„Der ist glücklich, der wenige Widerwärtigkeiten hat“, sagt Papst Pius II. in der Kultur der Renaissance sehr richtig. Wegen verschiedener Widerwärtigkeiten, die mir vor allem die freien Abende zum Lesen vermasseln, schaffe ich im Moment immer nur ein paar Seiten täglich. Derweil wenigstens noch ein paar Gedanken zum
Constantin:
Nun bin ich über die Staaten hinausgekommen in der Kultur der Renaissance, und ich muss gestehen, es geht mir wie beim ersten Werk von Burckhardt, dem Constantin: Ich finde erneut, dass der Autor Mühe hat, in die Gänge zu kommen. Seine einführenden Passagen wirken zwar, als ob sie ein Terrain absteckten, aber ein Zusammenhang mit dem Thema ist schwer erkennbar. Mag sein, dass nicht der Autor mit seinem Thema Mühe hat, sondern ich mit dem Autor. Wie geht es Euch denn?
Ich würde nicht sagen, dass Burckhardt Mühe mit seinem Thema hat. Im
Constantin vergehen zwar tatsächlich zwei Drittel des Buches, ehe er auf Constantin selbst zu sprechen kommt, aber es ist wohl einfach Burckhardts Stil, weit auszuholen, mehr zu erzählen als zu erklären und allerlei Thesen aufzustellen.
Das Ende kam übrigens meiner Meinung nach recht abrupt. Ich denke noch, ich werde mehr über Jerusalem zu jener Zeit erfahren - da ist schon fertig.
Ging mir genauso. Auch seine Beschreibung der kulturellen Situation in Rom und Athen versprach gerade erst, interessant zu werden. Ich wusste gar nicht, dass sich die philosophischen Schulen in Athen um die neuen Schüler buchstäblich geprügelt haben. Das waren noch Zeiten!
Die Anmerkungen zeigen zwar, dass Burckhardt durchaus mehr zur Kenntnis genommen hat als nur Gibbon, auch und gerade an Sekundärliteratur; dennoch (vielleicht vom Thema her) habe ich den Eindruck, er hätte sich nicht so richtig aus dem Windschatten des grossen Vorbilds lösen können. Burckhardt liest sich sehr leicht und süffig, das täuscht über eine intensive Auseinandersetzung mit jener Zeit hinweg.
Ich frage mich, warum Burckhardt Constantin dermaßen negativ beurteilt, obwohl die schlechte Quellenlage eine solch einseitige Bewertung gar nicht zulässt. Wenn man an die fast schon bewundernde Darstellung Diocletians zuvor denkt, scheint es fast so, als wolle er die beiden Kaiser gegeneinander ausspielen. Meiner Meinung nach misst er sie mit unterschiedlichen Maßstäben. Obwohl Constantin für ihn kein Christ ist und keinerlei christliches Empfinden besitzt, beurteilt Burckhardt ihn aus christlich-moralischer Sicht, nennt ihn mehrfach einen Egoisten, sogar einen mörderischen Egoisten, der das Christentum nur zur Sicherung seiner Macht benutze. Aber beide Kaiser waren Menschen der Antike, für die politische und religiöse Ziele sich nicht ausschlossen. Kaiserliche Religionspolitik diente dazu, einen einheitlichen Kult zu schaffen, der die Geschlossenheit des Staates gewährleistete. Diocletians religiöses Programm bestand in der Rückbesinnung auf die alten traditionellen Götter Jupiter und Hercules, die seinen Herrschaftsanspruch legitimieren sollten, Constantin wählte den Gott der Christen, den er gegen den Sonnengott austauschte, den er bislang verehrt hatte. Wieso Burckhardt Constantin Inkonsequenz vorwirft, verstehe ich nicht. Die antiken Götter und Kulte waren Angebote an den Menschen, unter denen er auswählen konnte, Burckhardt beschreibt das in den ersten Kapiteln doch selbst ausführlich. Wie stark die Autorität des Staates von der Einheitlichkeit der Religion abhängt, zeigen Constantin Briefe an die Bischöfe, in denen er sie immer wieder zur Eintracht auffordert, denn in der sich formierenden Staatskirche mit der ihr innewohnenden Intoleranz und Aggressivität Andersdenkenden gegenüber kam es offenbar gleich von Anfang an zu Streitereien und Abspaltungen. Abfällig urteilt Burckhardt nicht nur über den in seinen Augen eiskalten Machtmenschen und Opportunisten Constantin, sondern auch über dessen Biographen und Zeitgenossen Eusebius von Caesarea, den er als den „ersten durch und durch unredlichen Geschichtsschreiber des Altertums“ bezeichnet (S.254) und wiederholt Heuchelei vorwirft. Ich frage mich, ob diese für einen Historiker des 19. Jahrhunderts ungewöhnlich harsche und meiner Meinung auch ziemlich ungerechte Kritik etwas mit Burckhardts Einstellung zur Kirche zu tun hat. Im
Constantin bezeichnet er das Christentum zwar als höchste sittliche Erhebung des Menschen, von der Kirche hält er aber anscheinend gar nichts.
Im übrigen habe ich den ersten Abschnitt von der Kultur der Renaissance beendet und frage mich gerade, was an diesen von Burckhardt geschilderten Staaten denn dem Abschnitt den Titel "Der Staaat als Kunstwerk" zu verleihen mochte. Ich sehe im Moment keinen grossen Unterschied zu den alten griechischen Stadtstaaten - ausser, dass die Condottieri noch viel rücksichtsloser und blutrünstiger gegen innere und äussere Gegner vorgegangen sind.
Mir ist auch nicht ganz klar, was Burckhardt mit dem "Staat als Kunstwerk" meint. Selbst bei den wenigen Fürsten, die sich um ihr Volk gekümmert haben, ist nicht der Staat, sondern doch wohl eher das aufwendig gestaltete Hofleben das Kunstwerk.
Gruß
Anna