Hallo!
Ich hatte den Eindruck, Diocletian beeindruckte Burckhardt durch seine Konsequenz.
Und weil er - wie später Machiavelli, den er auch sehr positiv sieht, - „wenigstens imstande war, seine Person über den Sachen zu vergessen“ (S.416).
Tja, und dann kommt Constantin und haut alles wieder kaputt.
Gescheitert ist er laut Burckhardt aber weniger an Constantin als an der unausrottbaren Vorliebe des römischen Volkes bzw. Heeres für die Herrscherdynastien. Die Soldaten sahen in Constantin offenbar den legitimen Erben der Reichsgewalt, da er der leibliche Sohn des amtierenden Caesaren Chlorus war. Das war aber nicht der einzige Grund, warum das System Diocletians letztlich gescheitert ist, auch wenn es bei Burckhardt fast so klingt.
Burckhardt lässt wirklich nichts auf Diocletian kommen. Für unschöne Vorkommnisse wie die Ermordung des Hauptmanns Aper oder die grausame Christenverfolgung versucht er, Erklärungen, fast schon Rechtfertigungen zu finden. Aber die Geschichtsschreibung hat wohl schon immer einer der beiden Kaiser auf Kosten des anderen gelobt worden, ähnlich wie es bei Julius Caesar und Augustus der Fall war.
Zur Religiosität: Burckhardt wirft Constantin vor, eben nicht seinen alten Sol Victus gegen Christus eingetauscht zu haben, sondern nur so getan zu haben.
Nach Meinung Burckhardts waren ihm beide schnuppe – sein Sonnengott und der Gott der Christen, er hielt Constantin im Grunde für unreligiös (sandhofer hat den entsprechenden Satz ja schon zitiert). Mir geht nur nicht in meinen Kopf, wieso ein Historiker wie Burckhardt Constantin nicht vor dem Hintergrund der römischen Religionsauffassung (die er in den ersten Kapiteln beschreibt) beurteilt, für die der ideologische Überbau entscheidend war, der den Staat legitimierte. Im Christentum, das trotz aller Vernichtungsversuche immer stärker wurde und schon das römische Heer infiltriert hatte, muss Constantin die Möglichkeit gesehen haben, wieder so eine einheitliche Ideologie zu schaffen. Diocletians Einführung des pompösen Hofzeremoniells, das ihm als Soldatenkaiser eigentlich gar nicht lag, war auch so eine Maßnahme der Identitätsstiftung im Sinne eines Gottkaisertums. Constantin hat den christlichen Gott wahrscheinlich verehrt wie ein Heide seinen Gott verehrt, hat sich dann dem Christentum allmählich immer mehr angenähert.
Ich glaube, da geht einiges gegen die christliche Verklärung Constantins und nicht gegen Constantin selbst.
Genau das ist der Punkt. Sah Burckhardt Constantin wirklich als einen gewissenlosen und machtgierigen Condottiere des 4. Jahrhunderts an, der zu Unrecht als Christ bezeichnet wird oder ärgerte er sich über die christliche Verklärung Constantins durch die Kirche und hat ihn deswegen so abfällig beurteilt?
Ich bin nun Anfang des dritten Abschnitts der
Kultur der Renaissance. Florenz ist für Burckhardt
das Kunstwerk schlechthin, „die wichtigste Werkstätte[…] für den modernen europäischen Geist überhaupt“ (S.418) und Machiavelli „von allen, die einen Staat meinten konstruieren zu können, […] ohne Vergleich der Größte“ (S.416). Prompt habe ich mir nach langer Zeit mal wieder
Discorsi und
Il principe hervorgekramt. Nicht nur Burckhardt, auch als sein Leser kommt man von Hütchen auf Stöckchen. Die Begeisterung Burckhardts für die Italiener in jener Zeit mag ein wenig ins Kraut schießen, aber dafür verleiht sie seiner Darstellung doch einigen Schwung. :laugh:
Diese de-facto-Diktaturen der Condottieri in den einzelnen italiensichen Stadtstaaten - da kann nun ich doch nicht widerstehen und muss den Vergleich ziehen: Man beginnt zu ahnen, was die Italiener des 20. und 21. Jahrhunderts an einem Mussolini, einem Berlusconi so anziehend gefunden haben könnten.
Vielleicht stammt die bedenkliche, aber leider unauslöschliche Bewunderung der Italiener für den
furbo, das Schlitzohr - ein Begriff, der alle Schattierungen vom Pfiffikus über den kleinen Gauner bis zum gerissenen Geschäftsmann und cleveren Gesetzesbrecher umfasst - tatsächlich aus jenen Zeiten.
Gruß
Anna