16.59 Uhr »
Kein Problem - ich hab's mittlerweile wiedergefunden. Ich nannte es "Begriffsfeld" - bekannter ist es unter dem Terminus "Wortfeld". Es geht darum, dass selbst bei Konkreta derselbe Begriff nicht notwendigerweise für jeden dasselbe meint. Das ist einerseits u.U. ein Übersetzungs- bzw. Verständigungsproblem, wenn Personen verschiedener Muttersprache involviert sind, andererseits im Grunde genommen aber schon bei Mitgliedern derselben Sprachgruppe schon problematisch. Es ist theoretisch möglich, dass, was ein Hamburger bereits einen "Berg" nennt, für uns Alpenländler noch ein "Hügel" ist. So z.B. habe ich Schottlands Berge eher als Hügel in Erinnerung.

Trier, Weissgerber, Cassirer, aber auch Humboldt.  :hi:

Ich lese wohl morgen den zweiten Abschnitt erst nochmal.
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #25 on: 17. Oktober 2010, 00.44 Uhr »
Kein Problem - ich hab's mittlerweile wiedergefunden. Ich nannte es "Begriffsfeld" - bekannter ist es unter dem Terminus "Wortfeld". Es geht darum, dass selbst bei Konkreta derselbe Begriff nicht notwendigerweise für jeden dasselbe meint. Das ist einerseits u.U. ein Übersetzungs- bzw. Verständigungsproblem, wenn Personen verschiedener Muttersprache involviert sind, andererseits im Grunde genommen aber schon bei Mitgliedern derselben Sprachgruppe schon problematisch. Es ist theoretisch möglich, dass, was ein Hamburger bereits einen "Berg" nennt, für uns Alpenländler noch ein "Hügel" ist. So z.B. habe ich Schottlands Berge eher als Hügel in Erinnerung.

Hallo!

Naja, "Berg" ist kein Konkretum, eher Mahatma Gandhi. Aber natürlich sind die evozierten Vorstellungen auch eines solchen Begriffs unterschiedlich, andererseits kann man recht gewiss sein, dass man das-(den)selbe(n) meint. "Berg" wäre in diesem Zusammenhang eine Definitionsfrage (wahrscheinlich über Meter über Meereshöhe zu lösen), wobei die bei jemanden damit ausgelöste Vorstellungen schon in einem Maße unterschiedlich ist, dass es nähere Eröterungen bedürfte (wobei: Zumeist wird man aufgrund der Kenntnis der Person wissen können, was da gemeint ist).

Die Frage bleibt offen:
Quote from: orzifar
"Meinst du mit den "notwendigen Tatsachen" Kausalbeziehungen bzw. analytische Urteile?"

Andererseits wäre es vielleicht schlau, manche Definitionsprobleme auf später zu verschieben bzw. sie später zu erörtern (sie werden in den Hauptkapiteln aufgegriffen und wohl auch klarer dargestellt). Beim nachfolgenden Kapitel kommt etwa (mehr-weniger versteckt) das Nominalismus-Realismus-Problem zur Sprache.

Kapitel drei umfasst nun die "Assoziationen" - oder: Wie kommt eines zum anderen? Dieses Kapitel, hier sehr kurz gehalten, war - wie ich sekundärliterarisch in Erfahrung brachte - im Treatise sehr viel umfangreicher und als eine Art Literaturtheorie konzipiert (in dem Sinne, dass Hume damit den logischen Zusammenhang in erzählerischen Werken begründete bzw. eine Art Kreativität, da Schriftsteller in unterschiedlicher Weise Ereignisse verknüpfen).

Hier unterscheidet Hume drei Aspekte der Assoziationen:

a) Verknüpfung über die Ähnlichkeit
b) raum-zeitliche Berührungen
c) Ursache und Wirkung

Ob alles auf diese drei Beziehungen zurückgeführt werden kann, bezweifelt auch der Autor, er regt an, Assoziationen noch genauer zu untersuchen und möglich neue Variationen aufzufinden.

Was hier ein wenig sonderbar anmutet hat natürlich seinen tieferen Sinn: Denn Hume als (weitgehenden) Empiriker ist natürlich daran gelegen, z. B. allgemeine Begriffe zu erklären, die er dann auf einfachere (und durch die Erfahrung bestimmte) zurückführt. Und diese Assoziationstheorie korrespondiert auch mit dem Begriffspaar impression - idea. So, wie Hume das beschreibt, sind die Assoziationen weitgehend über das Primat der impressions erklärbar.

Und da stellt sich natürlich die Frage, wie die in der Philosophiegeschichte ihr Unwesen treibenden Universalideen auf Erfahrung zurückgeführt werden können. (Hume löst dies elegant und ohne viel Aufwand eben über Einzelvorstellungen nebst den hier erwähnten Ähnlichkeitsassoziationen.)

lg

orzifar

Trier, Weissgerber, Cassirer, aber auch Humboldt.  :hi:

Wundersame Philosophenvermehrung. Ich gebe nur ganz vorsichtig zu bedenken, dass wir (im Falle des Erörterns all dieser Fragen) auch noch in Zeiten eines künstlichen Darmausgangs und im Rollator uns in diesem Thread aufhielten. Allerdings: Der Thread wär' dann nicht das Schlimmste (bzw.: Wir würden es nicht mehr merken ...).
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #26 on: 17. Oktober 2010, 20.09 Uhr »
Trier, Weissgerber, Cassirer, aber auch Humboldt.  :hi:

Wundersame Philosophenvermehrung. Ich gebe nur ganz vorsichtig zu bedenken, dass wir (im Falle des Erörterns all dieser Fragen) auch noch in Zeiten eines künstlichen Darmausgangs und im Rollator uns in diesem Thread aufhielten. Allerdings: Der Thread wär' dann nicht das Schlimmste (bzw.: Wir würden es nicht mehr merken ...).

Oh - die Meinung war nicht, dass wir die nun auch noch lesen. Obwohl ... Cassirer würde mich noch reizen - den habe ich immer nur für mich selber gelesen. Humboldt lohnte sich sowieso.

Ich bin dann heute zu gar nichts gekommen. Meine Frau ist krank - da bleibt die Lektüre liegen. Sorry.  :(
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #27 on: 17. Oktober 2010, 22.38 Uhr »
Oh - die Meinung war nicht, dass wir die nun auch noch lesen. Obwohl ... Cassirer würde mich noch reizen - den habe ich immer nur für mich selber gelesen. Humboldt lohnte sich sowieso.

Ach was, wir lesen alles!!

Ich bin dann heute zu gar nichts gekommen. Meine Frau ist krank - da bleibt die Lektüre liegen. Sorry.  :(

Ganz schlecht - gute Besserung von hier aus. - Ich pflege seit vorgestern übrigens auch - ein drei Wochen altes Kätzchen mit Bindehautentzündung, das ich gestern vorm Haus gefunden habe und mal ratzfatz zum Tierarzt transportieren musste. Nun hat sich zum Glück die Mama wieder gefunden (alle vereint in meinem Dachboden), allerdings muss ich das Ding (süße 7 cm) mind. zweimal täglich verarzten.

lg

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #28 on: 18. Oktober 2010, 10.21 Uhr »
Hallo!

Die Frage bleibt offen:
Quote from: orzifar
"Meinst du mit den "notwendigen Tatsachen" Kausalbeziehungen bzw. analytische Urteile?"

Ich dachte dabei an die analytischen Urteile. Ich stellte fest, dass meine philosophische Terminologie ein bisschen eingerostet ist, sorry.

"Berg" ist für mich insofern ein "Konkretum", als dass es mir durch Sinneseindrücke vermittelt wird. "Mahatma Ghandi" würde ich als "Individuum" bezeichnen. "Schönheit" hingegen ist ein Abstraktum.

Problem der ganzen Chose (und das betrifft auch Kapitel 3): Die "Vorstellung" hängt meiner Meinung nach zu sehr in der Sprache fest. Nämlich in der englischen Muttersprache von Hume. Die eng genug verwandt ist mit unserer deutschen, dass wir Humes Abhandlung 1:1 übernehmen können. Ob es Sprachen gibt, die sich der indoeuropäischen Unterscheidung in Subjekt-Verb-Objekt, bzw. Substantiv und Verb, entziehen, weiss ich nicht einmal. Aber Humes "Vorstellung" hängt definitiv am am Substantiv. Hume stellt sich keine Verben vor, bzw. durch ein Verb beschriebene Tätigkeiten. Hier müsste wohl auch eine Kritik an Humes Assoziationstheorie einhaken. Ich neige ja an und für sich auch zum Nominalismus.  :hi:

Grüsse

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PS. Glückwunsch zum felinen Nachwuchs!
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #29 on: 22. Oktober 2010, 01.05 Uhr »
Hallo!

Sehr schönes (viertes) Kapitel. Es geht in medias res: Unterscheidung zwischen "relations of ideas" und "matters of facts" - oder eben: Analytische bzw. synthetische Urteile. Vor allem um die Kritik zweiterer geht es Hume - und in dieser Hinsicht haben seine Untersuchungen auch große Auswirkungen auf die Philosophiegeschichte.

Wie kommt man nun zur Evidenz von Tatsachenbehauptungen? Hume meint, dass dies ausschließlich über das Ursache-Wirkung-Prinzip funktioniert - und das dieses Prinzip keinesfalls a priori erkannt werden könne. Dass also aus der bloßen Ansehung eines Objektes weder auf Ursache noch Wirkung geschlossen werden kann.

Und Hume zeigt hier auch, dass die Verneinung synthetischer Urteile logisch möglich ist, weil kein innerer Widerspruch (wie etwa bei einem dreieckigen Viereck) vorliegt (Bäume blühen im Winter, die Sonne geht morgen nicht auf sind Sätze, bei denen dieser Widerspruch nicht besteht). Alle Erfahrungsschlüsse gehen von der Annahme aus, dass die Zukunft der Vergangenheit gleiche, wer also empirisch zu beweisen sucht, dass dem so ist, setzt das voraus, was er zu beweisen wünscht und dreht sich fröhlich im Kreise.

Das, was uns annehmen lässt, dass die Zukunft der Vergangenheit ähnlich sei und ähnliche Ursache ähnliche Wirkungen hervorbringen, ist also einzig die Erfahrung (und kein Vernunftschluss).

Das eine erste Zusammenfassung, mehr morgen (oder übermorgen).

lg

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