Hallo!
Ich bin so glücklich mit diesem Anfangskapitel nicht. Vorläufig bleibt vieles im Vagen, Ungenauen: Das beginnt eben schon bei der von dir erwähnten Unterscheidung. Was genau da unterschieden wird, sagt Hume nicht - und er gibt auch keine Beispiele (außer er von dir genannten), die aber immerhin einige Interpretation zulassen: Dass da nämlich zum einen Moralphilosophie behandelt würde (die natürlich für die breite Masse von größerem Interesse wäre) und zum anderen Erkenntnistheorie. (Ich war versucht, dies anfangs - auch - als eine Unterscheidung zwischen Empirismus und Rationalismus zu interpretieren, das aber macht in weiterer Folge Probleme.) Diese Moralphilosophie (der Mensch als zum Handeln geboren mit Neigungen und Gefühlen) ist populär, leichter verständlich, essayistisch, während die Erkenntnistheorie sich mit den Grenzen der Möglichkeiten des Denkens auseinandersetzt und exakt ausgeführt werden muss.
Wichtig scheint mir der Vergleich von Maler und Anatomen: Jener sieht das Ganze, profitiert aber von den Forschungsergebnissen des sezierenden Wissenschaftlers. Damit
begründet Hume seine eigene Vorgehensweise, bezeichnet sie implizit als konstituierend für weite Teile des Kulturlebens. Er will durch Analyse der Verstandestätigkeit die Grundlagen für moralische Handlungsweisen finden und nicht, wie er wenig freundlich meint, die "Phantasie seiner Leser beflügeln und sie den Unterschied zwischen Tugend und Laster spüren lassen". Mit dieser Invektive hat er sicher bestimmte Philosophen gemeint (Hutcheson? - der ihn an der Universität abgelehnt hat; Shaftesbury? - aber ich kenn die mehr oder weniger nur vom Namen oder hab mal was in einer Kurzzusammenfassung gelesen, auch den explizit genannten Addison kenn ich - gar - nicht).
Sehr wichtig erscheint mir auch der Hinweis auf die "fruchtlosen Bemühungen des menschlichen Geistes in Dinge einzudringen, die dem Verstand durchaus unzugänglich sind". Das ist klare Religionskritik, mit solchen müßigen Spekulationen, die nur Dunkles hervorbringen, will er nichts zu tun haben. Er unterscheidet (zu Recht) nicht zwischen Aberglauben und Religion und landete auf dem vatikanischen Index (eine Auszeichnung

). Gleich ein Vorschlag: Wie führen uns anschließend dieses
Buch zu Gemüte. Sehr gut lesbar. Diese Unterscheidung Aberglauben - Wissenschaft ist schon deshalb so wichtig, weil im Rahmen des Induktionsproblems Hume genau diese Schwierigkeit zu lösen versucht (Popper hat das später aufgegriffen und eine sehr elegante Lösung präsentiert).
Ein Wort noch zur Allgemeinverständlichkeit (ich bekenne mich als ein Anhänger derselben): Natürlich kann Philosophie nicht wie ein Sportbericht am Klo gelesen werden. Aber es gibt die Verpflichtung für den Philosophierenden, seine Ideen und Gedanken so klar als irgend möglich zu formulieren. Das muss keine simplifizierende Sprache zur Folge haben (Schopenhauer und Nietzsche waren auch hervorragende Schreiberlinge). Vor allem aber in der Gegenwartsphilosophie (bzw. der des 20. Jahrhunderts) wird unklare, dunkle Sprache, obskures Wortgeklingel häufig dafür eingesetzt, den eigenen (meist recht flachen) Horizont zu verbergen und scheinbaren Tiefsinn zu suggerieren (v. a. Franzosen fallen mir in Mengen und Massen ein, Deleuze, Virilio, Baudrillard ad infinitum). Dieser fürchterliche Quark wird nicht nur dem Studierenden zugemutet, sondern verhinderte z. T. über Jahrzehnte eine vernünftige Philosophie an - v. a. - deutschen und franz. Hochschulen.
lg
orzifar