Author Topic: Charles Bukowski: 439 Gedichte  (Read 49957 times)

Offline Sir Thomas

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #30 on: 23. März 2010, 14.58 Uhr »
... auch das nur eine Auswahl, wenn auch eine sehr umfangreiche.

Schade, aber das habe ich mir fast gedacht.

Danke!

Tom

Offline Sir Thomas

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #31 on: 23. März 2010, 15.15 Uhr »
IT CATCHES MY HEART IN ITS HANDS //
CRUCIFIX IN A DEATH HAND //
AT TERROR STREET AND AGONY WAY

Aus diesen drei US-Ausgaben stammt meine von Carl Weissner übersetzte Auswahl aus den Jahren 1955 - 1968.

Kleine Kostprobe aus "Ein alter Poet":

Überall weht einen das Unglück an,
und Keats ist tot,
und ich bin nahe dran.


Was ich mich bei Bukowski frage: Hat er seine schnoddrige "Gebrauchslyrik" wirklich für den normalen Durchschnittsamerikaner geschrieben, wie so oft behauptet wird? Kann der "Mann der Straße" etwas mit Keats anfangen? Oder mit Schostakowitsch (der Name taucht ebenfalls im oben zitierten Gedicht auf)? Oder hatte Buk es nicht doch eher auf das lyrische Establishment abgesehen, dem er mal eine ordentliche "Kante" zeigen wollte?

Lies ihnen vor und trink Deinen Wein
und denk an all die Poeten, die glauben
daß Lesungen etwas Wichtiges und Heiliges sind;
das sind die Dichter, die dich hassen [...]
das sind die Dichter, die von Liebe
und Aufrichtigkeit und Mut schreiben
oder es jedenfalls glauben ...


(Angriff und Rückzug)

So schreibt einer, der vom etablierten Lyrikbetrieb die Nase voll hat.

Viele Grüße

Tom

BigBen

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #32 on: 23. März 2010, 15.54 Uhr »
Ich habe den Eindruck, er schreibt für sich selbst, als Tagebuch, als Verarbeitung des Erlebten, um einfach nur was zu sagen.

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #33 on: 23. März 2010, 20.04 Uhr »
Soweit ich das verstanden habe, ist auch das nur eine Auswahl, wenn auch eine sehr umfangreiche.

Es ist eine Auswahl, aber wohl aus verschiedenen Perioden seines Werks. (Wenn es das gibt bei Bukowski - ich kenne dessen Werk so gar nicht bisher.)

Ich habe den Eindruck, er schreibt für sich selbst, als Tagebuch, als Verarbeitung des Erlebten, um einfach nur was zu sagen.

Etwas, das gerne mit Lyrik assoziiert wird.  ;)
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Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #34 on: 24. März 2010, 20.13 Uhr »
Ich habe den Eindruck, er schreibt für sich selbst, als Tagebuch, als Verarbeitung des Erlebten, um einfach nur was zu sagen.

Captain Goodwine - wo er mit seinem Image spielt ...
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BigBen

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #35 on: 25. März 2010, 08.52 Uhr »
Ich lese brav jeden Tag meine 5 Gedichte, aber im Augenblick ist da nichts, was mich wirklich anspricht.  :(

Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #36 on: 25. März 2010, 20.47 Uhr »
Ich lese brav jeden Tag meine 5 Gedichte, aber im Augenblick ist da nichts, was mich wirklich anspricht.  :(

Du hast ja irgendwie Recht. Gut genug, um immer wieder weiterzulesen - in der Hoffnung auf die paar zündenden Gedichte. Aber kein wirklich echtes Highlight bisher. Nun, den Anfang machen ja die Gedichte aus dem Nachlass. Ich vermute immer mal wieder, es wird seine Gründe gehabt haben, warum ein Dichter zu Lebzeiten seine Werke nicht veröffentlicht hat ...  >:D
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Offline mombour

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #37 on: 25. März 2010, 21.42 Uhr »
Ich vermute immer mal wieder, es wird seine Gründe gehabt haben, warum ein Dichter zu Lebzeiten seine Werke nicht veröffentlicht hat ...  >:D

Das mag sein, ja.

Mir gefällt das Gedicht "Du machst es, wie du eine Fliege killst: Mit links"

Ich habe den Eindruck, dem literarischen Ich nervt die Frage von jemanden, der fragt, wann er denn Gedichte schreibe. Die Frage ist dumm, denn er schreibt natürlich, wenn er gerade nicht anderes tut, was er sonst täglich macht, schließlich hat Bach auch so zwischendurch komponiert, wenn er Zeit hatte.

Das interessante an diesem Gedicht ist,  das er Bach einiges unterstellt, was das literarische Ich macht, z.B. um Pferde wetten.

Es mag sein, das Bukowski  Fragen von irgendwelchen Leuten gelegentlich auf den Sack gingen. Es gibt z.B. ein herrliches Gedicht über dümmliches Geplapper von Nachbarn, die über das literarische Ich lästern. Das Gedicht werden wir später auf Seite 867 lesen ("Und den Hintern wischt er sich auch nicht richtig ab").

Liebe Grüße
mombour
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Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #38 on: 26. März 2010, 08.05 Uhr »
Ich finde hier eine interessante Mischung: Einerseits sprachlich und inhaltlich eine Welt, die wir in einem Gedicht nun zuletzt erwarten - nämlich die der Säufer, Huren und Junkies. Andererseits sind es kleine Vignetten über die Befindlichkeit des Ich, also ein typisch lyrischer Inhalt. Diese Spannung hält mich bei der Stange.
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Offline mombour

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #39 on: 26. März 2010, 15.42 Uhr »
über die Befindlichkeit des Ich, also ein typisch lyrischer Inhalt.

In "Anfang September" steht ein Mann bei einer Temperatur von 37° "in Unterhose mitten im Zimmer". Also, ich muss mal darauf achten, wie oft ein Mann in diesen Gedichten in Unterhosen ist. In dem von mir schon genannten Gedicht von  Seite 867 geht er in der Unterhose zum Briefkasten. Als ich meiner Frau das vorgelesen habe, fingen wir beide an zu lachen, dass uns die Tränen kamen.

Nun gut, der Mann im Septembergedicht und hört von "draußen auf dem geplasterten Weg das Klappern von Stöckelschuhen". Der Mann schaut aus dem Fenster, sieht die Frau mit ausladendem Hintern  grandios schlingernd vorübergehen bis sie verschwindet.

Und dann ist sie eben weg. Unterstrichen wird dieses Wegsein der Frau damit, dass der Typ jetzt eben nur Sträucher, Rasen und Weg sieht. Dieses Gedicht eröffnet männliche Melancholien und zeigt, wie unmachohaft und unobszön Bukowski in seinen Gedichten sein kann oder ist. Der Mann, da die Frau weg ist, fühlt sich betrogen, und es heißt:

Quote from: Bukowski
Doch warscheinlich gibt sie
jeden Tag hundert Männern
dasselbe Gefühl.

Ja, so ist es, eine alltägliche Befindlichkeit von Männern.
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Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #40 on: 27. März 2010, 06.29 Uhr »
Ja, so ist es, eine alltägliche Befindlichkeit von Männern.

Ich bin mir nun nicht sicher, ob Du mich veräppeln willst ... Es ist sicher die Befindlichkeit von Chinaski, dem (lyrischen) Alter Ego Bukowskis. Auf Bukowski selber oder andere Männer würde ich's nicht unbedingt beziehen wollen.

Aber der Tick mit den Unterhosen - jetzt, wo Du's sagst: stimmt.  ;D Ich stelle mir dann auch diese alten weissen Riesendinger vor, wie sie mein Vater und mein Grossvater getragen haben. Und nicht ganz sauber ...  :-\
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Offline mombour

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #41 on: 27. März 2010, 07.15 Uhr »
Ja, so ist es, eine alltägliche Befindlichkeit von Männern.

Ich bin mir nun nicht sicher, ob Du mich veräppeln willst ... Es ist sicher die Befindlichkeit von Chinaski, dem (lyrischen) Alter Ego Bukowskis. Auf Bukowski selber oder andere Männer würde ich's nicht unbedingt beziehen wollen.

Nein, ich will niemanden veräppeln, wollte nur ein Beispiel geben für "Befindlichkeit des Ich" in einem Gedicht. Ich beziehe mich in die Befindlichkeiten mit ein, denn es ist doch eine allgemeine Erfahrung von Männern (und Frauen),  dass sie sich  mal umschauen nach dem anderen Geschlecht (z.B. in der Fußgängerzone). Das ist doch etwas natürlich angeborenes, dieses schauen, Augen offenhalten. Doch dann verschwindet die schöne Gestalt in der Menschenmenge. Wenigstens in einem Moment fühlt man sich allein. Ich jedenfalls kenne so was. In dem Gedicht wird etwas angesprochen, womit ich mich persönlich angesprochen fühle, mich identifizieren kann, ohne mich gleich mit Bukowski indentifizieren zu müssen, mit seiner Trinkerei, Huren und Pferdewetten. Darum mag ich das Gedicht besonders.

Liebe Grüße
mombour
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Offline sandhofer

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #42 on: 27. März 2010, 18.12 Uhr »
Ach so... Ich bin ja mehr im Stadium "Essen ist der Sex des Alters" ...  :angel:
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Offline mombour

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #43 on: 27. März 2010, 20.57 Uhr »
Ach so... Ich bin ja mehr im Stadium "Essen ist der Sex des Alters" ...  :angel:

Nun ja, das Hinterhergucken von Schönheiten ist ein Hauch vom Eros, weiter nichts ;D

Zwei Variationen der Einsamkeit

Unter diesem Motto kann man die Gedichte „Wer war...? und „Nana“ betrachten.

„Wer war...? (Seite 72)

Eine Frau durchschläft sich durch Männerbetten gesellschaftlich prominenter Leute. Warum, das erfahren wir nicht. Vielleicht will oder kann sich die Frau nicht binden, oder sie wird von den Männern nur ausgenutzt. Ja, warscheinlich ist es das. Im Bett war sie gut, aber sonst....wohl einsam, denn als sie starb, kamen nicht die Prominenten an ihr Grab, sondern ihre Tante, ein Alkoholiker, ein Barkeeper....ihre wirklichen Freunde. Von den Prominenten warscheinlich nur als Sexobjekt ausgenutzt, weiter nichts, ein Gefühl der Leerheit blieb ihr zurück.  Zynisch klingt das schon, wenn sie lacht, weil sie ein paar Goldplomben mit ins Grab nimmt. Was für ein trauriges Leben, stolz auf ein wenig Gold zu sein, im Leben aber wenig menschliche Wärme gehabt zu haben – keine feste Beziehung.

„Nana“ (Seite 92)

Nana wird nicht ausgenutzt, sondern sie flieht, weil sie Bindungsängste hat. Das wird deutlich gesagt.

Quote from: Bukowski
„Ich verliere das Interesse an
einem Mann“, sagt sie, „sobald
er anfängt, was für mich zu
empfinden.“

Zwei einsame Frauen – das hätte ich Bukowski gar nicht zugetraut. Ein wenig noch vom Vorurteil erlegen, er sei auch mal derb, obszön usw. Aber wo denn?
Kommt das noch? ;D

Na ja, soviel habe ich vom Buki noch nicht gelesen, ein paar short stories, ein paar Gedichte. Hier können wir wirklich noch was entdecken.

Mit liebsten Grüßen
an den feinsinnigen Säufer

mombour

PS: Ich weiß jetzt nicht, wo ihr im Buch weilt, hoffe aber, nicht zu schnell vorgeprescht zu sein.
« Last Edit: 27. März 2010, 21.07 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
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Offline Gontscharow

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Re:Charles Bukowski: 439 Gedichte
« Reply #44 on: 28. März 2010, 00.13 Uhr »
Unter diesem Motto kann man die Gedichte „Wer war...? und „Nana“ betrachten.
...
Hier können wir wirklich noch was entdecken.

Ja - stark, die beiden Gedichte!
Besonders: Wer war...?

Eine Frau durchschläft sich durch Männerbetten gesellschaftlich prominenter Leute. Warum, das erfahren wir nicht.

Dieses könnte der Grund sein:
...
und jeder gab ihr dies und jenes-
Geschenke, Geld, Verträge
Publicity, das gute Leben.
...

Und: sie brauchte wohl viel Geld, denn ihr Pusher und ihr Buchmacher stehen mit am Grab!

Gut ist auch das Ende (fast so etwas wie eine Synthese) :

Aber sie lachte
zuletzt und hielt
zwei Asse:
Sie hatte nie einen
Achtstundentag gearbeitet
und man begrub sie
mit lauter Goldplomben
im Mund.


Natürlich ist das bitterste Ironie, fast Sarkasmus. Aber nicht auf Kosten der Frau, im Gegenteil, ihr wird ein Teil ihrer Würde zurückgegeben, sie hat es den arbeitenden Spießern gezeigt... Deshalb lacht Buk/ der Leser hier mit ihr, nicht über sie.


Nana ist der Name einer Prostituierten und femme fatale aus dem gleichnamigen Roman von Zola.

Nach einer Weile höre ich
die Klosettspülung.
Ihr Name ist Nana, und sie
bewohnt die Erde schon seit
5000 Jahren.


Eine Verteterin des ältesten Gewerbes der Welt, Abteilung männermordend.

Die 439 Gedichte von Charles Bukowski sind in meinem Besitz und ihr seid hoffentlich einverstanden, wenn ich mich der LR noch anschließe.