Siebter Abschnitt: Über den Begriff der notwendigen Verknüpfung
Dieses Kapitel ist nun noch einmal den Argumenten gewidmet, die eine Ursache-Wirkung-Erkenntnis aus rein rationalen Gründen verneinen. Anfangs unterscheidet Hume zwischen Mathematik und Philosophie (so wie er Philosophie definiert, würden wir heute eher von Sozialwissenschaften sprechen), indem er darlegt, dass die Mathematik sich an ganz konkreten Begriffen orientiert (ein Kreis ist keine Oval) mit klar umrissenen Definitionen, während die Philosophie mit recht schwammigen Umschreibungen sich quälen muss (was etwa ist Kraft oder Energie oder Macht). Hume schlägt nun vor, diese Begriffe nach Möglichkeit in einzelne Teile zu zerlegen und diese hinwiederum zu definieren; ist man schließlich beim Kleinstmöglichen angelangt und bleiben immer noch Unklarheiten zurück, soll man versuchen, diese Einheiten auf die Erfahrung zurückzuführen. Ist dies nicht möglich, dürfte dem Ganzen ein Hirngespinst zugrunde liegen.
Noch einmal wirft Hume die Frage auf, was wir denn in realiter wahrnehmen, wenn wir ein Ursache-Wirkung-Gefüge betrachten: Es ist eine bloß zeitliche Abfolge von Ereignissen, die miteinander verbunden scheinen. Erst durch die Wiederholung der Ereignisse werden sie in unserem Verstand miteinander in der Form verknüpft, dass wir auf das Ereignis a unweigerlich das Ereignis b erwarten. Wichtig ist, dass diese Verknüpfung im erkennenden Subjekt erfolgt, sie ist den Objekten an und für sich nicht anzusehen, auch nicht a priori zu erkennen. In einem der vorigen Kapitel bedient sich Hume des Adam-Beispiels: Könnte er, der das erste Mal Feuer oder Wasser sieht, erahnen, das dieses ihn ersticken, jenes ihn verbrennen würde? Er könnte es nicht, wäre auf die entsprechende Erfahrung angewiesen. Die Ansehung eines Objektes lässt keine Schlussfolgerung auf seine Wirkung zu.
Wir wissen einfach nicht, was diese geheimnisvolle "Kraft" ist, wir können sie also den Objekten nicht ansehen, sie erschließt sich aber auch nicht aus einer Analyse des menschlichen Willens und Organismus, der ja dazu in der Lage ist, auf Befehl seinen Arm zu heben, sein Bein. Was aber nun genau diese - für Hume wundersame - Verbindung von Geist und Körper bewirkt, entzieht sich unserer Kenntnis, nicht nur, weil der Anatom weiß, dass nicht die Hand bewegt wird, sondern Muskeln und Nerven dafür zuständig sind und diese Bewegung sich im Kleinsten fortpflanzt (die Forschung könnte Hume heute natürlich einiges mehr darüber erzählen, wie denn diese Beeinflussung vor sich geht, das Grundproblem würde dadurch aber nur verschoben), sondern wir sehen auch die Machtlosigkeit des Willens auf viele Organe des Körpers. Auch hier, beim eigenen Körper, können wir keine Kraft an sich beobachten, sondern nur ihre Auswirkung, die bewegte Hand, den Fuß etc.
Dann wendet er sich im Vorbeigehen gegen die sog. Okkasionalisten, die alle "Kraft" durch das beständige Wirken der Gottheit erklären. Zum einen argumentiert er sophistisch-ironisch: Da würde man von der Gottheit eine kleine Vorstellung haben, wenn diese es notwendig hätte, dem ganzen Weltgefüge ständig ihren Odem einzublasen. Dann weist er darauf hin, dass solche Postulate ins Märchenland führen, dass wir nichts davon wissen können, weil das alles sich dem Leben und vor allem der Erfahrung vollkommen entzieht. (Hier findet ein Rückgriff auf das von mir im ersten Absatz Erwähnte statt: Wenn keine Erfahrung mehr zugrunde gelegt werden kann, bewegen wir uns im Bereich der Beliebigkeit.)
Kausalitätsverknüpfungen, dies die Quintessenz des Abschnittes, erfolgen also im Subjekt selbst, keine irgendwie postulierte Kraft im Objekt kann aufgewiesen werden, die eine solche Verknüpfung a priori annehmen ließe. Im übrigen lässt Hume bei der Definition des Ursache-Wirkung-Gefüges leider seine selbst angemahnte Genauigkeit vermissen: "Wir definieren die Ursache als Gegenstand, der einen anderen zur Folge hat, wobei alle dem ersten ähnlichen Gegenstände solche, die dem zweiten ähnlich sind, zur Folge haben." Schön und gut, aber dies würde "Zufallsverknüpfungen" nicht ausschließen, die etwa in dem Kalauer zum Ausdruck kommen: "Was ist das? Die Kuckucksuhr schlägt 6, das Gartentor springt auf und Onkel Sepp schlägt sich den Kopf an der Kühlschranktür! - Zufall!" Es muss also hinzugefügt werden, dass dem Ereignis a nicht nur Ereignis b zeitlich gefolgt ist, sondern auch, dass das Ereignis b ohne das Ereignis a nicht stattgefunden hätte. Erst dadurch wird Kausalität definiert.
lg
orzifar