Ich lese gerade den achten Abschnitt, beginne aber parallel dazu mit der „Kulturgeschichte der Renaissance“. Bin momentan ohnehin in mehrere Lektüren gleichzeitig verstrickt und scheine mit keiner von ihnen je zu einem Ende zu kommen. Aber seinen Lebensabend mit Proust, Kerr, Burckhardt und einem spannenden Krimi zu verbringen, ist ja nicht das Schlechteste.
Wie immer, wenn ich von Zuständen des Niedergangs lese, vergleiche ich unwillkürlich mit unserer Gegenwart und ich finde immer Parallelen. (Vermutlich vergesse ich dabei auch großzügig alles, was keine Parallelen aufweist.) Bin ich mit dieser Angewohnheit alleine?
Anzeichen des Niedergangs erkenne ich auch nicht, aber wäre man überhaupt in der Lage, sie zu erkennen? So ein Niedergang zieht sich doch. Wahrscheinlich merkt man es erst hinterher, wenn eine Ära zu Ende gegangen ist.
Ich vermute, ich würde auch Parallelen finden, wenn ich von Zeiten des Aufstiegs läse. Meine Lektüre neigt aber mehr zum Niedergang. Hach ja, so ein bisschen Weltschmerz und Untergangsstimmung muss im Herbst doch sein. 
Aber der Herbst, die Schweinegrippe und die Finanzkrise geben für sich allein doch schon genug für eine wunderbare Endzeitstimmung her, da braucht’s das sinkende römische Imperium gar nicht mehr.

Das liegt aber daran, dass ich nicht der Meinung bin, dass wir uns in einem Zustand des Niedergangs befinden. Allerdings auch nicht in einem des Aufstiegs. Ich glaube nämlich weder ans eine noch ans andere. Die Sch... bleibt immer dieselbe, ob gerührt oder geschüttelt. Eine Zivilisation, ein Reich geht unter - ein anderes übernimmt. Auch dieses wird untergehen und von einem andern abgelöst. Und so weiter ad infinitum. Unterm Strich wird's anders, aber nicht besser oder schlechter.
Ich bin ganz Deiner Meinung, sandhofer, vor allem was den Sache mit der Sch…betrifft (ich trinke meinen Martini übrigens lieber gerührt als geschüttelt). Ich würde auch nicht von Aufstieg und Niedergang, sondern eher von Umbruch und Veränderung sprechen.
Allerdings betrachte Burckhardt im Gegensatz zu den heutigen Historikern das dritte Jahrhundert noch als eine Zeit des Verfalls, nicht als eine des Wandels und des Übergangs. Nach Burckhardt waren der marode Zustand des Staates und die großen Unglücksfälle wie die Pest der Grund für die „Ausbildung des Jenseits“ und für ein gewandeltes, von der Angst vor einem unglücklichen Geschick bestimmtes Verhältnis zum Diesseits, obwohl er einräumt, dass es endgültige Erklärungen dann doch nicht gäbe. Ich frage mich, ob bei dem Stand der Zivilisation diese Entwicklung hin zum Monotheismus und Auferstehungsglauben nicht auch ganz unabhängig vom Niedergang des römischen Imperiums verlaufen wäre. Ähnliches gilt für den Verfall der Kunst, den Burckhardt im siebten Abschnitt beschreibt. Ich bin mir nicht sicher, ob die Abkehr vom klassischen Schönheitsideal nicht vielleicht nur eine Phase der Veränderung und der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten einleitete. Plausibel scheint mir dagegen, dass durch die Vermischung der Religionen der verschiedenen Provinzen der Nationalcharakter der Götter aufgelöst und das Göttliche universell wurde, was einen Schritt in Richtung Monotheismus bedeutete.
Die starke Zunahme der Geister- und Dämonenbeschwörungen, die Burckhardt als abscheuliche Auswüchse des überalterten Heidentums bezeichnet und sehr ausführlich beschreibt, finde ich gar nicht so merkwürdig. Die antiken Götter waren wankelmütig und unberechenbar („Es fürchte die Götter das Menschengeschlecht“), die Dämonen dagegen Zwischenmächte, die dem Menschen erreichbar waren. Er konnte mit ihnen in Kontakt treten, sie mit bestimmten Ritualen bannen oder sich sogar geneigt stimmen. Dahinter steckt der Wunsch, nicht völlig seinem Schicksal ausgeliefert zu sein, sondern mit personifizierten, im bestimmten Maße berechenbaren Mächten in Kontakt treten zu können, der dann zur Ausbildung eines personalen Gottes führt.
Diocletian startet seine Christenverfolgungen. Burckhard nimmt ja an, dass dies eine Reaktion war auf eine vermeintlich oder tatsächlich aufgedeckte christliche Verschwörung mit dem Ziel, die Macht im Staat zu übernehmen. Tolerantes Heidentum vs. fanatisches Christentum? Von einem wohlbestallten Professor in einer erzprotestantischen Stadt hätte ich das nicht unbedingt erwartet. 
Ich wusste gar nicht, dass Diocletian auch die Manichäer schon verfolgt hat. Nicht wegen ihrer Religion, sondern wegen der Exklusivität ihrer Religion, die ein freundliches Nebeneinander mit den römischen Göttern verhinderte und damit den göttlich legimitierten Herrschaftsanspruch Roms in Frage stellte. Das wird wohl auch der Grund für die Christenverfolgung gewesen sein. Bei Burckhardts These mit der Verschwörung habe ich irgendwie das Gefühl, er will damit Diocletian ein wenig in Schutz nehmen. :laugh:
Gruß
Anna