Author Topic: Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk  (Read 28298 times)

Offline sandhofer

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Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« on: 15. Oktober 2009, 08.04 Uhr »
Hallo zusammen!

Hier also der Thread zu unserer Monumental-Leserunde.  O0

Ich habe gestern Abend noch meine zwei Bände der Ausgabe von Zweitausendeins ausgepackt und festgestellt, dass nicht, wie ich glaubte, drei, sondern gar vier Werke Burckhardts vor uns liegen. Ich konnte mich dann nicht zurückhalten und habe den ersten Abschnitt von "Die Zeit Constantin des Grossen" bereits gelesen. Burckhardts Prosa liest sich ja sehr süffig. Ob er mit seiner Analyse der Kaiserzeit Recht hat oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls kann er dem Leser ein sehr lebendiges Bild jener wilden Epoche vermitteln.

Kennt übrigens jemand die Biografie "Jacob Burckhardt" von Kurt Meyer, die 2009 bei NZZ Libro in Zürich erschienen ist. Die NZZ selber bringt eine im Grossen und Ganzen positive Rezension von Urs Bitterli, aber das mag zum Teil dem Haus geschuldet sein.
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Offline Regina

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #1 on: 15. Oktober 2009, 11.31 Uhr »
Leider kann ich erst morgen beginnen. Und zu der Biographie weiß ich auch nichts.
Meine Beiträge können sich also nur steigern...
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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #2 on: 15. Oktober 2009, 19.52 Uhr »
Macht ja nichts. ich werde selber wohl auch nur unregelmässig zum Lesen/Posten komme. Und wenn, dann oft relativ unqualifiziert, da ich tagsüber im Büro bin und mein Buch nicht dabei habe.
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Offline Anna

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #3 on: 15. Oktober 2009, 22.58 Uhr »
Hallo Regina und sandhofer,

die Biographie kenne ich auch nicht, aber dafür bin ich mit dem ersten Abschnitt ebenfalls schon durch. Wenn man sich in eine Leserunde wagt mit jemandem, der den gesamten Proust in nur drei Monaten runtergerissen hat, muss man auf Zack sein. ;)

Ich bin angenehm überrascht, wie flüssig und unterhaltsam das Buch geschrieben ist, ich hatte es mir spröder vorgestellt. Burckhardt beschreibt knapp, aber spannend, wie die ständige Angst vor Anschlägen den römischen Imperatoren das Leben vergällte, wie Feldherrn und höhere Beamte sich fortwährend zu Kaisern erheben mussten, nur um gegenüber anderen Usurpatoren ihr Leben zu verteidigen, das sie dann doch bald verloren, und wie in dieser von Furcht beherrschten Zeit selbst die wenigen Kaiser, die sich um eine gerechte und milde Herrschaft bemühten, von vorneherein zum Scheitern verurteilt waren. Dabei scheint ihm sehr gelegen daran zu sein, deutlich zu machen, dass der Senat besser war als sein Ruf (in den Darstellungen jener Zeit, die ich kenne, wird der Senat in der Tat eher als korrumpiert, feige und machtlos geschildert). In einem Jahrhundert, in dem Kaiser, Senat und Heer „aneinander irre“ wurden, stellt er ihn als die einzige positive Kraft hin, als letzten Hort der alten römischen Tugenden, der noch mit Verantwortungsgefühl und Entschlossenheit versuchte, eine vernünftige Staatsregierung zu etablieren.

Die Sprache Burkhardts ist nicht ohne Reiz. Präpositionalkonstruktionen, die vom ständigen Umgang mit dem Lateinischen zeugen, viele Konjunktive, die man heute leider immer weniger benutzt (schon das „könnte bedürfen“ im ersten Satz würde heute wahrscheinlich ohne Konjunktiv mit „eigentlich bedarf“ ausgedrückt werden), manche Ausdrücke, die heute als nicht korrekt gelten würden („den Anlass mochte ein Attentat geben, dem die eigene Familie nicht fremd war“). Dieser etwas altmodische, aber um Klarheit und Genauigkeit bemühte Stil gefällt mir gut.

So, morgen geht es mit frischem Mut weiter (wollen wir wirklich die ganzen 2264 Seiten lesen? :o)

Gruß
Anna
« Last Edit: 16. Oktober 2009, 15.34 Uhr by Anna »
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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #4 on: 16. Oktober 2009, 08.00 Uhr »
Wenn man sich in eine Leserunde wagt mit jemandem, der den gesamten Proust in nur drei Monaten runtergerissen hat, muss man auf Zack sein. ;)

Ich habe Proust nicht "runtergerissen" - ich habe ihn genossen. Und nur ihn - daneben habe ich drei Monate lang nichts nennenswertes anderes gelesen.  ;)

Ich bin angenehm überrascht, wie flüssig und unterhaltsam das Buch geschrieben ist, ich hatte es mir spröder vorgestellt.

Burckhardt ist in der Tat ein begnadeter Stilist, um mich mal dieses Clichés zu bedienen ...

Burckhardt beschreibt knapp, aber spannend, wie die ständige Angst vor Anschlägen den römischen Imperatoren das Leben vergällte, wie Feldherrn und höhere Beamte sich fortwährend zu Kaisern erheben mussten, nur um gegenüber anderen Usurpatoren ihr Leben zu verteidigen, das sie dann doch bald verloren, und wie in dieser von Furcht beherrschten Zeit selbst die wenigen Kaiser, die sich um eine gerechte und milde Herrschaft bemühten, von vorneherein zum Scheitern verurteilt waren. Dabei scheint ihm sehr gelegen daran zu sein, deutlich zu machen, dass der Senat besser war als sein Ruf (in den Darstellungen jener Zeit, die ich kenne, wird der Senat in der Tat eher als korrumpiert, feige und machtlos geschildert). In einem Jahrhundert, in dem Kaiser, Senat und Heer „aneinander irre“ wurden, stellt er ihn als die einzige positive Kraft hin, als letzter Hort der alten römischen Tugenden, der noch mit Verantwortungsgefühl und Entschlossenheit versuchte, eine vernünftige Staatsregierung zu etablieren.

Ich kenne wenig andere Darstellungen jener Zeit. Deine Analyse finde ich interessant, ich habe mich nämlich schon gefragt, wozu und warum Burckhardt dieses Buch geschrieben hat. In vielem erinnert es mich nämlich an Gibbon (den er irgendwo im vierten Abschnitt, wo ich unterdessen bin, auch erwähnt). Der Löwe zeigt schon mal seine Krällchen, ja - aber es ist noch nicht der Burckhardt, den ich aus seinem Renaissance-Buch in Erinnerung habe.

Die Sprache Burkhardts ist nicht ohne Reiz. Präpositionalkonstruktionen, die vom ständigen Umgang mit dem Lateinischen zeugen, viele Konjunktive, die man heute leider immer weniger benutzt (schon das „könnte bedürfen“ im ersten Satz würde heute wahrscheinlich ohne Konjunktiv mit „eigentlich bedarf“ ausgedrückt werden), manche Ausdrücke, die heute als nicht korrekt gelten würden („den Anlass mochte ein Attentat geben, dem die eigene Familie nicht fremd war“). Dieser etwas altmodische, aber um Klarheit und Genauigkeit bemühte Stil gefällt mir gut.

Nicht zu vergessen: Er ist ein Landsmann von mir. Und wir Schweizer sitzen, wenn's um "schönes Hochdeutsch" geht, immer ein bisschen auf der altmodischen Seite. Des weiteren stammt Burckhardt aus dem Basler Patriziat, dem das Französische alles andere als unbekannt war. Diese seine Herkunft mag übrigens auch ein bisschen erklären, warum er hier zu einer Ehrenrettung des römischen Senats ausgezogen ist.

So, morgen geht es mit frischem Mut weiter (wollen wir wirklich die ganzen 2264 Seiten lesen? :o)

Ich werd's auf jeden Fall ...  8)
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Offline Anna

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #5 on: 16. Oktober 2009, 14.58 Uhr »
Du bist schon beim vierten Abschnitt, sandhofer? Ich habe es gewusst! Kein Wunder, dass es mit dem Umbau von Haus und Hof bei Dir so schleppend vorangeht. ::)

Deine Analyse finde ich interessant, ich habe mich nämlich schon gefragt, wozu und warum Burckhardt dieses Buch geschrieben hat.
Na ja, ob Burckhardt hier wirklich zur Ehrenrettung des Senats angetreten ist, sei mal dahingestellt, auffällig ist nur, dass er die Meriten des Senats immer wieder herausstreicht.

Einen anderen Punkt fand ich im ersten Abschnitt noch bedenkenswert. Burckhardt behauptet, dass viele der Herrschenden nicht frei hätten handeln können, weil sie abergläubisch gewesen wären und sich von Astrologie und Vordeutungen hätten beeinflussen lassen (das mit den Konjunktiven färbt ab! :laugh:). In diesem Sinn legt er auch Diocletians Ermordung des Hauptmanns Aper aus: Das sei nicht geschehen, um  seine Mitwisserschaft an Apers Verbrechen zu vertuschen, sondern um die Weissagung einer alten Druidin zu erfüllen, nach der Diocletian einen Eber (lat. aper) erlegen müsse, um an die Herrschaft zu gelangen. Abgesehen davon, dass diese Episode, so grausam sie auch ist, nicht einer gewissen Komik entbehrt, wozu der Satz Burckhardts „Auf allen Jagden hatte er seitdem Ebern nachgestellt; jetzt riss ihn die Geduld hin, weil er den rechten vor sich sah“ nicht wenig beiträgt, wundert es mich, dass Burckhardt gar nicht auf den Gedanken gekommen ist, Diocletian habe hier womöglich nur einen gefährlichen Mitbewerber um den Thron ausschalten wollen.
Im Übrigen neige ich zu der Auffassung, dass die Menschen zu allen Zeiten ihren Glauben oder Aberglauben ihren Wünschen angepasst haben und nicht umgekehrt. Mir scheint eher, dass die machtlüsternen Usurpatoren Astrologie und Vorausdeutung zur Bemäntelung bzw. zur Rechtfertigung ihres Tuns (vielleicht auch vor dem eigenen Gewissen) benutzt haben, wie das Beispiel Diocletians zeigt. Aber das ist natürlich nur eine Überlegung von mir, da ich mich mit dieser Zeit auch nicht besonders gut auskenne.

Gruß
Anna
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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #6 on: 16. Oktober 2009, 20.22 Uhr »
Kein Wunder, dass es mit dem Umbau von Haus und Hof bei Dir so schleppend vorangeht. ::)

Hör mir bloss auf damit ... ich ärgere mich gerade grün und blau ...

Burckhardt behauptet, dass viele der Herrschenden nicht frei hätten handeln können, weil sie abergläubisch gewesen wären und sich von Astrologie und Vordeutungen hätten beeinflussen lassen

Das ist mir auch aufgefallen. Es schien mir recht unmotiviert aufzutauchen. Einer der Gründe, warum ich das Gefühl habe, dass hier der Löwe noch sein Thema sucht, seinen Blickwinkel. (Den er dann mit der Kulter der Renaissance gefunden haben wird...)

Mir scheint eher, dass die machtlüsternen Usurpatoren Astrologie und Vorausdeutung zur Bemäntelung bzw. zur Rechtfertigung ihres Tuns (vielleicht auch vor dem eigenen Gewissen) benutzt haben, wie das Beispiel Diocletians zeigt. Aber das ist natürlich nur eine Überlegung von mir, da ich mich mit dieser Zeit auch nicht besonders gut auskenne.

Hm ... ist wohl die Frage vom Huhn und von Ei. Zwei Seiten einer Münze. will sagen: Es ist wahrscheinlich in beidem ein Körnchen Wahrheit ...
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Offline Regina

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #7 on: 16. Oktober 2009, 21.07 Uhr »
Jetzt kann ich endlich mitreden. Ich habe die beiden ersten Abschnitte durch.
Es hat nur wenige Sätze gebraucht, um mich an Burckhardts Stil zu gewöhnen, mittlerweile merke ich schon gar keine Altertümlichkeit mehr, so angemehm ist seine Klarheit und der weitgehende Verzicht auf Fremdwörter.

Von einzelnen der Kaiser und Usurpatoren hatte ich schon gehört, aber in dieser Gesamtheit, in diesem ständigen Wechsel noch nicht gesehen. Burckhardt stellt sie als tragische Figuren da, gleichzeitig verlockt und abgeschreckt von diesem seltsamen Amt, Herrscher der Welt zu sein.

Mir fiel im ersten Abschnitt besonders auf, dass Burckhardt keine moralischen Wertungen scheut. (Commodus, der "feige und grausame Fürst", Caracalla, das "entsetzliche Scheusal" - das sind Stellen, die ich auf die Schnelle wiedergefunden habe, ich wünschte, ich hätte mir über die anderen Notizen gemacht.)
Das ist in heutiger Geschichtsschreibung nicht mehr üblich.
Ich finde seine Wertungen ganz erfrischend, denn sie zeigen deutlich seine Subjektivität. Bei der heutigen Bemühung um Objektivität bin ich nie sicher, inwieweit sich die Subjektivität nicht unter deren Mäntelchen versteckt.

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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #8 on: 17. Oktober 2009, 06.33 Uhr »
Es hat nur wenige Sätze gebraucht, um mich an Burckhardts Stil zu gewöhnen, mittlerweile merke ich schon gar keine Altertümlichkeit mehr, so angemehm ist seine Klarheit und der weitgehende Verzicht auf Fremdwörter.

Ich mag diesen Stil sehr. Wohl mit ein Grund (der Stil, nicht dass ich ihn mag), dass Burckhardt noch heute von "der breiten Masse" (also z.B. mir) gelesen wird, seine damals berühmteren Kollegen aber nur noch Fachleuten bekannt sind.

Mir fiel im ersten Abschnitt besonders auf, dass Burckhardt keine moralischen Wertungen scheut. (Commodus, der "feige und grausame Fürst", Caracalla, das "entsetzliche Scheusal" - das sind Stellen, die ich auf die Schnelle wiedergefunden habe, ich wünschte, ich hätte mir über die anderen Notizen gemacht.)
Das ist in heutiger Geschichtsschreibung nicht mehr üblich.
Ich finde seine Wertungen ganz erfrischend, denn sie zeigen deutlich seine Subjektivität. Bei der heutigen Bemühung um Objektivität bin ich nie sicher, inwieweit sich die Subjektivität nicht unter deren Mäntelchen versteckt.

Ich weiss nicht, ob das zu Burckhardts Zeiten noch üblich war, meine aber, in Gibbon Ähnliches gefunden zu haben. Wie ich überhaupt - zu Recht oder zu Unrecht - Burckhardts Constantin an Gibbons Monumentalwerk messe, wie ich gerade merke. Andererseits ist Gibbon der einzige "Vorläufer", den Burckhardt bisher erwähnt hat, wenn ich richtig sehe, und das bis zum Ende des 4. Abschnitts (wo ich nun stecke) bereits zweimal.
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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #9 on: 17. Oktober 2009, 07.40 Uhr »
Nachtrag:

Bei der heutigen Bemühung um Objektivität bin ich nie sicher, inwieweit sich die Subjektivität nicht unter deren Mäntelchen versteckt.

Und Feigheit? Mangelnder Mut, um Stellung zu beziehen? Seien wir ehrlich: Unser Bild der römischen Kaiser ist doch geprägt von jenen Autoren, die Stellung bezogen haben (Gibbon, Burckhardt), nicht von jenen "objektiven". Mag sein, dass wir damit dem einen oder dem andern mehr oder weniger Unrecht tun ...
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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #10 on: 18. Oktober 2009, 08.20 Uhr »
So, ich bin unterdessen im 6. Abschnitt.

Burckhardt hat offenbar sein Thema gefunden: Der Zusammenbruch der alten polytheistischen Religion(en) Roms. Burckhardt muss für jeden Abschnitt eine Unmenge an Primär- und Sekundärliteratur verarbeitet haben. Er beschreibt die diversen, auch geheimen Kulte z.T. sehr detailliert. Bulwer-Lytton mit seinem Pompeij-Buch kriegt en passant auch eins auf die Nase ...  :)
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Offline Regina

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #11 on: 18. Oktober 2009, 10.34 Uhr »
Habe gestern Abschnitte 3 und 4 genossen. Den Putzger immer daneben. Bei den Ausmaßen dieses Reiches bin ich eher verwundert, dass nicht noch mehr Brandherde loderten. Auch so kamen mir die Herrscher wie Feuerwehrleute vor, die von einem Feuer zum nächsten eilen und beim hastigen Löschen den einen oder anderen Schwelbrand hinterlassen.

In Zeiten der poltical correctness lebend, blieb mir das eine oder andere Mal der Mund offen stehen, zum Beispiel bei den "magern, verkommenen Südländern, welche zwar mit einer Zwiebel des Tages ihren Hunger stillen, dagegen im Krieg ihr Blut sparen, dessen sie so wenig übrig haben." (Seite 63)
Gleichzeitig ist diese Stelle auch Beleg für Burckhardts Humor. Es ist nicht nett, was er da sagt, aber wie er es sagt, das ließ mich schmunzeln.

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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #12 on: 18. Oktober 2009, 14.57 Uhr »
Den Putzger immer daneben.

Der, wo Hobbingen drin ist?  >:D

Es ist nicht nett, was er da sagt, aber wie er es sagt, das ließ mich schmunzeln.

Ja, da musste ich auch grinsen.
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Offline Anna

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #13 on: 18. Oktober 2009, 15.56 Uhr »
Hm ... ist wohl die Frage vom Huhn und von Ei. Zwei Seiten einer Münze. will sagen: Es ist wahrscheinlich in beidem ein Körnchen Wahrheit ...

Du magst wohl Recht haben. In dem Buch Die römischen Kaiser. 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian hrsg. von Manfred Clauss, das ich nebenher lese, sieht der Verfasser des Diocletian-Porträts, Pedro Barcelò, in der kultisch-religiösen Einstellung Diocletians im Gegensatz zu Burckhardt mehr oder weniger rein politisches Kalkül. Die Soldatenkaiser im dritten Jahrhundert hatten ein großes Legitimationsproblem, da der römische Senat, der ohnehin ihre Kaiserwürde meist erst im Nachhinein und notgedrungen bestätigt hat, zu stark an Einfluss verloren hatte, um ihrer ständig bedrängten Position den nötigen Rückhalt zu geben. Durch die Sakralisierung des Herrscherhauses, wozu das pompöse, einem Soldatenkaiser normalerweise fremde Hofzeremoniell gehörte, versuchten die spätrömischen Kaiser, ihre unsichere Machtstellung zu festigen. Was mich an dieser Darstellung stört, ist diese ausschließliche Sicht Diocletians als Politiker und Machtmensch, die offenbar den Gedanken an eine wahrhaft religiöse Einstellung oder, wie Burckhardt es nennt, an Superstition gar nicht einbezieht. Da ist mir die subjektive, auch menschliche Eigenarten stärker berücksichtigende Sichtweise Burckhardts lieber (und erfrischender ist sie, wie Regina schrieb, auch).

Einen netten kleinen Seitenhieb auf seine Zeit verkneift Burckhardt sich auch nicht:

Quote
Sonst ist der Despotismus der römischen Kaiser überhaupt nicht mit der peinlichen Aufsicht über alle Kleinigkeiten, mit dem Hineinregieren in alles und jedes, namentlich nicht mit dem Diktieren und Kontrollieren geistiger Richtungen behaftet, die dem modernen Staat ankleben, S. 55.

Ja, das verrufene römische Kaisertum hatte auch sein Gutes.  :laugh:


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Offline sandhofer

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Re:Jacob Burckhardt: Das Geschichtswerk
« Reply #14 on: 18. Oktober 2009, 17.47 Uhr »
Einen netten kleinen Seitenhieb auf seine Zeit verkneift Burckhardt sich auch nicht:

Quote
Sonst ist der Despotismus der römischen Kaiser überhaupt nicht mit der peinlichen Aufsicht über alle Kleinigkeiten, mit dem Hineinregieren in alles und jedes, namentlich nicht mit dem Diktieren und Kontrollieren geistiger Richtungen behaftet, die dem modernen Staat ankleben, S. 55.

Ja, das verrufene römische Kaisertum hatte auch sein Gutes.  :laugh:

Es steckte keine Ideologie dahinter. Ausser der, den römischen Staat weltbeherrschend zu erhalten. Die ursprünglichen römischen Tugenden (die wohl sowieso immer nur ein Projizierung in eine gute, alte Zeit darstellten, und nie wirklich existiert haben) sind verschwunden, die meisten Römer stammen auch nicht mehr aus dem Kernland sondern sind im Grunde genommen bereits mehr oder weniger römisch übertünchte Barbaren - da kann sich keine wirkliche Ideologie breit machen. Der römische Polytheismus, auf den Burckhardt in den Abschnitten 5 und 6 eingeht, war ja bekanntermassen äusserst flexibel und hat problemlos jeden andern Glauben aufgesaugt wie ein Schwamm. Die paar Anhänger von Zoroasther und Moses, die da nicht mitspielten, konnten problemlos ignoriert werden. Erst mit dem erstarkten Christentum wurde das zu einem Problem, vermute ich mal; und ich vermute ebenfalls, dass Burckhardt diese Richtung einschlagen will in diesem seinem Werk.
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