Author Topic: David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand  (Read 38774 times)

Offline sandhofer

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David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« on: 29. September 2010, 15.49 Uhr »
Hallo orzifar
Hallo stille Mitleser!

Endlich habe ich Zeit gefunden, mit diesem schmalen Büchlein zu beginnen. Ich lese eine ältere Reclam-Ausgabe (© 1967, gedruckt 1976), übersetzt und herausgegeben von Herbert Herring.

Vorwort des Herausgebers

Dass es Hume war, der Kant nach eigenen Angaben aus seinem "dogmatischen Schlummer" geweckt hat, hatte ich noch in Erinnerung. Dass sich Kant dabei darauf bezog, dass Hume nachgewiesen hat, dass die Ursache-Wirkung-Ketten, die wir bilden, komplett zu verwerfen, hatte ich nicht mehr in Erinnerung. (Wobie ich dazu tendiere, Hume in der Theorie Recht zu geben. In der Praxis bilde ich natürlich ständig solche Ketten. Kant meint offenbar, dass Hume hier zur Übertreibung neige. Mal schauen, wie sich das im Text genau darstellt.) Dass Husserl seine Phänomenologie ebenfalls in - mindestens teilweiser - Auseinandersetzung mit Hume entwickelt hat, wusste ich nicht (mehr). Der Sprachanalytiker Ayer hält sich für die logische Weiterentwicklung von Russell und Wittgenstein, und die wiederum für die logische Weiterentwicklung der Empiristen Berkeley und Hume. Er übersieht hier allerdings m.M.n. gepflegt, dass Wittgenstein nicht in der angelsächsischen Tradition "gross geworden" ist, wo die beiden tatsächlich recht prominent sind, während sie trotz Kant und Husserl im deutschsprachigen Philosophieren eher marginal hervortreten. (Nebenbei: Berkleley wäre auch mal was für eine gemeinsame Lektüre - von dem kenne ich nämlich noch gar nichts.  ;) )

Soweit meine Erkenntnisse aus dem Vorwort - neben den rein textgeschichtlichen.  :hi:

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #1 on: 29. September 2010, 16.14 Uhr »
Erster Abschnitt: Über die verschiedenen Arten der Philosophie

Hume unterscheidet mal zwei Arten von Philosophie: Die eine betrachtet den Menschen als zum Handeln geboren und versucht daher, dieses sein Handeln zu beeinflussen, indem sie Neigungen, Gefühle, Gemüt ansprechen. Die Tugend in den schönsten Farben ausmalen, dem Menschen durch Tugendhaftigkeit Aussicht auf Ruhm und Glück eröffnen. (Max Weber wird dies viel später als Grundlage der protestantischen Ethik und damit des Kapitalismus ausmachen.) Humes Ton, wenn er von dieser Art Philosophie spricht, ist leicht ironisch. Er bevorzugt offenbar die ander Art: die Vernunft, das Schaffen von Grundlagen für Urteile. Von dieser zweiten Art Philosophen meint er: "Mögen auch ihre Spekulationen dem Durchschnittsleser abstrakt, ja unverständlich scheinen: Sie streben nach dem Beifall der Gelehrten und Weisen [...]." Wo er Recht hat, hat er Recht, und es ist leider bis heute Mode geblieben, vom Wissenschafter generell, vom Philosophen speziell zu verlangen, dass ihre Forschungsergebnisse 'allgemeinverständlich' dargestellt sein müssten. (Schön dann aber auch die Bemerkung, dass der Alltag auch solche Philosophen oft aus ihrem philosophischen System herausreisst, und sie mit denselben Leidenschaften sich äussern wie auch der Durchschnittsbürger.) Die Coda dieser Zusammenstellung bildet eine Aufzählung von Autoren, die dem einen oder dem andern System huldigen: "Ciceros Ruhm steht auch heute noch in Blüte, während der des Aristoteles völlig verwelkt ist. La Bruyères Name dringt über die Meere und behauptet noch immer sein Ansehen; doch der Ruhm Malebranches bleibt auf sein eigenes Volk und seine eigene Zeit beschränkt. Und vielleicht wird Addison noch mit Vergnügen gelesen werden, wenn Locke gänzlich vergessen sein wird." Fishing for compliments oder echte Überzeugung? Als Prophet jedenfalls hätte Hume versagt.

Nach einem Aufruf zur Mässigung folgt dann die erste Rechtfertigung der Exaktheit in den Wissenschaften bzw. der exakten Wissenschaften. Schön wiederum dieser Satz, den ich so gerne so manchem ins Stammbuch schreiben möchte: "Genauigkeit ist in jedem Falle der Schönheit dienlich und richtiges Denken dem zarten Empfinden." Nicht also Denken / Logik vs. Fühlen / Empfinden, sondern Denken als Grundlage weitergehender psychischer Aktivitäten. Das Dunkel zu erhellen, sei die Aufgabe des Wissenschafters / des Philosophen. Vor allem die Dunkelheit der Metaphysik hat Hume hier im Visier. Soll man die Metaphysik den Strauchdieben des Aberglaubens überlassen, oder soll man diese Strauchdiebe in ihrem Versteck aufsuchen und sie ausräuchern? "Wir hoffen vergeblich, dass die Menschen durch häufige Enttäuschung schliesslich von solchem leichtfertigen Wissen ablassen und das eigentliche Gebiet der menschlichen Vernunft entdecken werden." Dies will offenbar das Programm der vorliegenden Schrift sein.

Alles in allem gefällt mir dieser Beginn schon ausnehmend. Ich habe jetzt den ersten Abschnitt fertig gelesen und bin auf S. 31 meiner Ausgabe.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #2 on: 29. September 2010, 18.01 Uhr »
Hallo,

wir haben dieselbe Ausgabe. Ich habe mal eben mit dem Vorwort begonnen, wobei mir Humes Text nicht ganz unbekannt ist (schon durch die Kantsche Rezeption). Das, was Kant (und viele spätere) umgetrieben hat, war im Grunde das Induktionsproblem: "Wie kann science of man begründet und der Aberglaube als unbegründet kritisiert werden?" Oder: Wie ist Wissenschaft auf induktiver Grundlage möglich? Es sind die synthetischen Urteile a posteriori, die Hume im Auge hat und deren "Beweisbarkeit".

Vor dem Wochenende werde ich wohl nicht viel weiter kommen. Und - bei mir dauert solche Lektüre immer ein wenig ;).

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #3 on: 29. September 2010, 20.45 Uhr »
Vor dem Wochenende werde ich wohl nicht viel weiter kommen. Und - bei mir dauert solche Lektüre immer ein wenig ;).

Ich habe Zeit. Im Moment sind Ferien, aber die dauern auch nicht ewig. Und die Werkausgabe von Jean Paul hält mich bis auf weiteres schön auf Trab.

(Nebenbei: Letzthin war ich zu einem Vortrag eingeladen. Über Tarot. Jedesmal, wenn's interessant wurde, hat die Referentin abgebrochen mit: "Das ist nun Metaphysik. Das ist nun zu schwierig, um es kurz darstellen zu können." Meinethalben hätte sie auch länger machen können - wenn sie es nur hätte darstellen können. Aber Metaphysik, das ist für diese Leute alles, was nicht Judentum-Christentum-Islam ist, sondern diese krude Mischung aus Reinkarnationsglauben, Glauben an Prädestination und Schicksal, sowie hundert andern esoterischen Einflüssen, die man natürlich dann nicht im Detail erklären kann. Wenn das schon zu Humes Zeiten so war, begreife ich seine Zurückhaltung, wenn's um Metaphysik als exakte Wissenschaft geht. Zu leicht arbeitet man Salbadern in die Hände ...)
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Offline orzifar

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #4 on: 01. Oktober 2010, 15.40 Uhr »
Frage abseits aller Philosophie: Wie kommt ein als vernünftig gedachter Mensch in die Verlegenheit, einen Vortrag über Tarot anzuhören? Ich kann mir für meine Wenigkeit kein Szenario vorstellen, dass mich - außer durch Anwendung brachialer Gewalt - dazu bringen würde.

lg

orzifar

Nachsatz: Ich habe leider recht wenig Zeit (meine Energien überschätzt), werde aber mit Sicherheit fertiglesen.
« Last Edit: 01. Oktober 2010, 15.49 Uhr by orzifar »
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #5 on: 01. Oktober 2010, 16.06 Uhr »
Frage abseits aller Philosophie: Wie kommt ein als vernünftig gedachter Mensch in die Verlegenheit, einen Vortrag über Tarot anzuhören? Ich kann mir für meine Wenigkeit kein Szenario vorstellen, dass mich - außer durch Anwendung brachialer Gewalt - dazu bringen würde.

Das hat mich auch ins Grübeln gebracht. Also entweder sind Geschichte und Deutungsvielfalt des Tarot interessanter, als wir Banausen ahnen, oder man müsste das mit dem "als vernünftig gedacht" nochmal überprüfen. ;D

Gruß
Anna
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #6 on: 01. Oktober 2010, 17.19 Uhr »
Eigentlich sind wir damit mitten in der Philosophie und der Aussagenlogik: Der Satz, dass Sandhofer vernünftig sei (p (sv)) und der Satz, dass Sandhofer nicht vernünftig sei (p non(sv)), können nicht gleichzeitig zutreffen. Wenn man aus dem Satz "Sandhofer besucht Tarot-Veranstaltung" (p (s tarot)) auf die Verneinung von p (sv) schließen kann, haben wir ein Problem in den Ausgangsbedingungen ;). Nun stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen der Schluss von p (s tarot) auf p non (sv) nicht zulässig ist.

lg

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #7 on: 01. Oktober 2010, 17.41 Uhr »
Frage abseits aller Philosophie: Wie kommt ein als vernünftig gedachter Mensch in die Verlegenheit, einen Vortrag über Tarot anzuhören? Ich kann mir für meine Wenigkeit kein Szenario vorstellen, dass mich - außer durch Anwendung brachialer Gewalt - dazu bringen würde.

Das hat mich auch ins Grübeln gebracht. Also entweder sind Geschichte und Deutungsvielfalt des Tarot interessanter, als wir Banausen ahnen, oder man müsste das mit dem "als vernünftig gedacht" nochmal überprüfen. ;D

Über Geschichte und Deutungsvielfalt habe ich leider sehr wenig erfahren. Ausser der standardmässigen Zurückführung auf eine Geheimschrift der ägyptischen Pharaonen (wer und was führt sich eigentlich nicht aufs alte Ägypten zurück? Jede Rückführung in vergangene Leben endet damit, dass man Tutenchamon oder Kleopatra war ...) Als Alternative wurden dann vage alte Inder angegeben. Insofern eine Enttäuschung, auch wenn ich natürlich von einer praktizierenden Tarotistin keine wirklichen Erkenntnisse erwartet habe.

Und wie ich dazu gekommen bin? Die Vortragende ist die Lebenspartnerin des mit mir befreundeten Inhabers jener Werkstatt, von der ich mein Auto habe, die es auch pflegt und bereift etc. - summa summarum: von der mein Auto und damit mein Leben in vielfacher Hinsicht abhängen.  :angel:

(Die Frau macht es übrigens sehr schlau: Ähnlich wie ein Psychoanalytiker lässt sie den Klienten die Deutung der Kartensymbole selber geben. So kann man wenig falsch machen ...  >:D )

Also: sandhofer liebt das leben (p (sl)) = wahr. Wenn (p (sl)) = wahr, dann (p (sv)) = wahr. Wenn (p (sl)) = wahr, dann (p (s tarot)) = wahr. Ergo: Wenn (p (sv)) = wahr, dann (p (s tarot)) = wahr.
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Offline orzifar

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #8 on: 01. Oktober 2010, 17.54 Uhr »
Wenn (p (sl)) = wahr, dann (p (sv)) = wahr

Hier könnte etwas begraben sein, das einem Hund nicht unähnlich ist.

Aber du hast mein vollstes Verständnis. Da mir mein - ehemals fahrbarer - Untersatz den Dienst aufgekündigt hat und ich einen neuen zu besorgen mich gezwungen sehe (Vergnügenswert nicht unähnlich der einer Wurzelbehandlung, ich werd nie mehr ein "Shopping-Freak"), deshalb also ... 

lg

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Offline sandhofer

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #9 on: 01. Oktober 2010, 18.58 Uhr »
Wenn (p (sl)) = wahr, dann (p (sv)) = wahr

Hier könnte etwas begraben sein, das einem Hund nicht unähnlich ist.

Nun, unser Hund ist es nicht; der lebt noch. Ich vermute, es ist der Hund jener Tragik, die entsteht, wenn man versucht, die reine Logik zur angewandten zu machen.  :D
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #10 on: 02. Oktober 2010, 21.20 Uhr »
Ich bin nun auch im ersten Abschnitt und werde heute (spät. morgen) dazu noch schreiben. Ein Vorschlag: Wir lesen brav Abschnitt für Abschnitt (der insgesamt 12 Teile) und schreiben jeweils etwas mehr-weniger Geistreiches dazu (wodurch sich eine übersichtlichere Strukturierung ergeben sollte (könnte)).

lg

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #11 on: 03. Oktober 2010, 01.35 Uhr »
Hallo!

Ich bin so glücklich mit diesem Anfangskapitel nicht. Vorläufig bleibt vieles im Vagen, Ungenauen: Das beginnt eben schon bei der von dir erwähnten Unterscheidung. Was genau da unterschieden wird, sagt Hume nicht - und er gibt auch keine Beispiele (außer er von dir genannten), die aber immerhin einige Interpretation zulassen: Dass da nämlich zum einen Moralphilosophie behandelt würde (die natürlich für die breite Masse von größerem Interesse wäre) und zum anderen Erkenntnistheorie. (Ich war versucht, dies anfangs - auch - als eine Unterscheidung zwischen Empirismus und Rationalismus zu interpretieren, das aber macht in weiterer Folge Probleme.) Diese Moralphilosophie (der Mensch als zum Handeln geboren mit Neigungen und Gefühlen) ist populär, leichter verständlich, essayistisch, während die Erkenntnistheorie sich mit den Grenzen der Möglichkeiten des Denkens auseinandersetzt und exakt ausgeführt werden muss.

Wichtig scheint mir der Vergleich von Maler und Anatomen: Jener sieht das Ganze, profitiert aber von den Forschungsergebnissen des sezierenden Wissenschaftlers. Damit begründet Hume seine eigene Vorgehensweise, bezeichnet sie implizit als konstituierend für weite Teile des Kulturlebens. Er will durch Analyse der Verstandestätigkeit die Grundlagen für moralische Handlungsweisen finden und nicht, wie er wenig freundlich meint, die "Phantasie seiner Leser beflügeln und sie den Unterschied zwischen Tugend und Laster spüren lassen". Mit dieser Invektive hat er sicher bestimmte Philosophen gemeint (Hutcheson? - der ihn an der Universität abgelehnt hat; Shaftesbury? - aber ich kenn die mehr oder weniger nur vom Namen oder hab mal was in einer Kurzzusammenfassung gelesen, auch den explizit genannten Addison kenn ich - gar - nicht).

Sehr wichtig erscheint mir auch der Hinweis auf die  "fruchtlosen Bemühungen des menschlichen Geistes in Dinge einzudringen, die dem Verstand durchaus unzugänglich sind". Das ist klare Religionskritik, mit solchen müßigen Spekulationen, die nur Dunkles hervorbringen, will er nichts zu tun haben. Er unterscheidet (zu Recht) nicht zwischen Aberglauben und Religion und landete auf dem vatikanischen Index (eine Auszeichnung ;)). Gleich ein Vorschlag: Wie führen uns anschließend dieses Buch zu Gemüte. Sehr gut lesbar. Diese Unterscheidung Aberglauben - Wissenschaft ist schon deshalb so wichtig, weil im Rahmen des Induktionsproblems Hume genau diese Schwierigkeit zu lösen versucht (Popper hat das später aufgegriffen und eine sehr elegante Lösung präsentiert).

Ein Wort noch zur Allgemeinverständlichkeit (ich bekenne mich als ein Anhänger derselben): Natürlich kann Philosophie nicht wie ein Sportbericht am Klo gelesen werden. Aber es gibt die Verpflichtung für den Philosophierenden, seine Ideen und Gedanken so klar als irgend möglich zu formulieren. Das muss keine simplifizierende Sprache zur Folge haben (Schopenhauer und Nietzsche waren auch hervorragende Schreiberlinge). Vor allem aber in der Gegenwartsphilosophie (bzw. der des 20. Jahrhunderts) wird unklare, dunkle Sprache, obskures Wortgeklingel häufig dafür eingesetzt, den eigenen (meist recht flachen) Horizont zu verbergen und scheinbaren Tiefsinn zu suggerieren (v. a. Franzosen fallen mir in Mengen und Massen ein, Deleuze, Virilio, Baudrillard ad infinitum). Dieser fürchterliche Quark wird nicht nur dem Studierenden zugemutet, sondern verhinderte z. T. über Jahrzehnte eine vernünftige Philosophie an - v. a. - deutschen und franz. Hochschulen.

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #12 on: 03. Oktober 2010, 06.42 Uhr »
Hallo!

Ich bin auch für "Abschnitt für Abschnitt".  ;) (Diese Woche werde ich allerdings wohl keinen mehr lesen können, frühestens nächstes Wochenende.)

Er will durch Analyse der Verstandestätigkeit die Grundlagen für moralische Handlungsweisen finden und nicht, wie er wenig freundlich meint, die "Phantasie seiner Leser beflügeln und sie den Unterschied zwischen Tugend und Laster spüren lassen". Mit dieser Invektive hat er sicher bestimmte Philosophen gemeint (Hutcheson? - der ihn an der Universität abgelehnt hat; Shaftesbury? - aber ich kenn die mehr oder weniger nur vom Namen oder hab mal was in einer Kurzzusammenfassung gelesen, auch den explizit genannten Addison kenn ich - gar - nicht).

Zeitgenossen wüsste ich nun auch nicht. Selber habe ich dabei an Platon gedacht.

Gleich ein Vorschlag: Wie führen uns anschließend dieses Buch zu Gemüte.

Einverstanden. Ich wusste gar nicht, dass die Philosophische Bibliothek unterdessen giftgrün geworden ist ...

Aber es gibt die Verpflichtung für den Philosophierenden, seine Ideen und Gedanken so klar als irgend möglich zu formulieren.

Damit bin ich einverstanden. Das heisst für mich allerdings nicht "allgemeinverständlich". "Allgemeinverständlich" ist die Kronenzeitung, Bild und der Blick. Kant hat auch so klar als irgend möglich formuliert - allgemeinverständlich war er schon zu seiner Zeit nicht. Sonst hätt's keines Reinhold bedurft.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #13 on: 04. Oktober 2010, 01.49 Uhr »
Ich bin auch für "Abschnitt für Abschnitt".  ;) (Diese Woche werde ich allerdings wohl keinen mehr lesen können, frühestens nächstes Wochenende.)

Gut. Ich werde mir inzwischen an der UB ein bisschen Sekundärliteratur bestellen (und hoffentlich auch hineinlesen ;)). Außerdem mir Stremingers (der wohl anerkannteste Hume-Forscher im deutschen Sprachraum) Biographie besorgen. Mit 700 Seiten ein wenig umfänglich - und ja: Das wird wohl alles wieder mal ein bisschen viel ;).

Zeitgenossen wüsste ich nun auch nicht. Selber habe ich dabei an Platon gedacht.

Der eher nicht, von den antiken Schriftstllern hatte er wohl Epikureer bzw. Stoiker im Sinne, jene, die Vorschläge für ein "richtiges", glückliches Leben machten.

Einverstanden. Ich wusste gar nicht, dass die Philosophische Bibliothek unterdessen giftgrün geworden ist ...

Meiner-Verlag macht auf blass. Allerdings sind die Ausgaben meist ausgezeichnet.

Damit bin ich einverstanden. Das heisst für mich allerdings nicht "allgemeinverständlich". "Allgemeinverständlich" ist die Kronenzeitung, Bild und der Blick. Kant hat auch so klar als irgend möglich formuliert - allgemeinverständlich war er schon zu seiner Zeit nicht. Sonst hätt's keines Reinhold bedurft.

Wenn wir uns auf eine entsprechende Definintion für "allgemeinverständlich" einigen, dürften wir wohl weitgehende Übereinstimmung bezüglich Verständlichkeit erzielen. Ich habe meine Stoßrichtung ohnehin klar gemacht ;). Natürlich kann ich Epistemologie nicht wie ein Pixie-Buch aufbereiten (meine tägliche Gute-Nacht-Lektüre - derzeit: Die Bremer Stadtmusikanten). Aber es ist eine Form intellektueller Redlichkeit, seine Thesen möglichst klar zu formulieren.

lg

orzifar
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Re:David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
« Reply #14 on: 04. Oktober 2010, 06.42 Uhr »
700 Seiten sind mir aktuell zu viel. Vielleicht im nächsten Frühling, anlässlich des zweiten Textes von Hume ...

Im übrigen sind wir wohl in Bezug auf Allgemeinverständlichkeit nicht arg weit auseinander. Mir geht es vor allem und auch darum, dass ich mich dagegen wehre, dass im Namen einer "Allgemeinverständlichkeit" eine Sprach- und Stilkritik an einem Autor geübt wird, die nur verstecken soll, dass der Sprach- und Stilkritiker ganz einfach zu blöd ist, auch die nötige Vorbildung nicht hat, um einem philosophischen Fachtext zu folgen. Und solche gibt es zu Hauf ...  ;)
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