Vielleicht schreibst du mal, was du persönlich als Lyrik bezeichnen würdest und was für dich die sine-qua-nons eines Gedichts sind.
Für mich jedenfalls sind das Gedichte, kleine "Sprachorganismen", die irgendwie funktionieren - sprachlich, inhaltlich und formal.
Nun, da gibt's irgendwo die Theorie der Überdeterminierung, oder wie das Ding heisst. Will sagen: Es werden mehr Elemente verwendet, als zu einer simplen Aussage notwendig wären. Sprachlich-formal sind Reim und Rhythmus, optische Gestaltung etc. solche Überdeterminierungen. Schon hier habe ich Mühe, in vielen Zeilenumbrüchen mehr als Zufälligkeiten zu sehen. Das mag aber am Übersetzer liegen. Inhaltlich vermisse ich in den meisten Gedichten eine - nennen wir's mal: symbolische - Aufladung, die z.B. dazu führt, dass das Bild einer Landschaft zum Bild einer Befindlichkeit wird. (Rilkes Im Jardin des Plantes, Paris - um ein bekanntes Beispiel zu nennen.)
Danke für die Erläuterungen. Ich finde sie einleuchtend und denke, dass die von dir genannten Kriterien bei der Betrachtung von Lyrik hilfreich sein können und funktionell sind.
Überdeterminierung kannte ich bislang nur als Freud'schen Begriff.
Ja, die Zeilenumbrüche muten willkürlich an, haben aber doch auch oft eine witzige, überraschende, akzentuierende Funktion, etwa in der Art:
(
Kleines Theater in Hollywood, S.172)
...
Das beste, was man darüber
sagen konnte, war
dass keiner versuchte, dem
anderen die Schau zu
stehlen, nicht einmal
die Schau-
spieler....
Ansonsten sorgen die Zeilenumbrüche für jeweils eine annähernd gleiche Silbenzahl pro Zeile und geben dem Text einen gewissen Rhythmus. Bei you tube habe ich mir O-Ton Bukowski angehört: Er liest in tiefem Säuferbass, getragen und in einem bestimmten Rhythmus unverkennbar ein Gedicht (youtube:
The last days of suicide-kid, in unserem Band:
Die letzten..., S.571)
Die meisten Bukowski-Poeme sind ja Erzählgedichte (Er spricht irgendwo von epischen Gedichten) und sie haben oft balladeske Züge, enthalten entsprechend Goethes Urei-Theorie Episches, Dramatisches und Lyrisches: Eine kleine Geschichte wird erzählt, am Höhe-bzw. Wendepunkt gibt es einen verbalen Schlagabtausch und es endet mit einem ironisch wehmütigen Gedanken.
Balladenhaft sind auch refrainähnliche Wiederholungen (und Variationen). Beispiele:
Edith schickt uns ,S.151. Chinaski wird von ungebetenen Gästen genervt :
Wir dachten, wir besorgen einen
Kasten Bier und quatschen(drei Mal in gleichmäßigen Abständen)
Oder:
Shit auf der Reihe, S.186. Cleo hat sich von ihrem Mann Barney getrennt. Gebetsmühlenartig wird in gleichen Abständen wiederholt:
Barney war nicht gut für sie...Einige Gedichte sind sonettartig (These, Antithese, Synthese bei entsprechender Zeilenzahl ) Beispiel:
Wer war...?, S.72
Also, ich würde bei Bukowskis Texten schon von Gedichten sprechen, auch wenn einige wenige darunter sind, die wirklich ohne Höhe-oder Wendepunkt, ohne jede Pointe, Ironie , Überraschung, Spannung daherkommen, wo auch der Sinn nicht in der Sinnsuche (da aussichtslos) liegen kann und der Leser in die Irre und das Schreiben ad absurdum geführt werden soll.(?)
Ich bin nun auch im II. Teil
Western Avenue angelangt. Die Gedichte haben deutlich mehr "symbolische Aufladung", gefallen mir aber weniger.