Author Topic: Charles Bukowski: 439 Gedichte  (Read 49960 times)

Offline mombour

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #60 on: 02. April 2010, 09.14 Uhr »
Hallo,

ich möchte doch noch mal zurückrudern auf Seite 124ff

"Das Ende von Etwas"

ein Gedicht, was uns alle betrifft, besonders in der heutigen schnelllebigen Zeit. Es geht um Stammkneipe von Chinaski. Hier kann man locker herumsitzen, plaudern.

"Ich kannte so gut wie keinen
aber ich sagte >>hey, hey>> und
fand alles ganz prima."


Fünf Jahre war er dort Stammgast und kannte keinen? Hier drückt sich wohl eine Lebensphilosophie aus, man plaudert und ratscht umher, völlig zwanglos, einfach aus dem Leben heraus, ohne etwas mehr zu wollen (Bindungen). Das spontane glückliche Leben, eben, die Freude am Dasein.

Und nun kommt eine Wende, denn die Zeit schreitet fort. Plötzlich ist ein Fernseher in der Kneipe. Anstatt weiterhin in aller Natürlichkeit zu plaudern, sich am bescheidenen Dasein zu erfreuen, starren die Gäste auf die Glotze.

"Als sie den Fernseher
installierten, waren es
nicht mehr die Gäste, die
für Unterhaltungen sorgten.
Alkle saßen auf einen Haufen
und starrten auf den Bild-
schirm."


Die Atmosphäre in der Kneipe, die Leute "kommunizieren" nur mnoch mit dem Fernseher. Für Chinaski ein Grund, abzuhauen - für immer.

Hier liegt Kritik neuartiger Kommunikationsmedien vor, die uns, so im Gedicht dargelegt, ein Stück Menschlichkeit berauben, lassen sich die Menschen doch von einem Gerät massiv beeinflussen. Dieses Gedichtr wird immer bedeutsam bleiben, denn wir finden uns in einer rasanten Entwicklung. Nicht nur der Fernseher, auch der Computer dirigiert die Welt. Nun mag man natürlich sagen und das ist durchaus korrekt, im INternet kann man doch kommunizieren wie auch in diesem Forum hier. Das ist völlig klar und ist positiv. Worüber ich mir Gedanken mache ist eben dies, ich recherchiere meist nur im INternet und gehe seltener in Bibliotheken - wenigstens lese ich noch. Chinaski will sich den modernen Entwicklungen nicht stellen und flieht lieber. Wie ist es mit uns? Auf lange Sicht wird sich noch zeigen, was für einen Einfluss der PC/das Internet auf unser Gehirn hat und die Evolution des Menschen beeinflusst. Ich hoffe positiv.

Und wenn wir uns Don Quixote anschauen, die Ritterromane haben ihn verrückt gemacht  ;D - auch damals Kritik an Informationsmedien.

Liebe Grüße
mombour

Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #61 on: 02. April 2010, 17.59 Uhr »
Die Atmosphäre in der Kneipe, die Leute "kommunizieren" nur mnoch mit dem Fernseher. Für Chinaski ein Grund, abzuhauen - für immer.

Ja. Wieder diese Spannung zwischen einer absolut unklassischen, unkonventionellen Sprache und Thematik (jedenfalls unklassisch und unkonventionell zu der Zeit, als es Bukowski schrieb) und einer geradezu spiessbürgerlichen Seite, die Chinaski in den Häftlingen dem Bildungsbürgertum bekannte Autoren sehen lässt und ihn hier das Eindringen des Fernsehers in vorher noch unberührte Gebiete bedauern lässt. Kein Reich-Ranicki hätte besser gegen TV polemisieren können ...
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Offline Gontscharow

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #62 on: 02. April 2010, 23.17 Uhr »

Das Ende von etwas ist auch der Titel einer in Amerika sehr bekannten Erzählung von Hemingway (The end of something). In ihr geht es ebenfalls um das Ende einer Ära (und einer Liebe).
Etwas in Amerika war gestorben heißt es pathetisch in dem Gedicht von Bukowski. Dabei wird ja der armselige bisher selbstproduzierte Stumpfsinn (ich sagte hey, hey ) nur durch den Stumpfsinn des Fernsehens ersetzt. Das Highlight an Unterhaltung, das Chinaski aus fünf Jahren Stammgastzeit einfällt, ist der kleine dämliche Brandunfall, der dann mit einem Drink (ha, ha) begossen wird.
So ganz ernst ist es ihm mit der Wehmut und dem Pathos beim Ende der alten Kneipenherrlichkeit wohl auch nicht, wenn das Gedicht ausklingt:

Meine fünf Jahre auf
dem hintersten Barhocker
hatte ich gerade noch
rechtzeitig zu Ende

gebracht.

Das klingt eigentlich eher nach ironischem Umgang mit dem Klischee als nach spießbürgerlichem Kulturpessimismus.

@sandhofer:
Bitte wo in dem Gedicht Niemand zuhause(S.154) ist die wunderschön-melancholische Liebesgeschichte ohne happy-ending...? Ich sehe sie einfach nicht. Da ist nur von einer heißen Frau die Rede, die einen Mann umkrempeln kann, ansonsten von einer leeren Wohnung. Oder sehe ich das falsch? Vgl. mein posting vom 31.März

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #63 on: 03. April 2010, 12.06 Uhr »
Das klingt eigentlich eher nach ironischem Umgang mit dem Klischee als nach spießbürgerlichem Kulturpessimismus.

Das Gedicht ist wohl mehrfach gebrochen. Es ist ein Säufer in einer Bar, einer, der gar nicht mit den andern kommuniziert hat, der sich nun darüber beklagt, dass der TV-Apparat alle Kommunikation erstickt. Ein gesellschaftlicher und kultureller Aussenseiter, der dann wiederum erzkonservative gesellschaftliche Standpunkte vertritt.

@sandhofer:
Bitte wo in dem Gedicht Niemand zuhause(S.154) ist die wunderschön-melancholische Liebesgeschichte ohne happy-ending...? Ich sehe sie einfach nicht. Da ist nur von einer heißen Frau die Rede, die einen Mann umkrempeln kann, ansonsten von einer leeren Wohnung. Oder sehe ich das falsch? Vgl. mein posting vom 31.März

[...] Der // Zettel, den du hier hinterläßt, // wird gelesen, dann vergessen.


Und auch den Schluss interpretiere ich so, dass sich eben dann keine geändert hat:

Wenn eine heiße Frau auf
einen Einsiedler trifft
muss sich einer
ändern.


Es hat's aber wohl keiner getan ...
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Offline Gontscharow

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #64 on: 03. April 2010, 13.49 Uhr »

Das Gedicht ist wohl mehrfach gebrochen. Es ist ein Säufer in einer Bar, einer, der gar nicht mit den andern kommuniziert hat, der sich nun darüber beklagt, dass der TV-Apparat alle Kommunikation erstickt.

Ja, das meinte ich.


der dann wiederum erzkonservative gesellschaftliche Standpunkte vertritt,

die dann aber ebenfalls ironisch gebrochen sind, wie das Ende des Gedichts zeigt.


[...] Der // Zettel, den du hier hinterläßt, // wird gelesen, dann vergessen.

Hier wendet sich Chinaski nicht an die Frau, sondern wie im ganzen Gedicht an Freunde, Bekannte, Leute, die mit ihm Kontakt aufnehmen wollen:

Ich bin/ nicht da, wenn das Telephon/ klingelt...
Und wenn man/ anklopft, ...
Der/ Zettel, den du hier hinterlässt,....


Chinaski spricht nicht mit, sondern über die Frau:

Wenn ich den Kuchen je/ gebacken kriege, werden euch/ die Augen übergehen...

Und auch den Schluss interpretiere ich so, dass sich eben dann keine geändert hat:

Wenn eine heiße Frau auf
einen Einsiedler trifft
muss sich einer
ändern.


Es hat's aber wohl keiner getan ...

Meiner Meinung nach schon. Er hat sich geändert, hat seine Einsiedlerklause aufgegeben.




Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #65 on: 03. April 2010, 18.57 Uhr »
Meiner Meinung nach schon. Er hat sich geändert, hat seine Einsiedlerklause aufgegeben.

Den Wechsel vom allgemeineren "euch" zum speziellen "du" habe ich eben so interpretiert, dass hier nicht mehr die Leser / die Freunde und Bekannten angesprochen werden, sondern eine ganz bestimmte Person. Auch ist es ja so, dass er, nachdem er im ersten Teil des Gedichts die Emphase darauf legt, dass er gar nicht da ist, im zweiten Teil dann plötzlich sehr genau Bescheid gibt über die Aussicht aus seinem Zimmer, die Risse an seiner Decke. Das klingt für mich schon nach einem, der (wieder) zu Hause herumliegt und nichts Gescheit(er)es mehr zu tun hat ...
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Offline Gontscharow

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #66 on: 03. April 2010, 22.37 Uhr »

[ Das klingt für mich schon nach einem, der (wieder) zu Hause herumliegt und nichts Gescheit(er)es mehr zu tun hat ...

Ja, ein schöner Gedanke, aber dann müsste der erste Teil in der Vergangenheitsform stehen. Der einzige Satz aber, der sich auf eine Vergangenheit vor der Jetzt-Zeit des Gedichts bezieht, lautet:

Bis vor kurzem war ich noch/ ein Eremit...

Außerdem heißt das Gedicht Niemand zuhause und nicht Wieder zuhause.
Schade, ich liebe melancholische Liebesgeschichten! So gefällt mir das Gedicht aber auch.  ;)

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #67 on: 04. April 2010, 15.49 Uhr »
Ja, ein schöner Gedanke, aber dann müsste der erste Teil in der Vergangenheitsform stehen.

Nur, wenn wir davon ausgehen, dass die Geschichte quasi vom Ende her erzählt wird. Wenn aber das jeweils gerade Erlebte niedergeschrieben wird, bleiben wir im Präsens. Damit wird zugleich der Anspruch an ewige Gültigkeit solcher Gefühle und Liebesschwüre hintertrieben.

Außerdem heißt das Gedicht Niemand zuhause und nicht Wieder zuhause.

Es ist auch niemand zu Hause. Nur ist der Grund jetzt ein anderer: Das lyrische Ich ist mal wieder in einer Depression abgesoffen.  >:D
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Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #68 on: 07. April 2010, 06.05 Uhr »
Keine Angst, ich lese auch hier weiter.

Aber ausser vielleicht S. 216 ("Mach was") mit seiner zugleich bildhaften und witzigen Schlusspointe ist mir bisher nichts mehr aufgefallen.  :hi:
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Offline Gontscharow

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #69 on: 07. April 2010, 21.16 Uhr »

S. 216 ("Mach was") mit seiner zugleich bildhaften und witzigen Schlusspointe ...

Ja ;D

Erwähnenswert auch: Ein Gruß an die Normalen(S.200): Ein witziges Bekenntnis zum Alltagsleben der einfachen Leute als Stoff von Inspiration und Poesie.

Ich suchte einmal weiter oben/nach Inspiration, aber je höher/ du gehst, z.B. Platon oder Gott,/desto enger wird es.

Herrlich die Gegenbeispiele,der Ableser von Southern California/ Gas Company mit seinem schlechtsitzenden Gebiss, der ...mir das Zimmer vollstrahlt... oder der Mann mit dem Presslufthammer, sein ganzer Körper bebt und rüttelt,/aber er hält das Ding gepackt, als wärs/eine letzte Wahrheit...

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #70 on: 08. April 2010, 21.05 Uhr »

S. 216 ("Mach was") mit seiner zugleich bildhaften und witzigen Schlusspointe ...

Ja ;D

Erwähnenswert auch: Ein Gruß an die Normalen(S.200): Ein witziges Bekenntnis zum Alltagsleben der einfachen Leute als Stoff von Inspiration und Poesie.

Ich suchte einmal weiter oben/nach Inspiration, aber je höher/ du gehst, z.B. Platon oder Gott,/desto enger wird es.

Herrlich die Gegenbeispiele,der Ableser von Southern California/ Gas Company mit seinem schlechtsitzenden Gebiss, der ...mir das Zimmer vollstrahlt... oder der Mann mit dem Presslufthammer, sein ganzer Körper bebt und rüttelt,/aber er hält das Ding gepackt, als wärs/eine letzte Wahrheit...


Ja. Aber halt alle irgendwie nicht das, was ich persönlich als "Lyrik" bezeichnen würde. Ist ein Gedicht schon ein Gedicht, weil der Autor es so nennt?  ???
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Offline orzifar

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #71 on: 09. April 2010, 00.06 Uhr »
Ja. Aber halt alle irgendwie nicht das, was ich persönlich als "Lyrik" bezeichnen würde. Ist ein Gedicht schon ein Gedicht, weil der Autor es so nennt?  ???

Bei vielen der von euch zitierten Gedichte stellte ich mir die Frage, inwieweit sie "berechtigt" seien, als solche zu fungieren. Andererseits gibt es auch keine erschöpfende Definition dessen, was denn nun ein Gedicht ist - sein soll.

"Ein Gruß an die Normalen" würde mich interessieren - könnte jemand das posten?

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Sir Thomas

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #72 on: 09. April 2010, 06.14 Uhr »
Bei vielen der von euch zitierten Gedichte stellte ich mir die Frage, inwieweit sie "berechtigt" seien, als solche zu fungieren. Andererseits gibt es auch keine erschöpfende Definition dessen, was denn nun ein Gedicht ist - sein soll.

Ist ein Gedicht schon ein Gedicht, weil der Autor es so nennt?  ???

Ich meine mich erinnern zu können, dass ein Gedicht tatsächlich nur durch eines gekennzeichnet ist: die Strophenform. Reim, Metrum etc. sind keine notwendigen Zutaten. Ein schönes Beispiel ist Rilke:

Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag. Reiten, reiten, reiten.
Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen. Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel. Nur in der Nacht manchmal glaubt man den Weg zu kennen. ...


Ihr habt es bestimmt erkannt. Es ist der Anfang von "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke", eines sog. Prosagedichts.

Rilke hätte es auch wie folgt "setzen" können:

Reiten, reiten, reiten,
durch den Tag,
durch die Nacht,
durch den Tag.

Reiten, reiten, reiten.
Und der Mut ist so müde geworden
und die Sehnsucht so groß.
Es gibt keine Berge mehr,
kaum einen Baum.
Nichts wagt aufzustehen.

Fremde Hütten hocken
durstig an versumpften Brunnen.
Nirgends ein Turm.
Und immer das gleiche Bild.
Man hat zwei Augen zuviel.
Nur in der Nacht manchmal
glaubt man den Weg zu kennen.

...


Sieht doch jetzt aus, wie ein "richtiges" Gedicht, oder? Ähnliches gilt für Hölderlins "Hyperion", und auch Bukowskis Lyrik ist nur durch die Strophenform als solche erkennbar.

LG

Tom

Offline Gontscharow

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #73 on: 09. April 2010, 14.52 Uhr »
Hallo orzifar,

hier das Gedicht :

Ein Gruß an die Normalen

In meinem Schädel ticken seltene
Granaten, ich will kein Selbstmitleid
bedienen, eher züchte ich Rosen
doch manchmal setzt es mir einfach
zu, dann habe ich Visionen von
Wohnwagen mit Nutten drin, die südlich
von Santa Barbara in gewaltige
vulkanische Felsspalten rutschen.

Ich schätze, was mich hochbringt
sind die Stocknormalen: Der Cop
in seiner frischgebügelten Uniform
der mir einen Strafzettel verpasst
und auf seinem Motorrad davonfährt
wie ein Mensch, den noch nie der
Sack gejuckt hat.  Oder der
Ableser von der Southern California
Gas Company mit seinem schlecht-
sitzenden Gebiss, der um 8.15 Uhr
bei mir klingelt und mir das Zimmer
vollstrahlt mit seinem Piranha-Lächeln.

Ja, das wahre Wunder sind die
Tausende von Winzlingen da draußen
die genau wissen, was sie tun.

Ich suchte einmal weiter oben
nach Inspiration, aber je höher
du gehst, z.B. Platon oder Gott,
desto enger wird es.

Achte mal darauf. du fährst die
Straße lang und da klammert sich
einer an einem Presslufthammer fest,
der Schweiß glitzert auf seinem
nackten Bauch, seine Augen sind
nur noch Schlitze, sein ganzer Körper bebt und rüttelt,
aber er hält das Ding gepackt, als wärs
eine letzte Wahrheit, und du
machst lächelnd den zweiten Gang
rein, schaust in den Rückspiegel
und denkst: Na, dann kann ichs
auch schaffen. Mit der einen Hand
gibst du deiner Zigarette Feuer
mit der anderen stellst du das
Autoradio an und lässt das gute
Leben über dich schwappen.
« Last Edit: 09. April 2010, 15.33 Uhr by Gontscharow »

Offline orzifar

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #74 on: 09. April 2010, 18.20 Uhr »
Danke für deine Mühe des Abtippens, Gontscharow.

Es war der "Mann mit dem Presslufthammer", der meine Aufmerksamkeit erregte, die Vermutung, dass hier eine Art idealisiertes Arbeitertum dargestellt wird, die Welt derer, die da körperlich sich mühen und weitgehend im Einklang sind mit der Welt. Der einfache Mensch, unbeleckt von allen philosophischen Zweifeln, im Hier und Jetzt existierend, einer, der Platon für den Mittelstürmer von Panathinaikos Athen hält  ...

Da ich selbst genau solche Presslufthämmer in Händen gehalten habe, mit der wenig begeisternden Aussicht, niemals eine sehr viel anspruchsvollere Tätigkeit zu finden, finden zu können, stellt sich mir bei solchen Beschreibungen meist veritables Stirnrunzeln ein. "Na, dann kann ichs auch schaffen." Auch? Ich weiß nicht, zweifle, ob es der Mann mit den glitzernden Schweißperlen tatsächlich "geschafft" hat. Meist schafft er es nach getaner Arbeit ins nächste Wirtshaus, mit fortschreitendem Alter zu Bandscheibenschäden oder einer wohl ertrunkenen Leberzirrhose.

lg

orzifar
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Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany