Author Topic: Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk  (Read 28263 times)

Offline Anna

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #45 on: 16. November 2009, 16.56 Uhr »
Hallo!

Ich hatte den Eindruck, Diocletian beeindruckte Burckhardt durch seine Konsequenz.

Und weil er - wie später Machiavelli, den er auch sehr positiv sieht, - „wenigstens imstande war, seine Person über den Sachen zu vergessen“ (S.416).

Tja, und dann kommt Constantin und haut alles wieder kaputt.

Gescheitert ist er laut Burckhardt aber weniger an Constantin als an der unausrottbaren Vorliebe des römischen Volkes bzw. Heeres für die Herrscherdynastien. Die Soldaten sahen in Constantin offenbar den legitimen Erben der Reichsgewalt, da er der leibliche Sohn des amtierenden Caesaren Chlorus war. Das war aber nicht der einzige Grund, warum das System Diocletians letztlich gescheitert ist, auch wenn es bei Burckhardt fast so klingt.
Burckhardt lässt wirklich nichts auf Diocletian kommen. Für unschöne Vorkommnisse wie die Ermordung des Hauptmanns Aper oder die grausame Christenverfolgung versucht er, Erklärungen, fast schon Rechtfertigungen zu finden. Aber die Geschichtsschreibung hat wohl schon immer einer der beiden Kaiser auf Kosten des anderen gelobt worden, ähnlich wie es bei Julius Caesar und Augustus der Fall war.


Zur Religiosität: Burckhardt wirft Constantin vor, eben nicht seinen alten Sol Victus gegen Christus eingetauscht zu haben, sondern nur so getan zu haben.

Nach Meinung Burckhardts waren ihm beide schnuppe – sein Sonnengott und der Gott der Christen, er hielt Constantin im Grunde für unreligiös (sandhofer hat den entsprechenden Satz ja schon zitiert). Mir geht nur nicht in meinen Kopf, wieso ein Historiker wie Burckhardt Constantin nicht vor dem Hintergrund der römischen Religionsauffassung (die er in den ersten Kapiteln beschreibt) beurteilt, für die der ideologische Überbau entscheidend war, der den Staat legitimierte. Im Christentum, das trotz aller Vernichtungsversuche immer stärker wurde und schon das römische Heer infiltriert hatte, muss Constantin die Möglichkeit gesehen haben, wieder so eine einheitliche Ideologie zu schaffen. Diocletians Einführung des pompösen Hofzeremoniells, das ihm als Soldatenkaiser eigentlich gar nicht lag, war auch so eine Maßnahme der Identitätsstiftung im Sinne eines Gottkaisertums. Constantin hat den christlichen Gott wahrscheinlich verehrt wie ein Heide seinen Gott verehrt, hat sich dann dem Christentum allmählich immer mehr angenähert.

Ich glaube, da geht einiges gegen die christliche Verklärung Constantins und nicht gegen Constantin selbst.

Genau das ist der Punkt. Sah Burckhardt Constantin wirklich als einen gewissenlosen und machtgierigen Condottiere des 4. Jahrhunderts an, der zu Unrecht als Christ bezeichnet wird oder ärgerte er sich über die christliche Verklärung Constantins durch die Kirche und hat ihn deswegen so abfällig beurteilt?


Ich bin nun Anfang des dritten Abschnitts der Kultur der Renaissance. Florenz ist für Burckhardt das Kunstwerk schlechthin, „die wichtigste Werkstätte[…] für den modernen europäischen Geist überhaupt“ (S.418) und Machiavelli „von allen, die einen Staat meinten konstruieren zu können, […] ohne Vergleich der Größte“ (S.416). Prompt habe ich mir nach langer Zeit mal wieder Discorsi und Il principe hervorgekramt. Nicht nur Burckhardt, auch als sein Leser kommt man von Hütchen auf Stöckchen. Die Begeisterung Burckhardts für die Italiener in jener Zeit mag ein wenig ins Kraut schießen, aber dafür verleiht sie seiner Darstellung doch einigen Schwung. :laugh:

Diese de-facto-Diktaturen der Condottieri in den einzelnen italiensichen Stadtstaaten - da kann nun ich doch nicht widerstehen und muss den Vergleich ziehen: Man beginnt zu ahnen, was die Italiener des 20. und 21. Jahrhunderts an einem Mussolini, einem Berlusconi so anziehend gefunden haben könnten.

Vielleicht stammt die bedenkliche, aber leider unauslöschliche Bewunderung der Italiener für den furbo, das Schlitzohr - ein Begriff, der alle Schattierungen vom Pfiffikus über den kleinen Gauner bis zum gerissenen Geschäftsmann und cleveren Gesetzesbrecher umfasst - tatsächlich aus jenen Zeiten.

Gruß
Anna







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Offline Regina

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #46 on: 17. November 2009, 17.19 Uhr »
Soeben den vierten Abschnitt beendet. Auf die Gefahr mich zu wiederholen: Es ist eine leidige Angewohnheit Burckhardts auch da, wo die Italiener ausnahmsweise mal nicht glänzen, alle möglichen Entschuldigungen dafür zu finden, die meistens darauf hinauslaufen, dass die Spanier schuld sind.

Meine Güte, möchte ich da rufen, reicht denn nicht das, was sie schufen? Müssen sie denn auf allen Gebieten die Ersten und die Besten gewesen sein?

Und dann kommt eine schöne Passage über Petrarca und ich bin wieder mit Burckhardt versöhnt.  :)
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Offline Anna

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #47 on: 17. November 2009, 18.13 Uhr »
Soeben den vierten Abschnitt beendet. Auf die Gefahr mich zu wiederholen: Es ist eine leidige Angewohnheit Burckhardts auch da, wo die Italiener ausnahmsweise mal nicht glänzen, alle möglichen Entschuldigungen dafür zu finden, die meistens darauf hinauslaufen, dass die Spanier schuld sind

 ;D Stimmt, auf die Spanier kann er gar nicht. Auch die Päpste kommen bis jetzt nicht allzu gut weg. Bis zu der Petrarca-Stelle bin ich noch nicht gekommen, aber heute abend habe ich endlich mal wieder Zeit zum Lesen.

Gruß
Anna
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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #48 on: 17. November 2009, 22.11 Uhr »
Meine Güte, möchte ich da rufen, reicht denn nicht das, was sie schufen? Müssen sie denn auf allen Gebieten die Ersten und die Besten gewesen sein?

Und dann kommt eine schöne Passage über Petrarca und ich bin wieder mit Burckhardt versöhnt.  :)

 ;D
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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #49 on: 19. November 2009, 07.55 Uhr »
Ich lese - ganz langsam - weiter: Die Kultur der Renaissance in Italien, Teil 6, Kapitel 1 ist beendet, Kapitel 2 begonnen. Selbst in ihrer äusserst fragwürdigen Moral sind die Italiener für Burckhardt noch gross. Ich habe damals, vor Jahren, bei der Erstlektüre gar nicht realisiert, wie sehr Burckhardt schwärmt ...  ^-^
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Offline Regina

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #50 on: 19. November 2009, 21.13 Uhr »
Dann bin ich dir ja dicht auf den Fersen, sandhofer: Abschnitt 6, Kapitel 1.  ;D
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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #51 on: 21. November 2009, 07.09 Uhr »
Na, dann kann ich ja ein bisschen weiter lesen. Burckhardts Ausführungen über die Religion der Italiener finde ich wiederum sehr interessant, v.a. die Bemerkung, dass die Italiener jener Zeit (und vielleicht noch der heutigen, wie er hinzufügt) dann am gläubisten sind, wenn alte heidnische Relikte involviert sind.
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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #52 on: 25. November 2009, 08.17 Uhr »
Ich lese nun über die Moral der Renaissance-Italiener ...  O0
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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #53 on: 27. November 2009, 21.11 Uhr »
Ich bin mit der Kultur der Renaissance unterdessen fertig. Ein Fazit folgt - hoffe ich mal - noch dieses Wochenende? Sonst noch jemand da?  ;)
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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #54 on: 28. November 2009, 07.18 Uhr »
Ja, hier! Auch durch.  ;D

Der sechste Abschnitt war für mich der interessanteste, da mich Religion, speziell das Gebiet zwischen Glauben und Unglauben interessiert. Auch hier wieder (langsam komme ich mir vor wie eine Schallplatte, die hängt) hätte es mir besser gefallen, wenn Burckhardt auf die Erwähnung der Einzigartigkeit der Italiener mitunter verzichtet hätte. Ansonsten fand ich die diversen Glaubensströmungen und diese zum Teil seltsame Mischung aus Un- und Aberglauben faszinierend.

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #55 on: 02. Dezember 2009, 07.38 Uhr »
So, gestern habe ich noch mit den Weltgeschichtlichen Betrachtungen begonnen. Ich habe erst ein paar Seiten durch, dieses Werk ist ganz anders als die beiden vorhergehenden. Jedenfalls zu Beginn: Ein trockener, dem rein theoretischen Inhalt angepasster Stil. Ich werde diese Seiten wohl nochmals lesen müssen, da ich vor lauter Überraschung nicht viel mitgekriegt habe ...  ^-^
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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #56 on: 04. Dezember 2009, 09.24 Uhr »
Ich werde am Wochenende mit den Betrachtungen beginnen. Gut, dass du mich vorwarnst.  :)
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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #57 on: 06. Dezember 2009, 19.48 Uhr »
Ich habe mich unterdessen "eingelesen". Und finde den Stil in der Zwischenzeit gar nicht mehr so trocken. Burckhardt hat sich schon so seine Gedanken gemacht zur Art und Weise, wie er Geschichtsforschung betrieben hat.

Abschliessend noch zur Kultur der Renaissance:

Burckhardt hat auch hier eindeutig eine ungeheure Menge an Primärliteratur zu sich genommen. Die Italiener der Renaissance faszinieren ihn offenbar äusserst, man wird den Eindruck nicht los, sie hätten seiner Meinung nach zu jener Zeit die Welt neu erfunden - jedenfalls den Staat und die Künste, die Moral und die Religion. Und wo sie etwas nicht neu erfunden haben, weiss Burckhardt genau die äusseren Umstände anzugeben, die sie daran gehindert haben. Aber man spürt den Enthusiasmus und man ist im Grunde genommen mit Burckhardt immer sofort wieder versöhnt. Er kann schreiben und er liebt sein Thema. Beides damals wie heute nicht selbstverständlich bei einem bestallten Universitätsprofessor. Wenn man nur ein Werk zur Renaissance lesen will oder kann - dann muss es Burckhardt sein.  ;)
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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #58 on: 10. Dezember 2009, 21.17 Uhr »
Burckhardt hat sich schon so seine Gedanken gemacht zur Art und Weise, wie er Geschichtsforschung betrieben hat.

Unterdessen hat das Werk von einer theoretischen Betrachtung über Geschichtsschreibung und -forschung mutiert zu einer eigentlichen Weltgeschichte. (Na ja: Geschichte der Antike und der Renaissance. Eurozentrisch, wie im 19. Jahrhundert üblich.)
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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #59 on: 12. Dezember 2009, 12.32 Uhr »
Bin im zweiten Kapitel und sehr froh, dass Burckhardt schon im zweiten Teil des ersten Kapitels zur gewohnten Schreibweise zurückfand. Jetzt macht er wieder Spaß.
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